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Bericht der Landesgruppe Saarland ('Rosa Beilage' zur VPP 1/2006)

Von: Raimund Metzger

Die Arbeit der DGVT-Landesgruppe Saarland von Mitte des vergangenen Jahres an bis jetzt war bestimmt vom konkreten Einstieg in das von uns "aufgelegte" große Fortbildungsprogramm 2005-2007 unter dem Rahmentitel "Neue Entwicklungen und Konzeptionen in der Verhaltenstherapie" (Hinweise und Termine s. unter www.dgvt.de/saarland).


Die Intention, sozusagen einen dritten Weg zwischen Großveranstaltungen mit "Promi-Zugpferden" und fallbezogenen Inter- bzw. Supervisionsgruppen zu finden, hat dabei erfreuliche praktische Konturen gewonnen und verspricht darüber hinaus bereits jetzt dauerhafte Tragfähigkeit. Der Kurs 4, die "Kognitive Therapie nach Judith Beck" (Cognitive Therapy: Basics and Beyond, deutsch unter dem Titel "Praxis der Kognitiven Therapie", PVU, 1999), der Tochter des mittlerweile zur fachhistorischen Legende gewordenen A. T. Beck, steht jetzt nach fünf absolvierten Sitzungen und einer letzten noch ausstehenden Sitzung kurz vor dem Abschluss und war in mehrerlei Hinsicht ertragreich.
Das stand für den kompakten, kondensierten, in Jahren gereiften  und dennoch - oder gerade deswegen - "einfachen" Inhalt sowieso nicht in Frage, illustriert dieser doch aufs Schönste das Aperçu A. de Saint-Exupéry's, wonach die Entwicklung von Know-how oft vom Primitiven über das Komplizierte zum Einfachen geht. Wichtig war darüber hinaus aber auch die Auseinandersetzung darum, wie gestandene Kolleg/inn/en, die ihren persönlichen Ansatz in ihrem Tätigkeitsbereich bzw. auf ihrem Tätigkeitsfeld bereits gefunden bzw. erarbeitet haben, mit einem neu an sie herangetragenen Ansatz umgehen, diesen integrieren oder zumindest in Teilen adoptieren können. Im Unterschied zu den reife(re)n naturwissenschaftlichen und ingenieurwissenschaftlichen Disziplinen, wo persönliche Erfahrungshorizonte angesichts der neuen Erkenntnisse und Verfahren weitgehend irrelevant sind oder andersherum: die Sache selbst zwingend vorschreibt, was es neu zu übernehmen, sich anzueignen, zu erlernen gilt, herrscht in der angewandten Psychologie und Psychotherapie exakt der entgegengesetzte Fall vor, und die Frage nach den von keinem/-er Fachangehörigen mehr zu ignorierenden oder zu umgehenden Innovationen birgt jede Menge Brisanz und Konfliktpotential. Und davor steht gar noch das grundlegendere Problem der erfolgreichen Verständigung, die zwischen "Inhaber/inn/en" ganz persönlicher, im Zuge  höchst individueller Werdegänge geformter Welt- und Gegenstandskonzeptionen alles andere als selbstverständlich und leicht ist. Es war eine bereichernde und wohltuende Erfahrung, wie die teilnehmenden Kolleg/inn/en, die sich vorher persönlich überwiegend nicht bekannt gewesen waren, hier den verborgenen Fallstricken zu entgehen und dem Ganzen eine konstruktive Wendung zu geben verstanden. Einen wesentlichen Vorteil stellte sicher auch der intime Rahmen von weniger als 10 Personen dar.
Als nächstes werden wir uns einen im Vergleich zu dem Gegenstand des nun zu Ende gehenden Kurses zweifellos erheblich "dickeren Brocken" vornehmen, nämlich die Acceptance and Commitment Therapy, (Guilford Press, 1999) die von Steven Hayes und seinem Team an der University of Nevada entwickelt worden ist und weiterentwickelt wird (Kurzbezeichnung: ACT). Nicht nur weil wir dafür 10 Sitzungen veranschlagt haben, sondern auch, weil der Ansatz noch vor dem Übergang vom Komplizierten ins Einfache steht, dürfte hier ein schweres Stück Arbeit auf uns zukommen, das wir freilich mit unserer nun doch schon einigermaßen bewährten, gemeinsamen kollegialen Kraftanstrengung schultern wollen. Der Rahmen soll der gleiche wie im Vorgängerkurs sein, Veranstaltungsort bleibt Saarbrücken (wir bedauern es im Hinblick auf die Interessent/inn/en, die sich aus anderen Regionen gemeldet haben, dass wir unser Angebot noch nicht überregional auszuweiten in der Lage sind). Die Reihe wird voraussichtlich unmittelbar nach Ostern beginnen, Anmeldungen werden ab sofort entgegengenommen (r.metzger@mx.uni-saarland.de).
Eine abschließende Bemerkung sei hier gestattet: die Fach- und Berufsverbände sollten sich wieder verstärkt der inhaltlichen Arbeit widmen, und sie sind es auch, die den Prozess der "interparadigmatischen" Auseinandersetzung in unserer Disziplin vorantreiben müssen, nachdem unsere seit kurzer Zeit betriebene "Verkammerung" sich bereits jetzt als eine einzige Enttäuschung erweist. Zumindest hier bei uns im Saarland zeigt sich, dass die Entwicklung unserer Profession von der Kammer keine Impulse erwarten kann, dass sie (die Kammer) weder ein Forum lebendiger produktiver Auseinandersetzung ist noch Foren eben dafür schafft. Es mag sein, dass die nächsten Wahlen solche Zustände korrigieren, und einen Vorstand möglich machen, der nicht nur Behörde spielen will - und bei dem alle Anregungen und Vorschläge zu keiner Reaktion außer stundenlangem Schwadronierereien darüber führen, was der Vorstand angeblich schon alles geleistet hat (zunächst hat er im vergangenen Jahr sich etwas geleistet, nämlich gewachsene Rücklagen zum Anlass für eine Erhöhung seiner Aufwandsentschädigungen um satte 25 % genommen). Dass die Vertreterversammlungen so zur kaum noch zu ertragenden Qual werden, lässt sich leicht denken.
Vielleicht sind die Zustände in den anderen Bundesländern nicht so deprimierend wie bei uns, und es gibt tatsächlich Hoffnung (was zu glauben freilich schwer fällt angesichts dessen, was man von dort so mitbekommt). Bei uns an der Saar reift jedenfalls in vielen die Erkenntnis, dass man seine Energien anderswo investieren muss als in die Kammerarbeit, wenn man sie sinnvoll investieren und zur Fortentwicklung unserer Profession beitragen will. Eine bunte Fortbildungslandschaft mit interessanten Projekten zu fördern bzw. zu schaffen wäre ein Anfang, gemeinsame Diskussions-Veranstaltungen verschiedener Verbände könnten dazu kommen, eine produktive "Streitkultur" müsste entwickelt werden und vieles andere mehr. Leider hat auch hier unsere Kammer mit ihrer restriktiven und eher auf Abschreckung als auf Ermunterung ausgerichteten Fortbildungspolitik (v.a. durch regelrechte "Abzockerei" über Gebühren, die mit dem Verweis auf das Vorbild beispielsweise kommunaler Behörden gerechtfertigt werden) klargemacht, was von ihr zu erwarten ist, doch darf man sich davon einfach nicht entmutigen lassen. Unser regionales DGVT-Fortbildungsprogramm ist jedenfalls ein bis dato über Erwarten gut gelungener Anfang im Sinne der vorher skizzierten Agenda und hoffentlich eine gute Anregung und Ermunterung für viele Kolleg/inn/en.


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