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Zum Gedenken an Prof. Jürgen Bortz

Jürgen Bortz ist im Alter von 64 Jahren nach jahrelanger progredienter Erkrankung verstorben.


Wahrscheinlich erging es vielen Studenten der Psychologie wie mir: mit der Entscheidung für dieses Studium verband sich die innige Hoffnung, nie wieder mit Mathematik in Berührung kommen zu müssen. Und wie ich sahen sich wohl viele in dieser Hoffnung massivst getäuscht. Ich hatte aber das Glück, am Psychologischen Institut der TU Berlin studieren zu können, an dem Prof. Bortz den Lehrstuhl für Methodenlehre inne hatte. Er hatte ihn 1972, als 29-Jähriger, übernommen. In seiner Vorlesung, die man nun einmal zu besuchen hatte ohne Rücksicht auf jedwede Abneigung, konnte es einem dann aber passieren, dass man sehr gespannt zuhörte, dass man es sogar schade fand, wenn sie zu Ende war. Denn Jürgen Bortz verstand es, komplizierte Materie sehr einfach und auch noch unterhaltsam zu präsentieren. Dabei kam ihm zugute, dass er praktisch schon zu allen vorstellbaren Themen geforscht hatte und an den unterschiedlichsten Forschungsfragen die jeweils adäquaten Methoden veranschaulichen konnte. Und dies tat er mit Begeisterung. Er wurde auch nicht müde, uns Studenten immer wieder aufzufordern, die nötigen Schritte z.B. eines t-Tests einmal mit einem Taschenrechner zu rechnen (zu Fuß sozusagen) und sich damit die Chance zu geben, den Vorgang wirklich verstehen zu können. Kurz bevor ich die Vorlesung im Jahr 1982 besuchte, war „der Bortz“ erschienen, „Statistik für Sozialwissenschaftler“, und er lockte damit, dass man bei Berechnungen „zu Fuß“ auch all die Fehler finden könnte, die sich in das Buch eingeschlichen hatten. Ich kenne einige, denen die Aussicht, dem großen Bortz Fehler nachweisen zu können, Motivation war, sich die vielen Berechnungen im Buch sehr genau anzusehen. Und Jürgen Bortz war immer wieder froh, wenn ihm ein Fehler nachgewiesen wurde, auf diese Weise wurde dieses monumentale Buch, die Methodenbibel, immer besser. Narzisstisch gekränkt war er dadurch nicht. Auf die Palme brachte ihn aber das, was er unter Ignoranz und Faulheit verstand oder wenn man nicht mit seinen intellektuellen Höhenflügen mithalten konnte, weshalb er auch als schwieriger Chef galt.

Er war fest davon überzeugt, dass gute Sozialwissenschaftler, und dazu zählte er die Psychologen, sehr gute Methodenkenntnisse haben müssten, damit die Wissenschaftlichkeit der Profession gewährleistet bleiben konnte. Dies war ihm das zentrale Anliegen. Und er konnte sich furchtbar aufregen, wenn Menschen „hoch“ und „höchst“ signifikante Ergebnisse berichteten. Für ihn war klar: es gibt nur Ergebnisse auf unterschiedlichen Signifikanzniveaus, woraus man aber nicht ableiten durfte, dass eines „höher“ und damit besser war als ein anderes. Diese Betrachtungsweise erschien ihm unwissenschaftlich, ebenso die Versessenheit darauf, unbedingt „signifikante“ Ergebnisse produzieren zu wollen. Auch nicht signifikante Ergebnisse hätten ihre Berechtigung und manchmal sei es doch besser, genau ein solches Ergebnis zu bekommen. Immer hinge es doch von der Fragestellung ab und die müsse bei allem Berechnen doch im Mittelpunkt stehen. In allen Seminaren hob er hervor, dass es nicht darum gehe, zunächst ein „schönes, signifikantes“ Ergebnis zu berechnen und danach die Fragestellung zu formulieren. Und auch hier konnte er sich wirklich aufregen.

Mit seinen klaren Positionen, seiner Begeisterung für die ach so spröde Methodenlehre, seiner zutiefst sympathischen und nachsichtigen Art (z.B. auch in Vordiplomprüfungen) vermochte er, bei den Studenten ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass gute Methodenkenntnisse die Grundlage für eine gute Ausbildung sind und hat damit viele Vorurteile abgebaut. Wahrscheinlich ist es vielen an der TU Berlin wie mir ergangen: begeistern konnte ich mich nie für Statistik, aber ich habe dank Jürgen Bortz meine inneren Hürden abgebaut, habe mich durch seine später erschienenen Bücher zumindest partiell gewühlt, um in meiner eigenen Forschungstätigkeit keine Fehler zu machen. Auf „den Bortz“ war halt immer Verlass.

Jürgen Bortz ist im Alter von 64 Jahren nach jahrelanger progredienter Erkrankung verstorben. Ich denke mit großer Bewunderung an ihn.

Andrea Benecke, Mainz


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