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Nachruf für Albert Ellis (1913-2007)

Der amerikanische Psychotherapeut Dr. Albert Ellis ist am 24. Juli 2007 im Alter von 93 Jahren in New York gestorben.


Mit Ellis verliert auch die deutsche Fachöffentlichkeit einen der einflussreichsten und produktivsten Psychologen unserer Zeit.

Albert Ellis kann als einer der letzten großen Kliniker gesehen werden, die ein therapeutisches System geschaffen haben, mit der Entdeckung der „Demandingness“, der großen Bedeutung ultimativer, selbstschädigender Forderungen ist er in die Psychotherapiegeschichte eingegangen.

Ellis nimmt für sich in Anspruch, mit den drei grundlegenden Imperativen – „Ich muss perfekt sein!“, „Andere Menschen müssen mich zuvorkommend behandeln!“ und „Die Umstände müssen solcher Art sein, wie ich das will!“ – einen wichtigen, zentral verursachenden Faktor für neurotisches Erleben und Verhalten entdeckt zu haben.
In Anlehnung an die antike Überlegung von der kognitiven Struktur der Affekte formuliert Ellis, dass nicht die äußeren Ereignisse per se am seelischen Leid und psychischen Kummer vieler Menschen Schuld trügen, sondern absolutistische und perfektionistische Forderungen, die ein Mensch sich selbst auferlege bzw. die er an andere und/oder die Welt schlechthin richte.
Zwar besitze ein jeder Mensch die Tendenz, sein Leben selbst zu gestalten und sich einen Weg zum individuellen Glück zu bahnen, diese Selbstaktualisierung würde allerdings durch die gegenläufige menschliche Eigenheit zum irrationalen, magischen und dogmatischen Denken häufig unterlaufen.
Die REVT betont folgerichtig dann auch die Bedeutung von flexiblerem Denken und einer risikobereiten Lebenseinstellung für das seelische Wohlbefinden.
In der produktiven Kraft des Sowohl-Als-Auch sowie in der direkten Auseinandersetzung mit den Bedrohlichkeiten des Daseins liegen nach ihrer Auffassung die Ressourcen und Potentiale der Menschen auf dem Weg zu mehr Lebensfreude und für die Bearbeitung der existentiellen Widersprüche des Lebens.

In seinem Geleitwort zu dem Buch von „Tomi Ungerer & Burkhard Hoellen: Don’t hope, cope! Mut zum Leben“, hat Ellis die inhaltliche Ausrichtung seines therapeutischen Systems noch einmal prägnant zusammengefasst:
„Die Rational-Emotive Verhaltenstherapie (REVT) hat  - ähnlich wie die Existenzialisten – seit ihren Anfängen die Position vertreten, dass die Welt keine intrinsische oder kosmische Bedeutung hat, sondern dass es die Aufgabe der Menschen ist, ihrer Welt einen Sinn zuzuschreiben und ein eigenes Lebenskonzept zu entwickeln. Nach dieser Auffassung kann sich der Mensch trotz seiner Fehler, Defizite und Schwächen grundsätzlich bejahen und er kann auch zur uneingeschränkten Wertschätzung anderer Personen gelangen, ungeachtete deren Verhaltens.“

Albert Ellis hat die REVT ursprünglich außerhalb der akademischen Psychologie entwickelt. Lange Zeit galt er als Außenseiter, bis beispielsweise Klaus Grawe und Mitarbeiter in ihrer Studie auch über die Wirkung und Wirkweise der REVT 1994 zu einem klar positiven Ergebnis gelangten:
„RET kann als ein potentiell sehr wirksames Therapieverfahren bei einer ganzen Reihe von Störungen angesehen werden wie sozialen Ängsten und Unsicherheiten, neurotischen Depressionen sowie verschiedenen anderen neurotischen und Persönlichkeitsstörungen.“

Der Weg zur fachlichen Anerkennung aber war für Ellis und die REVT ein durchaus beschwerlicher.

Albert Ellis ist am 27.09.1913 in Pittsburgh im US-Staat Pennsylvania als Sohn jüdischer Einwanderer geboren worden. Die Großeltern mütterlicherseits stammten beide aus Deutschland, während die Großeltern väterlicherseits ihren Ursprung wahrscheinlich in Moskau hatten, der Großvater war sogar Großrabbiner von Russland. Als Ellis 4 Jahre alt war, siedelte die Familie um, in die Bronx von New York, wo Ellis auch aufwuchs. Auf dem Woodlawn Cemetery in der Bronx ist Ellis nach einer säkularen Feier nun auch beerdigt worden.

Seine Kindheit hat Ellis als nicht sehr glücklich beschrieben. Er habe als ein kränkliches Kind gegolten, das der jüngere Bruder Paul beschützen musste.

Eine Lungenentzündung und eine schwere Nierenfunktionsstörung fesselten ihn in jungen Jahren über ein Jahr an das Krankenhausbett. Auch die familiären Verhältnisse erinnerte Ellis keineswegs als ideal.
Der Vater könne nicht als ein ‚guter Vater’ bezeichnet werden, da er sich um die Familie, zu der noch der jüngere Bruder und eine Schwester zählten, kaum gekümmert habe. Auch die Mutter sei nicht sehr ausgeglichen gewesen, weshalb er früh gelernt habe, auf eigenen Füßen zu stehen. Vom 7. Lebensjahr an habe er sich im wesentlichen alleine erzogen. Dennoch sei er als Kind und Heranwachsender sehr ängstlich gewesen. Auch mit 20 Jahren habe er sich noch nicht getraut, in der Öffentlichkeit zu sprechen, außerdem habe er große Hemmungen im Umgang mit dem weiblichen Geschlecht gehabt. In seiner Jugend habe er hingegen viel gelesen. Neben schöngeistiger Literatur hätten ihn vor allem philosophische Fragestellungen interessiert: „... long before I was a psychologist, my hobby had been philosophy. Although I never had a single college or graduate course in this important area, I had become deeply involved in it at the age of 16 and had read, during the next few years, virtually every major philosophic book ever written and innumerable secondary sources. I was especially interested in the writings of Epictetus, Marcus Aurelius, and other Stoics; of Spinoza, Erasmus, Voltaire, Schopenhauer, and other, latter-day philosophers who extended the practical, hard-headed thinking of the Stoics.”

Ellis vermerkt, dass er sich bereits in seiner Abschlussarbeit zum Bakkalaureat (der unterste akademische Grad) mit diesen und anderen ‚activist philosophers’ auseinandergesetzt habe. Im Alter von 19 Jahren sei er dann von Kants ‚Kritik der reinen Vernunft’ so beeindruckt gewesen, dass er sich daran gemacht habe, eine leichter verstehbare englische Ausgabe herauszubringen, und er habe mit einer Übersetzung der Übersetzung begonnen. Da er aber keinen Verleger habe finden können, sei dieses Projekt nicht zum endgültigen Abschluss gekommen. Ähnlich sei es ihm mit rund 25 fertig abgeschlossenen Manuskripten (Kurzgeschichten, Essays, Theaterstücken, Novellen etc.) ergangen. Auch für diese Arbeiten, welche Ellis in seiner Freizeit verfasste, habe er keinen Verleger gefunden. Ungeachtet dessen konnte Ellis 1934 eine Ausbildung zum Bürokaufmann abschließen. Gemeinsam mit seinem Bruder zog er einen Hosenladen auf, in dem beide noch verwertbare Stücke verkauften, die sie auf Auktionen ersteigert hatten. 1938 schließlich wurde Ellis Assistent des Geschäftsführers einer Geschenkartikel- und Neuheitenfirma.

1938 heiratet er zum ersten Mal. Die Ehe hielt allerdings nur kurze Zeit. Auch die zweite Ehe, die Ellis 1956 einging, hielt nur 2 ½ Jahre. Beide Ehen blieben kinderlos. 37 Jahre lang lebte Ellis dann in einer Lebensgemeinschaft mit Janet Wolfe, kurz vor seinem Tode hatte er sich noch mit Debbie Joffe, einer australischen Psychologin, vermählt.

Mit 28 Jahren entschied sich Ellis, seine 1933 unterbrochenen Studien wieder aufzunehmen, und er schrieb sich 1941 an der Columbia-Universität, New York im Fach „Klinische Psychologie“ ein. Schon ein Jahr später erhielt er den ‚master’s degree’ und eröffnete eine private Praxis als Berater für Ehe- und Sexualprobleme. Seinen Lebensunterhalt bestritt er jedoch in der Hauptsache weiter durch die mehrstündige tägliche Tätigkeit in der Geschenkartikelfirma. 1947 promovierte Ellis zum Doktor der Philosophie, ebenfalls an der Columbia University. Danach übte er eine Lehrtätigkeit an der Rudgers University und an der New Yorker Universität aus. Außerdem war er leitender Psychologe an verschiedenen klinischen und diagnostischen Institutionen in New Jersey.

Zu dieser Zeit war Ellis psychoanalytisch orientiert. Er unterzog sich einer dreijährigen Lehranalyse bei dem deutschen Emigranten Richard Huelsenbeck, einem angesehenen Lehranalytiker der Karen Horney-Schule, der sich in seiner analytischen Vorgehensweise aber im wesentlichen an Freud orientierte. Danach praktizierte er die klassische Analyse unter Supervision in seiner privaten Praxis in New York. Seine damalige Situation beschreibt Ellis wie folgt: „When I started to do psychoanalysis in 1949 I immediately did quite well. I loved the process of analysis –‚detectiving’ I privately called it- since it largely consisted of amassing an enormous amount of information about my analysands, weaving the myriad strands together, and coming up with a brilliant and workable ‘solution’ to their personality problems. My analysands loved it, too, and kept telling me how much better they felt. And my income kept steadily increasing and made it possible for me to quit working as Chief Psychologist of the State of New Jersey, to devote myself completely to my private practice in New York City, and to save more money than I had ever before put away in the bank.”

Sein Vertrauen in die Psychoanalyse schwand jedoch recht bald, da er, wie er sagt, bemerkte, dass sich seine Klienten nach ein bis drei Jahren der Analyse zwar besser fühlten, aber kaum wirklich gebessert schienen. Ellis erinnerte sich nunmehr, dass er im Alter von 20 Jahren ein Gutteil seiner eigenen Problematik (z.B. seine Sprechängste) dadurch besiegt habe, dass er sich förmlich dazu gezwungen habe, viele Male vor Publikum zu sprechen. Auf diese Weise habe er nicht nur seine Sprechängste vollständig verloren, sondern er habe sich sogar zum brillanten Redner entwickelt.

In verstärktem Maße ließ er nun nichtanalytische Elemente in die Therapie mit einfließen. „Thus, I sometimes dropped my passive, tortuous mirroring of my clients’ past traumas and present feelings and gave them clear-cut reassurance of encouragement. Or I engaged them in involved philosophic discussions about the legitimacy of their feelings of guilt and shame. O I directly showed them and vigorously attacked their unrealistic beliefs. Or I insisted that they to something outside the sessions to change themselves and gave them activity homework assignments (including those involving in vivo desensitization of their irrational fears)” Eigene Erfahrung, aber auch die Schriften der frühen Behavioristen wie Watson und Jones, hätten ihn veranlasst, verhaltensorientierte Übungen und direkte Anweisungen mit in sein therapeutisches Repertoire aufzunehmen und so bestimmte Abstinenzregeln der psychoanalytischen Praxis zu durchbrechen.

Ellis hat dann versucht, seine Erkenntnisse und Erfahrungen innerhalb der ‚scientific community’ der Psychoanalyse zur Diskussion zu stellen. In zum Teil sehr ausführlichen Manuskripten hat sich Ellis in den fünfziger Jahren mit den Positionen der Psychoanalyse auseinandergesetzt. Zu dieser Zeit war er durchaus noch von den psychoanalytischen Auffassungen überzeugt, und in einem 1950 erschienenen Artikel heißt es sogar: „... psychoanalysis (or psychoanalytically oriented therapy) still holds the best promise for the understanding and treatment of personality disorders – providing that its theories and procedures are formulated in truly scientific terms“. Andererseits hat Ellis nicht mit Kritik an den seiner Meinung nach nicht genügend wissenschaftlich abgesicherten Erkenntnissen der Psychoanalyse gespart. Zu seinem Leidwesen seien seine Ausführungen zur Erneuerung der Psychoanalyse aber ignoriert worden. Schließlich sei er bei der Materialzusammenstellung zu Arbeiten über neue Techniken in der Psychotherapie auf eine Vielzahl von offensichtlich nützlichen Methoden gestoßen. Auch habe er so erkannt, dass kein Ansatz für sich absolute Priorität reklamieren könne, wie dies die Psychoanalyse zur damaligen Zeit noch vehement tat. Ab 1954 habe er sich nicht mehr als Psychoanalytiker, sondern nur noch als Psychotherapeut verstanden.

1955 begann Ellis mit der Ausformulierung eines neuen Ansatzes zur Psychotherapie; auf dem Kongress der amerikanischen Psychologen-Vereinigung (APA) in Chicago referierte Ellis am 30.08.1956 zum ersten Mal vor einem größeren Kreis über sein System der RT (Rational Therapy), wie er es damals noch nannte.

„What, then was exceptionally new about RET when I began to use it with clients and to teach it to professionals in 1955? Not very much, really. I derived it from my own personal and clinical experience and experimentation (as therapists inevitably seem to do) and from my extensive reading.”

In seinem  1962 im Original erschienen Buch ‘Reason and Emotion in Psychotherapy’ (deutsch: Die rational-emotive Therapie, 1977) macht Ellis deutlich, wie er im therapeutischen Gespräch mit einer 37jährigen Patientin zu seinen neuen Erkenntnissen gelangte. Es scheint für den therapeutischen Ansatz von Ellis bedeutsam und bezeichnend, dass sich das Schlüsselerlebnis des Begründers der REVT in der praktischen Arbeit ereignete, gleichsam in einer Art dialektischen Sprungs. „Ich dachte nach und schlagartig wurde mir klar, dass allen psychischen Störungen tatsächlich ein System falscher Definitionen zugrunde zu liegen scheint. Wir nehmen an, ein bestimmter Sachverhalt sei schrecklich –insbesondere die Tatsache, dass wir nicht vollkommen sind oder jemand anderer sich nicht so engelhaft benimmt, wie wir es von ihm erwarten. Sobald wir diese Annahme gemacht haben, suchen wir dann buchstäblich nach ‚Fakten’, um unsere Prämisse zu beweisen. Und wir finden diese ‚Fakten’ natürlich auch prompt- wir stellen fest, dass unser Benehmen (oder das anderer) sehr zu wünschen übrig lässt. Daraus ziehen wir den ‚logischen’ Schluss, dass wir von Anfang an recht hatten und dass das ‚schlechte’ Benehmen ein überzeugender Beweis für unsere ursprüngliche Annahme ist. Aber die einzigen realen oder zumindest objektiven ‚Fakten’ in dieser von uns konstruierten ‚Beweiskette’ sind unsere eigenen Prämissen – jene Sätze, die wir uns am Anfang vorsagen.

‚Wollen Sie damit sagen’, fragte meine Patientin, ‚dass ich mir selbst bestimmte, aus der Luft gegriffene Sätze einrede und dass meine Probleme direkt auf diese meine eigenen Sätze zurückzuführen sind?’
‚Ja’, antworte ich mit plötzlichem Enthusiasmus. ‚Sie haben mich da auf eine Idee gebracht. Ich habe das bisher noch nicht von dieser Seite gesehen, oder im Grunde doch, ohne es in die gleichen Worte zu kleiden, denn wie ich eben zu Ihnen sagte, sind es die Sätze, die wir uns am Anfang einreden, die den Ball der selbstdefinierten Prämissen, der zur Hälfte aus Definitionen bestehenden ‚Fakten’ und der falschen Schlussfolgerungen ins Rollen bringen. Aber ob dies nun meine Idee war oder die Ihre, sie scheint jedenfalls zu stimmen: dass sich jeder psychisch gestörte Mensch eine Kette falscher Sätze einredet – da das menschliche Denken sich nun einmal in Worten, Redewendungen und Sätzen zu vollziehen scheint. Und diese Sätze sind der Kern seiner Neurosen’.“

Obwohl Ellis die RT ursprünglich auf Grund seiner Erfahrungen und Auseinandersetzungen mit der Psychoanalyse entwickelte und obwohl in diesem philosophisch begründeten Ansatz zur Lebenskunst auch heute noch klare Bezüge zu neo-analytischen und phänomenologischen Modellen zu erkennen sind, galt die RT für viele zunächst als zu „verkopft“ oder gar als „gefühllos“.
Ellis, zu dessen wesentlichen Eigenschaften immer auch seine Befähigung zur Selbstkritik zählte, nahm deshalb in den 60er Jahren eine Namensänderung vor, die auch dokumentieren sollte, dass Empfindungen und Gefühle überaus wichtige Bestandteile des Selbstfindungsprozesses beim Menschen sind.
Unter dem Markennahmen Rational-Emotive Therapie (RET) haben die Prinzipien und Methoden von Albert Ellis dann zu einem neuen Verständnis von psychischen Problemen und des Umgangs mit ihnen geführt. Als sich nämlich zu Beginn der 70er Jahre eine radikale Neuorganisierung der Verhaltenstherapie anbahnte, da war Ellis ein wichtiger Ideengeber für die kognitiv ausgerichteten Ansätze der Verhaltensmodifikation.

Es waren ganz besonders Don Meichenbaum und Mick Mahoney, die sich auf Al Ellis bezogen, und Ellis kann mit einigem Recht als der Großvater der heute so populären Kognitiven Verhaltenstherapie gelten.

In der BRD ist Ellis jedoch schon im Verlauf der 60er Jahre bekannt geworden, nicht so sehr als innovativer Psychotherapeut, sondern als – wie es der „Spiegel“ 1967 formulierte – „berüchtigster Sexual-Apostel Amerikas“. Im „Stern“ vom 19.11.1967 propagierte Ellis den „gesunden Ehebruch“ und es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Albert Ellis neben Alfred Kinsey, Virginia Johnson und William Masters zu den Pionieren der heute so viel besungenen „Sexuellen Revolution“ gehörte.

Die ins Deutsche übersetzten Bücher (u.a. „Lieben ohne Schuldgefühl“, „Liebe als Kunst und Wissenschaft“) aus der damaligen Zeit waren Aufklärungsschriften im besten Sinne. Diese Ratgeber sind heute längst vergriffen, aber sie geben immer noch einen deutlichen Eindruck davon, dass Ellis in seiner praktischen Arbeit stets auch sehr verhaltensbezogen und praxisorientiert vorging.

Ellis war sich immer bewusst, dass das Ergebnis von kognitiver Umstrukturierung und von im sokratischen Dialog herbeigeführter Einsicht letztendlich nur im konkreten Tun und Handeln sowie in allgemeinen Verhaltenskompetenzen  zu beobachten sein würde. In diesem Sinne ist es dann wohl nur konsequent gewesen, wenn Ellis seine Therapieform 1993 noch einmal neu benannte.
Die Namensgebung Rational-Emotive Behavior Therapy (Rational-Emotive Verhaltenstherapie; REVT) soll zum Ausdruck bringen, dass sowohl in der Therapie psychisch gestörten Erlebens und Verhaltens als auch bei der Entwicklung von präventiven Maßnahmen und individuellen Schutzfaktoren das Denken, Fühlen und Handeln eines Menschen gleichermaßen mit einzubeziehen ist.
Die kognitiv ausgerichteten Therapieansätze und die kognitive Erweiterung der Verhaltenstherapie haben zu zahlreichen, produktiven Anregungen für die Klinische Psychologie geführt, und es steht heute außer Frage, dass sich bei diesen Verfahren um bestens bewährte Methoden und therapeutische Strategien handelt. Die REVT hat sich stets auch als ein Teil der kognitiven Verhaltenstherapiebewegung verstanden.
Dennoch hat es die REVT immer auch in einer originären, spezifischen Form gegeben, und sie hat sich in ihrer theoretischen wie praktischen Ausrichtung bisweilen nicht unerheblich von den anderen kognitiven Methoden unterschieden.
Die dezidiert philosophische Ausrichtung der REVT, ihre Verwurzelung in den Entwürfen und ganz besonders den Praktiken der antiken Seelenführer, ihre Bereitschaft, den Menschen anzuleiten, Konfliktspannungen zu ertragen und mit widerstreitenden Tendenzen zu leben, und schließlich ihre auf (Selbst-)Akzeptanz hinzielende Lebenshaltung, Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen, all dies sind Aspekte, die in dieser eindeutigen Form einmalig in den Therapiekonzepten der Moderne sind.

Die Sichtweise  der REVT, dass nicht die sogenannten aktivierenden Ereignisse (A für „activating events“), sondern insbesondere die abstrakten, übergeordneten Wissensstrukturen (B für „belief systems“) die emotionalen Konsequenzen (C für „consequences“) bestimmen, findet sich in den heute dominierenden kognitiven Emotionstheorien wieder. Rainer Reisenzein schreibt (im Handbuch der Klinischen Psychologie und Psychotherapie) über die Entstehung von Emotionen, dass positive Gefühle auftreten, wenn man einen Sachverhalt positiv bewertet; negative Gefühle, wenn man ihn negativ bewertet. Weitere Differenzierungen von Emotionen hängen von den Tatsachenüberzeugungen, also den Belief-Systemen, über das aktivierende Ereignis ab. Kurzum, Emotionen werden im Prinzip als Folgen kognitiver (bewusster wie unbewusster) Analysen betrachtet. Dementsprechend misst die REVT der Identifikation und Veränderung derjenigen Belief-Systeme, die zu dysfunktionalen Konsequenzen führen können, besondere Bedeutung bei.

Bei seinen regelmäßigen Deutschland-Aufenthalten konnte Ellis ein breites Fachpublikum durch sein Charisma und seine humorvolle, charmante Art beeindrucken. In bemerkenswerter Offenheit hat sich Ellis immer dazu bekannt, dass sein Hauptmotiv als Psychotherapeut tätig zu werden, darin bestand, sich selbst dabei zu helfen, ein weniger ängstliches, mithin glücklicheres Leben zu führen.

Jahrzehntelang hat er so trotz zahlreicher, schwerwiegender körperlicher Beeinträchtigungen (u.a. Diabetes, Schlafstörungen, massive Beeinträchtigung der Sehkraft, ständiges Nachlassen des Hörvermögens bis zur vollkommenen Taubheit), sein Plädoyer für Autonomie und Selbstvertrauen des Menschen gleichsam durch die eigene Person vorgelebt.

Bis zuletzt hat er sich gewünscht, 120 Jahre alt zu werden, um noch lange Zeit das Lied zu Ehren des Hl. Albert singen zu können.
Seine faszinierende und charismatische Stimme ist nun verstummt. Der wache, aufgeklärte Geist von Albert Ellis wird der Klinischen Psychologie fehlen.

Burkhard Hoellen, Merzig


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