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Gesellschaft, Gesundheit und Geld

Zu den Herausforderungen und Fragen der postmodernen Medizin


Den Risiken einer „Entsolidarisierung“ unserer Gesellschaft am Ende der sozialen Marktwirtschaft unter dem Feuer der Wirtschaftsliberalisierung im Sozialbereich mit einer ethikfreien Machbarkeitsmedizin stehen möglicherweise innovative Chancen für individuelle und pluralistische alternative Wege zu einer verantwortungsbewussten, klientenzentrierten Heilkunde gegenüber … Nachfolgender Artikel entstand anlässlich des geplanten Symposions „Helfende Beziehung als Ware? Ästhetische Entwürfe jenseits des Ökonomisierungswahns“ am 18./19. April 2008 in Oldenburg  

Von Michael Schlicksbier-Hepp[1]

Die Ausgangslage: Der „Sündenfall“ einer rassistischen, später kriegsrationalisierten „Billig-Medizin“ des Nationalsozialismus hat den Menschen in der radikalsten Form im Dienste einer Ideologie ausgebeutet, industriell getötet, verwertet und einer staatlichen Zwangsökonomie zum Nutzen der Machthaber und ihrer kruden Ideale unterworfen. Die Erkenntnisse aus menschenverachtenden Experimenten wurden während der Gräuel späterer Kriege ergänzt und der so genannten wissenschaftlichen Medizin nutzbar gemacht, die sich zwar mit Ethikerklärungen von den furchtbaren Forschern der Nazis absetzt und ihre Quellen verschweigt, jedoch auf dem Wege ist, in ihrer „Unfähigkeit zu trauern“ (Mitscherlich) eine völlig wertfreie Humanmedizin zu entwickeln, in der das angewendet wird, was möglich und machbar ist. Und machbar ist immer mehr, was bezahlbar ist, und dieses wird letztlich vom Auftraggeber und dessen Budget bestimmt. Entsprechend steigen die Erwartungen. Der heute von Kritikern oft so genannte „medizinisch-industrielle Komplex“ gehört weiterhin zu den am meisten boomenden Wirtschaftszweigen mit allen Folgen der Ökonomisierung und damit auch Rationalisierung. Dies spüren erneut die schwächeren, weniger Leistungsfähigen sowohl innerhalb unserer wohlhabenden Ökonomien wie in den so genannten Schwellenstaaten und Entwicklungsländern. Globalisierung bedeutet nämlich in diesem Fall auch, dass  pharmazeutisch-chemische Industrien nach günstigen Produktionsstandorten in Niedriglohnländern mit geringen Steuern und Umweltauflagen suchen, Pharma-Multis aber durch patentrechtliche Privilegien gleichzeitig verhindern, dass in ärmeren Ländern wichtige Arzneimittel Jahrzehnte nach ihrer Entdeckung kostengünstig für den eigenen Markt hergestellt werden dürfen.

Im Gegensatz zur Rassenideologie der Nazis vom reinen, kraftstrotzenden und gesunden Arier ist heute der Leistungsfähige in einer kapitalistischen Demokratie der wirtschaftlich starke, gut ausgebildete Bürger, der sich zudem eine geeignete Interessenvertretung schaffen kann. Er ist der „Kunde“, auf den die industrialisierte, rationalisierte und ökonomisierte Medizinwissenschaft und ihre Produkte spekuliert. Gesamtgesellschaftliche Risiken von Krankheit und Alter werden in Versicherungsunternehmen gehandelt und kapitalisiert. Angebot und Nachfrage regulieren den Gesundheitsmarkt mehr denn je mit allen Chancen und Risiken einer ethisch ungebundenen Kommerzialisierung. Dass dies nicht ausschließlich kritisierbar sein kann, lehren uns die Erfahrungen mit pervertierter Moral wie im Nationalsozialismus. So bleibt es dem Einzelnen heute unbenommen, sich nicht zum Objekt einer Apparatemedizin oder biologischen Psychiatrie mit ihrer Psychopharmakotherapie und Elektrokrampfbehandlung zu machen, sofern nicht gesetzliche Einschränkungen in die Freiheit des Einzelnen zum vermeintlichen Wohl aller eingreifen, z.B. durch Seuchen- und Impfgesetze sowie freiheitsentziehende Maßnahmen bei psychisch und sozial abweichendem Verhalten.

Aufgekündigt: der Solidarpakt der “sozialen Marktwirtschaft“

Dafür kommt es seit der Deregulierung sozialstaatlicher Elemente in den Industriestaaten, in denen als Alternative zur kapitalistischen und sozialistischen Werteordnung in den sechziger Jahren die „soziale Marktwirtschaft“ etabliert wurde, zu der immer häufiger kritisierten „Entsolidarisierung“ der Gesellschaft. In der Arbeitswelt, im Gesundheitswesen, in Bereichen der Altersvorsorge und der Pflege entsteht ein immer größeres Gefälle zwischen relativ Wohlhabenden und denen, die auf öffentliche Versorgung angewiesen sind. In der Entwicklung der Medizin hatte es an der Schwelle zur Moderne unter der Idee einer immer besseren Behandelbarkeit oder gar Heilbarkeit von Krankheiten und psychischen Leiden als Fortschritt gegolten, dass man sie immer genauer definieren und somit auch einer Therapie zugänglich machen konnte. Der Kranke durfte, wenn er sich auch entsprechend behandeln ließ, auf Verständnis und Hilfe und somit Solidarität der Gemeinschaft hoffen. Von dieser Haltung „profitierten“ auch die so genannten psychisch Kranken und Geisteskranken, nachdem sie den Irrungen der Diktatur mit ihrer Terrormedizin und der Kriegspsychiatrie entronnen waren. Die Anerkennung der psychischen Erkrankungen und ihre Behandelbarkeit wurden als Meilenstein begriffen, und man versuchte schließlich sogar, diese Patienten aus dem Schattendasein der verwahrenden „Nervenheilanstalten“ herauszuführen und mit medikamentöser und psychotherapeutischer Behandlung sowie sozialen Maßnahmen in die Mitte einer toleranter und sozialer eingestellten Gesellschaft zu führen.

Diese Gesellschaft nahm zunächst das alte Ideal wieder auf, dass auch die medizinische Wissenschaft Dienst am Menschen sei. Zu Beginn der wissenschaftlichen Medizin, in der ein Pasteur, ein Behring, ein Ehrlich oder Koch agierten, war dies auch schon so, und doch gelang es diesen Forschern teilweise recht erfolgreich, ihr wissenschaftliches Interesse und ihr teilweise schon sozialmedizinisches Ethos mit guten Geschäften ihrer Labore durch Gewinn bringenden Verkauf ihrer Entdeckungen zu verbinden. In der derzeitigen Entwicklung sehen wir erneut wie zu Gründerzeiten, dass zumal universitäre Wissenschaft auch in der Humanmedizin und der Entwicklung von Medizinprodukten die enge Verbindung zur Wirtschaft und Verwertung von Forschungsergebnissen sucht. Genauer gesagt sucht man sich gegenseitig. Forscher sind an Drittmitteln für Forschungen interessiert, mit der sie sich einen Namen machen können. Für den persönlichen Wohlstand sind immer wieder Wissenschaftler gegen “angemessenes Honorar“ bereit, Forschungsergebnisse und Studien mit ihrem bekannten Namen zu veredeln, die nicht sie selbst, sondern wissenschaftliche Mitarbeiter von Pharmafirmen im Sinne ihrer Arbeitgeber produziert haben.

Über zwielichtige Studien im Namen von Forschern mit einem Interessenkonflikt zwischen Lobbyarbeit für gut zahlende Pharmagiganten und freiem Forschungsinteresse liest man immer wieder im Zusammenhang mit der Aufdeckung von Pharmaskandalen mit schwerwiegenden, zum Teil vertuschten Medikamentennebenwirkungen. Diese Skandale belegen, wie sehr das Interesse der pharmazeutischen Industrie letztlich der Vermarktung der Produkte gilt, für die sie wissenschaftliches Renommee suchen, und wie wenig dem Nutzen und der körperlichen Unversehrtheit der Anwender. Der Verbraucherschutz hinkt trotz der theoretischen Marktmacht des Kunden immer hinterher. Ob er aus Schaden klüger wird und schließlich sein ganzes Denken ändert, statt nur die Gerichte anzurufen? Statt schonungsloser Ursachenforschung gilt auch hier oft nur das Prinzip, nach einem Schuldigen zu suchen. Ohne die eingefahrenen Denkweisen der Mediziner und Patientenkönnte jedoch weder der Schaden durch noch der Gewinn für die pharmazeutische Industrie so groß ausfallen: ein Schaden, der vom “Deutschen Ärzteblatt“ auf immerhin ca. 16000 jährliche Todesopfer durch Fehlverschreibungen und fatale Neben- oder Wechselwirkungen von Medikamenten in der Bundesrepublik geschätzt wurde, von den lediglich Erkrankten ganz zu schweigen!

Medizinökonomie: das deutsche Kassenarztsystem und Krankenhauswesen

Im Folgenden wollen wir uns anschauen, welche Wege Medizin und Ökonomie vor allem in Deutschland in Praxen und Kliniken bislang zurücklegten.

Insbesondere in den Erholungsphasen nach den Kriegen in Deutschland hat sich unter den niedergelassenen Kassenärzten ein prosperierender Berufsstand mit florierenden Praxen entwickelt. Die Zahl der niedergelassenen Ärzte stieg, und die meisten strebten eine gut gehende Kassenpraxis an. In den letzten zwanzig bis dreißig Jahren wurden in Deutschland unter anderem aufgrund der zahlreicher werdender Konkurrenz die anfänglichen Befürchtungen dann doch zu einer zunehmenden Realität, auch wenn anfangs viele niedergelassene Ärzte auf hohem Niveau klagten. Die Gebührenordnungen wurden kaum den allgemeinen Preissteigungen angepasst, ärztliches Gespräch und persönliche Aufwendungen wurden im Vergleich zu apparativen Untersuchungen mit lächerlich kleinen “Punktwerten“ vergütet. Personalintensiv arbeitende pädiatrische und allgemeinmedizinische Praxen gerieten im Vergleich zu Spezialpraxen mit hohem Geräte- und Laboreinsatz trotz der dafür erforderlichen höheren Investitionskosten oft ins Hintertreffen. Nach missglückten Gesundheitsreformen sind die Fronten im Kampf um Budgetanteile der ausufernden Gesundheitsausgaben so verhärtet, dass manche Monopolisten unter den Kassenärzten wie die Kieferorthopäden kollektiv ihre Kassenzulassung zurückgaben, was die Gesundheitsminister und die Kassen mit dem Import osteuropäischer Kieferorthopäden, die dank erheblich niedrigerer Einkommen in ihrem Heimatland hungrig auf den deutschen Markt strömten, beantworteten: Globalisierung in der Gesundheitspolitik mit “Braindrift“ diesmal von Ost nach West. Deutsche Kassen- und Krankenhausärzte arbeiten hingegen wegen der vergleichsweise deutlich geringeren Leistungsvergütungen respektive Gehälter immer öfter in Großbritannien, USA, Norwegen, Luxemburg, Schweiz, Golfstaaten etc. Die zurückbleibenden Kassenärzte machen mit Praxenschließungen für Protesttage und Einschränkungen bei der Krankenversorgung, wenn die pauschalierte Vergütung durch neue Behandlungen oder Neuaufnahmen von Patienten in die Kartei gegen Jahresende zu sinken droht, auf finanzielle Einbußen aufmerksam.

Sinkende Praxiseinnahmen und hohe Ablösesummen bei Praxis- und Patientendateiübernahme veranlassten immer mehr Fachärzte, in einer Krankenhausanstellung zu verbleiben. Die Krankenhäuser wuchsen mit ihrem stationären und ambulanten Angebot, was auch dazu führte ? da die Kranken ja nicht zunahmen ?, dass die Angestelltengehälter im öffentlichen Dienst zwar sicherer erschienen, aber relativ stagnierten. Steigende Gesundheitskosten und der neu einsetzende Sparzwang der Krankenkassen führten bald zu starkem Druck auf stationäre Einrichtungen, ihre Effizienz zu erhöhen, Betten abzubauen und Personal einzusparen. Dies betraf Pflegekräfte, Spezialpersonal und Ärzte gleichermaßen. Menschliche Betreuung lässt sich jedoch nicht beliebig reduzieren, ohne die Qualität der Medizin zu beeinträchtigen. Um den Wettbewerb anzuheizen, wurden Fallpauschalen eingeführt. Ein Krankenhaus bekommt für die Behandlung pro Patient und Diagnose einen Pauschalbetrag, unabhängig von Liegezeit, Behandlungsaufwand und Material, um den Patienten entlassungsreif zu pflegen. Dies stimuliert dazu, den Patienten möglichst kurz und ressourcensparend zu behandeln sowie seinen Zustand möglichst schwer einzuschätzen, um mit der Fallpauschale noch einen Gewinn einzufahren. Die Kehrseite der Rationalisierungsbemühungen in den Krankenhäusern ist, dass immer weniger Personal immer mehr pflegerische, ärztliche, Dokumentations- und Verwaltungstätigkeit für ein stagnierendes, durch Privatisierungen und Hausverträge sogar sinkendes Gehalt zu leisten hat. Die damit einhergehenden Qualitätseinbußen empören die Patienten, ungenügende oder sogar fehlerhafte Behandlungen schädigen sie sogar. So ist es logisch, dass den amerikanischen Entwicklungen zwar nachhinkend, aber im Gefolge dieser weiteren Ökonomisierung der Medizin der vermeintliche oder tatsächliche Behandlungsschaden in auch bei uns häufiger werdenden Kunstfehlerprozessen zunehmend in Geldwert quantifiziert und eingeklagt wird. Daran verdienen Juristen und Versicherer. Nicht immer wird dem Patienten dadurch geholfen. Nach wie vor neigt er im schulmedizinischen System dazu, seinen Körper beim Arzt und in der Klinik abzugeben und dem Experten alle Verantwortung zu überlassen, um dann im Falle enttäuschter Erwartungen oder tatsächlicher Fehlbehandlungen Mediziner und Krankenhäuser möglichst zur Verantwortung zu ziehen. Der Preis ist neben steigenden Versicherungsprämien und Umsätzen für ärztliche Gutachter, verstopfte Schlichtungsstellen und Gerichte eine zunehmende Verunsicherung bei Patienten wie bei Ärzten sowie ein allgemeiner Vertrauensschwund gegenüber der Medizin.

Waren in den goldenen Zeiten sozialer Marktwirtschaft noch viele Kliniken in öffentlicher sowie kirchlicher Trägerschaft, was damals schon einen geringeres Gehalt und eine größere soziale Kontrolle für die kirchlichen Mitarbeiter bedeutete, wurden mit zunehmendem Kostensenkungsdruck potenziell lukrative Kliniken von überschuldeten Gemeinden an solvente Investoren verkauft, die nach streng wirtschaftlichen Kriterien ausgerichtete Klinikkonzerne schufen. Konkurrenzfähige öffentliche Unternehmen wurden zum Zweck der Verschärfung der Arbeitsbedingungen nach dem Motto +Mehr Leistung in kürzerer Zeit mit weniger Mitarbeitern für weniger Geld^ zu Eigenbetrieben privatisiert. Man hofft, durch zunehmenden Abbau der gewerkschaftlich ausgehandelten Tarife für den öffentlichen Dienst (Bundesangestelltentarif) im Wettbewerb mit privaten Klinikkonzernen und kirchlich subventionierten Häusern bestehen zu können (mittlerweile geht auch den Kirchen das Geld aus). Konsequent mutet es an, dass als Folge der Ökonomisierung auch die Auseinandersetzungen innerhalb der Arbeitnehmerschaft im Verteilungskampf um die Gehälter im Gesundheitssektor zunehmen. Der Druck lässt zu den traditionellen Spannungen zwischen Pflegebereich und ärztlichem Dienst den „Neidfaktor“ noch einmal ansteigen. Neben der Großgewerkschaft für den öffentlichen Dienst, +ver.di^, die von Skandalen und Mitgliederschwund nicht verschont blieb, etabliert sich der +Marburger Bund^ als “Ärztegewerkschaft“ im Streit um einen ärztespezifischen Tarifvertrag, nachdem ein ver.di-Abschluss mit Einkommenseinbußen bei manchen Ärztegruppen verbunden war. Während das Ausland Bilder von streikenden Ärzten in Italien, Frankreich, Großbritannien oder Israel bereits kennt und teilweise im Zusammenhang damit einen Rückgang der Sterbezahlen verzeichnet, gehen nun auch in Deutschland Ärzte auf die Straße und streiken, allerdings unter Belassung eines Notdienstes. Dem +Marburger Bund^ gelingt mit seinem ärztespezifischen Tarifvertrag die erhoffte Gehaltsanpassung an die durchschnittlichen Einkommen im west- und nordeuropäischen Ausland und die Senkung der Arbeitsbelastung mit fachfremden Verwaltungsaufgaben letztlich nicht. Die Wochenarbeitszeit steigt wieder auf vierzig Stunden und nivelliert damit zusammen mit dem gekürzten Urlaubs- und Weihnachtsgeld die moderate Gehaltserhöhung. Die Arbeitgeber nutzen Auslegungsspielräume, die jahrelang die Gerichte beschäftigen werden, um Oberärzte in den Facharzttarif abzustufen und damit Gehaltssenkungen zu bewirken. Schon immer versuchten die Kliniken, ihren Personalbedarf billig zu decken. Junge, nicht voll approbierte Billigärzte hießen erst „Medizinalassistenten“, dann „Ärzte im Praktikum“. Patientenaufnahme, Untersuchungen, Dokumentation, Blutentnahme, Verbandswechsel, Visitenvorbereitung und OP-Assistenz leisten Medizinstudenten unentgeltlich im +praktischen Jahr^ vor dem dritten Staatsexamen. Weitere Ausbeutungsinstrumente sind sehr lange, unentgeltliche Praktika, die ausländische Ärzte und Psychologen zur Erlangung ihrer Approbation oder Therapieausbildung leisten müssen. Auch Zivildienstleistende werden als billige Pflegekräfte und sogar für ärztliche Tätigkeiten eingesetzt, solange sich deren Einsatz im Rahmen der Personaleinsparungszwänge noch als lukrativ erweist. Die Arbeitsanforderungen für das diplomierte Pflegepersonal und das zunehmende Heer schlecht bezahlter Pflegehilfskräfte wachsen. Als letzte Entwicklung der Ökonomisierung von Wissenschaft und Lehre stutzen Studiengebühren die Chancengleichheit für den Bildungsnachwuchs aller Einkommensschichten.

Kranksein wird wieder zum Einzelrisiko

Die Kommerzialisierung und Ökonomisierung der Medizin einschließlich Psychiatrie bedeutet nun allerdings zunehmende Nachteile für Patienten, denen man eine „teure“, aufwendig oder schwer zu behandelnde, chronische Krankheit attestiert. Das ökonomische Risiko der lang dauernden Behandlung wird zunehmend von den einstigen Solidargemeinschaften, wie den Krankenkassen und –versicherungen, die sich zum Teil zu börsenspekulierenden Großunternehmen gemausert haben, an den Einzelnen zurückgereicht. Ein Kranker genießt heute weniger Rücksichtnahme und Verständnis. Unter Umständen wird er beschuldigt, sich selbst und die Gemeinschaft durch falsche Ansichten und Verhaltensweisen, die sich in seine Krankheiten auswirkten, geschädigt zu haben. Dass diese Ansichten oft systemimmanent sind und auch die Gesellschaft mit ihren Normen und Glaubenssätzen „krank macht“, wie eine sozialmedizinisch motivierte Ärztegeneration der siebziger Jahre noch reklamierte, will man heute gern vergessen. Der Kranke muss schneller genesen und weniger Kosten verursachen, sonst wird er seinem Arzt und seinem Krankenhaus lästig, weil zu teuer. Der unter allen Umständen anpassungsfähige Mensch, dessen psychologisches und biologisches Innenleben aber immer allergischer auf die gesellschaftlichen und ökologischen Schäden einer neoliberalen, kapitalistischen Ökonomisierung aller Lebens-, Innen- und Umweltbereiche reagiert und rebelliert, ist dennoch weiterhin das Maß aller Dinge, der zukunftsträchtige Homo Darwinus der Postmoderne. Doch ist er auch ein Mensch der Angst, der nicht mehr wagt, aus Furcht vor Arbeitsplatzverlust eine Erkrankung in Ruhe mit Naturheilmitteln auszukurieren.

Risiken und Chancen: Fragen ohne Antworten?

In diesem Spannungsfeld kommen ebenso radikal pointierte, polare Gegenvisionen auf, die zum Teil als ein Rückgriff auf vorwissenschaftliche Ideen imponieren, zum Teil als synkretistische Weiterentwicklungen ergänzender oder alternativer Medizintheorien. Radikal individualistische Lösungen unter dem Primat des absoluten Freiheitsgedankens finden genauso Anhänger wie soziale Vorstellungen über die gesellschaftliche Verantwortung und die Einordnung des Einzelnen in eine allgemein gültige soziale Idee. Dazwischen bemühen sich Menschen unterschiedlichster Anschauungen und Erfahrungen als Bürger, Patienten, Heilkundige, Ärzte, Angehörige von Pflegeberufen, Wissenschaftler, Politiker und Heilmittelhersteller nicht nur die Gefahren der bisherigen Entwicklung zu analysieren und zu verstehen, sondern auch die Möglichkeiten zu Weiterentwicklungen und neuen Dimensionen eines Verständnisses und eines gesellschaftlichen Konsenses. Ein blühender Markt unterschiedlichster Angebote auf dem Gebiet der Heilkunde, Diagnostik, Pflege, Prävention und des so genannten Wellness-Bereiches kündet von einer emsigen Suche nach Alternativen in einer zwar aufgeklärten, aber auch wirtschaftsorientierten, mehr oder weniger freien, demokratisierten Gesellschaft, zumindest in den wohlhabenden Regionen dieser Erde. Selbst mittelalterliche Ideen aus dem karitativen Geist der Krankenpflege finden ein neues Interesse auf der Suche nach würdigen Orten für die Pflege der von der Schulmedizin aussortierten, moribunden und nur noch palliativ behandelten Patienten: Ein Hospizwesen entsteht mit stationären und ambulanten Betreuungsangeboten und integrierter ärztlicher Versorgung.

Schon in den sozialmedizinischen Basisbewegungen der siebziger Jahre bemühten sich zunächst sozialistisch oder zumindest gesellschaftskritisch eingestellte Haus- und Krankenhausärzte und andere Angehörige helfender Berufe um eine soziale Standortbestimmung in der Krankenversorgung. Der Patient wurde auch als ein unter der Gesellschaft und deren Ökonomie leidendes Subjekt mit Menschen- und Patientenrechten begriffen. Der Arzt und das Medizinsystem sollten ein soziales Gewissen und Verständnis entwickeln und die vielfältigen Systeme, in dem ein Mensch lebt, unter die Lupe nehmen. Das systemische Denken der Psychotherapeuten sozialkonstruktionistischer Richtung passte gut in diese Bewegung “von unten“, der sich namhafte Sozialwissenschaftler anschlossen, die als sozialdemokratische Vorzeigewissenschaftler galten wie Marcuse, der psychoanalytische Theorien mit marxistischer Gesellschaftskritik verknüpfte, Popper, der ebenfalls linke Theorien mit der Psychologie verband, oder Habermas, der sich mit der analytischen Philosophie Wittgensteins, mit Psychologie und schließlich dem großen Thema der Kommunikation in unserer komplexen Gesellschaft befasste. In der praktischen Medizin war dies die Zeit, in der auch vielen Medizinern in größerem Umfang die eigentlich schon bekannten Zusammenhänge zwischen Gesellschaft, Psyche und körperlichem Wohlbefinden bzw. Erkrankung dämmerte. Die Psychosomatik und das systemische Denken in der Psychotherapie bekamen einen gewaltigen Aufschwung und die Disziplin der Sozialmedizin etablierte sich endgültig und trat aus dem Schatten der Arbeits- oder vorbeugenden Seuchenmedizin der Hygienefachleute heraus.

Parallel dazu entstanden Selbsthilfegruppen. Zunächst waren chronische, schwer behandelbare und psychische Erkrankungen der Anlass für Patientengruppen, sich zu organisieren und Erfahrungen auszutauschen, anfangs noch an Stammtischen und in Briefzirkeln, seit dem Internet nun auch virtuell und grenzenlos. Kritisches Bewusstsein entsteht: Man will nicht mehr Behandlungsobjekt sein und den Verstand in der Garderobe der Praxis abgeben, beansprucht bessere Aufklärung, mehr Zuwendung zu den subjektiven Bedürfnissen der Patienten, psychosoziales und ganzheitliches Verständnis und eine menschenbezogene Forschung, die den Patienten schützt und ihm nützt und nicht dem kommerziellen Medizinmoloch. Man sucht danach, verstanden zu werden, aber auch, eine Gegenmacht aus den vereinzelten und für sich alleine geschwächten Kranken zu sammeln, nachdem sich die Krankenkassen in Konzerne verwandelt hatten und keine eigentlichen Interessenvertreter ihrer Mitglieder zu sein schienen, sondern eine Zwangsorganisation mit unpersönlichem Apparat. Konkurrenzmodelle sollen das jetzt ändern. Endlich gehen Patienten in den Selbsterfahrungsgruppen auch kritisch mit Diagnosen, Ätiologien und Prognosen um. Der “Halbgott in Weiß“ wird aufgrund unstimmiger Diagnosen und Prognosen und oft dubioser Schuldzuweisungen beim Versagen ärztlich verordneter Therapien Richtung Patienten sogar angefeindet und mithilfe von Ärzten, die den Patientenbewegungen nahestehen, entmystifiziert. Große Bedeutung haben die Patientenbewegungen innerhalb des Psychiatriesystems. Nach wie vor hängt den Betroffenen von seelischen und geistigen Erkrankungen ein Makel an, der sie von denjenigen, die hauptsächlich körperliche Symptome vorzuweisen haben, unterscheidet. Psychiatriepatienten werden weniger ernst genommen, ihre Leiden unter vielen persönlichen Einschränkungen über Wochen und Monaten in Anstalten mit nebenwirkungsreichen Medikamenten, Elektroschocks oder vereinzelt gar hirnchirurgischen Eingriffen “kuriert“. Die Gesellschaft verlangt den “Schutz vor diesen Irren“ und die Psychiatrie findet sich bis heute dem wahrhaft “schizophrenen“ Auftrag ausgesetzt, die Allgemeinheit vor den angeblichen Gefahren durch „Geisteskranke“ zu schützen, aber auch den psychisch Kranken vor den Aggressionen der so genannten Normalen. Die Selbsthilfegruppen der Psychiatrie-Erfahrenen stellen das Hierarchiegefälle in den psychotherapeutischen Beziehungen infrage und eine Psychiatrie, die es als Fortschritt verkauft, immer neue Diagnosen zu (er-)finden und zu deren Therapie immer wohlklingendere Präparatenamen. Immer deutlicher stellen Betroffene die Frage nach der Berechtigung und Relevanz von Unterscheidungen wie “normal“, “anormal“ oder “krank“, wenn sie vor allem dazu dienen, eine Gruppe auszusondern, zu erziehen und zu therapieren, notfalls sogar gewaltsam! Aus dieser Psychiatriebewegung kam der Anstoß zu Reformen, die sogar so genannte chronisch Kranke aus dem Ghetto ihrer Anstalten in eine gemeindenahe ambulante psychiatrische und sozialmedizinische Versorgung führte. Das kostet Geld und rechnet sich dennoch. Ohne Idealismus und die kritische Hinterfragung des Systems durch mündige Patienten und aufgeklärte Mediziner wäre dieser Weg dennoch nicht beschritten worden, zu groß ist die Angst im “System“!

Die technisierte, rationalisierte und ökonomisierte Medizin hat nicht nur in der Psychiatrie möglicherweise schon bald ihren Zenit erreicht, auch wenn sich ihre Gralshüter umso mehr aufbäumen, denn zurzeit schwingt das Pendel heftig zwischen polaren Positionen hin und her, was oft das Merkmal einer entscheidenden Krisis ist. Wenn der Mensch mit seinem Körper und seinen Empfindungen nur noch zum Objekt und die menschliche Beziehung zu einer zunehmend unbezahlbaren „Ware“ wird, die wissenschaftliche Medizin aber immer weniger heilen, sondern nur noch oberflächlich reparieren kannund gültige wissenschaftliche Beweise für die gesundheitsfördernde Wirkung vieler Arzneien und Impfungen auf sich warten lassen, beginnt sich der Widerstand derjenigen zu regen, die den Menschen als ein Ganzes aus Geist, Seele und Körper ansehen, zudem als ein Beziehungswesen und nicht als Maschine. Sie hinterfragen den Auftrag und die ausufernden Verwaltungsapparate der Krankenkassen und interessieren sich dafür, welche Leistungen tatsächlich nutzbringend sind und auch zu den Aufgaben einer solidarischen Krankenversicherung gehören. Müssen alle Impfungen mit kaum beweisbarem Nutzen und vielen Nebenwirkungen bezahlt werden? Welche Vorsorge bringt tatsächlich etwas außer Angst? Muss Abtreibung mit sozialer Indikation Krankenkassenleistung sein, oder ist es Aufgabe der Solidargemeinschaft als Ganze, unerwünschte Kinder in Würde aufzuziehen, wenn sie deren Beseitigung nicht gutheißt? Ist es Aufgabe der Krankenkasse, die Reproduktionsmedizin zu unterstützen? Wie weit kann man das Versicherungsprofil entsprechend dem Verantwortungsbewusstsein des Klienten individualisieren? Und schließlich: In welche Beziehung wollen wir als Heilungssuchende mit unseren Helfern treten und umgekehrt, und wie wollen wir uns Respekt und Anerkennung ausdrücken? Wie wollen wir die empfangenen Hilfen vergelten und wie sehen unsere gegenseitigen Verpflichtungen und Ansprüche aus? Wenn alles machbar und denkbar wird, heißt dies nicht, dass alle in diese Richtung vorstoßen wollen. Patienten, Heilkundige und Angehörige helfender Berufe befinden sich in einer Bewusstseinsentwicklung, in der das Selbstverständnis radikal überprüft wird. Dies erfordert radikale Fragen, deren Beantwortung immer dringlicher, aber auch schwieriger wird und immer weitere Fragen aufwirft: Ist (helfende) Beziehung Arbeit? Ist Beziehung Ware? Ist Beziehung bezahlbar? Helfen helfende Beziehungen? Hirnforscher stellen derweil infrage, ob das Gehirn, wenn es unser Bewusstsein kreiert, überhaupt in der Lage ist, zu unserer Heilung so über sich hinaus zu fragen, während ich mich mit anderen frage, ob wir nicht Anteil an einem großen Bewusstsein haben, das unter anderem das Gehirn schuf.

Michael Schlicksbier-Hepp ist Kinderarzt, Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie, systemischer Familientherapeut und Oberarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie in Wilhelmshaven.


[1] Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors. Erstabdruck: Zeitschrift der DGSP „soziale psychiatrie“, Heft 4 Oktober 2007.


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