Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im...

Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen übergibt Gutachten 2018 dem Bundesministerium für Gesundheit (BMG)

09.08.2018

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen hat am 2. Juli 2018 das Gutachten "Bedarfsgerechte Steuerung der Gesundheitsversorgung" an das Bundesministerium für Gesundheit, Staatssekretär Lutz Stroppe, übergeben. Diese Meldung erreichte uns kurz vor Redaktionsschluss, so dass wir nachfolgend nur eine kurze Zusammenfassung des Gutachtens geben können:

Das Gutachten enthält zahlreiche Steuerungsvorschläge, insbesondere für das zukünftige Angebot von Kliniken und Praxen und für die Inanspruchnahme des Gesundheitswesens durch Patient*innen und ihre Angehörigen. Zu den zentralen Empfehlungen des Rates gehört neben einer wirksamen Koordination von Patientenwegen eine Stärkung der sprechenden, aufklärenden Medizin. Am Beispiel von Patient*innen mit psychischen Erkrankungen bzw. Rückenbeschwerden werden weitere Empfehlungen für eine gezieltere Steuerung von Patientenwegen sowie eine zukünftige sektoren-, disziplinen- und professionenübergreifende gesundheitliche Versorgung gegeben.

Die Ausführungen zur koordinierten Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen sind im Teil III,  Kapitel 16  auf den Seiten 683 - 758 zu finden und umfassen u.a. folgende Aspekte:

  • Neuere Ansätze zur sektorenübergreifenden und innovativen Versorgung
  • die Reform der Finanzierung der psychiatrischen und psychosomatischen Krankenhäuser:  Pauschalierendes Entgeltsystem Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik (PEPP)und Vergütung für psychiatrische und psychosomatische Leistungen PsychVVG

  • SVR-Befragung zur Koordination in der Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen und

  • Empfehlungen

Zur bedarfsgerechten Steuerung der Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen empfiehlt der Rat (S. 779. 780):

  1. Ambulante Kapazitäten auszubauen, insbesondere Tageskliniken und Vertragsarztsitze für Psychiater*innen. Abhängig u. a. von der Entwicklung der stationsäquivalenten Behandlung sollten ggf. neue intensiv?ambulante und multimodale Angebote aus dem ambulanten Sektor heraus ermöglicht werden, die eine Stellung zwischen der regulären ambulant?psychiatrischen Behandlung und den Angeboten aus dem stationären Sektor einnehmen könnten.

  2. Teilstationäre Kapazitäten auszubauen, außerdem die Flexibilisierung tagesklinischer Angebote sowie die Ausweitung des Angebots von Abendkliniken zu prüfen.

  3. Die vollstationären psychiatrischen Kapazitäten zahlenmäßig nicht weiter auszubauen, sondern einem eventuellen zusätzlichen Leistungsbedarf durch den beschriebenen Ausbau ambulanter Angebote zu begegnen.

  4. Die ambulante Bedarfsplanung der „Nervenärzte“ in „Psychiater“ und „Neurologen“ aufzutrennen, da die historisch bedingte gemeinsame Bedarfsplanung sachlich nicht mehr zweckmäßig erscheint;

  5. Die faktische Auslastung der vergebenen KV?Sitze für Psychotherapie und für Nervenheilkunde zu überprüfen und je nach Ergebnis ggf. anteilige Sitze zu ermöglichen und die Kapazitäten anzupassen.

  6. Die Koordinationsverantwortung für die Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen deutlich zu verorten, möglicherweise bei einem bestimmten Leistungserbringer je Patient/je Patientin. Ein damit einhergehender höherer Koordinationsaufwand könnte durch eine angemessene Koordinationspauschale vergütet werden.

  7. Psychiatrisch?psychosomatisch?psychotherapeutische Angebote verstärkt in lokale Gesundheitszentren oder Zentren für seelische Gesundheit, die auch mit Sozialarbeiter*innen und psychiatrisch Fachpflegenden ausgestattet sind, zu integrieren.

  8. Durch den Innovationsfonds geförderte Projekte mit bewährten Versorgungsstrategien aus dem Bereich der Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen auch tatsächlich in 780 den GKV?Kollektivvertrag zu übernehmen und dabei auf die Übersichtlichkeit der Versorgungslandschaft zu achten.

  9. Eine bessere Übersicht und Koordination von freien Psychotherapieplätzen zu schaffen, soweit dies nicht zukünftig bereits von den Terminservicestellen abgedeckt wird.

  10. Einen vorsichtigen Wieder?Aufbau von geschützten Wohnheimplätzen für langfristig schwer psychisch Erkrankte mit erheblichem Eigen? oder fremdgefährdungspotenzial zu prüfen, dabei aber die Einrichtungen gut genug auszustatten, sodass weiterhin eine würdige Behandlung sichergestellt ist und es nicht nur zu einer Verwahrung kommt.

  11. Für digitale Angebote gerade auch im Bereich der Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen möglichst standardisierte und einheitliche Qualitätssicherungslösungen zu erarbeiten. Die Transparenz für Patient*innen sollte sichergestellt werden, z. B. durch ein einheitliches Siegel.

  12. Telemedizinische Potenziale im ländlichen Raum durch eine bundesweite Lockerung des Fernbehandlungsverbots zu nutzen, dabei aber streng auf die Qualitätssicherung zu achten.

  13. Bei der Prävention psychischer Erkrankungen gemäß dem biopsychosozialen Modell der Krankheitsentstehung die Wechselwirkungen verschiedener Lebensbereiche wie der Arbeitswelt mit der psychischen Gesundheit zu beachten. Bei Entscheidungen in anderen Politikbereichen, z. B. der Bildungs?, Familien? und Sozialpolitik, sollten immer auch die Auswirkungen auf die Gesundheit berücksichtigt werden.

Das Gutachten kann unter folgendem Link eingesehen werden: https://www.svr-gesundheit.de/fileadmin/user_upload/Gutachten/2018/SVR-Gutachten_2018_WEBSEITE.pdf

Waltraud Deubert