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'Koordination und Qualität im Gesundheitswesen'

Gutachten 2005 des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen vorgelegt


Gutachten 2005 des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen vorgelegt

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, die neue Bezeichnung für den früheren Sachverständigenrat für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen, übergab der Ministerin für Gesundheit und Soziale Sicherung, Ulla Schmidt, sein Jahresgutachten 2005 mit dem Titel "Koordination und Qualität im Gesundheitswesen".[1] Damit kommen die Gutachter ihrem gesetzlichen Auftrag nach, alle zwei Jahre Vorschläge für die Weiterentwicklung des Gesundheitswesens in Deutschland unter Berücksichtigung der finanziellen Rahmenbedingungen zu formulieren sowie Versorgungsdefizite und bestehende Überversorgungen aufzuzeigen. Der Sachverständigenrat nimmt in seinem aktuellen Gutachten zu folgenden Schwerpunkten Stellung: "Korporative Koordination im Gesundheitswesen", "Sozioökonomischer Status und Verteilung von Mortalität, Morbidität und Risikofaktoren", "Strategien der Prävention", "Stand der Pflege in Deutschland" und "Versorgung mit Hilfs-, Heil- und Arzneimitteln".

Die korporativen Strukturen im Gesundheitswesen - charakterisiert u.a. durch die Selbstverwaltung der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) bzw. der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV<//abbr>) und den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) - stellen trotz aller wichtigen systemtragenden Funktionen nach Einschätzung des "Rates" (wie er sich gerne tituliert) Ursachen für "langwierige und ergebnisarme Abstimmungsprozesse" dar - sie sollten daher nach dem Willen der Gutachter zukünftig verstärkt durch dezentrale Wettbewerbsprozesse ergänzt werden. Die Aufhebung der Körperschaftsstruktur der Kassenärztlichen Vereinigungen lehnen die Gutachter allerdings ab, da sich dann ihrer Ansicht nach Ärzteverbände herauskristallisieren würden, die nur noch ihren Verbandsinteressen verpflichtet seien. Somit würden die Verhandlungen mit den Krankenkassen an Härte zunehmen. Die Gutachter sehen vielmehr in der Förderung von selektiven Verträgen zwischen Krankenkassen und Leistungserbringern eine wichtige Ergänzung zu den korporativen Strukturen, da die derzeitigen Gestaltungsmöglichkeiten für die Krankenkassen im Leistungs- und Vertragsbereich zu gering seien. Gleichzeitig führe das starre Budget der ambulanten Vertragsärzte zu Über- und Fehlversorgung und die Selbstverwaltung sei nur eingeschränkt handlungsfähig, da sie immer weniger tragfähige Kompromisse finde. Weitere Defizite im Gesundheitswesen sehen die Sachverständigen derzeit im Bereich der Innovationsfähigkeit und der Qualitätssicherung. Sie schlagen zur Lösung ebenfalls dezentrale Wettbewerbsprozesse vor, beispielsweise finanzielle Anreize der Krankenkassen für Konzepte wie das der Integrierten Versorgung.

Die Gutachter referieren, dass Lebensbedingungen und Lebensstile, Bildung und Verdienst sowie berufliche Anerkennung die Lebenserwartung beeinflussen. Dies führt einerseits zur Forderung der Verknüpfung von Gesundheitspolitik mit Wirtschafts-, Sozial- und Bildungspolitik (eine wirksame Primärprävention stellt die Schaffung von Arbeitsplätzen dar!) andererseits aber auch zu präventiven Strategien, die spezifische, insbesondere auch benachteiligte Zielgruppen fokussieren sollten. Aus psychologischer Sicht ist es daher erfreulich, dass das Gutachten der Prävention und Gesundheitsförderung große Bedeutung bemisst. Auch wenn das Präventionsgesetz derzeit vorläufig geplatzt ist und nach den zu erwartenden Neuwahlen ein neuer Anlauf bevorsteht, der sicherlich mit erheblichen Veränderungen einhergehen wird, heben die Sachverständigen die Etablierung präventiver Maßnahmen in Deutschland als zukunftsträchtig hervor. Dabei betonen sie, dass bereits gut belegte Präventionskonzepte vorliegen, kritisieren aber, dass die derzeitige Praxis der Primärprävention weit hinter dem heutigen Wissenstand zurückliegt. Besonderes Potential sehen die Gutachter im Salutogenesekonzept und fordern zu weiterer Forschung auf diesem Gebiet auf. Die Autoren betonen die Notwendigkeit, Primärprävention nicht nach dem Gießkannenprinzip durchzuführen. Die Identifikation von spezifischen Zielgruppen und der Ansatz, an den spezifischen Lebensräumen (Settingansatz) anzusetzen, seien Erfolg versprechend, was aus psychologischer Perspektive sicher keine neue Erkenntnis darstellt. Primärpräventive Programme zu Gunsten gesundheitlich benachteiligter Gruppen, wie Personen mit niedrigem Einkommen und hier insbesondere Kinder und Jugendliche, Personen mit niedriger Schulbildung und geringen Chancen auf dem Arbeitsmarkt, sollten verstärkt implementiert werden. Primärprävention und Gesundheitsförderung in betrieblichen "Settings" erachten die Sachverständigen zukünftig als integralen Bestandteil einer erfolgreichen Personalpolitik. Krankenkassen sollten hier im Rahmen von Bonusmodellen eine gesundheitsförderliche Politik in Betrieben unterstützen. Zwei Stichworte, die sich im gesamten Gutachten wieder finden, sind Qualitätssicherung und Evaluation. Diese gelte es auch für präventive Maßnahmen einzufordern: Sie sind - auch unter schwierigen Bedingungen - zu evaluieren. Dabei sollte oberstes Qualitätskriterium die Nachhaltigkeit der jeweiligen Maßnahme sein.

Den präventiven Gedanken sehen die Sachverständigen auch auf den Bereich der Pflege übertragbar. Konzepte zur Prävention von Pflegebedürftigkeit müssen entwickelt und implementiert werden, Präventions- und Rehabilitationsmaßnahmen sollten zukünftig vor der Pflege stehen. In einer immer älter werdenden Gesellschaft betonen die Gutachter die Notwendigkeit, ein Gesamtkonzept zu entwerfen, wie mit dem in Zukunft stetig ansteigenden Pflegebedarf umgegangen werden kann. Insbesondere demenzielle und psychische Erkrankungen stellen eine zukünftige Herausforderung dar. Dem zu begegnen, verlangt neue Konzepte unter anderem auch für eine ambulante Pflege, für die Unterstützung und Entlastung pflegender Angehöriger und eine Verbesserung der Qualität in der Pflege. Zentrale Forderung der Sachverständigen ist die Aufhebung der Trennung von Krankenversicherung und Pflegeversicherung hin zu einem übergreifenden Budget für Pflegebedürftigkeit. Denn bislang bestehen Mängel in der Koordination zwischen den beiden Kassen und die getrennte Haushaltsführung beider Bereiche mit separierten Leistungsvorgaben führe zu falschen Anreizen. So können Krankenkassen Patienten in die Pflegekasse "abschieben". Auch im Bereich der Pflege sehen die Gutachter Möglichkeiten der Integration von Wettbewerbsprozessen. Der Wettbewerbsgedanke könnte dann so implementiert werden, dass die Pflegekassen direkt mit den Leistungserbringern Tarife aushandeln können. Hinsichtlich der Finanzierung der Pflegeversicherung durch eine Bürgerversicherung bzw. eine Gesundheitspauschale waren sich die Mitglieder des Sachverständigenrates offensichtlich nicht einig - hier gibt es keine einheitliche Empfehlung. Des Weiteren sollten zukünftig Konzepte zur ambulanten Pflege zunehmend auch finanziell unterstützt werden, denn selbstorganisierte Versorgung werde in Zukunft eine wachsende Rolle spielen und sollte stationäre Pflege möglichst weitgehend ersetzen. Die Pflegeversicherung sollte inhaltliche und konzeptionelle Änderungen hin zu einem ganzheitlichen Krankheitsverständnis weiter intensivieren. Dabei sei es zunächst unerlässlich, junge Menschen für eine Tätigkeit auf dem Gebiet der Pflege zu begeistern und entsprechend gut zu qualifizieren - einhergehend mit einer entsprechenden gesellschaftlichen Anerkennung dieser beruflichen Tätigkeit. Derzeit sei die Arbeit im Pflegebereich gerade für junge Menschen noch nicht ausreichend attraktiv.

Eine immer älter werdende Gesellschaft führt zu einer erhöhten Inanspruchnahme von Hilfs- und Heilmitteln (bspw. in Form von Hörgeräten, Brillen aber auch Physiotherapie oder Ergotherapie). Die Gutachter fordern auf diesem Gebiet verstärkte Forschungsbemühungen, um die Finanzierung von nicht wirksamen und/oder nicht notwendigen Heil- und Hilfsmitteln zu vermeiden. Dabei sei im Bereich der Rehabilitationsforschung der Einsatz der International Classification of Functioning, Disability und Health (ICF) bei Forschungsvorhaben notwendig, um die Vergleichbarkeit im internationalen Bereich zu gewährleisten.

Wie in früheren Jahren wird von den Gutachtern als eine Art "ceterum censeo" schließlich eine interessenunabhängige Information aktueller pharmakologischer Entwicklungen für Ärzte gefordert und sie betonen erneut die herausragende Bedeutung der Arzt-Patient-Kommunikation. Sie fordern finanzielle Anreize für eine Verlängerung der Konsultationsdauer. Konzepte wie "shared decision making" und eine "bottum up" Strategie bei der Entscheidung für eine medikamentöse Behandlung können zu einer verbesserten Compliance der Patienten führen. Wichtige Arzneimittelressourcen können so wirkungsvoller eingesetzt werden. Auch wenn hier noch Forschungsbedarf bestünde, so sollte die soziale Interaktion von Arzt und Patient in der Aus- und Weiterbildung von Ärzten verstärkt berücksichtigt finden.

Dr. phil. Daniel Köhn, Dipl.-Psych.
Institut für Psychotherapie und Medizinische Psychologie der Universität Würzburg
Klinikstr. 3
97070 Würzburg
Tel.: 0931-31-2659
Fax: 0931-31-6080
E-Mail: daniel.koehn(at)mail.uni-wuerzburg.de  

 

 


 

[1] Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen. Gutachten 2005. Koordination und Qualität im Gesundheitswesen.
Kurzfassung: http://www.svr-gesundheit.de/Gutachten/Gutacht05/Kurzfassung.pdf  
Langfassung: http://www.svr-gesundheit.de/Gutachten/Gutacht05/Langfassung2.pdf  

 


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