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10. Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit vom 20.- 22. Juni 2007 in Berlin

Von: Waltraud Deubert

Am 10. Hauptstadtkongress nahmen rund 6.900 Fachbesucher aus ganz Deutschland teil.


„Das waren so viele wie nie zuvor in den vergangenen zehn Jahren. Das zeigt, welchen Stellenwert der Hauptstadtkongress unter den vielen Tagungen der Gesundheitswirtschaft hat“, sagte Berlins früherer Gesundheitssenator und Kongresspräsident Ulf Fink.
Der Kongress umfasste die Bereiche Gesundheitspolitik, Klinik und Rehabilitation sowie Medizin und Pflege.
Die Eröffnungsveranstaltung war bereits mit rund 1.600 Teilnehmern nahezu komplett ausgebucht. Am Kongress Krankenhaus Klinik Rehabilitation 2007 nahmen 1.850 (plus 12 % im Vergleich zu 2006) teil. Den Deutschen Pflegekongress 2007 besuchten 1.700 (plus 12 %) und das Deutsche Ärzteforum 2007 rund 1.100 Teilnehmer (plus 10 %).
Im Rahmen des Kongresses Krankenhaus Klinik Rehabilitation 2007 betonten dessen wissenschaftlicher Leiter Prof. Heinz Lohmann und der Geschäftsführer der Zehnacker Holding, Nikolai Peter Burkart, die Kliniken müssten sich künftig noch stärker auf ihre Kernkompetenzen Medizin und Pflege konzentrieren und "für den Rest" externe Dienstleistern mit ins Boot holen.
Beim Deutschen Ärzteforum 2007 ging es vor allem um die Rolle des Arztes als "Heiler und Manager". Angesichts der Pläne von Pflegeberufen, auf Grund ihrer fortschreitenden Professionalisierung eine eigenständige und von den Medizinern emanzipierte "Versorgungssäule" aufzubauen, müssten beide Berufsgruppen ihre Aufgaben neu definieren, betonte Forumsleiter Prof. Axel Ekkernkamp, Ärztlicher Direktor am Unfallkrankenhaus Berlin (ukb). "Dies geht nur in Kooperation miteinander."
Der Deutsche Pflegekongress 2007 widmete sich in diesem Jahr unter anderem der Frage, wie Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen motivierte Fachkräfte gewinnen bzw. dauerhaft an sich binden können. Dazu wurde unter anderem das aus den USA stammende Konzept der Magnetkrankenhäuser vorgestellt. Diese zeichnen sich durch "14 Kräfte des Magnetismus" wie beispielsweise eine starke und engagierte Pflegedienstleitung, flache Hierarchien und eine große Verantwortung auf Seiten der Pflegekräfte aus. Das wiederum wirke sich positiv auf die Patientenzufriedenheit aus, betonte Hedwig Francois-Kettner, Pflegedirektorin an der Berliner Charité.

Die TeilnehmerInnen des Hauptstadtkongresses besuchten rund 100 Einzelveranstaltungen im Rahmen des dreitägigen Fachprogramms. Das Angebot an mehr als 60 Workshops und weiteren Veranstaltungen außerhalb der drei Fachkongresse und des Hauptstadtforums Gesundheitspolitik konnte ebenfalls erweitert werden. Besonders attraktiv waren Ausstellungsangebote im Rahmen der Präsentation der Gesundheitsregionen. In diesem Jahr waren Bayern, Baden-Württemberg, Berlin, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein vertreten. Insgesamt besuchten rund 2.000 Menschen das dreitägige Ausstellungsforum sowie die parallel stattfindenden Lounges, Workshops, das Ethische Café und die vielen weiteren Kongressevents. Mehr als 150 Aussteller präsentierten auf rund 2.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche neueste Produkte, Dienstleistungen und Serviceangebote rund um die Gesundheitswirtschaft
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Zwei Bundesminister und ein Ministerpräsident waren da:
Die Bundesforschungsministerin Dr. Annette Schavan lobte den Wettbewerb der Gesundheitsregionen aus. "Das Engagement der Gesundheitsregionen wird mittlerweile auch von der Politik erkannt und honoriert", betonte Kongresspräsident Fink und verwies auf den neuen Wettbewerb "Gesundheitsregion der Zukunft", den Schavan auf dem Hauptstadtkongress erstmals vorstellte. Der Wettbewerb um die besten Gesundheitsregionen Deutschlands soll noch in diesem Herbst starten. Im Januar 2008 sollen aus den Bewerbern 20 Regionen ausgewählt werden, die über ein Jahr mit jeweils 100.000 Euro gefördert werden sollen. In einem zweiten Schritt werden im Mai 2009 die fünf besten Regionen gewählt. Diese erhalten über einen Zeitraum von vier Jahren jeweils zehn Millionen Euro Fördermittel vom Bund. Ziel der Bundesregierung sei es, die Wachstumspotenziale der Gesundheitswirtschaft besser zu nutzen, erklärte Bundesforschungsministerin Dr. Annette Schavan (CDU). Mit dem Wettbewerb, der unter anderem auf eine Anregung von Ulf Fink zurückgehe, sollten die Akteure der Gesundheitswirtschaft enger zusammengebracht und Innovationen für Patienten beschleunigt werden.
Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) betonte in ihrer Eröffnungsrede, das deutsche Gesundheitswesen sei besser als sein Ruf. "Deshalb sollten wir positiver über das reden, was Ärzte und Pflegende tagtäglich in Krankenhäusern, Arztpraxen, Reha- und anderen Therapieeinrichtungen leisten." Neue Arzneimittel, Prothesen und aufwendige Diagnoseverfahren stünden nicht bloß Privatpatienten zur Verfügung, "sondern allen Versicherten", betonte die Ministerin.
Ausführlich ging die SPD-Politikerin in ihrer halbstündigen Rede auf den zwischen Union und SPD ausgehandelten Kompromiss zur Reform der Pflegeversicherung ein. "Das ist keine kleine Reform", verteidigte Schmidt die Eckpunkte (siehe hierzu Artikel in dieser Ausgabe), insbesondere die Erhöhung des Beitragssatzes um 0,25 Prozentpunkte. Mit diesen zusätzlichen Mitteln solle die ambulante Pflege gestärkt werden. An Demenz erkrankte Menschen erhielten künftig mehr Leistungen. Pflegende Angehörige sollen stärker unterstützt werden.
Auch der SPD-Parteivorsitzende und rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck betonte die Wachstumschancen des Medizin- und Pflegemarktes. Die Gesundheitsbranche sei zu einem "Hoffnungsträger" der deutschen Wirtschaft geworden. Entscheidend sei, dass Innovationen in Medizin und Pflege möglichst allen Menschen zu Gute kommen und trotzdem finanzierbar blieben. "Das ist eine Herausforderung, der wir uns stellen müssen", sagte Beck.

Für zahlreiche Lacher sorgte der mit ironischen Anspielungen gespickte Festvortrag des Kölner Psychiaters und Theologen Dr. Manfred Lütz. Er warnte davor, durch Fitness, Körnernahrung und Überdiagnostik "wahnhaft nach Gesundheit zu streben und die Medizin als Ersatzreligion zu begreifen". Der Irrglaube, Gesundheit sei beliebig herzustellen - etwa auch durch "gesundes Verhalten" - führe letzten Endes zu einem unmenschlichen volkspädagogischen Totalitarismus. Gesundheit sei ein hohes, aber nicht das höchste Gut, betonte Lütz. Dazu zitierte er seinen ehemaligen Hausarzt, der ihm gegenüber Gesundheit einmal so definiert habe: "Gesund ist ein Mensch, der mit seinen Krankheiten einigermaßen leben kann".

Einmal mehr wurde der Kongress auch dazu genutzt, einige Schlaglichter auf internationale Trends in Gesundheitspolitik und Gesundheitswirtschaft zu werfen. Im Rahmen des USA-Forums war zu hören, dass das Thema Gesundheit eine herausragende Rolle im kommenden Präsidentschaftswahlkampf spielen wird. Die USA verfügten über ein hochmodernes Gesundheitssystem sowie über hochqualifizierte Ärzte und Pflegefachkräfte, erklärte Marty Mc Geein vom US-Gesundheitsministerium. Ein Grundproblem liege aber nach wie vor darin, dass viele US-Bürger über keine eigene Krankenversicherung verfügen und deshalb nicht am medizinischen Fortschritt teilhaben könnten. Beim Forum der Europäischen Kommission ging es in diesem Jahr um die Frage, wie Gesundheitsdienstleistungen in den 27 Mitgliedsstaaten besser aufeinander abgestimmt werden können. Die Teilnehmer betonten vor allem die Notwendigkeit, bestimmte Aspekte der grenzüberschreitenden Gesundheitsversorgung zu regeln und nicht dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) hier die Weiterentwicklung zu überlassen. Dieser hatte zuletzt eine Reihe von Entscheidungen getroffen, die Einfluss auf die nationale Gesundheitspolitik hatten.

Der nächste und dann 11. Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit findet vom 4. bis 6. Juni 2008 statt.


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