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Gedanken zum Stellenabbau in der Schulpsychologie in einigen Bundesländern: Brauchen die Menschen in der Schule Schulpsychologie?

Von: Dipl.-Psych. Barbara Kubesch

Die Psychologie als die Lehre vom Verhalten und Erleben der Menschen hat in den vergangenen 150 Jahren viele Forschungsergebnisse für die Anwendung in den verschiedensten Praxisfeldern aufbereitet.


In allen Institutionen und Organisationen, die für Menschen tätig sind, werden diese wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Wohle der Menschen angewandt, nicht nur in den Klinischen Arbeitsfeldern (Klinische Psychologie) und in der Arbeitswelt (Arbeits- und Organisationspsychologie) sondern besonders auch im Bildungsbereich ist die Psychologie von enormer Relevanz, da Kenntnisse der Entwicklungs-, Sozial-, Allgemeinen, Pädagogischen und Differentiellen Psychologie und der Diagnostik wichtige Beiträge leisten, wenn es darum geht, dem staatlichen Bildungs- und Erziehungsauftrag in Schulen gerecht zu werden.
Das „Organisationsziel“ von Schule: „allen Kindern die Chance auf eine optimale Persönlichkeitsentwicklung zu gewähren“ kann nur unter Einbeziehung psychologischer Erkenntnisse gelingen.

Was genau bietet Schulpsychologie?

Schulpsychologie hat sich in den vergangenen 50 Jahren mit den gesellschaftlichen Veränderungen deutlich weiterentwickelt. Traditionell war es zu Beginn der Bundesrepublik Deutschland üblich, den Focus sehr stark auf einzelne Kinder zu richten, die Probleme im Leistungs- und/oder Verhaltensbereich hatten. Die Hauptaufgabe lag in der Analyse, Diagnose und  Förderung dieser Kinder und in der Beratung der Eltern z. B. bei Schullaufbahnempfehlungen.
Schon in dieser Zeit war deutlich, dass Lehrkräfte diese umfassenden diagnostischen Kenntnisse und passende Fördermaßnahmen nicht neben ihren Kernaufgaben erlernen und praktizieren können, so wurde die Notwendigkeit offenbar, zusätzlich zu den Lehrkräften weitere Fachleute in die Institution Schule zu integrieren, um vorhandene Begabungspotenziale besser zu erkennen und zu fördern, aber auch um einzelnen Kindern Unterstützung bei Schwierigkeiten zu geben und auch Lehrkräfte dabei zu unterstützen allen Kindern gerecht zu werden.
Mit der sich in den 70er Jahren zunehmend durchsetzenden Erkenntnis, dass es neben der individualpsychologischen Betrachtung notwendig ist, auch die Beziehungen und Interaktionen nicht nur in Familien sondern auch in anderen Systemen, wie Schulklassen oder Schulen insgesamt in den Blick zu nehmen, um das Verhalten eines Kindes zu analysieren, zu verstehen und ggf. zu verändern, setzte sich auch in der Schulpsychologie das systemische Paradigma immer stärker durch.
Dies führte zu veränderten Settings in der Beratung: das medizinische Modell wurde weiterentwickelt u. a. durch die Beobachtung der „Problemkinder“ im Unterricht in ihrer Lerngruppe. Die so gewonnen Daten konnten zusätzlich zu anderen Diagnosen zu hilfreichen Empfehlungen führen, welcher Art die Unterstützung sein müsste, die ein Kind von Lehrkräften und Eltern benötigt. „Runde Tische“ unter Einbeziehung der Kinder entwickelten sich zu einem Standard (nicht über die Kinder reden, sondern mit ihnen).
Durch die Beobachtungen in den Schulen wurden auch oftmals strukturelle Probleme in einer Klasse oder einem Jahrgang offenkundig, die nicht selten zu der Beratung oder Fortbildung eines gesamten Klassen- oder Jahrgangsteams oder Kollegiums führen.
An einigen großen Schulen, an denen Schulpsychologinnen und Schulpsychologen ihre Beratungsräume hatten oder haben, entwickelten sie Trainingsprogramme zum Angstabbau, zur Steigerung der Konzentration, zur Behebung von Lese-Rechtschreibschwächen etc. und interessierte Lehrkräfte nahmen dankbar Fortbildungsangebote in diesen psychologisch gut aufbereiteten Anwendungsfeldern in Anspruch.
Für die Schulpsychologie in Niedersachsen haben sich neben den o. g. Aufgaben in den vergangenen 10 Jahren die folgenden Tätigkeiten intensiviert, da die Schulen in diesen Themen einen immer größer werdenden Bedarf artikulierten:

  • Wie in allen sozialen Institutionen ist der Bereich der Kommunikation ein zentraler Kernprozess und der Bedarf an Fortbildung und Training in Gesprächsführung und Kommunikationspsychologie bei Lehrkräften, aber auch bei Leitungspersonal ist sehr groß, werden doch die kommunikativen Kompetenzen in der Lehrerausbildung (fast) gar nicht thematisiert oder gar trainiert.
  • Damit einher geht der Bedarf an dem Erwerb von Beratungskompetenzen und Kompetenzen im Umgang mit Konflikten als Spezialfall der Kommunikation. Viele Lehrkräfte und auch Schulleitungsmitglieder pflegen eher ein Konfliktvermeidungsverhalten und benötigen Unterstützung beim Aufbau kollegialer Konfliktlösungsrituale, die für eine gedeihliche Kommunikation und Kooperation in Kollegien unabdingbar sind.
  • In dem Maße, in dem Schule sich verändert und das Paradigma „Ich und meine Klasse“ abgelöst wird von „Wir in unserer Schule“ gibt es vermehrt Konflikte, wie es in Veränderungsprozessen üblich ist. Manche Konflikte sind dann so gravierend, dass zu ihrer Bearbeitung externe Moderatoren oder Mediatorinnen erforderlich sind. Auch dies ist ein standardisiertes Angebot der Schulpsychologie an die Schulen.
  • Ein weiteres Aufgabenfeld ist die „Lehrergesundheit“: Lehrkräfte leiden teilweise sehr stark an ihren beruflichen Belastungen, nur ca. 6% erreichen die Pensionsgrenze von 65 Jahren, über 50 % der Frühpensionierten gehen in Folge psychischer oder psychosomatischer Beschwerden aus dem Dienst. In diesem Feld hat die Schulpsychologie seit langem viele Angebote: von der Einzel- und Gruppensupervision für Lehrkräfte bis zum Coaching von Führungskräften über Seminare zur Stressprophylaxe und dem Zeitmanagement bis hin zum Aufbau eines Gesundheitsmanagementsystems in Schulen, wie es die Arbeitsschutzgesetze vorsehen. Da für viele Lehrkräfte Konflikte eine bedeutsame Ursache für das „Ausbrennen“ darstellen, hat auch in diesem Betätigungsfeld die Unterstützung bei der Bearbeitung von Konflikten eine wichtige Funktion.
  • Noch wichtiger sind Unterstützungsangebote der Schulpsychologie in Extremsituationen, also bei Amok, Tod von Kindern oder Lehrkräften und ähnlich traumatisierenden Ereignissen, denen Schüler/-innen und Lehrer/-innen ausgesetzt sind oder sein können. Dazu haben bundesweit Schulpsychologen/ -innen hervorragende Notfallpläne erarbeitet und leisten existenziell bedeutsamen Hilfen in akuten Notfallsituationen.

Diese Auflistung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit

  • Selbstverständlich kann davon ausgegangen werden, dass es in der Schule viele Probleme und Konflikte gibt, die die Betroffenen aus eigener Kraft lösen können.
  • Selbstverständlich haben alle Lehrkräfte Grundkenntnisse in Psychologie in ihrer Ausbildung erworben.
  • Selbstverständlich erweitern sich wissenschaftliche Erkenntnisse in einem rasanten Tempo, so dass es in allen gesellschaftlichen Institutionen immer notwendiger wird, für komplexe Probleme in multiprofessionellen Teams interdisziplinäre Lösungen zu erarbeiten.
  • Selbstverständlich trägt die Psychologie viele Erkenntnisse bei, die sich auch Lehrkräfte in Fortbildungskursen aneignen können und dies auch tun.
  • Und: Schulen, die ihren Anspruch auf hohe Qualität erfüllen wollen im Interesse der Kinder und Jugendlichen, die in einer Wissensgesellschaft mit hohen Anforderungen an die Sozialkompetenz und die kognitive Leistungsfähigkeit bestehen lernen müssen, brauchen Schulpsychologie, um von theoretisch und praktisch erfahrenen Psychologen/-innen unterstützt zu werden in der Erfüllung ihres Bildungs- und Erziehungsauftrages.

Ein weiterer Abbau der Schulpsychologie, wie er in einigen Bundesländern erfolgt, liegt nicht im Interesse einer Gesellschaft, die auch eine moralische Verpflichtung gegenüber den Kindern und Jugendlichen hat, diese „zukunftsfähig“ zu machen.
Eine weitere Privatisierung von Dienstleistungen, die besonders zu Lasten unterprivilegierter Bevölkerungsschichten (PISA lässt grüßen) geht, die sich weder die Bezahlung einer privaten Psychotherapie leisten können, noch in Konflikten in der Schule über ausreichende Fähigkeiten verfügen, sich zu artikulieren, ist moralisch bedenklich und sollte zumindest durch ein entsprechendes staatliches Angebot komplettiert werden.

Ein weiterer Ausbau des schulischen Unterstützungs- und Beratungssystems mit Fachleuten, wie z. B. Schulpsychologen/-innen, wie es Bundespräsident Horst Köhler fordert, ist in den erfolgreichen PISA Ländern erfolgt und auch in Deutschland erforderlich, um die Zukunftsfähigkeit unserer Kinder zu sichern.

Korrespondenzadresse:
Dipl.-Psych. Barbara Kubesch
Psychologische Psychotherapeutin, Schulpsychologin
Landesschulbehörde Standort Hannover
Dezernat 1
Am Waterlooplatz 11
30169 Hannover
Tel. 05111 106-2442
E-Mail: Barbara.Kubesch(at)LSCHB-H.niedersachsen(dot)de


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