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Zur Frage der Verantwortung im Umgang mit Suchtkranke [1] - Hinsehen? Wegsehen? Rausschmeißen?

Von: Martin Reker

Auf der Grundlage seiner Erfahrungen als Arzt in der Psychiatrischen Klinik Bethel in Bielefeld beschreibt der Autor die Entwicklungen und konzeptionellen Veränderungen in der psychiatrischen Suchtkrankenhilfe und zeigt Perspektiven auf, wie mit einem Menschenbild, das auf Respekt und Würde gründet, auch „den Schwierigsten“ Hilfe auf der Grundlage gegenseitiger Verantwortung angeboten werden kann.


Im medizinischen Wissenschaftsbetrieb haben Themen wie verantwortliches und interdisziplinäres Handeln aktuell wenig Konjunktur. Der Streit um das letzte Gutachten des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen vom Juli 2007 zum Thema „Kooperation und Verantwortung“ hat gezeigt, dass die Verteidigung der ärztlichen Rolle, die Qualifizierung des eigenen therapeutischen Handelns und die Abgrenzung gegen die Ansprüche anderer Berufsgruppen für meinen Berufsstand zurzeit im Vordergrund steht. Das lässt sich auch im klinischen Alltag eines psychiatrischen Versorgungskrankenhauses zeigen.

Ungeliebte Suchtpatienten

Für die in der Arbeit mit Patienten befassten ärztlichen Kolleginnen und Kollegen steht der Wunsch im Vordergrund, mehr und bessere Therapietechniken zu erlernen und den zunehmenden Arbeitsanfall so zu strukturieren, dass man trotzdem nach der regulären Arbeitszeit nach Hause gehen kann. Die Arbeit im Aufnahmebereich unserer Suchtabteilung findet bei den Kollegen wenig Interesse. Letztlich handele es sich nur um eine Wiederauflage alter Drehtürpsychiatrie …, so der Tenor. Mit betrunkenen Patientinnen und Patienten könne man ohnehin keine Therapie im engeren Sinne machen. Ärztliche Kompetenz sei hier eigentlich gar nicht gefragt.
Vielleicht täuschen sich die Kollegen hier aber. In ihrer Argumentation verkennen sie, dass in der ungeliebten Aufnahmesituation entschieden wird, wer überhaupt von den therapeutischen Angeboten profitieren wird, um deren Vervollkommnung sie sich zwischenzeitlich bemühen. Die Folgen einer einzelnen Entscheidung in der Aufnahmesituation – rausschmeißen oder werbend an Therapie heranführen – sind für den Behandlungsverlauf in vielen Fällen viel bedeutsamer als eine Reihe von geplanten Psychotherapiegesprächen, die für einen späteren Zeitpunkt beabsichtigt wären – falls der Patient dann noch da wäre. Aufnahmen betrunkener Patienten sind in diesem Sinne häufig „Grenzsituationen“, „Krisen als Chance“, in denen Behandlungsbündnisse entstehen oder zerbrechen können. Insofern gehören in die Aufnahmesituation vermutlich die erfahrensten und suchtmedizinisch kompetentesten Kollegen, ähnlich wie auf den Notarztwagen als initiale Grenz- und Krisensituation später folgender unfallchirurgischer Behandlung.

„Jeder ist seines Glückes Schmied“ – die Position des Autonomismus

Nun richtet sich dieser Beitrag aber eben nicht primär an Ärztinnen und Ärzte. Versetze man sich stattdessen in die Rolle eines gesetzlichen Betreuers mit einem suchtkranken Klienten. Der Klient hält keinerlei Termine ein, obwohl er vielerlei Probleme hat – Schulden, körperliche Probleme, juristische Probleme, Wohnungsprobleme: Aber er will sich offenbar nicht helfen lassen!
Oder man denke an einen Beamten in der Justizvollzugsanstalt (JVA), wo es ja keinen Drogenkonsum geben dürfte (wie zuletzt unsere Justizministerin Frau Müller-Piepenkötter noch einmal betont hat). Da schmuggeln die Gefangenen mit Btm-Problematik nach allen Regeln der Kunst Drogen in die JVA hinein, kommen dann natürlich selbst im Knast von den Drogen nicht los und holen sich auch noch gefährliche Infektionskrankheiten. Ob denen überhaupt noch zu helfen ist?
Ähnlich mag es Sozialarbeitern in der Wohnungslosenhilfe und im betreuten Wohnen gehen, die ehemals wohnungslose Menschen mit Suchtproblemen in ihrer neuen Wohnung unterstützen, und alles könnte so schön sein, wenn die Leute nicht Abend für Abend ihre alten Szenebekanntschaften in die Wohnung lassen würden, um da große Saufgelage zu veranstalten. Hat diese Form von betreutem Trinken noch was mit professioneller Sozialarbeit zu tun?
Es ließen sich unzählige weitere Beispiele mit ähnlichem Strickmuster aufzählen: Suchtpatienten, die eine Stunde nach Entlassung aus der Entzugsbehandlung schon wieder betrunken sind; jugendliche Kiffer, denen Schule und Ausbildung völlig egal geworden sind; Migranten, die den Schnaps aus Wassergläsern trinken und die unser Gerede und soziales Getue manchmal fast lächerlich zu scheinen finden.
Wer trägt dafür die Verantwortung? Wer ist da zuständig?
Es gibt eine Antwort, die das Problem mit einem Schlag löst:
Die Klienten sind – natürlich – für sich selbst verantwortlich. Für den Profi bedeutet das: Ich mache den Klienten mit Suchtproblemen Angebote, und wenn sie diese nicht wahrnehmen, tragen sie für die Folgen selbst die Verantwortung. Nach dem Motto: Jeder ist seines Glückes Schmied.
In Anlehnung an die Dresdner Philosophin Theda Rehbock soll diese Position als Autonomismus bezeichnet werden. Autonomismus bedeutet: Die Selbstbestimmung ist oberstes Prinzip. Gleichzeitig haftet jeder Mensch selbst für sein Handeln und ist damit für sein Schicksal selbst verantwortlich.

„Ich weiß, was für dich gut ist“ – die Position des Paternalismus

Man könnte es auch geradezu andersherum sehen. Wenn alle diese chronischen Trinker und Junkies ihr Leben aus eigener Kraft nicht in den Griff kriegen: Die Profis wissen doch eigentlich, was getan werden müsste. Wer über Jahre ununterbrochen Rauschmittel konsumiert hat, kommt aus eigener Kraft nicht heraus. Die Sucht ist stärker. Sollte man nicht viel entschlossener eingreifen, mehr chronisch suchtkranke Patienten geschlossen unterbringen, damit sie endlich wieder klar denken können und körperlich wieder zu Kräften kommen, bevor sie sich ganz tot getrunken haben?
Man könnte diese Position mit Theda Rehbock als die paternalistische Position bezeichnen. Paternalismus bedeutet: väterlich. Es ist eine gesunde Mischung aus Autorität, dem Vertrauen, zu wissen, was für meine Schutzbefohlenen gut ist, und offensiver Fürsorge. Vor dem Ersten Weltkrieg war diese Position sehr stark besetzt, und ich darf betonen – nicht ohne Erfolge. Nachdem im Jahre 1900 die Entmündigung für chronische Trinker beschlossen worden war, wurden diese in geschlossene Trinkerheilanstalten eingewiesen und mit großem Engagement über Arbeit wieder einem geordneten Leben zugeführt. Wie gefällt Ihnen das?
Wer in seinem Berufsfeld mit Suchtpatienten arbeitet, hat vermutlich beides schon mal probiert – und ist mit beidem nicht ganz glücklich geworden. Letztlich lautet die Kernfrage: Wer ist eigentlich noch für diese schwierige Personengruppe zuständig als nur die Betroffenen selbst? Wer muss sich „verantwortlich“ fühlen? Ziel dieser Tagung zum Thema „Begegnung mit süchtigen Patienten“ soll es sein, sich zu dieser Frage eine reflektierte Position anzueignen, die einerseits den Bedürfnissen der Betroffenen gerecht wird, aber auch die Rolle beleuchtet, in der Professionelle der geschilderten Klientel begegnen.

Psychiatrische Suchtkrankenhilfe in Bethel

Als ich 1990 in der Psychiatrie angefangen habe, galt noch der Grundsatz, dass jede Suchtentwicklung ihren eigengesetzlichen Verlauf hat. Wem es als Alkoholiker nie richtig schlecht gegangen ist, wer nie richtig am Boden gewesen ist, dem kann sowieso nicht geholfen werden. Das machte es für den Behandler – wenn er nicht zu sensibel besaitet war - leicht. Man hatte sich herauszuhalten, bis sich über ausreichendes Leiden eine ausreichende Motivation für Veränderung angesammelt hatte. In den Selbsthilfegruppen saßen die Leute, die mit diesem Prinzip erfolgreich trocken geworden waren. Auf dem Friedhof lagen die Leute, bei denen es nicht geklappt hatte. Immerhin: Sie waren selbst schuld an ihrem Ende.
Mitte der neunziger Jahre trat die Entwicklung in eine neue Phase, als damit begonnen wurde, Drogenpatienten mit Ersatzstoffen zu behandeln. Gleichzeitig hatten Günther Wienberg, Michael Krausz und Dirk Schwoon auf die so genannte „vergessene Mehrheit“ verwiesen, die die Hilfe der Therapeuten viel mehr benötige als die „Krawattentrinker“, die eigentlich auch ohne Hilfe aus der Sucht rauskommen könnten. Es kam zu einem vollständigen Paradigmenwechsel. Das neue Zauberwort hieß: Niedrigschwelligkeit. Jeder trockene Tag sei ein guter Tag. Es sei schon ein Erfolg, wenn der Junkie, der sich Heroin injiziert, sich wegen der geschenkten sauberen Spritze nicht infiziere. Solle er doch seinen Spaß haben. Irgendwann wachse er aus der Drogensucht heraus und dann höre er von selber auf. Bedurfte es zuvor mehrerer Motivationsproben in Form von täglichen Anrufen, um in der Klinik aufgenommen zu werden, wurden nun – besonders in Bielefeld - die Türen sperrangelweit aufgemacht. Die Behandlungsteams freuten sich über jeden „verlorenen Sohn“, der seinen Weg zurück zur „Familie“ fand: ins psychiatrische Krankenhaus. Das war für alle Beteiligten eine sehr schöne Zeit. Die Profis konnten sich ihren Patienten sehr nahe fühlen und gingen am Abend auch mit einem guten Gefühl nach Hause, und – man möchte es kaum glauben – das Krankenhaus hat ökonomisch erheblich von dieser Vorgehensweise profitiert. Also: Arbeitsplätze gesichert hat es auch.
Verunsicherung machte sich breit, als veränderungsbereite Patienten mitteilten, dass manche Patienten sich schon auf der Station zum Weitertrinken draußen verabreden würden. Manche kamen offenbar regelmäßig gut eine Woche vor Monatsende, weil sie ihre Sozialhilfe vertrunken hatten und einen Ort suchten, wo sie die Zeit bis zur nächsten Auszahlung überbrücken konnten. Der Hotelstandard einer psychiatrischen Klinik war im Vergleich zu einer Parkbank oder einer städtischen Notunterkunft hervorragend und bot sich insofern als Übergangslösung scheinbar an.
Mit der Zeit wurde immer deutlicher, dass den Patienten eigentlich viel geboten wird und manche von ihnen wenig Eigenes beitragen. Daraus entwickelte sich eine Neuorientierung des Suchthilfekonzeptes im Sinne eines Förderns und Forderns, wie man es auch aus der Arbeitslosenhilfe kennt. Jeder soll Hilfe und Unterstützung erhalten, jeder solle aber auch einbringen, was in seinen Kräften steht. Wer stärker beeinträchtigt erschien, musste weniger beitragen, wer offensichtlich robuster war und mehr Energie und gesunde Anteile mitbrachte, von dem wurde auch mehr erwartet. Das führte zu einem sehr individualisierten Vorgehen, je nachdem, welche Voraussetzungen bei dem jeweiligen Klienten vorlagen. In Einzelfällen ergaben sich daraus erhebliche Härten: Wer deutlich gemacht hatte, dass er am Konsum festhalten wollte, erhielt nur noch sehr eingeschränkte Behandlungsmöglichkeiten. Dennoch: Eine Hintertür blieb (und bleibt) immer offen. Jeder Patient aus dem Zuständigkeitsbereich der Klinik kann bis heute zumindest fünf Tage pro Monat auf die Entgiftungsstation der Psychiatrischen Klinik in Bielefeld kommen, um sich noch einmal zu überlegen, ob sich Veränderung nicht vielleicht doch lohnt. Den Rest der Zeit werden die Patienten im Rahmen des rechtlich Vertretbaren nicht mehr stationär aufgenommen, sondern nur noch ambulant ausgenüchtert.
Inzwischen wurde dieses Bielefelder Konzept um eine wichtige Dimension erweitert. Die Situationen, in denen sich ambivalente Veränderungsabsichten zeigen, sollten nicht mehr dem Zufall überlassen bleiben. Es ist evident, dass für die allermeisten süchtigen Menschen ein Leben ohne Rauschmittelkonsum besser ist als unkontrollierter Konsum. Deswegen bemüht man sich in Bielefeld in jüngerer Zeit vermehrt darum, selbst Motivatoren für die Patienten zu schaffen, die es für sie lohnend machen, sich für Suchtmittelkontrolle oder -abstinenz zu entscheiden. Es gibt aus der Klinik heraus und in den angegliederten Hilfenetzen Angebote, bei der Wohnungs- und Arbeitssuche zu unterstützen, Partnerschaften zu stabilisieren, in Strafverfahren und Bewährungssituationen zu unterstützen und süchtige Frauen zum Jugendamt und zum Familiengericht zu begleiten. Vorausgesetzt, die Patienten bringen ihren Teil der Verantwortung ein, um sich als attraktiver Mieter, Arbeitnehmer, Partner, als Elternteil oder rechtschaffener Bürger zu beweisen. Das hat sich schon jetzt sehr bewährt. In der Originalfassung nennt sich dieses Vorgehen zum Konzept verdichtet: Community Reinforcement Approach. In unserer Sprache würden wir sagen: Abstinenz muss sinnstiftend sein, muss sich lohnen. Dann kann Abstinenzbereitschaft auch bei zuvor Unmotivierten wachsen.
Mit etwas Abstand betrachtet lässt sich festhalten: 1990 stand noch eine eher fatalistische Haltung im Vordergrund. Aus heutiger Sicht wundert es wenig, dass zum damaligen Zeitpunkt kein Arzt der Klinik gerne Suchtarbeit gemacht hat. Es schien irgendwie immer das Gleiche zu sein. Mitte der neunziger Jahre folgte eine Phase, in der die individuelle Freiheit des Einzelnen, der Glaube an das Gute in jedem Menschen und eine Portion bedingungsloser Fürsorge das Handeln der Profis bestimmt hat. Später, etwas skeptischer geworden, wurde damit begonnen, die Patienten wirklich für ihr Handeln verantwortlich zu machen. Vermutlich kann man erst von diesem Zeitpunkt an davon sprechen, dass die Patienten wirklich ernst genommen wurden. Heute wird den Patienten vermittelt, dass sie selbst die Verantwortung haben, dass ihnen aber auch etwas zugetraut wird, dass ihnen Mut gemacht werden soll, den Weg der Veränderung zu gehen. Sie sollen Vertrauen in die Idee finden, dass sich Veränderung lohnt. Das wäre dann auch ein Weg zurück in die Gesellschaft, in der alle leben, in der Bedingungen hergestellt werden sollen, die es für Menschen lohnend macht, sich anzustrengen, auch wenn sie vorher für sich keine Perspektive gesehen haben.

Leitgedanke: Respekt und Fürsorge

So weit zu den Erfahrungen, wie bis in unsere Zeit in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Bethel in Bielefeld mit Patienten umgegangen worden ist, die in der Klinik langjährig bekannt und vertraut waren und bei denen zwischenzeitlich nicht mehr erkennbar war, ob sich ein Weg aus der Suchterkrankung tatsächlich finden ließe. Es scheint aber bedeutsam, dass Kollegen aus anderen Regionen und aus anderen Arbeitsfeldern an eigene Erfahrungen und Überlegungen anknüpfen können, um einen angemessenen Umgang mit chronisch Suchtkranken zu finden. Als Prämisse soll die folgende Überlegung vorgeschlagen werden, die als Mischung angesehen werden mag aus dem kategorischen Imperativ Immanuel Kants einerseits und andererseits dem Gebot der Bibel, andere so liebevoll zu behandeln wie sich selbst: „Ich sollte mich für den anderen so engagieren, wie ich es mir von anderen wünschte, wenn ich in der Situation des Suchtkranken wäre.“ Könnte dies ein hilfreicher Leitgedanke sein für den Alltag?
Man versetze sich in die Position seines Gegenübers und überlege sich, was man sich von dem Arzt oder Sozialarbeiter, der sich da offenbar um einen bemüht, eigentlich wünscht.
Man stelle sich das ruhig ganz praktisch vor: Man befindet sich in einer monatelangen Trinkphase und hat alle Versuche Dritter, auf einen einzuwirken, erfolgreich abgewehrt. Nun ist man volltrunken auf der Straße umgefallen, hat sich den Kopf aufgeschlagen und wird von wohlmeinenden Passanten ins Krankenhaus gebracht. Da sitzt man nun einem Arzt oder einer Krankenschwester gegenüber, die den beschädigten Kopf verbindet. Was würde man sich wünschen? Dass man so schnell wie möglich wieder laufen gelassen wird und möglichst nicht auf das Suchtproblem angesprochen wird? Oder dass endlich mal jemand durchgreift, man irgendwo festgesetzt wird, und jemand dafür sorgt, dass man vernünftig ausgenüchtert und gesäubert wird? Vielleicht beides nicht.
Man könnte sich vorstellen, dass man zunächst für etwas Respekt ganz dankbar wäre, wenn man da alkoholisiert mit verdreckten Klamotten und ungepflegt in der Ambulanz sitzt. Vielleicht wäre noch etwas Fürsorge sehr angenehm, weil der Kopf ja weh tut. Ein freundliches Angebot, wo man sich – zumindest für einen Moment – aufhalten kann, bis es etwas besser geht. Und dann will man natürlich wieder los. Und zwar dann, wenn man selbst es möchte. Und wenn die Kollegen in der Ambulanz freundlich und respektvoll mit einem umgegangen sind und man fällt mal wieder auf den Kopf, wenn man betrunken war, dann möchte man vermutlich wieder dorthin …
Vielleicht stellen Sie sich Ihr Leben als Parkbanktrinker oder Junkie anders vor. Dennoch fällt es vermutlich nicht so schwer, sich auszumalen, was man sich selbst in der geschilderten Situation wünschen würde. Keinen Autonomismus und keinen Paternalismus. Vor allem Respekt und Fürsorge. Und wenn beides gegeben und ausreichend durch persönliche Erfahrung belegt wäre, dann würde man sich vermutlich auch etwas Kritik und vielleicht sogar ein etwas strengeres Durchgreifen gefallen lassen – wenn die eigenen Bedürfnisse ausreichend mitbedacht worden wären.

Entscheidend: das Menschenbild

Nun mag sich mancher die Frage stellen, ob das denn für jeden Klienten gelten soll. Gibt es nicht Patienten, bei denen „Hopfen und Malz“ verloren ist, die bösartig und gemein sind, die immer lügen und letztlich nur das Beste rausschlagen wollen?
Hier ist zu fragen, mit welchem Menschenbild man eigentlich an seine Arbeit geht. Denkt man, dass der Mensch eigentlich böse sei und man insofern mit Vorbehalt und Vorsicht auf seine Klienten zugehen muss, oder geht man davon aus, dass sich in jedem Klienten ein guter Kern entdecken ließe, mit dem man sich solidarisieren kann? Keiner wird erwarten, dass sich das eine oder andere hier beweisen lässt.
Aus einer sehr persönlichen Perspektive sollen zwei Ansätze vorgestellt werden, die sich als alltagstauglich erwiesen haben: Der erste Entwurf entstammt von dem jüdischen Mitbegründer einer humanistischen Psychologie Abraham Maslow und ist in seinem Buch „Psychologie des Seins“ aus dem Jahre 1968 ausgeführt. Leider ist Maslow zwei Jahre später verstorben und hat keine Gelegenheit gehabt, sein nur vorläufiges Werk abzuschließen. Maslow geht davon aus, dass jegliche menschliche Entwicklung auf Wachstum angelegt sei. Wachstum finde allerdings nur statt, wenn die Umgebung dazu ermutigt und innerer seelischer Raum zum Wachstum ausreichend angelegt ist. Man könnte es mit einer Pflanze vergleichen, die von selber wächst und gedeiht, wenn sie ausreichend Licht und frische Luft und freien Raum hat. Jegliche Form von Mangel, fehlende Nahrung, fehlendes Licht und fehlende Freiheit in der Entfaltung führen zu Fehlentwicklungen, Verkrüppelungen und gegebenenfalls sogar bleibenden Schäden. Nach diesem Modell würde man bei jedem Menschen nach den Wachstumsimpulsen suchen, die in ihm natürlich angelegt sind, die aber aufgrund äußerer Umstände, die es zu beseitigen gilt, zum Erliegen gekommen sind.
Ein anderes Bild kann man in der Pädagogik der Waldorfschule wiederfinden: Der Begründer der Anthroposophie Rudolf Steiner hat dort die Vorstellung verankert, dass es für jeden Menschen einen Platz auf der Welt gebe, wo er hingehört. Für jeden Menschen komme es darauf an, diesen Platz zu finden. Wenn man dem Menschen ausreichend Freiheit gebe, sich auszuprobieren, werde jeder, auch geleitet durch die eigene Lebensgeschichte, diesen Platz finden und für sich entwickeln.
Am ersten Modell (Maslow) gefällt in besonderer Weise, dass es nicht defizitorientiert ist, sondern eine beim Menschen natürliche Tendenz zum Gesund-werden-Wollen voraussetzt. Das zweite Modell (Steiner) gefällt besonders, weil es auch schwierigen Lebenserfahrungen einen Sinn gibt, indem es dem einzelnen Leben mehr Tiefe gibt und den Blick nach vorne richtet. Schwierige Lebensgeschichten prädisponieren so vielleicht für besondere soziale Aufgaben und verleihen den betroffenen Personen mehr Glaubwürdigkeit, z.B. als Hoffnungsträger für Dritte, die noch am Anfang einer Leidensgeschichte stehen.  
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass Ausgangspunkt für ein konstruktives Arbeiten mit schwierigen, scheinbar unmotivierten Klienten ein optimistisches eigenes Menschenbild ist, das dabei helfen soll, positive Erwartungen auch dort noch zu antizipieren, wo sie in der Gegenwartsbeschreibung nicht mehr erkennbar sind.

Wechselseitige Verantwortung: Fordern und Fördern

Zurück zum Thema Verantwortung für suchtkranke Menschen. In den folgenden Ausführungen soll zum einen ein Aufsatz des Theologen Etienne Villiers aus Pretoria (Südafrika), der sich kürzlich in einem Aufsatz mit den Prinzipien einer christlichen Verantwortungsethik befasst hat, Ausgang weiterer Überlegungen werden, zum anderen soll auf Hans Jonas Bezug genommen werden, der mit seinem 1979 erschienenen Buch „Das Prinzip Verantwortung“ die deutsche Diskussion um das Thema Verantwortung wesentlich geprägt hat.
Schaut man zwei Generationen zurück, wurde als zentrale Tugend die „Pflichterfüllung“ angesehen. Die Aufgabenzuteilung ergab sich durch Zuschreibung aus der Hierarchie, sei es im Auftrag des Kaisers oder im Auftrag Jesu Christi.
In unserer Zeit ist nicht die Pflicht, sondern die Übernahme von „Verantwortung“ – so der Philosoph Winston Davis – die „Krone der modernen Tugenden“. In unserer Zeit kann man offensichtlich nicht mehr auf objektive Ansprüche, Pflichten oder Normen zurückgreifen, die von der einen oder anderen Instanz vorgegeben werden. Die zentrale ethische Frage lautet nicht mehr: „Wofür sind wir verantwortlich?“, sondern eher: „Wofür wollen oder sollen wir uns gegenseitig verantwortlich machen?“ Demnach ist es nicht mehr allgemeine Aufgabe, moralisch Verantwortung zu entdecken, sondern sie wechselseitig zu entwickeln und auszubilden.
Wofür aber will man sich gegenseitig verantwortlich machen? Was ist im Leben und in der Gemeinschaft so wichtig, dass man sich wechselseitig dazu verpflichten will, es miteinander zu schützen?
An dieser Stelle soll – vermutlich ungewöhnlich für den bestehenden Kontext – auf ein fast schon historisch zu nennendes Dokument Bezug genommen werden, dessen Entstehung schon drei Generationen zurückreicht. Dafür sollen die bekannten Formulierungen des ersten Artikels des deutschen Grundgesetzes (GG) bemüht werden, in denen diese gemeinsamen Werte nach bestehender Einschätzung sehr schön und glaubwürdig ausgedrückt worden sind. Der Artikel 1 wird hier nicht angeführt, weil das Grundgesetz als objektiver Anspruch, als Norm oder Pflicht angesehen werden muss, sondern weil die Werte, für die alle hier Angesprochenen sich gemeinsam gesellschaftlich verantwortlich machen müssen, in diesen Formulierungen sehr treffend dargestellt sind: „(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. (2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.“
Ich hebe noch einmal hervor: Als Werte werden formuliert die Würde des Menschen, Gemeinschaft, Frieden und Gerechtigkeit.
Fast sechzig Jahre nach Verabschiedung des Grundgesetzes mag man sich noch einmal in Erinnerung rufen, dass sich die Formulierung dieser Werte in den Erfahrungen zweier Weltkriege begründet. Eine Gesellschaft, die Menschen nach ihrem Wert für die Gesellschaft taxiert und bei Bedarf entsorgt, hat die Welt dem Abgrund nahe gebracht. Es hat sich damals gezeigt, dass gesellschaftlich verantworteter Schutz und Fürsorge für den Schwachen letztlich Grundlage für Gemeinschaft, Frieden und Gerechtigkeit ist, so wie wir es auch wünschen für die Gesellschaft, in der wir leben.
Deswegen ist festzuhalten, dass alle, die sich um Klienten am Rande der Gesellschaft bemühen, sehr wichtige gesellschaftliche Funktionen wahrnehmen, wenn sie sich hier verantwortlich machen: für unmotivierte Trinker in gesetzlicher Betreuung, für Junkies in der JVA, für kiffende Schüler ohne Anschluss an die bestehenden Leistungsanforderungen.
Herausgehoben werden soll gleichzeitig, dass Übernahme von Verantwortung hier nicht heißen soll: sich hinters Licht führen lassen, Wachstumsimpulse beschneiden, „laissez faire“ und alles hinnehmen.
Verantwortung übernehmen heißt: Jeder soll gesellschaftlich das einbringen, was er kann. Wachstum im Sinne von Maslow ist nur möglich, wenn Menschen nicht nur gefördert, sondern auch gefordert werden. Wenn Menschen über Rauschmittelkonsum ins Rutschen gekommen sind, sollen sie alle Unterstützung erhalten, damit sie zunächst Verantwortung für sich selbst, später aber auch für andere übernehmen können.
Die Erfahrungen der gesellschaftlichen Realität zeigen, dass die individuelle Verantwortungsübernahme für schwierige Klienten sehr häufig überfordernd ist. Als Beispiel hierfür sollen jugendliche Gewalttäter mit Suchtproblematik und Migrationshintergrund erwähnt werden. Traditionell streiten sich Jugendhilfe, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Jugendamt, Jugendgerichtshilfe und Gericht, wer für diese schwierigen „Jungs“ zuständig ist. Lösen lassen sich diese Konstellationen nur, wenn alle Beteiligten sich gemeinsam verantwortlich fühlen und an einem Strang ziehen. Verantwortung kann dann nur getragen werden, wenn sie in einer Verantwortungsgemeinschaft mit vielen getragen wird. Für den verwahrlosenden, gewaltbereiten alkoholkranken Menschen sind dann gesetzlicher Betreuer, Suchtkrankenhilfe, Bewährungshelfer und Arzt in der Ambulanz gemeinschaftlich verantwortlich, um Lösungen aus dem Dilemma zu entwickeln, die den Klienten angemessen unterstützen, ohne ihn von seiner Eigenverantwortung zu entbinden.
Diese Verantwortungsgemeinschaft bedarf eines kommunalen gesellschaftlichen Klimas, das zur Übernahme individueller Verantwortung einlädt. Hinsehen statt wegsehen. Auch mal rausschmeißen, aber Kontakt halten. Verantwortung übernehmen und Eigenverantwortung belassen. Profi sein und trotzdem authentisch bleiben.
Unsere Tagung möge mit ein Anstoß dafür sein, ein solches Klima zu entwickeln, damit Verantwortungsgemeinschaften entstehen, die dabei helfen, die gesellschaftlichen Werte zu schützen und weiterzuentwickeln, die die Qualität unseres Zusammenlebens ausmachen.

Dr. Martin Reker, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, ist leitender Abteilungsarzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Bethel des Ev. Krankenhaus Bielefeld. Bei dem Artikel handelt es sich um seinen bearbeiteten Vortrag, gehalten auf der Fachtagung „Begegnungen mit süchtigen Klienten – eine unvermeidbare Herausforderung zum gemeinsamen Handeln“ am 12. September 2007 in Köln.

Literatur:
Jonas, Hans: Das Prinzip Verantwortung. Frankfurt am Main: Insel-Verlag, 1979.
Maslow, Abraham A.: Psychologie des Seins. Ein Entwurf. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1985.
Rehbock, Theda: Autonomie – Fürsorge – Paternalismus: Zur Kritik (medizin-) ethischer Grundbegriffe. In: Ethik Med, 14,  2002, S. 131?150.
Steiner, Rudolf: Philosophie der Freiheit. Berlin 1891.
Villiers, Etienne de: Perspektiven einer christlichen Verantwortungsethik. In: Zeitschrift für Evangelische Ethik, 51, 2007, S. 8?23.

Bildnachweis: I. Stratenwerth/M. Alex (Hg.): Himmel und Hölle. Unerhörte Ansichten über verbotene Süchte. Neumünster: Paranus-Verlag, 1998


[1] Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors. Erstabdruck: „soziale psychiatrie“, Heft 1, Januar 2008


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