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DGVT-Stellungnahme zu den bisherigen Erfahrungen mit den Regelungen des PsychThG und der Ausgestaltung der Zulassungsvoraussetzungen zur Ausbildung zum PP bzw. KJP

Stellungnahme der DGVT für die Sitzung der Länderreferentinnen und -referenten des Ausschusses für Hochschule, Forschung und Weiterbildung der Kultusminister der Länder am 28. September 2005


1. Bisherige Erfahrungen mit den Regelungen des PsychThG und der Aus-gestaltung der Zulassungsvoraussetzungen zur Ausbildung zum PP bzw. KJP

Zu den bisherigen Erfahrungen mit der Ausbildungsneugestaltung im Psychothera­piebereich durch das PsychThG  liegen mittlerweile mehrere Publikationen vor[1]. Dabei lassen sich u.a. folgende Kernthesen herausarbei­ten:

  • Die Ausbildung ist für die Ausbildungsteilnehmer in hohem Maße belastend und zwar sowohl zeitlich, aufwandsbezogen als auch - und dies in besonderem Maße -  finanziell.
  • Die Situation in einem Kernstück der Ausbildung, der so genannten praktischen Tätigkeit (Klinikpraktikum), ist die Lage besonders unbefriedigend:  Die Vergü­tungsfrage ist unzureichend geregelt, die notwendige Anzahl an Kli­nikplätzen ist nicht sichergestellt (gilt insbesondere für den KJP-Bereich) und die inhaltliche Ausgestaltung dieses Ausbildungsbausteins ist relativ unklar.
  • Die Ausbildungs- und Prüfungsverordnungen und die daraus abgeleiteten Anforderun­gen an die staatlichen bzw. staatlich anerkannten Ausbildungsstätten führen in der praktischen Ausbildungsumsetzung zu Problemen. Besonders unbefriedigend ist die fehlende Möglichkeit, bereits vorhandene Ausbildungsinhalte anzuerkennen. Die Folge sind Redundanzen in den Ausbildungsinhalten (vgl. hierzu die Studie von Kröner-Herwig et al. (2001) bzw. Kröner-Herwig (2003). Es kommt insbesondere zu einer Überlappung mit Inhalten aus dem Fachgebiet der Klinischen Psychologie, einem zentralen Bestandteil der Zulassungsvo­raussetzung für Dipl.-Psychologen.

In der KJP-Ausbildung stellen sich die Probleme teilweise anders dar (vgl. Borg-Laufs, 2005). So führt die Zugangsmöglichkeit für verschiedene Studienabsolven­tengruppen zu recht heterogenen Ausbildungsgruppen. Eine inhaltliche Be­gründung für differenzierte Ausbildungsangebote bezogen auf die unterschiedlichen Zugangsqualifikationen ist deshalb immer wieder postuliert worden. Die oben ge­machte Aussage zur Redundanz klinisch-psychologischer Inhalte relativiert sich daher für den KJP-Bereich in einem gewissen Grad. Die bisherigen Prüfungsergebnisse haben zunächst den Schluss nahe gelegt, dass die Ausbildung die Teilnehmer mit nichtpsychologischen Ausgangsberufen nicht vergleichbar gut auf die Anforderungen insbesondere der schriftlichen Prüfung vorbereitet. Für fundierte Aussagen fehlt uns im Moment allerdings noch hinreichendes Datenmaterial.

Trotz dieser inhaltlichen Probleme kann festgestellt werden, dass sich mittlerweile ein gut funktionierender Ausbildungsbetrieb mit bundesweit derzeit ca. 150 staatli­chen und staatlich anerkannten Ausbildungsstätten etabliert hat. Die wissenschaftlich anerkannten Psychotherapieverfahren werden dabei von den Ausbildungsstätten in vielfältigen Organisationsformen (neben ca. 20 hochschulangebundenen Ausbil­dungsstätten gibt es klinikangebundene, fachverbandsangebundene und private An­gebote) umgesetzt. Die Zusammenarbeit zwischen Ausbildungsstätten und den zu­ständigen Aufsichtsbehörden der Länder hat sich konstruktiv und kooperativ einge­spielt; die Ausbildungsambulanzen leisten einen wichtigen Beitrag für die psychothe­rapeutische Versorgung in den jeweiligen Regionen.

2. Konsequenzen aus der Einführung der gestuften Studienstruktur für die Zulassungsvoraussetzungen im Sinne des § 5 PsychThG

§ 5 des PsychThG fordert für die Zulassung zur PP-Ausbildung eine "bestandene Abschlussprüfung im Studiengang Psychologie". Nach Einführung einer gestuften Studienstruktur wird sich demnach die Frage stellen, welcher Abschluss zukünftig hierfür akzeptiert werden soll.

Diese Fragestellung ist äußerst komplex und viele Aspekte sind hierbei zu berück­sichtigen. Die Implikationen sind sehr eindrücklich von Alpers und Vogel (2004) sowie Borg-Laufs und Vogel (2005) zusammengefasst worden. Um den Rahmen dieser Stellungnahme nicht überzustrapazieren, finden sich diese Artikel in der Anlage.

Als Lösung aus der dort dargestellten Problematik wäre eine Konstruktion zu erwägen, welche den Zugang zur Psychotherapieausbildung auf der Basis einer Qualifikation ermöglicht, die bzgl. ihrer Anforde­rungen "zwischen" einem Bachelor- und einem Masterabschluss liegt. Einen entsprechenden Vorschlag macht Ruggaber (2005), den Sie ebenfalls in der Anlage finden. Im Kern wird dabei die hier unter Punkt 1 beschriebene Redundanz­problematik aufgegriffen und die Möglichkeit zur Anrechnung von Studieninhalten vorgeschlagen. Demnach wären das PsychThG bzw. die anhängen­den Ausbildungs- und Prüfungsverordnungen an zwei Stellen zu präzisieren bzw. zu ändern: Zum einen sollte der Zugang zur Ausbildung grundsätzlich nach Abschluss eines Bachelorstudiengangs möglich sein, zum anderen wäre parallel dazu die Möglichkeit zu eröffnen, mit "höherwertigen" Studienabschlüssen, wie also dem Masterabschluss, eine Anrechnung von Studienleistungen auf Ausbildungsin­halte erhalten zu können. Damit ließen sich rechtliche Bedenken bezüglich einer Festle­gung des Masterabschlusses als Zugangskriterium vermeiden  Darüber hinaus würden ein zeitlicher und ein finanzieller Anreiz dafür ge­schaffen werden, der Psychotherapieausbildung einen Masterabschluss vorzu­schalten. Schließlich könnte den unter Punkt 1 beschriebenen Erfahrungen aus der KJP-Ausbildung, die eine differenziertere Ausbildungskonzeption für unterschied­liche Zugangsqualifikationen nahe legen, Rechnung getragen werden. Dies alles ohne die dringend erforderliche Nachwuchsförderung gerade in diesem Bereich zu ge­fährden und den Zugang wie bisher auch für nichtpsychologische Aus­gangsberufe (mit FH-Abschlüssen) offen zu halten.

3. Bedarf an Absolventen der Staatsprüfungen

Zahlreiche aktuelle epidemiologische Untersuchungen weisen auf die steigende Prävalenz psychischer Störungen und damit den zunehmenden Bedarf qualifizierter psychotherapeutischer Angebote hin. Damit ist in den kommenden Jahren von einem steigenden Bedarf an Psychotherapieabsolventen auszugehen (vgl. Schulte & Lauterbach (2002)). Bereits die Anzahl der "normalen", altersbedingten Berufsaussteiger in der Berufsgruppe der Psychotherapeuten, lässt nach Schulte & Lauterbach (2002) einen Bedarf von ca. 1000 AusbildungsabsolventInnen berechnen. Für 2005 ist gemäß der Zahlen angemeldeter Prüflinge etwa mit der Hälfte an Absolventen zu rechnen - die Absolvie­rendenquote muss also noch deutlich gesteigert werden, um allein die gegenwärtige Zahl der Berufsangehörigen auf Dauer zu stabilisieren. Seitens der Psychotherapeutenverbände und der Kammern wird das derzeit nachlassende Interesse an der Psychotherapeutenausbildung mit den eingangs erwähnten belastenden (und kostenträchtigen) Ausbildungsbedingungen in Verbindung gebracht.

Insbesondere im KJP-Bereich ist ein großer Versorgungsbedarf noch nicht ausrei­chend abgedeckt (vgl. Borg-Laufs, 2005). Besonders für diesen Bereich muss also eine zukünftige Neuregelung der Zugangswege zur Ausbildung eine breite Aus­bildungsförderung zum Ziel haben.

Dipl.-Psych. Günter Ruggaber
-DGVT-Ausbildungsleiter-

Prof. Dr. Armin Kuhr
-Mitglied des geschäftsführenden Vorstands-

Literatur

Alpers, G. & Vogel, H. (2004). Bachelor oder Master, wer wird Psychotherapeut? Psychotherapeutenjournal 3 (4), 315-319. [im Internet unter www.psychotherapeutenjournal.de/pdfs/2004-4/alpers.pdf , einschl. zahlreicher Literaturverweise unter http://www.psychotherapeutenjournal.de/Literatur_Alpers-Vogel%20PTJ%204-04.doc

Borg-Laufs, M. (2005). Kinder- und Jugendlichen-Verhaltenstherapie - Aktueller Stand und Perspektiven. Verhaltenstherapie mit Kindern und Jugendlichen - Zeitschrift für die psychosoziale Praxis, 1 (1+2), 5-14.

Borg-Laufs, M. & Vogel, H. (2005). Die Neuordnung der Studiengänge in Deutschland - Überlegungen zu den zukünftigen Voraussetzungen für den Zugang zur PP-/KJP-Ausbildung angesichts der Einführung von Bachelor- und Master-Abschlüssen. Verhaltenstherapie & Psychosoziale Praxis, 37 (2), 395-401.

Jürgens, A. (2003). Bericht zur aktuellen Ausbildungssituation. Verhaltenstherapie und psychosoziale Praxis, 35, 43-46.

Kröner-Herwig, B. (2003). Psychotherapie: Die theoretische Ausbildung nach PsychThG und APrV. In A. Kuhr & G. Ruggaber (Hrsg.), Psychotherapieausbildung. Der Stand der Dinge (S. 51-53). Tübingen, DGVT-Verlag.

Kröner-Herwig, B., Fydrich, T. & Tuschen-Caffier, B. (2001). Ausbildung für Psychologische Psychotherapie und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie: Ergebnisse einer Umfrage. Verhaltenstherapie 11, 137-142.

Kuhr, A. & Ruggaber, G. (Hrsg.) (2003). Psychotherapieausbildung. Der Stand der Dinge Tübingen, DGVT-Verlag.

Ruggaber, G. (2003). Drei Jahre Psychotherapieausbildung nach dem PsychThG - eine Zwischenbilanz. Verhaltenstherapie & Psychosoziale Praxis, 35 (1), 37-42.

Ruggaber, G. (2005). Die Neuregelung des Zugangs zur Psychotherapieausbildung in der Folge der Einführung von Bachelor-/Master-Studiengängen in Psychologie: Eine ausbildungspolitische Chance? Verhaltenstherapie & Psychosoziale Praxis, 37 (3), 651-667.

Schulte, D. & Lauterbach, W. (2002). Neue Therapeuten braucht das Land! Wie groß wird der Bedarf an Psychologischen Psychotherapeuten in Zukunft sein? Psychotherapeutische Praxis, 3, 108-110.

Vogel, H., Ruggaber, G. & Kuhr, A. (2003). Wünsche an die Novellierung der gesetzlichen Ausbildungsvorgaben.


 

 

[1]  vgl. z.B. Jürgens, 2003, Ruggaber, 2003, 2005, Vogel et al., 2003. Eine differenzierte Zu­sammenstellung der Erfahrungen bzgl. einzelner Ausbildungsmodule findet sich in Kuhr & Ruggaber, 2003 - Literaturliste siehe Anhang.


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