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Aktuelle Trends in der psychosozialen Versorgung im Akutkrankenhaus – Leitlinien, Behandlungspfade, Zertifizierungen

Fachtagung der Fachgruppe Klinische Psychologinnen und Psychologen im Allgemeinkrankenhaus am 9./10.11.07 in Paderborn


Die Veranstaltung wurde von der Fachgruppe Klinische Psychologinnen und Psychologen im Allgemeinkrankenhaus (BDP, Sektion Klinische Psychologie) ausgerichtet und hatte das Ziel, die Vernetzung klinischer PsychologInnen im Allgemeinkrankenhaus zu fördern sowie neue Perspektiven in der psychosozialen Versorgung zu diskutieren. Die Fachtagung wurde erstmalig als „Expertentagung“ der Fachgruppe durchgeführt und erstreckte sich über zwei Tage. Inhaltlich stand der interdisziplinäre Austausch verschiedener Professionen über die Ausgestaltung der psychosozialen Versorgung in der Akutversorgung, insbesondere die Bedeutung von Leitlinien, Behandlungspfaden und Zertifizierungen, im Mittelpunkt. Die meisten Teilnehmer arbeiteten als klinische PsychologInnen in Akutkrankenhäusern; viele hatten einen psychoonkologischen Hintergrund, was den Verlauf der Diskussionen prägte.

Nach der Vorstellung der Fachgruppe und ihrer Arbeit durch Rupert Roschmann, Mitglied des Leitungsteams der Fachgruppe, gab Axel Halim von der Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen zum Einstieg einen Überblick zur Entwicklung der Krankenhausfinanzierung in NRW. Durch eine Abnahme an Krankenhäusern, Betten und Beschäftigten bei gleichzeitig höheren Fallzahlen seien in den Kliniken immer mehr „schwere Fälle“ mit hohem Versorgungsbedarf anzutreffen, was zu einer Kostensteigerung führe. In NRW schrieben bereits ein Drittel der Krankenhäuser rote Zahlen. Vor diesem Hintergrund stelle die Einrichtung psychosozialer Zentren, beispielsweise zur psychoonkologischen Versorgung, ein finanzielles Wagnis für die Kliniken dar, da die Mehrkosten nicht ausreichend durch die Kassen aufgefangen würden. Vorrangiges Ziel sei es daher, verbindliche Regelungen zur Finanzierung psychosozialer Zentren zu treffen.

Andreas Einig, Leiter der Stabstelle Unternehmensentwicklung der Barmherzigen Brüder Trier e.V., schloss sich mit einem ebenfalls ökonomisch orientierten Vortrag an. Er stellte die Aufgaben des Krankenhausmanagements und die Rolle von Leitlinien bei der Unternehmensentwicklung dar. Leitlinien hätten Einfluss auf alle Versorgungsebenen – es gelte, den gesamten Behandlungspfad einschließlich der Prozesse und Mitarbeiter zu überarbeiten und zu optimieren. Es wies auf die Chance hin, durch knappe finanzielle Mittel eine Neustrukturierung der Abläufe und letztendlich eine Weiterentwicklung und Verbesserung der Behandlungspfade erreichen zu können.

Anschließend referierte Andreas Werner vom Tumorzentrum Rheinland-Pfalz e.V. über die Bedeutung von Leitlinien für die sektorübergreifende psychosoziale Versorgung. Er gab einen Überblick zu Leitlinien bzw. Zertifizierungsrichtlinien in der Onkologie und stellte Schwierigkeiten vor, die mit der Umsetzung von Leitlinien in die Praxis verbunden sind. Sollen Leitlinien als Empfehlung oder Verpflichtung behandelt werden? Wie sieht es aus mit der Compliance der Behandelnden? Ist für PsychologInnen die Approbation nötig? Wie können Leitlinien politisch umgesetzt werden?
Der zweite Tag begann mit einem Überblick über Leitlinien und Zertifizierungsrichtlinien für die psychosoziale Versorgung im Akutkrankenhaus durch Ruth Wiedemann (Brüderkrankenhaus St. Josef, Paderborn). Sie hob die Bedeutung von Implementierungsempfehlungen für den Anwender der Leitlinien hervor und wies auf die Schwierigkeit hin, Leitlinien ständig auf aktuellem Stand zu halten. Sie bemängelte, häufig werde der Bereich der Akutversorgung in den Leitlinien nicht erwähnt und PsychologInnen seien nicht immer explizit genannt, sondern es werde von psychosozialer Versorgung allgemein gesprochen. Wiedemann wies auf die Bedeutung berufspolitischen Engagements und der aktiven Mitarbeit von PsychologInnen in Fachgesellschaften hin, um psychologische Stellen zu schaffen und zu sichern.

Martina Neikes vom berufsgenossenschaftlichen Unfallkrankenhaus Hamburg berichtete von der Implementierung von Leitlinien in der psychosozialen Versorgung Querschnittsgelähmter. Sie betonte, es sei wichtig, dass sich Praktiker mit der Wissenschaft vernetzten, um konkrete, umsetzbare und fundierte Leitlinien aufzustellen. Neben krankheitsspezifischen Unterschieden müsse man auch geschlechterspezifische Probleme wahrnehmen und dürfe die Angehörigen bei der Formulierung von Behandlungsleitlinien nicht vergessen.

Silvia Jung, Gesundheitswissenschaftlerin von der Universität Bielefeld, stellte auszugsweise ihr Promotionsprojekt vor, in dem es um die Implementierung interdisziplinärer psychoonkologischer Versorgung in Akutkrankenhäusern nach dem CMP- (Case Management Psychoonkologie) Programm ging. Als Erfolgsfaktoren für die erfolgreiche Implementierung eines neuen Versorgungskonzeptes nannte sie einen geeigneten Kontext für die Umsetzung, sachliche Unterstützung bei der Umsetzung und wissenschaftliche Überwachung des Implementierungsprozesses. Schwierigkeiten träten besonders am Ende der Implementierungsphase auf, wenn die externe Unterstützung ausbleibe und das neue Konzept in den Klinikalltag übernommen werden solle.
Am Ende der beiden Tage fand jeweils eine Podiumsdiskussion mit den Referenten statt, bei der der Anwendungsbezug im Mittelpunkt stand. Es wurde diskutiert, wie konkret Leitlinien formuliert sein sollten, um einerseits als Argumentationsgrundlage für bessere Arbeitsbedingungen zu dienen (hier wurde immer wieder auf den Mangel an „angemessenen“ Räumlichkeiten für PsychologInnen hingewiesen), andererseits besonders in finanzschwachen Kliniken nicht als vermessene Forderung abgetan zu werden. Insgesamt waren sich alle Referenten einig, dass Leitlinien möglichst konkret ausformuliert sein sollten, was jedoch durch den Prozess der Konsensfindung bei der Erstellung von Leitlinien oft nicht zu erreichen sei. In diesem Zusammenhang gab es den Aufruf an alle Anwesenden, die Position und Bedeutung der psychologischen Arbeit im Rahmen psychosozialer Versorgung in der Akutbehandlung nach außen zu vertreten und nach Möglichkeit in die doch meist stark medizinisch ausgerichteten Leitlinien einfließen zu lassen. Besonders in einem noch relativ jungen Bereich wie der Psychologie im Allgemeinkrankenhaus sei es wichtig, die Bedeutung psychologischer Arbeit hervorzuheben, bekannt zu machen und in Leit- und Richtlinien festzuschreiben, da nur so die psychologische Versorgung auch in Zeiten knapper finanzieller Mittel zu gewährleisten sei.

Alles in allem waren es zwei gelungene Tage, in denen jeder das finden konnte, was er wollte - vom inhaltlichen Fachgespräch und angeregten Diskussionen über persönlichen Austausch, von der Stadtführung durch das nächtliche Paderborn bis hin zum kulinarisch wertvollen gemeinsamen Abendprogramm, welches die Vernetzung untereinander erfolgreich förderte. Am Ende war dann vielfach „Auf Wiedersehen im nächsten Jahr“ zu hören.

Bettina Seekatz, Würzburg, b.seekatz@uni-wuerzburg.de


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