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Bericht der Landesgruppe Saarland ('Rosa Beilage' zur VPP 3/2004 )

Von: Raimund Metzger

Nach der 4. Vertreterversammlung der Kammer am 12. Juli ergibt sich aus der Sicht des unterzeichnenden Berichterstatters eine als abwartend zu bezeichnende Stimmungslage.


Die Standard-Aufgaben sind gemacht bzw. die obligatorischen Regelungen sind getroffen, Satzung, Geschäftsordnung, Fortbildungsordnung sind verabschiedet, es fehlt "nur" noch der Haushalt für das nächste Jahr), das Haus ist sozusagen bezugsfertig. Wie dann daran gelebt werden wird bzw. kann, ist freilich noch offen. Dem Verfasser dieser Zeilen drängte sich wahrscheinlich nicht rein zufällig die Assoziation der Szene aus einer einstigen Therapiesitzung auf, wo die Patientin ausgerufen hatte: "Da saßen wir nun in unserem schönen neuen Eigenheim - und hatten uns nichts zu sagen!" Doch für den Augenblick kann man noch im Tagesgeschäft aufgehen, und insbesondere der Vorstand schien dies zu genießen. Die großen Worte des Vizepräsidenten Morsch, wonach sich alle KollegInnen der Kammerversammlung vom Vorstand "vertreten fühlen können", und die ebenfalls großen Worte seiner Fraktionskollegin Jochum, wonach die "Lagermentalität" überwunden werden müsse, erweisen sich im Detail oft als Makulatur. Jedenfalls muss man dem Vorstand und der "Regierungsfraktion" eine solche engstirnige bzw. engherzige Lagermentalität zu unterstellen, wenn man beispielsweise an die kostenintensive Personalpolitik des Vorstandes denkt, die jede Zusammenarbeit mit der "Opposition" bzw. dem vorhergehenden (Errichtungsausschuss-)Vorstand vermissen lässt. Die freundlich-konsensuelle und von gegenseitiger Akzeptanz geprägt scheinende Atmosphäre während der VV am 12. Juli ist also mit aller gebotenen Vorsicht als vordergründig anzusehen. Gleichwohl ist hier, genauer: im Zusammenhang mit der an dem bewussten Tag verabschiedeten Fortbildungsordnung, immerhin ein erster kleiner Vorteil der Kammerbildung zu erahnen, nämlich die gewachsene Akzeptanz gegenüber anderen Ansätzen als dem eigenen, das Bewusstsein der grundsätzlichen Gleichwertigkeit auch der verschiedenen fachlichen Glaubensbekenntnisse, so inbrünstig sie jeweils gehegt werden mögen. Die "Ökumene" der Psychotherapierichtungen und -ansätze sind in der Erstellung der gewollt (im besten Sinne) "liberalen" Fortbildungsordnung also konkrete Handlungsmaxime gewesen. Der sicher noch nicht ausgerottete selbstgefällige Dünkel wird es jetzt ungleich schwerer haben, sich so ungehindert zu entfalten wie bisher. Im Gegensatz zu der - wohl generell noch ungelösten, aber im Einzelfall vielleicht doch einigermaßen zu klärenden - Abgrenzungsproblematik gegenüber unseriösen Angeboten (Beispiele wird sich jeder selbst geben können) wurde das Problem finanzieller Abzockerei dank einschlägiger Monopolstellung noch nicht angesprochen (so gibt es derzeit etwa eine Fortbildung in der Behandlung posttraumatischer Störungen zwar mit den Insignien wissenschaftlicher Fundiertheit, doch mit einem Preis, der eher zu einer sich aus Kreisen internationaler Spitzenmanager rekrutierenden Teilnehmerschaft passt und ansonsten kaum mehr als das Selbstbewusstsein des Anbieters widerspiegelt).
Ein anderer wichtiger Punkt ist derzeit die Frage des noch ausstehenden Beitritts unserer Lan-deskammer zur Bundespsychotherapeutenkammer. Man kommt ins Grübeln, wenn man die Berichte aus dem Inneren der einschlägigen Szene hört, von dem rücksichtslosen Machtge-bahren der "großen" Länderkammern gegenüber den "kleinen", der Geldgier des Bundes-psychotherapeutenkammervorstandes, den Geschäftsordnungstricks etc. Was sich da abspielt, scheint schlimmer als das zu sein, was man von den etablierten Verbänden gewohnt ist (der DFB lässt grüßen), und das bei einem Berufsstand, dessen Mitglieder sich gerne anmaßen, moralisch über dem "Rest" der Gesellschaft zu stehen und andere darüber belehren zu müssen, was das "gute Leben" und was zu tun ist, um die human relations, die Belange der Menschlichkeit, zu wahren. Kurz: Während die "Opposition" am 12. Juli diesen Beitritt unverzüglich forderte, "eierte" der Kammer-Vorstand dergestalt herum, dass auch für ihn der Beitritt beschlossene Sache bzw. ohne Alternative sei, dass er aber - für den Rest der Versammlung aus nicht nachvollziehbaren Gründen - damit noch warten wolle; worauf man genau wartet, wusste freilich auch niemand zu sagen.

Das Schlimme ist nicht, dass es auch unter uns PsychotherapeutInnen Interessensgegensätze oder gar verschiedene Lager gibt, sondern dass dies zu kaschieren versucht wird. So bleibt unklar, wer für welche Politik steht, ja, ob wir überhaupt über berufs-politische Konzepte bzw. gar Visionen verfügen. Wenn das ganze Verkammerungs-"Gedöns" zu nichts dient, als einigen KollegInnen Mauschelpöstchen und einträgliche Nebeneinkunftsquellen zu verschaffen, die ganze herrschende Tintenfischtaktik nur dazu da sein sollte, die klare Sicht eben darauf zu trüben, und das ganze Projekt sich in das sattsam bekannte Verbands- und Lobby-Unwesen uninspirierter und eindimensionaler "Schmidtchen-Schleicher mit elastischen Beinen" nahtlos einreiht, wenn also nur ein weiterer ADAC in Psycho-Verkleidung entstanden ist, dann kann man in der Tat nur hoffen, dass der Gesetzgeber Schluss mit der Kammer-Zwangsmitgliedschaft macht und für richtig offene "Marktbedingungen" sorgt. Vor denen warnte übrigens am 12. Juli ein Vorstandsmitglied kassandraartig, denn sie "drohen" von Seiten der EU-Regelungen zur Niederlassungsfreiheit in allen Mitgliedsstaaten auch für unseren Beruf. Angesichts der sich bei uns derzeit breit machenden Zustände fragt man sich allerdings, was das davor zu schützende Gut sein soll?

Zum Schluss ist noch ein Schildbürgerstreich des Vorstands zu vermelden, der auf Initiative der an ihm beteiligten Angestelltenfraktion einen Fragebogen an die verbeamteten und angestellten PsychotherapeutInnen versandte, um einen Überblick über deren Arbeitsbedingungen, Einkommensverhältnisse und subjektive Lagebewertungen zu bekommen. Das Erhebungsinstrument lässt die mühelose Zuordnung zu dem/der jeweiligen Beantworter/in zu, welche/r sich dann z.B. mit seinen Verdienstverhältnissen "gläsern" präsentieren würde. So nimmt es nicht Wunder, dass die Rücklaufquote zum Zeitpunkt der Sitzung am 12. Juli nur etwa 30 % betrug. Dass dieses Erhebungsprojekt nicht in der Delegiertenversammlung zur Diskussion gestellt worden war, ist Ehrensache, die treuherzige Versicherung im Angesicht des Fehlschlags, die Daten seien in vertrauenswürdigen Händen, fast rührend. Sei's drum: wir müssen eben warten, bis die eigentliche Politik beginnt, aber das dürfte keinesfalls ein genuin saarländisches Problem sein...


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