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Bericht über die Tagung "Sicherung der Qualität im Gesundheitswesen: Ergebnisse und Perspektiven" 2./3. Mai 2007 in Berlin

Von: Dr. Ruth Jäger

An der gemeinsam vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) und dem Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) veranstalteten Tagung nahmen über 400 Personen teil.


Die Aufgabe der Tagung verdeutlichte Dr. Hiltrud Kastenholz (BMG) mit dem Bild der Übergabe des Staffelstabes „Qualitätssicherung im Gesundheitswesen“ vom BMG an den G-BA. Der erste Tag verstand sich als Abschlusstagung des über 16-jährigen BMG-Modellprogramms „Förderung medizinischer Qualitätssicherung“, der zweite als Nationale Qualitätskonferenz des G-BA.

Förderung der medizinischen Qualitätssicherung: Ergebnisse des Modellprogramms des Bundesministeriums für Gesundheit
In ihrer Eröffnungsrede gab Gesundheitsministerin Ulla Schmidt einen ausführlichen Überblick über Inhalte, Anzahl und Fördervolumina von Projekten, die im Rahmen des Modellprogramms durchgeführt wurden. Aus ihrer Sicht ist in der Zeit des Modellprogramms das Bewusstsein für die Bedeutung des Qualitätsmanagements (QM) im Gesundheitswesen gewachsen. Sie betonte, dass sich das Ministerium auch nach der Staffelstabübergabe an den G-BA nicht völlig aus der Qualitätsdiskussion zurückziehen werde. Es sind weiterhin Gesetzesinitiativen und Anregungen für Forschungsaktivitäten zu erwarten, wobei das zentrales Anliegen der Einbezug der PatientInnenperspektive in die QS sein werde.

Der erste Tag wurde von Prof. Dr. Matthias Schrappe (Universität Witten/Herdecke) moderiert. Im ersten inhaltlichen Block unter dem Titel Stand und Perspektiven der Umsetzung von Qualitätsmanagement referierten für den stationären Bereich Prof. Dr. Hans-Konrad Selbmann (Universität Tübingen) und aus ambulanter Perspektive Dr. Berndt Birkner (Gastroenterologie am Max Weber Platz, München). Sie sprachen über die jeweiligen Entwicklung und den aktuellen Stand der Qualitätssicherung (QS) und des QM.

Der zweite Block behandelte das Thema Zertifizierung. Wiederum wurde aus ambulanter und stationärer Perspektive berichtet. Dr. Bernhard Gibis (KBV) kam zu dem Schluss, dass Zertifizierung nicht das Mittel zum Zweck einer QS bzw. einer Qualitätssteigerung sein könne. Eher ist sie ein Meilenstein in einem kontinuierlichen Organisationsprozess. Die eigentliche Frage wäre nun: Wer zertifiziert wen, wie oft, auf welcher Grundlage? Er präferiere die Etablierung einheitlicher und verbindlicher Standards im Sinne einer verpflichtenden Akkreditierung. Die Kassenärztlichen Vereinigungen akkreditieren in dem Sinne bereits jetzt, jedoch lediglich auf der Basis von Unterlagen. Dies sollte im Sinne eines Assessmentverfahrens ausgebaut werden. Dr. Martin Walger (Deutsche Krankenhausgesellschaft) stellte anschließend das eigene Zertifikat (KTQ) vor.

Thema der nächsten beiden Referate war die Patientensicherheit. Vorgestellt wurden von Prof. Dr. Matthias Schrappe (Universität Witten/Herdecke) das Aktionsbündnis Patientensicherheit und von Prof. Dr. Ferdinand M. Gerlach (Universität Frankfurt/Main) das sich an Hausarztpraxen richtende Fehlerberichts- und Lernsystem www.jeder-fehler-zaehlt.de.

Die letzten beiden Vortragsblöcke des ersten Tages fragten nach Orientierungspunkten für die Qualitätssicherung. Unter dem Titel Orientierung der Qualitätssicherung an der medizinischen Ergebnisqualität wurden Positionen wie „Benchmarking ist vor allem Lernen aus Vergleichen“ (Prof. Dr. Wolfgang Gaebel, Universität Düsseldorf) und „Qualitätsvergleiche verbessern die Versorgung der PatientInnen“ (Dr. Matthias Gruhl, Senator für Arbeit, Frauen, Gesundheit, Jugend und Soziales, Bremen) vertreten. Die zukünftige Bedeutung von Qualität (und damit auch Qualitätsvergleichen) liege in ihrer ethischen Dimension, die ein Gegengewicht zu einer lediglich preisgetriebenen Betrachtungsweise des Gesundheitswesens bilden könnte.

Der letzte Vortragsblock thematisierte die Ausrichtung der Qualitätssicherung auf Patientinnen und Patienten. Prof. Dr. Dr. Martin Härter (Universität Freiburg) berichtete Ergebnisse aus dem Projekt „Patient als Partner“: Partizipative Entscheidungsfindung führt bei gleich bleibender Konsultationszeit zu einer höheren Zufriedenheit bei PatientInnen und ÄrztInnen, einem größeren krankheitsbezogenen Wissen bei den PatientInnen und einem höheren Behandlungserfolg. Anschließend sprachen sowohl Helga Kühn-Mengel (Beauftragte der Bundesregierung für die Belange der Patientinnen und Patienten) als auch Karin Stötzner (Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen, Berlin) über die Fortschritte bei der Einbeziehung der PatientInnenperspektive in die QS-Diskussion. Beide betonten jedoch, dass weiterhin Handlungsbedarf bestehe.

Die Diskussionsthemen des Tage waren u.a. das Spannungsfeld zwischen Transparenz und Fallpauschalen im Kontext der Idee einer qualitätsbezogenen Vergütung, die potenzielle Bedeutung einer zwingend nötigen Akkreditierung und das Spannungsfeld zur Zertifizierung, die Forderung nach einer systematischen Versorgungsforschung, die Risikoadjustierung der Daten bei Vergleichen und deren Bedeutung und potenzielle Verzerrungsprobleme.

Das Resümee des Tages zog in Vertretung des verhinderten Staatssekretärs Dr. Klaus Theo Schröder (BMG) Dr. Hiltrud Kastenholz. Ihr Ausblick war zugleich die Überleitung zur zweiten Nationalen Qualitätskonferenz des G-BA am nächsten Tag.

Zweite Nationale Qualitätskonferenz des Gemeinsamen Bundesausschusses
Nach einer äußerst kurzen Begrüßung durch Dr. Rainer Hess (G-BA) übernahm Bernd Seguin vom NDR die Moderation. Die zweite Nationale Qualitätskonferenz des G-BA war eine Vortrags- und Diskussionsveranstaltung des G-BA, allen Referierenden war das Thema vom G-BA vorgegeben worden.

Im ersten großen Themenblock ging es um die Weiterentwicklung der Qualitätsstrategie im deutschen Gesundheitswesen – Herausforderungen und Ziele, wobei konkret gefragt wurde: Welcher Handlungsbedarf zur Qualitätsstrategie ergibt sich aus der aktuellen Gesundheitsreform? In sieben Kurzreferaten kamen verschiedene Perspektiven zu Wort.
Zunächst sprach Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt. Als relevante Schwerpunkte des neuen Gesundheitsgesetztes benannte sie: die Stärkung der Zusammenarbeit zwischen stationärer und ambulanter Behandlung, der Abbau von Doppelstrukturen, die Stärkung der Gestaltungskompetenz des G-BA hinsichtlich einer sektorübergreifenden QS und die Etablierung eines unabhängigen Qualitätsinstituts im Auftrag des G-BA, die Reduzierung des Aufwandes durch die Verwendung von Routinedaten als Qualitätskriterien, Transparenz der Qualität für die PatientInnen und Stärkung deren auf Qualitätskriterien basierenden Wahl für eine Institution. Abschließend gratulierte sie dem G-BA zur Erweiterung seiner Kompetenzen und dankte für die bisher geleistete Arbeit.
Als viel gelobter Vorsitzender der Gremien des G-BA sprach anschließend Dr. Rainer Hess über die Aufgaben, vor denen der G-BA nun stehe. Diese Aufgaben seien sowohl organisatorischer (Neustrukturierung des G-BA, Auftragsvergabe für ein unabhängiges Qualitätsinstitut) als auch inhaltlicher Natur (Vorbereitung einer sektorübergreifenden Richtlinie, Umsetzung der Datenschutzvorgaben).
Dr. Axel Meeßen (Verband der Angestellten-Krankenkassen e.V.) sprach als Vertreter der Krankenkassen. Eine Beantwortung der ihm gestellte Frage, wie viel Qualität sich die gesetzlichen Krankenkassen noch leisten können, lehnte er ab. Er wolle die Fragen beantworten, wie wir mit dem vorhandenen Geld ein Maximum an Qualität erhalten können. Seine Antwort: In dem wir gutes Geld (nur) für gute Leistung zahlen. Dass die Steuerungsfunktion des Geldes funktioniere, zeige sich eindrücklich darin, dass sich entsprechend des zu verdienenden Geldes die jeweils abgerechneten Fallzahlen ändern würden.
Dr. Andreas Köhler (KBV) stellte zunächst den Ist-Stand der QS dar, um daran die Forderung nach einer Kopplung von Versorgungsqualität und Bezahlung im Sinne einer indikatorbasierten und eben nicht pauschalisierten Vergütung anzuschließen. Abschließend stellte er die Positionen der KBV für die Einführung der sektorübergreifenden QS dar.
Georg Baum (Deutsche Krankenhausgesellschaft) sprach für den stationären Bereich und stellte klar, dass sie keinen Preiswettbewerb wollen. Qualität muss gegen einen ruinösen Preiswettbewerb abgesichert werden, d.h. wenn alle Indikatoren erfüllt sind, dann muss entsprechend gezahlt werden.
Prof. Dr. Ingo Heberlein (Sozialverband Deutschland) sprach als Patiententenvertreter und stellte Prüfsteine für die aktuelle Gesundheitsreform auf, denen diese nur zum Teil genüge: Positiv sind die institutionelle Neuordnung der sektorübergreifenden QS sowie die Ausrichtung an patientenorientierten Endpunkten. Bemängelt wird, dass die Versäulung des Gesundheitswesens bestehen bleibt.
Dr. Matthias Gruhl (SAFGJS, Bremen) sprach abschließend aus der Sicht der Gesundheitsministerkonferenz (GMK). Er hob die mit der aktuellen Gesundheitsreform verbundenen Maßnahmen wie Aufhebung des Sektorenbezuges, die Gründung eines unabhängigen Instituts zur einheitlichen Qualitätsbewertung und die höhere Verbindlichkeit der Qualitätsorientierung und -darlegung für alle Leistungserbringer hervor und sieht dadurch bessere Umsetzungschancen für die 2006 von der GMK formulierten Leitideen für das Gesundheitswesen im Jahr 2011.

Der zweite Themenblock des Tages widmete sich mit drei Referaten dem Thema Mehr Transparenz bei der Darstellung des Ergebnisqualität – Pro und Contra. Prof. Dr. Hans-Konrad Selbmann (Universität Tübingen) stellte die These auf, dass alle Akteure aus der Transparenz der sektorenübergreifenden Ergebnisqualität Vorteile ziehen können. Es bleibt jedoch zu bedenken, dass alle Akteursgruppen zwar Ergebnisqualitätsberichte nachfragen, aber in wesentlich geringerem Ausmaß nutzen. Zudem gab er zu bedenken, dass in diesem Themenblock nur Ergebnisqualität betrachtet werde, aber auch Struktur- und Prozessqualität weiterhin zentral seien.
Prof. Dr. Max Geraedts (Universitätsklinikum Düsseldorf) sprach anschließend über die methodischen Rahmenbedingungen für eine transparente Darstellung von Ergebnisqualität.
Dr. Stefan Etgeton (Bundesverband der Verbraucherzentralen) forderte, dass QS alle Leistungsbereiche (ambulante und stationäre Versorgung sowie die Heilberufe) umfassen, sich auf längere Zeiträume beziehen und sich an patientenrelevanten Endpunkten orientieren müsse. Die gewünschte Informationsplattform zur Qualität im Gesundheitswesen sollte ein Instrument zur fundierten Wahlentscheidung sein, Rankings lehne er ab.

Der dritten Themenblock Sicherung der Qualität bei der Indikationsstellung bestand aus zwei Vorträgen. Dr. Bernhard Gibis (KBV) stellte die praktizierten prospektiven und retrospektiven Maßnahmen der Indikationssicherung in der ambulanten Versorgung vor und benannte als Maßnahmen der Qualitätsförderung u.a. die Entwicklung und Implementierung von Leitlinien und eine weitere Förderung von Qualitätszirkeln.
Prof. Dr. Martin Hansis (Rhön-Klinikum AG, Bad Neustadt) hielt einen erfrischend unkonventionellen Vortrag aus stationärer Sicht. Indikationssicherung sei natürlich ein Thema für die Krankenhäuser. Zur Indikationssicherung seien die hausinternen Leitlinien an die nationalen zu adaptieren und prozedural zu verankern. Er schloss seinen Vortrag mit dem Appell, im Bereich des QM eine Arbeitsteilung mit hierarchischer Schichtung einzuführen, um Konkurrenz, Dubletten und unnötige Abläufe zwischen der nationalen Ebene, den überregionalen Fachgesellschaften und der lokalen Ebenen zu vermeiden.

Der letzte Themenblock widmete sich dem unabhängigem Qualitätsinstitut nach §137a SGB V. Franz Knieps (BMG) eröffnete mit seinem Vortrag die diesen Themenblock durchziehende Auseinandersetzung zwischen der Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung gGmbH (BQS), Patientenvertretern, dem B-GA und dem BMG. Er warb für das neue unabhängige Qualitätsinstitut. Dr. Rainer Hess (G-BA) stellte aus Sicht des G-BA die Anforderungen an das zukünftige Qualitätsinstitut vor. Abschließend sprach H. Theo Riegel (BQS). Er stellte die erfolgreiche Arbeit der BQS heraus: Das BQS-Verfahren sei wirksam und anerkannt. Es sei wohl mehr als verständlich, dass sie dieses Verfahren nicht im Geschenkpapier an ein neues Institut übergeben wollten.
In der anschließenden Diskussion ging es um die Strukturen der BQS und inwieweit sie fachliche Unabhängigkeit gewährleisten. Ob hier unüberwindbare Probleme vorlägen oder lediglich eine Scheindebatte geführt wurde, konnte nicht entschieden werden.

Im Schlusswort dankte Dr. Rainer Hess dem Moderator Bernd Seguin und formulierte die Anregungen, die der G-BA für sich aus den Diskussionen mitnehme.

Der größte Teil der Vorträge ist abrufbar unter:
http://www.g-ba.de/informationen/aktuell/publikationen/tagung-07/


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