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Bericht der Landesgruppe Nordrhein-Westfalen ('Rosa Beilage' zur VPP 4/2003)

In den letzten Monaten ist die inhaltliche Positionierung der DGVT-Landesgruppe NRW bei unterschiedlichsten Fragestellungen in der Arbeit der Länderkammer und der Bundespsychotherapeutenkammer wesentlich deutlicher geworden.


Hatte es bei der Wahl der Delegierten zur Bundespsychotherapeutenkammer schon Kontroversen innerhalb der Allianzfraktion gegeben (wir berichteten in der Rosa Beilage darüber), so bestimmte die intensive Diskussion und Auseinandersetzung um Sachfragen die aktuelle Arbeit in Fraktion, Kammer und Bundespsychotherapeutenkammer. Besonders bei den Themen Fort- und Weiterbildung sowie zum Versorgungswerk wurde deutlich, dass von Seiten der DGVT diese Themen unter den Gesichtspunkten Selbstbestimmung, Demokratisierung und Vermeidung von unnötigem bürokratischem Aufwand angegangen werden. Wir sehen keinen eindeutigen Vorteil darin, sich auf in unserer Sicht eher restriktive verbandspolitische Schulterschlüsse zurückzuziehen und so der Wahrung alter politischer Strukturen (auch Machtstrukturen) den Vorzug gegenüber konstruktiver Zusammenarbeit im jeweiligen Sachzusammenhang über politische Lager hinweg zu geben.

Der Rücktritt von Veronika Mähler-Dienstuhl von der Leitung der Allianz-Fraktion ist ganz explizit auch in diesem Kontext zu sehen. Obwohl er hauptsächlich persönlich begründet war, macht er doch freier für die Entwicklung und Umsetzung DGVT-spezifischer Positionen und deren Verhandlung in Fraktion und Kammer unter spezifischen Fragestellungen mit durchaus wechselnden Mehrheitsverhältnissen.

Schwerpunktthemen im gesundheitspolitischen Rahmen sind derzeit die drohenden Stellenstreichungen und die fehlende rechtliche Absicherung im Hinblick auf die Beratungsstellen bzw. im institutionellen Bereich allgemein. Dazu hat auf unsere Anregung hin der Ausschuss Psychotherapie in Institutionen (Vorsitzender Johannes Broil) einen Resolutionsantrag in die Kammerversammlung eingebracht, der im Anhang hier wiedergegeben ist.

Weitere Aktivitäten, mit denen darauf hingewirkt werden soll, dass das vielfältige Versorgungsangebot der unterschiedlichen Beratungsstellen nicht zusammengestrichen wird, werden durch die Landesgruppe betrieben.

Am 14. Juni 2003 haben wir unsere regionale Mitgliederversammlung nach dem Treffen der Fachgruppe Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie in Castrop-Rauxel veranstaltet. Obwohl wir die Mitgliederversammlung mit einer Fortbildung zum Thema "Therapeutische und pädagogische Hilfen für Jungen, die vom sexuellen Missbrauch betroffen sind, im institutionellen Rahmen der Jugendhilfe" (Referent: Johannes Broil) verknüpft hatten, war die Beteiligung eher gering. Deshalb planen wir dem Beispiel anderer Landesgruppen zu folgen und die Mitgliederversammlung in den Zusammenhang mit einem Fortbildungstag zu stellen, der am Bedarf der Mitglieder orientiert sein soll. Vorschläge hierzu sind erwünscht (E-Mail: nordrhein-westfalen(at)dgvt(dot)de ).

Jürgen Kuhlmann informierte über den Stand der Fortentwicklung der Regionalisierung in der DGVT. Im Fokus der Betrachtung stand das Verhältnis der angestellten und verbeamteten Kollegen zur aktuellen Kammerstruktur. Zu oft wird die Kammer nur als Interessenvertretung für Niedergelassene betrachtet, und wir halten es für ausgesprochen wichtig deutlich zu machen, welchen Beitrag die Kammer auch für den Bereich der Angestellten/Beamten leistet (oder eben nicht). In der Diskussion zum GMG wurde immer wieder die strukturelle Gleichstellung der PsychotherapeutInnen mit den FachärztInnen gefordert, woraus natürlich auch eine tarifliche Gleichstellung resultiert. Bei der Erstellung der Berufsordnung werden selbstverständlich die spezifischen beruflichen Belange der Angestellten und BeamtInnen genauso mit bedacht wie die Interessen der Niedergelassenen. In einer Stellungnahme des Vorstands, die in Zusammenarbeit mit dem Ausschuss KJP (Vorsitzender M. Borg-Laufs) zur Antwort der Landesregierung zur Großen Anfrage der Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen "Psychiatrie in NRW" erarbeitet wurde, wurden hauptsächlich Versorgungsfragen, auch aus dem institutionellen Bereich behandelt.

Ein anderes Thema ist die Beschäftigung mit der Frage nach der Psychotherapie in Beratungsstellen. Hier sind die Delegierten der DGVT klar positioniert: in Beratungsstellen/Jugendhilfe wird psychotherapeutisch gearbeitet. Selbstverständlich betonen die Delegierten der DGVT auch in Zukunft die beruflichen Belange der Angestellten und BeamtInnen und vertreten entsprechende Positionen.

Auf der Regionalversammlung wurden Veronika Mähler-Dienstuhl und Jürgen Kuhlmann als Landessprecher/in für zwei weitere Jahre bestätigt. Neu hinzugewählt wurde Johannes Broil.

Bei der letzten Kammerversammlung stand die Diskussion und Verabschiedung eines eigenständigen Versorgungswerkes zur Debatte, das zur notwendigen Absicherung im Alter wie auch im Hinblick auf die Berufsunfähigkeit sinnvolle Alternativen, vor allem für die niedergelassenen KollegInnen bietet. Mehr Informationen über das Versorgungswerk, auch über den Zugang für die angestellten/verbeamteten KollegInnen im Sinne einer Zusatzversicherung werden schriftlich seitens der Kammer in Umlauf gebracht.

Auf dem Kongress in Berlin wird die Landesgruppe am Stand des Länderrats präsent sein. Wir freuen uns auf weitere Fragen, Diskussionen, Kritik etc.

Johannes Broil, Veronika Mähler-Dienstuhl, Jürgen Kuhlmann

 

Resolution der Psychotherapeutenkammer Nordrhein-Westfalen zur psychotherapeutischen Versorgung in Institutionen

In den letzten 30 Jahren wurde in Institutionen unterschiedlicher fachlicher Ausrichtung eine qualitativ hochwertige psychotherapeutische Versorgung aufgebaut.

Im Gesundheitswesen, in der Rehabilitation, der Jugend- und Behindertenhilfe, unterschiedlichen Zweigen der Beratung und anderen Bereichen wurde zunehmend auf psychotherapeutisches Handeln rekurriert und eine Versorgung aufgebaut, die darauf zielt, die Klienten durch geeignete Maßnahmen möglichst schnell wieder zu einem normalen Lebensalltag zu befähigen. Psychotherapeutische Maßnahmen werden in der Regel in den Institutionen durch Psychologische PsychotherapeutInnen und Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutInnen integriert in andere Leistungen erbracht.

Zur Zeit stehen auf Grund der Finanzlage der sozialen Sicherungssysteme und der öffentlichen Haushalte viele der vorher entwickelten Errungenschaften psychotherapeutischer Versorgung zur Disposition.

Neben der Gefährdung der psychotherapeutischen Versorgung in Institutionen durch die finanzielle Situation der unterschiedlichen Kostenträger, reichen auch die gesetzlichen Grundlagen nicht aus, die bewährte Praxis integrierten psychotherapeutischen Handelns in Institutionen zu bewahren und zu fördern.

Während im Gesundheitswesen eine öffentliche Diskussion darüber stattfindet, dass Veränderungen auf Grund des finanziellen Drucks erforderlich sind und wie ein möglichst hohes Maß an Qualität der Versorgungsstandards zu erreichen ist, werden in den übrigen Bereichen institutioneller Versorgung psychotherapeutische Kapazitäten abgebaut, ohne dass eine angemessene öffentliche bzw. fachöffentliche Diskussion darüber stattfindet.

So bauen zum Beispiel die Träger von Beratungsstellen ihr Angebot auf Grund von Zuschusskürzungen derzeit massiv ab. Die psychotherapeutische Versorgung der Klienten wird immer mehr ausgedünnt, so dass diese immer längere Wartezeiten in Kauf nehmen oder ganz auf Hilfe verzichten müssen. Dies wird noch dadurch verschärft, dass auch in Kliniken Psychotherapie als standardisierte, kassenfinanzierte Regelleistung immer häufiger auf den Prüfstand gestellt wird und durch Zuständigkeitsverschiebungen zwischen Kostenträgern als integrierte Leistung immer mehr gefährdet ist.

Es ist dringend geboten, dass über diese Entwicklung eine fachöffentliche und darüber hinaus öffentliche Diskussion begonnen wird, die es allen Betroffenen ermöglicht, Stellung zu beziehen. Wenn sich unsere Gesellschaft erlaubt, erfolgreiche und psychische Gesundheit sichernde Versorgungsbereiche bis zur Unkenntlichkeit zusammenzustreichen, so sollte dies nicht ohne eine intensive öffentliche Auseinandersetzung erfolgen.

Die Psychotherapeutenkammer NRW will mit dieser Resolution den Diskussionsprozess anstoßen.

Darüber hinaus fordert die Kammer die Träger in den verschiedenen Leistungsbereichen auf, im Rahmen ihrer Konzept- und Kostenverantwortung, integrierte psychotherapeutische Leistungen zu erhalten und zu fördern.

Dabei vertritt die Kammer auch explizit die Interessen ihrer angestellten Mitglieder, die mit ihrer Arbeit einen wesentlichen Beitrag zur psychotherapeutischen Versorgung der Bevölkerung erbringen.

Diese psychotherapeutischen Leistungen werden häufig im Rahmen von Komplexleistungen erbracht und können deshalb durch niedergelassene Kolleginnen und Kollegen nicht ersetzt werden.

Werden diese Leistungen in den Institutionen gestrichen, fallen sie ohne Ausgleich weg. Ersatz an anderer Stelle wird nicht geleistet. Dafür fehlt in vielen Institutionen, in denen PsychotherapeutInnen in den letzten Jahrzehnten Versorgungsstandards auf einem hohen Qualitätsniveau entwickelt haben, eine eindeutige rechtliche Absicherung.

Deshalb fordert die Psychotherapeutenkammer NRW die politisch Verantwortlichen und die Träger aus den verschiedenen Leistungsbereichen auf, die finanziellen und rechtlichen Voraussetzungen für die Erhaltung einer qualitativ hochwertigen integrierten psychotherapeutischen Versorgung in Institutionen zu schaffen.


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