Langfristige Hilfe statt kurzlebigem Aktionismus

Langfristige Hilfe statt kurzlebigem Aktionismus

29.03.2007

Stellungnahme der Fachgruppe Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie in der DGVT zur Kindeswohlsicherung in Deutschland

In den letzten Monaten wurde durch verschiedene grausige Entdeckungen das Augenmerk der Öffentlichkeit verstärkt auf Kindeswohlgefährdungen durch Misshandlung und Vernachlässigung gelenkt. Tatsächlich hat dies auch zu einer Sensibilisierung und Aktivierung von Politik und Jugendhilfe geführt. Die Bundesfamilienministerin erklärt den Schutz der Kinder vor Misshandlung und Vernachlässigung zu einem vorrangigen politischen Ziel und stattet auch Modellprojekte (Familienhebammen-Modell) mit finanziellen Mitteln aus. Gleichzeitig ist zu beobachten, dass es von Seiten der Jugendämter verstärkt zu Inobhutnahmen bei drohenden Kindeswohlgefährdungen kommt.

Beide Entwicklungen werden von uns begrüßt, allerdings muss aus unserer Sicht ein auch langfristig angelegtes Gesamtkonzept erarbeitet werden, welches über einzelne Modelle und eine möglicherweise nur temporär gesteigerte Sensibilität hinausgeht. Die Problematik ist dramatisch und komplex, sie verlangt schnelle und dennoch nachhaltige Lösungen, die auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig ansetzen.

Die UNICEF geht davon aus, dass in Deutschland wöchentlich 2 Kinder an Misshandlung und/oder Vernachlässigung durch ihre Eltern sterben. Dies ist allerdings nur die Spitze des Eisbergs, Schätzungen zu der Frage, wie viele Kinder in Deutschland misshandelt und/oder vernachlässigt werden, schwanken zwischen 80.000 und etwa einer halben Million Kindern. Jedes einzelne dieser Schicksale ist schrecklich und eine Gesellschaft wie die unsere sollte es als dringende Aufgabe begreifen, dieses Leid und Elend zu beenden und die schwächsten Glieder unserer Gesellschaft, die sich nicht selber wehren können, zu schützen.

Dies ist einerseits schon aus humanitären Gründen zwingend erforderlich, denn Grundrechte etwa auf körperliche Unversehrtheit gelten nicht nur für Erwachsene, sondern auch für Kinder. Jeder hier zielführend ausgegebene Euro ist aber nicht nur eine humanitäre Pflicht, sondern auch eine gesamtgesellschaftliche Zukunftsinvestition, denn  frühe Hilfen für die betroffenen Kinder sorgen durch die positiven Auswirkungen dieser Jugendhilfemaßnahmen auf Bildung, Gesundheit und gesellschaftliche Integration der Kinder auf lange Sicht dafür, dass andere Hilfesysteme nachhaltig in überaus hohem Maße entlastet werden. Modellrechnungen belegen, dass Kinderschutz auch ökonomisch in höchstem Maße effizient für die Gesellschaft ist.

Welche Maßnahmen unterstützen Eltern in ihrer Erziehung und familiären Alltagsgestaltung, damit sie kindliche Bedürfnisse wahrnehmen und sicherstellen können? Welche Maßnahmen sind hilfreich, wenn es gilt, das aktuelle Leid der Kinder zu verringern und damit ihre physische und psychische Gesundheit zu erhalten oder wieder herzustellen?

Aus den verschiedenen in diesem Zusammenhang genannten Maßnahmen muss ein Gesamtpaket geschnürt werden, welches in einen verbindlichen Ablauf zur Hilfe bei Kindeswohlgefährdungen einmündet.

Zu nennen sind hier folgende Bestandteile:

Screening zur Kindeswohlgefährdung bei der Geburt bzw. während der Schwangerschaft: Um Risikofamilien besser erkennen zu können, sollten geeignete Screeninginstrumente flächendeckend - z. B. in Geburtskliniken - eingeführt werden. Allerdings muss parallel dazu die Qualität der Screeninginstrumente durch die Förderung geeigneter Forschungsarbeiten weiter erhöht werden.

Soziale Frühwarnsysteme und vernetzte Hilfesysteme: Tatsächlich können auch im Laufe der Entwicklung erst erhöhte Risiken auftreten, die durch soziale Frühwarnsysteme (Kinderärzte, Kindergärten, Schulen, ...) besser erkannt werden können. Darüber müssen Bemühungen um Vernetzungen von Jugendhilfe, Gesundheitssystem, Kindertageseinrichtungen und Schulen, der Polizei sowie weiterer beteiligter Institutionen weiter vorangetrieben werden.

Niedrigschwellige ambulante Hilfen: Bei allen Familien, die eine Reihe von Risikofaktoren aufweisen, können und sollten niedrigschwellige, ressourcenorientierte ambulante Hilfen zur Verfügung stehen. Sinnvoll ist hier z.B. das sogenannte Familienhebammenmodell, welches beeindruckende Erfolge vorweisen kann, allerdings auch nicht alle Familien erreicht und nicht allen Familien helfen kann. Auch andere Maßnahmen (z.B. Eltern-AG u.a.), die von psychosozialen Experten (SozialarbeiterInnen, PsychologInnen, PsychotherapeutInnen) durchgeführt werden, die gleichzeitig dazu in der Lage sind, dem Screening parallel zu der erfolgenden Hilfe eine intensive psychosoziale Diagnostik folgen zu lassen, durch die der Verdacht auf eine Kindeswohlgefährdung erhärtet oder auch ausgeräumt werden kann, müssen verfügbar sein.

Kurzfristige begründete Entscheidungen: Die zurzeit gängige Praxis ist es, Kinder möglichst lange in ihren Familien zu belassen und ambulante Hilfen einzusetzen, auch wenn diese nicht Erfolg versprechend sind. Mehrjährige Experimente mit verschiedenen Hilfen an wehrlosen Kindern sind aus unserer Sicht aber grundsätzlich nicht hinnehmbar, vielmehr sind verbindliche Entscheidungen nach einem überschaubaren Zeitraum unerlässlich. Eine Verlängerung des Aufenthaltes eines Kindes in einer Familie, die die Grundbedürfnisse des Kindes (somatisch und/oder psychisch) nicht befriedigen kann, ist nicht nur eine unnütze Verlängerung von Leid, sondern auch eine Verringerung der Chance auf eine positive Entwicklung des Kindes, denn aus entwicklungspsychopathologischer Perspektive ist klar, dass Hilfen um so besser greifen können, je früher sie einsetzen und dass gerade in der Frühkindheit entscheidende Weichen für die weitere Entwicklung des Kindes gestellt werden. Andererseits stellt die Herausnahme eines Kindes auch für das Kind eine ungeheure Belastung dar, so dass weitreichende Entscheidungen nur vor dem Hintergrund fundierten Wissens getroffen werden dürfen. Um entsprechende verbindliche Entscheidungen wirklich wissenschaftlich fundiert treffen zu können, müssen zwingend Forschungsanstrengungen zu dieser Frage unterstützt werden.

Weitergehende ambulante Hilfe: Wenn sich aus der Diagnostik und dem Verlauf eingeleiteter niedrigschwelliger Hilfen ergibt, dass bei den Eltern Motivation und Kompetenz ausreichend vorhanden oder herstellbar sind, um mit Hilfe die Grundbedürfnisse des Kindes befriedigen zu können, dann müssen auch Mittel für geeignete weitergehende Jugendhilfemaßnahmen vorhanden sein. Die Arbeit mit misshandelnden und/oder vernachlässigenden Eltern muss intensiv, multiprofessionell, multimodal und vernetzt erfolgen, dies wird zum Nulltarif nicht möglich sein. Dabei ist zu beachten, dass gutgemeinte Interventionen nicht immer hilfreiche Interventionen sind, daher müssen auch langfristige weitergehende ambulante Hilfen hinsichtlich ihrer Effektivität kontinuierlich wissenschaftlich überprüft werden.

Hilfen für das Kind außerhalb der Familie: In den Fällen, in denen das Kindeswohl innerhalb der Familie nicht zu sichern ist, muss dauerhafte Sicherheit und dauerhafter Schutz durch Heime (mit therapeutischem Angebot), Pflegefamilien und auch Adoption sichergestellt werden. Misshandelte, traumatisierte Kinder brauchen dauerhaften Schutz und Sicherheit über ihren Verbleib in ihrer neuen Lebensumgebung. Nicht nur müssen Rückführungsoptionen in offensichtlichen Fällen von vorneherein ausgeschlossen werden, auch mögliche Besuchskontakte müssen sich nach dem Wohl und den Bedürfnissen des Kindes richten. Im tragischen Fall „Kevin“ war beispielhaft zu sehen, wie fahrlässig solch ein außerfamiliärer Schutz wieder fallengelassen werden kann und welche Folgen dies haben kann.

Aus alledem lässt sich ableiten, dass auf verschiedenen Ebenen angesetzt werden muss, um betroffenen Kindern wirkungsvoll zu helfen. Wir fordern daher ein stimmiges Gesamtpaket, das aus einzelnen sinnvollen Komponenten zusammengesetzt ist:

  1. die flächendeckende Einführung und weitere Erforschung einfacher Screening
    instrumente zur besseren Identifizierung von Risikofamilien
  2. den Ausbau sozialer Frühwarnsysteme, die Kindeswohlgefährdungen nicht nur im Kleinstkindalter erkennen können
  3. die flächendeckende Einführung von intensiven niedrigschwelligen ambulanten Hilfen für die betroffenen Familien
  4. verbindliche Verfahren zu Hilfe und Diagnostik, welche überprüfbare Entscheidungen ermöglichen und auch zu frühzeitigen verbindlichen Entscheidungen führen
  5. die Bereitstellung von Mitteln für die Jugendhilfe, damit weitergehende ambulante Maßnahmen, die Familien unterstützen, auch flächendeckend zur Verfügung stehen
  6. die Schaffung rechtlicher Rahmenbedingungen, die dafür sorgen, traumatisierte Kinder nachhaltig vor misshandelnden und/oder vernachlässigenden Eltern zu schützen, so dass sie z.B. sicher in einer Pflegefamilie (oder in einem Heim) aufwachsen können, ohne der ständigen Gefahr ausgesetzt zu sein, wieder ihre mühsam neu aufgebauten Bindungen zu verlieren und erneut in einer gefährdenden Umgebung leben zu müssen
  7. die Bereitstellung von Forschungsmitteln, um die Effektivität von Verfahrensabläufen und Interventionsmaßnahmen (ambulant und stationär) überprüfen zu können

Massive Kindeswohlgefährdungen können langfristig nicht durch eifrigen Aktionismus, gut gemeinte Interventionen und einfache Lösungen verhindert werden. Die betroffenen Kinder sind auf die Hilfe der Gesellschaft angewiesen und die Gesellschaft muss sicherstellen, dass den betroffenen Kindern durch nachhaltige, überprüfte und effektive Maßnahmen geholfen wird. Dazu reicht es offensichtlich nicht aus, vorhandene Mittel neu zu verteilen. Die vorhandenen Jugendhilfeeinrichtungen haben keine freien Kapazitäten, die sie für die neuen Aufgaben nutzen könnten. Weitergehende Hilfen sind nur durch zusätzliche finanzielle Mittel möglich.

Schließlich müssen auch gesellschaftliche Rahmenbedingungen überdacht werden, die Lebenssituationen möglich machen, in denen es zu solch dramatischen Entwicklungen kommen kann. Über psychosoziale Hilfen hinaus muss es sich die Gesellschaft auch zur Aufgabe machen, sozial- und familienpolitisch Bedingungen zu schaffen, die der Marginalisierung von Familien in finanziell prekären Lebenssituationen entgegenwirken. Vernachlässigung und Misshandlung sind Probleme, die deutlich mit Armut und mangelnder gesellschaftlicher Teilhabe zusammenhängen und deren langfristige Bearbeitung sich daher nicht ausschließlich auf die Bereitstellung von psychosozialen Hilfen beschränken kann.

Für die Fachgruppe Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie in der DGVT

Prof. Dr. Michael Borg-Laufs (Hochschule Niederrhein, Mönchengladbach)
Kontakt:         E-Mail:  michael.borg-laufs@remove-this.hsnr.de
                        Telefon: 0151 14141974

Weitere Informationen zum Thema für MedienvertreterInnen auf Anfrage auch bei der Bundesgeschäftsstelle DGVT e.V. in Tübingen, Telefon 07071 943494, per E-Mail unter dgvt@remove-this.dgvt.de oder im Internet unter www.dgvt.de.