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Das Grünbuch zur psychischen Gesundheit [1],[2]

Von: Ute Sonntag

Psychische Erkrankungen betreffen jeden vierten Menschen in der Europäischen Union.


Mehr als 27 % der erwachsenen Menschen in Europa leiden Schätzungen zufolge mindestens einmal in ihrem Leben unter einer psychischen Störung. Ängste und Depressionen sind in der EU die verbreitetsten psychischen Störungen. Hochrechnungen lassen erwarten, dass im Jahre 2020 Depressionen in den Industriestaaten die zweithäufigste Ursache von Erkrankungen sein werden.

Der politische Handlungsdruck in diesem Feld ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Seit 1997 finden Fragen der psychischen Gesundheit innerhalb der Gesundheitspolitik und anderer Politikbereiche der Europäischen Gemeinschaft durch Projekte und politische Maßnahmen zunehmend Berücksichtigung. So gibt der Bericht ›Action for Mental Health‹ aus dem Dezember 2004 z. B. einen Überblick über Projekte und Tätigkeiten, die die Europäische Kommission in den Jahren 1997 bis 2004 gefördert hat.

Die Vorgehensweise der Europäischen Kommission

Ist ein Problem für die Europäische Union identifiziert, werden Daten gesammelt und Expertenanalysen eingeholt, um sich ein klares Bild davon zu machen, inwieweit alle Mitgliedsstaaten davon betroffen sind und welche Unterschiede bestehen. Wenn die Unterschiede sehr groß sind, können keine einheitlichen Lösungen vorgeschlagen werden. Sodann muss sichergestellt werden, dass die Mitgliedstaaten eine Zusammenarbeit auf EU-Ebene zu dem Problem befürworten. Der Europarat kann Empfehlungen verabschieden. Instrumente der EU-Kommission zur Steuerung von Debatten sind Grün- und Weißbücher. Ein Grünbuch ist ein Konsultationsdokument ohne bindende Wirkung. Damit soll eine Diskussion auf EU-Ebene über grundlegende Ziele in einem bestimmten Bereich in Gang gesetzt werden. Das Grünbuch setzt ein Konsultationsverfahren in Gang, das Akteure aus allen EU-Ländern auffordert, Stellung zu nehmen. Der Konsultationsprozess wird ausgewertet und kann in einem Weißbuch münden. Im Weißbuch finden sich konkrete Maßnahmen, die für ein gemeinschaftliches Vorgehen vorgeschlagen werden. In einem weiteren Schritt können EU-Richtlinien verabschiedet werden.

Der Weg zum Grünbuch

2004 erschien der Bericht ›Stand der psychischen Gesundheit in der Europäischen Union‹, der umfeld-, traditions- und kulturbedingte Unterschiede zwischen den Mitgliedsstaaten bezüglich des Stellenwertes der psychischen Gesundheit feststellte. Im Januar 2005 fand eine Europäische Ministerielle Konferenz der Weltgesundheitsorganisation statt, auf der die 52 Mitgliedsstaaten der Europäischen Region der WHO und die Europäische Kommission eine ›Europäische Erklärung zur psychischen Gesundheit‹ und einen ›Europäischen Aktionsplan für psychische Gesundheit‹ billigten. Die EU-Kommission verabschiedete als ein follow up dieser Konferenz im Oktober 2005 ein Grünbuch mit dem Titel ›Die psychische Gesundheit der Bevölkerung verbessern – Entwicklung einer Strategie für die Förderung der psychischen Gesundheit in der Europäischen Union‹. Das Grünbuch schlägt vier Schwerpunkte für eine EU-Strategie vor: die generelle Förderung der psychischen Gesundheit, die Prävention psychischer Erkrankungen, die Verbesserung der Lebensqualität psychisch kranker und geistig behinderter Menschen sowie die Entwicklung eines Informations-, Forschungs- und Wissenssystems für die EU. Zu allen Schwerpunkten werden Umsetzungsmöglichkeiten vorgeschlagen und durch EU-Projekte eingeleitete erfolgreiche Aktionen vorgestellt. Um die psychische Gesundheit der Bevölkerung zu fördern, wird vorgeschlagen, bei Kleinkindern, Kindern, Jugendlichen, Erwerbstätigen und älteren Menschen anzusetzen. Bei den Kleinkindern und Kindern sind z. B. die Verbesserung der Elternkompetenz oder Hausbesuche durch Kindererzieherinnen zur Schulung künftiger und neuer Eltern sowie der Kampf gegen die postnatale Depression als gelungene Aktionen benannt worden. Die Erwerbstätigen stehen im Fokus, da bis zu 28 % der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Europa unter Stress am Arbeitsplatz leiden und dem Abbau von Stressoren am Arbeitsplatz daher ein großer Stellenwert zukommt.

Das Grünbuch stellt in Aussicht, mit den Mitgliedstaaten über psychische Gesundheit in einen Dialog zu treten, eine EU-Plattform für psychische Gesundheit einzurichten, die wesentliche Aspekte der psychischen Gesundheit analysiert, evidenzbasierte Verfahren ermittelt, Empfehlungen für Aktionen erarbeitet und Best Practice ermittelt. Zudem soll eine Schnittstelle zwischen Politik und Forschung im Bereich psychische Gesundheit eingerichtet werden, um ein Indikatorensystem zu entwickeln, Forschungsprioritäten zu ermitteln und eine bessere Schnittstelle zwischen Datensystemen, Forschungserkenntnissen und Politikentscheidern zu schaffen.

Wie es weitergeht

Das Grünbuch hat einen enormen Konsultationsprozess initiiert. Die Kommission erhielt mehr als 230 Beiträge und organisierte Konsultationsveranstaltungen. Das Europäische Parlament hat im September 2006 eine Entschließung zum Grünbuch angenommen. Die Kommission sieht ihre Rolle darin, koordinierend einzugreifen, um dem sehr unterschiedlichen Vorgehen der einzelnen Mitgliedstaaten begegnen zu können. Als Maßnahme wird z. B. der Erfahrungsaustausch über erfolgreiche Behandlungsmethoden und effektive Versorgungsstrukturen angeregt. Die Stigmatisierung wird als eines der Hauptprobleme angesehen. Jährlich stattfindende Kampagnen zur Aufklärung der Bevölkerung werden vorgeschlagen. In der Forschung solle den speziellen Bedürfnissen der Geschlechter Rechnung getragen werden. Die Psychiatriestrukturen sollten deinstitutionalisiert werden und Gesundheitsdienstleistungen vermehrt auf lokaler Ebene angeboten werden.

Im Oktober 2007 hat die Europäische Kommission das Weißbuch ›Gemeinsam für die Gesundheit: Ein strategischer Ansatz der EU für 2008-–2013‹ vorgelegt. Das Weißbuch zur psychischen Gesundheit ist noch nicht erschienen.

Der vollständige Newsletter ist über folgenden Link erhältlich: ww.gesundheit-nds.de/veroeffentlichungen/newsletterimpuse/index.htm.

Korrespondenzadresse:
Ute Sonntag
Landesvereinigung für Gesundheit
Niedersachsen e.V.
Fenskeweg 2
30165 Hannover
Tel. 0511 3500052
ute.sonntag@gesundheit-nds.de


[1] Quelle: Newsletter- zur Gesundheitsförderung „impu!se“, Heft 57/2007, der Landesvereinigung für Gesundheit Niedersachsen e.V.

[2] Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Autorin


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