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Stellungnahme der Allianz psychotherapeutischer Berufs- und Fachverbände Nordrhein-Westfalen zur beabsichtigten Streichung des Landeszuschusses für kommunale Erziehungsberatungsstellen

Mit Sorge nehmen wir zur Kenntnis, dass im Haushaltsplanentwurf für das Jahr 2002 des Landes NRW die Förderung kommunaler Erziehungsberatungsstellen eingestellt werden soll. Hiervon wären, orientiert an der Förderung im Jahr 2001, insgesamt 415 Stellen für Fachkräfte mit einem Volumen von 16.200.000 DM (8,283 Millionen EURO) betroffen.


Erziehungsberatungsstellen bilden eine wesentliche Säule in der psychosozialen Versorgung von Kindern, Jugendlichen, Eltern und Familien. Seit Jahren leisten sie unverzichtbare Beiträge im Bereich der Einzelfallhilfen in Form von Diagnostik, Beratung und Therapie sowie in der Prävention. Hierbei zeichnet sich die institutionelle Erziehungsberatung durch Niedrigschwelligkeit, Lebensweltorientierung und Flexibilität aus. Ihr Arbeitsansatz, unterschiedliche Fachkräfte und mehrere methodische Ansätze in der Hilfestellung zu integrieren, garantiert hohe Qualität und Effizienz.

Alle Veröffentlichungen belegen, dass der Bedarf an Beratung, Unterstützung und Therapie nicht zurück gegangen ist. Erziehungsberatungsstellen können seit Jahren auf eine steigende Inanspruchnahme über alle sozialen Schichten hinweg verweisen. Fragestellungen wie z. B. sexueller Missbrauch und Gewalt in der Familie werden und wurden wie selbstverständlich aufgegriffen. Neue gesetzliche Regelungen wie die Kindschaftsrechtsreform wurden zum Anlass genommen, die Angebotspalette auszudifferenzieren.

Die Streichungen im Haushalt werden damit begründet, dass Einsparungen erbracht werden müssen und dass Erziehungsberatung eine Pflichtleistung der Kommunen ist.

Es ist richtig, dass sich der Rechtsanspruch auf Erziehungsberatung gegen den örtlichen Träger der Jugendhilfe richtet. Die Kommunen haben in der Vergangenheit trotz eigener erheblicher Haushaltsprobleme die institutionelle Erziehungsberatung aufrecht erhalten und teilweise ausgebaut. Dies ist auch durch den Landeszuschuss zu den Personalkosten möglich geworden.

Alle Parteien stellen die Familienförderung in den Vordergrund ihrer sozialpolitischen Programmatik. Zu diesen Zielen muss auch gehören, ein vielfältiges, erreichbares und plurales Beratungsangebot für Kinder, Jugendliche und Familien zu garantieren.

Der geplante Rückzug des Landes NRW aus der Förderung kommunaler Erziehungsberatungsstellen gefährdet nachhaltig ihre Existenz. Es ist davon auszugehen, dass die Kommunen nicht in der Lage sein werden, die Finanzierungslücke zu füllen (viele Kommunen im Land haben keinen ausgeglichenen Haushalt, einige mussten Haushaltssicherungskonzepte aufstellen). Von einer Reduktion dieses Angebotes, bis hin zu Einrichtungsschließungen, ist bereits die Rede. Auch andere Angebote der Jugendhilfe und der freien Träger in den Kommunen dürften von den beabsichtigen Kürzungen nicht unberührt bleiben.

Keinesfalls kann der Wegfall dieses Versorgungselementes durch etwa kirchliche Einrichtungen oder das System der gesetzlichen Krankenversicherung kompensiert werden. Gerade hier ist bereits jetzt die psychotherapeutische Grundversorgung von Kindern und Jugendlichen als katastrophal zu bezeichnen.

Hiervon betroffen wären insbesondere Familien aus den unteren sozialen Schichten. Viele Untersuchungen belegen, dass das Risiko für körperliche und psychische Erkrankungen mit dem sozialen Status und den Einkommensverhältnissen in einem deutlichen Zusammenhang steht. Die geplanten Maßnahmen der Landesregierung treffen daher die schwachen Mitglieder unserer Gesellschaft, die auf die solidarische Hilfe der Gemeinschaft angewiesen sind. Des Weiteren würde in Kauf genommen, dass durch das Fehlen frühzeitiger Interventionen das Risiko schwerer und chronifizierter psychischer Erkrankungen im Erwachsenenalter drastisch ansteigt.

Die Allianz psychotherapeutischer Berufs- und Fachverbände Nordrhein-Westfalen fordert daher die Politikerinnen und Politiker in NRW auf, sich im Interesse der Bürgerinnen und Bürger, der Kinder, Jugendlichen, Eltern und Familien, für eine nachhaltige Sicherstellung der Förderung kommunaler Beratungsstellen im Rahmen des Landeshaushaltes einzusetzen.

Ansprechpartner:
Wolfgang Schreck
Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern der Stadt Gelsenkirchen
Rotthauser Straße 48
45879 Gelsenkirchen
Tel.: 0209/15194
Fax.: 0209/15361
e-Mail: w.schreck(at)cityweb(dot)de


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