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Bericht der Landesgruppe Saarland ('Rosa Beilage' zur VPP 3/2003 )

Von: Raimund Metzger

Zum momentanen Stand der Dinge aus dem Saarland


In direkter Anknüpfung an meinen letzten Bericht in der "Rosa Beilage" zur VPP 2/2003 (S. 29 f.) muss ich hier die auch für mich nicht so rühmliche Mitteilung an den Anfang setzen, dass unser erster Haushaltsentwurf an dem nicht zu geringen Protest scheiterte, der sich in der Kolleg/inn/enschaft, aufgeschreckt von einem geplanten Jahresvollbeitrag von 640 Euro für die Niedergelassenen und 480 Euro für die Angestellten, alsbald erhoben hatte. Die Mehrheit im Errichtungsausschuss[1] war nach späterer eigener Einsicht zu naiv gewesen in ihrer Intention, gleich Nägel mit Köpfen zu machen und eine professionellen Ansprüchen genügende Geschäftsstelle mit entsprechendem Mitgliederservice einzurichten. Unter Einbindung der sich selbst als solche verstehenden "Fundamentalopposition" (in Gestalt der Vertreter/innen zweier "gemischter" Verbände psychoanalytischer bzw. tiefenpsychologischer Ausrichtung, vgl. VPP 1/2003, S. 201 ff.) in die Arbeit des Haushaltsausschusses erstellten und verabschiedeten wir dann - einstimmig! - einen "schlankeren", nur auf die Wahlvorbereitung zentrierten Haushaltsplan für das Jahr 2003, der 120 000 Euro (statt der 163 000 Euro des vorherigen Ansatzes) um-faßte, einschließlich einer Beitragsordnung mit 5 Klassen und dem Höchstsatz von 480 Euro Jahresvollbeitrag für Niedergelassene (in den weiteren Beitragsklassen bis IV verringert sich der zu entrichtende Betrag jeweils um ein Viertel, die freiwillige Mitgliedschaft in Klasse V wurde auf 80 Euro festgeschrieben).

Daneben hat der Errichtungsausschuss (EA) eine Geschäftsordnung, Meldeordnung und Wahlordnung verabschiedet, Beschlüsse über die Eröffnung eines Kontos, die Anmietung von Räumen für Geschäftstelle, die Bestellung eines Wahlleiters und eines Wahlausschusses gefasst und die Aufwandsent-schädigung Letztgenannter geregelt. Es lässt sich insgesamt sagen, dass sich im EA ein gutes, einvernehmliches, sachliches, vernunftgeleitetes und (ge)locker(t)es Klima in dem Maße einstellte, wie die konkrete Arbeit ihren Tribut verlangte. Um so mehr jagt mir der Rückblick auf die Zeiten der Landeskonferenz der Psychotherapieverbände (LaKo) mit ihrer gespannten, undurchsichtigen und befremdlichen Atmosphäre einen nachträglichen Schrecken ein und macht mir klar, wie verheerend es wäre, wenn derartige Verhältnisse, die möglicherweise durch Stil und Inhalt der Leitung mitbedingt waren, wieder in der Kammer Einzug hielten. Transparente und offene Diskussionen von Zielen und Vorgehensweisen sollten dies zukünftig verhindern können. Dies wird den seinerzeit in der LaKo noch mit ihrer Orientierung ringenden Kolleg/-innen (namentlich von BDP, DPTV, GNP und VAKJP), immer bewusster. Beispielsweise geht es um die Frage, wie weit die Kammer sich für die Interessen der ärztlichen Psychotherapeuten einsetzen soll und dabei evtl. eigene Ziele vernachlässigt. Dies betraf Initiativen, die mit der Landes-Vorsitzenden (VVPs, bundesweit BVVP) oft in Verbindung gebracht wurden und die zu einer Erhitzung der Atmosphäre beigetragen hat.

Doch das größere, um nicht zu sagen eigentliche Problem ist die sichtbar gewordene Kluft zwischen uns berufspolitisch Aktiven oder, wenn man unbedingt will, "Verbandsfunktionären" auf der einen und den Pflichtmitgliedern auf der anderen Seite. Diese wurden das bisher einzige Mal dann "wach", als die ersten Gerüchte über die Höhe des künftigen Beitrages kur-sierten, und das mag auf den ersten Blick ja auch mehr als verständlich erscheinen. Mittler-weile stellt sich das Ganze freilich etwas anders dar, nämlich, man kann es nicht anders sagen, als Ausdruck allgemeiner Vorbehalte gegen das Projekt "Kammer" überhaupt, ein Phänomen, das offenbar kein regionales Problem speziell bei uns ist. Der Tenor ist: "Bisher gings auch ohne....", wie es Kollege Werner Lemisz in der DGVT-Mailingliste "Diskussion" im Hinblick auf die u.a. von den Kammern zu erstellende "Berufsordnung" ausdrückte. Ein Argument, das auch auf das Psychotherapeutengesetz, jede Ethikkommission oder -richtlinie, jedes neu erschienene Buch, kurzum: auf alles und jedes passt, und in diesem Sinne nannten es bei uns nicht wenige Kolleg/innen schon eine kaum erträgliche Zumutung, dass sie beglaubigte Kopien ihres Diplom-Zeugnisses bzw. Approbationsurkunde besorgen sollten. Dass bis zur Stunde erst knapp mehr als die Hälfte der Pflichtmitglieder es für nötig befunden haben, ihren Meldebogen zurückzuschicken, fügt sich nur zu gut in dieses Bild. Wenn ich zudem - ebenfalls über die DGVT-Mailingliste "Diskussion" - erfahre, dass in Bayern Kolleg/innen ihre Approbation zurückgeben möchten, weil sie 276 Euro Kammerbeitrag zahlen sollen, dann weiß ich, dass die Höhe des Kammerbeitrages nicht der entscheidende Punkt sein kann (man ist beeindruckt, dass die Kolleg/innen bereit sind, wegen 23 Euro im Monat auf die Approbation zu verzichten). Anderen werden Opfer freilich großzügig zugemutet: bei uns war sogar verlangt worden, dass die entsprechend engagierten Kolleg/innen möglichst noch für "Gotteslohn" die Kammergeschäfte so nebenher in ihrer Praxis oder an ihrem Arbeitsplatz abwickeln. Wie auch immer: Opfer haben v.a. unsere EA-Vorständler sicherlich zur Genüge erbracht, und schon ich selbst als bloß "einfaches" EA-Mitglied habe allein in diesem Jahr bisher mindestens 30 Stunden meiner Arbeitskraft unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Damit will ich nicht hausieren gehen, sondern ich erwähne es nur, weil ich an die Kolleg/innen denken muss, die sich selbstgefällig damit brüsten, dass sie sich für unterhalb von 50 Euro die Stunde selbstredend niemals in Bewegung setzen würden.

Natürlich muss man sich auch die Frage stellen, ob sich im Zusammenhang mit der Kammer nicht ein genau so "abgehobenes Funktionärswesen" entwickelt, wie wir es alle aus leidvoller unmittelbarer wie mittelbarer Erfahrung kennen, i.e. ob sich zumindest das so oft beobachtete Auseinandertriften zwischen Mitglieder- und Funktionärsinteressen auch hier das wievielte weitere Mal wieder manifestiert, - und in Übertragung jenes bekannten Diktums, wonach erfahrene Psychotherapeut/innen ihren Pendants anderer "Schulrichtungen" ähnlicher sind als den Noviz/innen ihrer jeweils eigenen "Schule", sich auch die Funktionäre verschiedener Verbände mehr gleichen als diese den "einfachen" Mitglieder ihres jeweils eigenen Verbandes. Be that as it may, einige Unterschiede scheinen mir abgesehen von den eben an-gesprochenen Opfern, die die EA-Kolleg/innen auf sich genommen haben, augenfällig: von uns "Funktionär/innen" will niemand Mitglieder so in Richtung eines bestimmten ideologi-schen oder Parteiprogramms manipulieren und dabei seinen eigenen Reibach machen, wie dies in der "großen" Politik geschieht. Allerdings sehen wir auch, dass eine interne Auseinandersetzung in unserem Berufsstand als solchem bzw. als ganzem im Interesse einer kontinuierlichen Weiterentwicklung desselben notwendig ist (im Unterschied zum bisherigen Partikularismus in den einzelnen Verbänden oder in der je persönlichen Kleinkrämer-Nische, mit dem Genie-Verdacht gegen sich selbst als unvergleichlicher local hero) und dass eine Vertretung unserer Berufsgruppe als ganzer in der Öffentlichkeit (im Unterschied zum bisherigen Kirchturm-Egoismus bzw. Patriotismus der Verbände) "auf Sicht" anzustreben ist.

Was den Kolleg/innen, die die Kammer für überflüssig halten, nicht klar zu sein scheint, ist die Tatsache, dass der Gesetzgeber die Approbierten selbst zur Kammerbildung verpflichtet hat: wenn sich nicht die Verbändevertreter angeboten hätten, dann wäre das Projekt "Kammer" natürlich nicht beerdigt worden: das Ministerium hätte beispielsweise per Losverfahren aus der Approbiertenliste oder wie immer sonst einen EA ermittelt und exakt mit dem beauftragt, was wir jetzt zu bewerkstelligen versuchen. Und die Kolleg/innen hätten nichts wesentlich anderes machen können als der jetzige Errichtungssausschuss.

Denkbar wäre es noch gewesen, einen Zusammenschluss mit der Kammer Rheinland-Pfalz zu fordern. Aber dieses Argument kam nicht, und es wäre auch fraglich, ob es wirklich zu finanziellen Vorteilen geführt hätte. Und zudem laufen solche "basisfernen" überregionalen Mega-Konstruktionen auch jedem Föderalismus, dem Regionalisierungsgedanken unseres Verbandes sowie dem allgegenwärtigen Lobgesang auf die anregende Vielfalt der - auch lokalen - Ideen, Experimente und Eigenheiten gerade in unserem Fach zuwider (und der große Zusammenschluß im Osten erschien mir, so unumgänglich er gewesen sein mag, nie als Wunsch- oder gar Ideallösung, sondern eben hauptsächlich als aus der Not geboren).

Was die Wahlkampfvorbereitungen der DGVT/Saar angeht, so schlägt sich die beschriebene Misere natürlich auch da nieder: immerhin haben wir bislang vier Kollegen gefunden, die bereit sind, auf unserer Liste zu kandidieren. Da unsere Wahlordnung das "Panaschieren" und "Kumulieren" erlaubt und sich so jede/r Wähler/in seine eigene Koalitionsliste basteln kann (i.e. er/sie kann verschiedene Personen aus verschiedenen Listen beliebig kombinieren und innerhalb dieser selbstgebastelten Liste die einzelnen Kandidat/innen auch nach Maßgabe der ihr/ihm insgesamt zustehenden Stimmenzahl gewichten, indem er/sie jeweils bis zu maximal 3 Stimmen an eine/n Kanditaten/-in vergeben darf), erübrigen sich Koalitionsbildungen beinahe; es wäre nur gut, an die 10 Kandidat/innen auf der Liste zu haben, um die Wähler/innen anzusprechen, die einer Liste zur Mehrheit bzw. zum Status einer Fraktion in der Vertreterversammlung verhelfen möchten, gegen die nichts durchgesetzt werden kann. Schwer ist in jedem Fall die inhaltliche Seite der Sache, zu der uns bisher "nur" eingefallen ist, dass wir für eine angemessene, d.h. starke, Repräsentanz der Verhaltenstherapie in der Kammer eintreten, eingedenk der Tatsache, dass es ohne diese Richtung bzw. diesen Ansatz bzw. dieses Paradigma weder ein Psychotherapeutengesetz noch eine solche Anerkennung der psychologischen Psychotherapie in der allgemeinen Öffentlichkeit noch eine solche Position der Psychologie überhaupt in der akademischen "Multiversität" gäbe, wie wir sie heute haben! Je nun, die Zeit drängt, denn nicht lange nach der Sommerpause werden wir die Aufforderungen in unseren Briefkästen finden, nun also unsere Wahlvorschläge einzureichen....


[1] In der fraglichen Abstimmung 8 von 12  Verbänden, eigentlich jedoch 9, da ein Mehrheitsvertreter fehlte, gegen 2 Oppositionsvertreter/innen, denn ein weiteres EA-Mitglied, das weder klar der Opposition noch der Majorität zuzuordnen war bzw. ist, hatte ebenfalls an der bewussten Sitzung nicht teilgenommen.


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