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DGVT – Quo Vadis: Leitlinien für die Verbandsarbeit

Von: Gerhard Brückner

Organisationen, die Wert auf die Qualität ihrer Arbeit legen, orientieren sich an Leitbildern oder Leitlinien. In den Leitlinien wird der Zweck der „Unternehmung“ beschrieben und die Wege festgelegt, wie die Ziele erreicht werden sollen. Eine globale Zweckdefinition für die DGVT gibt die Vereinssatzung vor, hier einige wesentliche Auszüge


§ 2: Zweck, Aufgaben und Gemeinnützigkeit
(1) Die DGVT setzt sich für die Verwirklichung einer psychosozialen und psychotherapeutischen Versorgung ein, die den Interessen und Rechten der Bevölkerung entspricht. Grundlage für diese Arbeit sind sozialwissenschaftliche Vorstellungen (Modelle), die die sozialen Bedingungen von Krankheit und Gesundheit betonen…
(2) Im Rahmen dieser allgemeinen gesundheitspolitischen Zielsetzung macht sich der Verein die Förderung der Verhaltenstherapie und -modifikation und der psychosozialen Beratung in Forschung, Lehre und Praxis zur Aufgabe. Seine Aufgaben sind dabei vor allem:
a) Aus- und Weiterbildung aller Berufsgruppen im psychosozialen und psychiatrisch/ psychotherapeutischen Bereich…
(3) Der Verein verfolgt ausschließlich und unmittelbar gemeinnützige mildtätige Zwecke…

Wie man sieht, haben die „Mütter“ und „Väter“ der Satzung sehr weise eine recht abstrakte Formulierung von Zweck und Aufgaben gewählt. Als vereinsrechtliche Basis hat diese Satzung die verschiedenen vereinspolitischen Positionen und ihre Umsetzungen getragen und tut es auch heute noch. Dennoch dürfen wir uns darauf nicht ausruhen, den der Verein lebt und verändert sich. Ein deutlicher Veränderungsschub wurde durch das 1998 verabschiedete Psychotherapeutengesetz ausgelöst. Die gesundheitspolitische Positionierung differenzierte sich aus und es entstanden neue Betätigungsfelder für den Verband und seine Mitglieder. Zwei zentrale Positionen kennzeichnen die Arbeit der DGVT:

  • Die (traditionelle) fachpolitische Vertretung von Kolleginnen und Kollegen, die in der Beratung oder in anderen Feldern der psycho-sozialen Versorgung tätig sind und
  • die (mit dem PsychThG wachsende) fachpolitische und die neu hinzukommende berufspolitische Vertretung von Anliegen der approbierten psychologischen Psychotherapeut/inn/en und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut/inn/en.

Im Rahmen des letzten Intergremientreffens im November 2006 wurde dieser Sachverhalt explizit zum Thema gemacht, mit dem Ziel einer Klärung der Zusammenhänge zwischen den beiden Positionen. Im Verlauf dieses Prozesses wurden fünf Leitlinien entworfen, die am 11. Dezember 2006 zum Gegenstand der Beratungen im erweiterten Vorstand wurden. Im nächsten Schritt sollen die Leitlinienentwürfe in den Vereinsgremien diskutiert und angereichert werden, um sie schließlich der Mitgliedschaft vorzustellen.

Es folgt die Darstellung der fünf Leitlinien einschließlich einer Synopse des bisherigen Diskussionsstandes:

Leitlinie 1: Fachpolitik versus Berufspolitik

Die DGVT steht für gesundheitspolitische und sozialpolitische Visionen. Sie betrachtet Gesundheit im gesamtgesellschaftlichen Kontext.

Stand der Diskussion:
Fachverbandliche Aktivitäten prägen das Erscheinungsbild der DGVT. Im Vordergrund stehen die Ausbildungsangebote in psychologischer und Kinder/Jugendlichenpsychotherapie. Ähnlich prägnant stellt sich der Fortbildungsbereich dar, dessen Angebote sich an Beschäftigte in den unterschiedlichen Sparten der psycho-sozialen Versorgung und an die psychotherapeutisch Tätigen richten. Von großer Bedeutung ist hier die erst kürzlich gegründete Akademie für Psychotherapie (afp). Nicht unerwähnt bleiben darf das inner- und außerverbandliche Engagement bei der Weiterentwicklung fachlicher Konzepte für die psycho-soziale und psychotherapeutische Praxis. Die DGVT bietet hier vielfältigen Arbeitsgruppen und Initiativen ein gemeinsames Dach.

Es liegt auf der Hand, dass fachliches Engagement und berufliche Interessenvertretung keine sich gegenseitig ausschließenden Mengen darstellen. Die Fachlichkeit von Aus- und Fortbildung beispielsweise ist direkt mit den berufsbezogenen Interessen der Betroffenen verknüpft. Ein anderes Beispiel ist der unauflösliche Zusammenhang von wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Wirksamkeit von Psychotherapie mit der Ausgestaltung von Inhalten und Prozessen der Arbeit in der psychotherapeutischen Praxis und den Vorkehrungen für die Qualitätssicherung.

Im Rahmen des Intergremientreffens wurde der Zusammenhang zwischen Fach- und Berufspolitik anschaulich formuliert:
„Berufspolitik findet dort statt, wo sie fachpolitisch sinnvoll ist.“
So betrachtet könnte im Titel der Leitlinie 1 das Wort „versus“ durch „und“ ersetzt werden.

Leitlinie 2: Kammerpolitik und Verbandsarbeit

Die DGVT möchte die Arbeit in den Kammern mitgestalten. Sie engagiert sich in verschiedenen Interessensvertretungen – wie Kammern, Gewerkschaften, (Kommunal-) Politik. Die DGVT unterstützt ihre Mitglieder in den verschiedenen Interessensgruppen.

Mittlerweile ist die DGVT in allen bestehenden Kammerversammlungen der Länder mit gewählten Vertreterinnen und Vertretern repräsentiert. Trotz anfänglicher Skepsis gegenüber der Gründung der Psychotherapeutenkammern hat sich die DGVT für ein aktives Mitwirken entschieden. Damit hat die DGVT die Chance, ihr ganzheitliches Verständnis von gesundheitspolitischer Arbeit – vgl. Satzung und die übrigen Leitlinien – in die Kammerpolitik einfließen zu lassen.

Neben dem Engagement in den Kammern ist die Mitarbeit in weiteren politischen Feldern, insbesondere in den Gewerkschaften, in anderen Verbänden oder in geeigneten kommunalpolitischen Gremien ein wichtiges Mittel, DGVT-Inhalte einzubringen und die Arbeit in den entsprechenden Organisationen mit zu prägen. Ständige enge Kooperationsbezüge existieren zu vielfältigen Institutionen, z.B. zur Gewerkschaft Verdi, zu nationalen und internationalen Organisationen wie der DGfB (Deutsche Gesellschaft für Beratung) oder der EABCT (European Association for Behavior and Cognitive Therapy), dem Paritätischen Wohlfahrtsverband und dem Netzwerk Frauen und Gesundheit. Viele weitere Einrichtungen wären an dieser Stelle aufzuzählen, in denen die DGVT als Körperschaft oder in Gestalt ihrer Mitglieder aktiv mitwirkt.

Leitlinie 3: Nicht-therapeutische Arbeitsfelder

Die DGVT setzt Impulse in allen psychosozialen Arbeitsfeldern.

Mit diesem Satz werden reale Sachverhalte beschrieben. Es werden sowohl fachliche als auch politische Impulse gesetzt. In der Fortbildung sind dies die vielen nicht psychotherapeutisch orientierten Angebote. Im Verlag sind es die diversen Veröffentlichungen in Form von Büchern und Schwerpunktheften der VPP. Bei den Veranstaltungen sind das z.B. die Dialogforen (z.B. zur Integrierten Versorgung) und die Symposien im Rahmen der Kongresse. Bei den Gremien und Arbeitsgruppen innerhalb der DGVT wäre das Forum Beratung zu nennen, das anerkannte beratungsspezifische Impulse gesetzt hat (z.B. Frankfurter Erklärung) und sich im fachlichen Diskurs mit in- und ausländischen Expertinnen, Experten und Gruppierungen befindet.

Die Fachgruppe Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie schlägt vor, im Jahr 2007 ein Dialogforum zum Thema Kinder und Jugendliche  durchzuführen, bei dem u. a. aktuelle Fragen nach Armut, Gewalt und ihren Zusammenhängen thematisiert werden sollen. Dieser Vorschlag wird vom Vorstand ideell und finanziell vorbehaltlos unterstützt. Das Dialogforum könnte sich mit der Grenzlinie SGB V – Bestimmungen zur gesetzlichen Krankenversicherung – und SGB VIII – Kinder und Jugendhilfe – beschäftigen. Es sollte um therapeutische und nicht-therapeutische Leistungen für Kinder und Jugendliche in ihren Lebensbezügen und die Vernetzung dieser Leistungen gehen. Die Fachgruppe Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie übernimmt die Federführung.

Dennoch bleibt unklar, ob das Engagement der DGVT im psycho-sozialen Bereich den Erwartungen und Wünschen der Mitgliedschaft entspricht. Um zu bestimmen, was verstärkt und was reduziert werden sollte, ist eine Mitgliederbefragung geplant.

Leitlinie 4: Zukunft der Ausbildung

Die DGVT als Fachverband hat die Kompetenz, wissenschaftlich fundiert Psychotherapieausbildung anzubieten und will weiterhin Ausbildung betreiben. An diesem Ziel richtet sich ihr ausbildungspolitisches Handeln aus. Die DGVT sichert die Ausbildungsqualität und sozialpolitische Aspekte der Ausbildung.

Mit dieser Leitlinie wird die Bedeutung der Ausbildung in psychologischer und Kinder/Jugendlichenpsychotherapie für die DGVT zum Ausdruck gebracht. Betont wird die Möglichkeit, die Ausbildung mit DGVT-spezifischen Inhalten anzureichern. Ein ganz wichtiger Aspekt ist die Gewährleistung von Qualität der Ausbildung durch ein systematisches Qualitätsmanagement. Der organisatorische Rahmen der Ausbildungsgänge muss kontinuierlich den sich verändernden Bedingungen angepasst werden. Dieser Prozess ist gerade im Gang und wird in absehbarer Zeit in innovativen Veränderungen münden. Schließlich ist über die Diversifizierung von Ausbildungsangeboten auch außerhalb des psychotherapeutischen Bereichs nachzudenken.

Für die fachpolitische und die berufspolitische Arbeit der DGVT bieten sich die Ausbildungszentren auch als regionale Plattformen an. Diese Möglichkeit muss im Verband und unter den ABZ-Leiterinnen und –leitern weiter diskutiert und konkretisiert werden.

Leitlinie 5: Qualitätssicherung (QS)

Die DGVT versteht Qualitätssicherung als eigenständige Aufgabe in Ausbildung, in der psychotherapeutischen Versorgung und in der Verbandsarbeit.

Die DGVT hat sich bereits frühzeitig mit Qualitätssicherung beschäftigt. Für die Qualitätssicherung der Psychotherapeut/inn/en-Ausbildung wird gemeinsam mit der Ausbildungsleitung, den Berner Experten und der QSK an einem Nachfolgeprogramm der Figurationsanalyse gearbeitet. Begleitet wird dieser Auftrag auch durch zwei in diesem Bereich vergebene Stipendien (Klaus Ditterich und Ruth Jäger) und die Arbeit von Anja Dresenkamp im ABZ Hildesheim. Geplant ist, dass die Weiterentwicklung der Figurationsanalyse dann als Software im DGVT-Verlag vertrieben wird.

Es wird vorgeschlagen, dass die QSK auf den regionalen Mitgliederversammlungen den Kolleginnen und Kollegen Wege aufzeigt, wie sie zukünftig die QS-Auflagen im Rahmen ihrer Psychotherapiepraxis erfüllen können. Bei regionalen Mitgliederversammlungen sollen Praxen für ein Pilotprojekt angeworben werden, an dem sie ggf. zunächst kostenlos teilnehmen können. Nach der Auswertung der Ergebnisse sollen über die afp Fortbildungsangebote für Niedergelassene gemacht werden. Entsprechende Angebote können für Kolleginnen und Kollegen in Beratungsstellen, Kliniken, Heimbereich und anderen Feldern der psycho-sozialen Versorgung entwickelt werden.

Bei der Diskussion um die Qualitätssicherung im Verband war eine zentrale Frage, ob die QSK Motor für diesen Bereich sein kann, obwohl sie selber ein Teil des Ganzen ist. In den 90er Jahren hatte die DGVT einen externen Unternehmensberater mit der  Analyse von Schwachstellen und Stärken beauftragt, und vor einigen Jahren hat die Firma SOLIDARIS – zumindest im Ausbildungsbereich – eine Analyse durchgeführt und Veränderungsvorschläge gemacht, die auch umgesetzt wurden. Hier hätte man also bereits Anknüpfungspunkte und könnte prüfen, auf welchem Stand der Prozess ist und welche Entwicklungsoptionen bestehen. In jedem Fall zu entscheiden ist allerdings, ob externe Unterstützung oder verbandsinterne Kapazität genutzt werden soll.

Wie geht es weiter?

Die oben erläuterten Leitlinien sind als Material für die weitere Diskussion im Vorstand, in den Kommissionen und in anderen Gremien der DGVT gedacht. Dort werden die Leitlinien kritisch geprüft, konkretisiert und ausdifferenziert. In der Konsequenz sollen konkrete Maßnahmen vorgeschlagen und realisiert werden. All dies ist in enger Verbindung zu den Mitgliedern zu gestalten. Mit dem hier vorliegenden Aufsatz soll ein Beitrag zu diesem Prozess geleistet werden.


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