Interview der DGVT mit Jürgen Matzat, Patientenvertreter im...

Interview der DGVT mit Jürgen Matzat, Patientenvertreter im G-BA

10.05.2017

Zu den am 1. April 2017 in Kraft getretenen Psychotherapie-Richtlinien

Am ersten April diesen Jahres sind veränderte Psychotherapie-Richtlinien in Kraft getreten. In einem jahrelangen Prozess haben sich VertreterInnen von Kostenträgern und Leistungserbringern auf ein Paket verständigt, das unter anderem neue Leistungen wie die Psychotherapeutische Sprechstunde oder die Akutbehandlung vorsieht. An den Verhandlungen des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) sind auch PatientInnenvertreter beteiligt, die ein Antrags-, allerdings (noch) kein Stimmrecht haben.

Wie schätzen Sie als Sprecher der Patientenvertretung im Unterausschuss Psychotherapie des G-BA die Veränderungen der Richtlinie ein? Welche positiven Entwicklungen sehen Sie aus Sicht unserer PatientInnen?

Man sollte nicht außer Acht lassen, dass hier über Jahre zwischen „den Bänken“ um diesen Kompromiss gerungen wurde, wobei es oft eher um Interessenausgleich denn um „Findung der Wahrheit“ ging. Die Patientenvertretung kann sich, wie Sie richtig sagen, nur am Diskussionsprozess beteiligen, darf aber nicht mit abstimmen. Und wenn die Szene dann zum Basar wird, haben wir halt nichts zu bieten.

Als Leuchtturm dieser sog. Strukturreform strahlt nun die „Sprechstunde“. Ein höchst irreführender Begriff, denn: ist nicht jede Psychotherapie-Sitzung eine Sprech-Stunde? Und jeder normale Mensch denkt dabei natürlich erst mal an die allgemeinen Öffnungszeiten einer Praxis. Aus Sicht der Patientenvertretung ist sie dennoch im Prinzip eine gute Idee. Wir haben uns sehr dafür eingesetzt. Allerdings hat jeder, der das Wort gebraucht, seinen eigenen Begriff, sein eigenes inneres Bild davon. Das macht die Verständigung manchmal mühsam. Sie soll erstens sehr zeitnah erfolgen (die Wartezeiten waren ja zum politischen Skandal geworden, wie auch die schlechte telefonische Erreichbarkeit der Praxen) und zweitens soll sie eine Klärung der für die Patienten oft unklaren, verwirrenden, ängstigenden ambivalenten Situation bringen. Das stelle ich mir ähnlich einer hausärztlichen Konsultation vor: Wie ernst sind meine Beschwerden (noch keine Krankheit!), wo mögen die herrühren, und was ist zu tun? Man muss nun also nicht mehr Monate warten, um evtl. zu erfahren, dass man etwas ganz anderes als ambulante Psychotherapie braucht oder was man selber zur Besserung beitragen kann. Mitunter können ein oder zwei Gespräche auch die Selbstheilungskräfte eines Patienten so aktivieren, dass er wieder alleine klar kommt. Allerdings stellen sich einige Fragen: Sind Psychotherapeuten überhaupt gut genug über andere Angebote in der Region informiert, auf die sie Patienten ggf. hinweisen sollen (Beratungsstellen, Einrichtungen der Erwachsenenbildung oder der Wohlfahrtspflege, Selbsthilfegruppen, etc.)? Haben sie überhaupt neben ihrem Spezialistentum eine „Mentalität als Versorger“ und als Lotsen (analog zu Hausärzten, s. o.) – oder werden sie eine solche entwickeln? Und wird am Ende ein Nettonutzen für Patienten entstehen, wenn man den Gewinn durch „rechtzeitiges Aussortieren“ gegen den Verlust an Therapiezeit (zwei Stunden pro Woche bei vollem Sitz) aufrechnet? Das weiß heute niemand.

Alle Veränderungen an der Psychotherapie-Richtlinie, über die im G-BA diskutiert wurde, standen praktisch immer unter dem Vorbehalt der Vergütung. Es ging um neue Leistungen, ohne zu wissen, was sie die Kassen kosten und was sie den Leistungserbringern (so redet man dort) „bringen“. Dafür ist wieder ein anderes Gremium zuständig, der Bewertungsausschuss (übrigens ohne Patientenbeteiligung). Und darum geht ja nun der juristische Streit.

Was hätten Sie sich aus PatientInnensicht zusätzlich oder alternativ für Veränderungen gewünscht? Welche Hindernisse haben aus Ihrer Sicht dazu geführt, dass dies nicht umgesetzt wurde?

Nur ein paar kleine Beispiele:
Unser Antrag, Paar- und Familientherapie als Setting (!) ausdrücklich zuzulassen, um Beziehungs- und Mehrgenerationen-Perspektive als therapeutische Prinzipien zu ermöglichen, wurde abgelehnt. Das klang wohl zu sehr nach einem fremden Psychotherapie-Verfahren – wie es gar nicht gemeint war. Es sollte ein Signal sein, die Beteiligung von Angehörigen – sei es als Belastung, sei es als Ressource – stärker zu berücksichtigen.

Die Mindestanzahl von Patienten bei psychodynamischer Gruppentherapie wurde in Richtung N=1 verschoben, was auf gruppendynamische Ahnungslosigkeit auf beiden Bänken schließen lässt.

Generell wird dem fachlichen Urteil der Behandler bzw. der gemeinsamen Entscheidung von Therapeut(in) und Patient(in) offenbar wenig zugetraut. Viele Details erscheinen „überreguliert“ oder „industrialisiert“ (Minutentakte). Manchmal werden in der ehrwürdigen, nun 50 Jahre alten Richtlinie Dinge quasi-gesetzlich geregelt, die besser im Sinne einer fachlichen Empfehlung in einer Leitlinie aufgehoben wären.

Viele PsychotherapeutInnen sehen die Veränderungen kritisch. Es gibt die Befürchtung, dass die Versorgung nicht besser, sondern eher noch schlechter werden könnte, weil Aufgaben außerhalb der Richtlinienpsychotherapie zwangsweise umgesetzt werden müssen. Weiter wird erwartet, dass durch die scheinbar bessere Versorgung (kürzere Wartezeit bis zum ersten TherapeutInnenkontakt, der Sprechstunde) wirklich wichtige Veränderungen, wie eine realistische Bedarfsplanung, in den Hintergrund treten. Auch die Sorge, dass die Kassen die Angebote von Sprechstunden und Terminservicestellen dazu nutzen, die Behandlung in Privatpraxen zu erschweren geht um und wird durch das aktuelle Verhalten einiger Kassen genährt.

Verstehen Sie diese Sorgen und haben Sie Ideen, was TherapeutInnen und PatientInnen vielleicht gemeinsam tun könnten, damit die befürchteten Folgen nicht eintreten?

Kritik ist natürlich erlaubt, aber man muss doch darauf hinweisen, dass Ihre eigenen Vertreter das so ausgehandelt haben!

Die Patientenvertretung setzt sich seit Jahren für eine angemessenere Bedarfsplanung im Bereich Psychotherapie ein. Dabei ist immer auch darauf hinzuweisen, dass es sich hier generell weder um eine Planung noch um das Bemühen um Bedarfsgerechtigkeit handelt (wer könnte die auch bestimmen?), sondern um Deckelung des Angebots. Aus unserer Sicht haben wir es im Bereich der Psychotherapie mit einem klaren Fall von Unterversorgung zu tun. Die Bedarfsplanung wird allerdings in einem anderen Unterausschuss des G-BA behandelt als die Beratung der Psychotherapie-Richtlinie. Und die Rückgabe von unausgelasteten halben Sitzen hat mancherorts wohl zu einer deutlichen Entlastung geführt. Daran könnten sich noch weitere Kolleginnen und Kollegen von Ihnen ein Beispiel nehmen.

Ihre Sorgen um Privatpraxen kann ich nicht teilen, da ich mich für die Versorgung gesetzlich Versicherter durch Vertragsärzte und -Psychotherapeuten einsetzte. Das ist Gegenstand der Beratungen im G-BA. Ansonsten habe ich als höchst empathischer Patientenvertreter natürlich jede Menge Verständnis für die Sorgen von Therapeutinnen und Therapeuten. Dass viele von ihnen gute Arbeit leisten und sich sehr um ihre Patientinnen und Patienten kümmern, steht für mich außer Frage. Allerdings ärgere ich mich auch über Missstände (z. B. unausgelastete „Hobbypraxen“ und versprochene, aber nicht erfolgte Rückrufe bei Patienten). Und meine Erfahrung aus den vergangenen Jahren lehrt mich auch, dass mitunter doch sehr viel Eigeninteressen und Standespolitik im Raum sind und wenig selbstkritische Betrachtung des eigenen Beitrages zur Versorgung der Versicherten. Der Patient steht zwar bei allen im Mittelpunkt, wie man hört; aber in Wahrheit wohl doch auch oft störend im Wege, wie man fühlt.

Was wäre aus Ihrer Sicht besonders wichtig, um die Versorgung psychisch kranker oder belasteter Menschen wirklich und dauerhaft zu verbessern? Welche Wünsche haben Sie an uns PsychotherapeutInnen (ambulant/(teil-)stationär), welche an andere Berufsgruppen und welche an die Politik?

Wer sich auf die Arbeit in Gremien des Gesundheitswesens einlässt, erfährt dort dessen ungeheure Komplexität und die Dominanz von Eigeninteressen und ökonomischen Erwägungen. Angesichts der Heere hoch dotierter Vollprofis auf und hinter „den Bänken“ darf man von der kleinen Schar der ehrenamtlichen Patientenvertretung die Quadratur des Kreises nicht erwarten. Natürlich wollen wir, dass die Versorgung ausreichend und gerecht ist.

Eine Frage, die mich z. B. schon lange beschäftigt – und ich sehe nirgends eine Lösung: Wie kann man „Rosinenpickerei“ entgegenwirken? Im Bereich der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung herrscht ja mehr „freie Patientenwahl“ als „freie Therapeutenwahl“. Aber auch unattraktive Patienten müssen versorgt werden.

Und schließlich, für einen versorgungs- und patientInnenorientierten Verband wie die DGVT eine wichtige Frage: Haben Sie Ideen, wie wir zukünftig die Kommunikation zwischen PatientInnen- und TherapeutInnen-VertreterInnen verbessern und intensivieren können? Haben Sie diesbezüglich einen Wunsch an uns?

Ein bisschen offener Dialog und gemeinsames Überlegen wäre für den Anfang nicht schlecht (möglichst ohne Dollar-Zeichen in den Augen). So habe ich Ihre Anfrage nach einem Interview auch verstanden. Danke dafür!

Jürgen Matzat, Diplom-Psychologe; 1977 wiss. Mitarbeiter an der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie der Justus-Liebig-Universität Gießen in einem Forschungsprojekt über „psychologisch-therapeutische Selbsthilfegruppen“ (Prof. M. L. Moeller); 1982 einer der Gründer und langjähriges Vorstandsmitglied der Fachorganisation Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen e. V.; seit 1987 Leiter der Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen in Gießen; seit 2004 ehrenamtlich Patientenvertreter im Gemeinsamen Bundesausschuss (Unterausschuss Psychotherapie) und in Ausschüssen auf Landesebene; Mitarbeit als Patientenvertreter in Arbeitsgruppen zur Erstellung von Versorgungsleitlinien (beispielsweise zu Depression und zu Angststörungen); Autor zahlreicher Publikationen zu Themen, die Selbsthilfe und Patientenvertretung betreffen.

Oliver Kunz ist als Psychologischer Psychotherapeut niedergelassen in eigener Praxis in Mülheim. Er ist Mitglied im erweiterten Vorstand von DGVT und DGVT-BV.