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Psychische Störungen und Geschlecht [1] , [2]

Von: Prof. Dr. Irmgard Vogt

Zur Datenlage

Wir gehen allgemein davon aus, dass Mädchen/Frauen und Jungen/Männer unterschiedlich ›anfällig‹ sind für psychische Störungen. Empirische Erhebungen zeigen, dass Mädchen/Frauen ein höheres Risiko haben, an Ess-Störungen, Angststörungen,Depressionen und somatoformen Störungen zu erkranken. Das liegt wohl auch daran, dass sie in anderer Weise als Jungen/Männer gefährdet sind, Opfer von häuslicher Gewalt zu werden, was zu nachhaltigen Veränderungen in der Stressverarbeitung führt. Auf diesem Hintergrund können sich psychische Störungen wie Ängste und Depressionen entwickeln, sehr wahrscheinlich auch ein unspezifisches Schmerzsyndrom, da Frauen ohnehin empfindlicher für Schmerzen sind als Männer. Nimmt man neuere Studien zu komplexen komorbiden Störungsmustern dazu, sind Frauen im Vergleich zu Männern ebenfalls stärker belastet. Ob es sich bei diesen Doppel- und Mehrfachdiagnosen tatsächlich um eine stärkere Belastung von Frauen handelt oder ob das eher ein Effekt davon ist, dass Frauen im Vergleich zu Männern Ärzte häufiger aufsuchen, also auch häufiger und zudem in typischer Weise diagnostiziert werden, ist eine offene Frage.

Jungen/Männer haben im Vergleich zu Mädchen/Frauen ein höheres Risiko, Lern- und Verhaltensstörungen in der Kindheit (z. B. Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätssyndrom, Autismus), Substanzabhängigkeit und Psychosen im Erwachsenenalter auszubilden. Dazu kommt ein erheblich höheres Potenzial für abweichendes und dissoziales Verhalten, das oft mit einer gewissen Gewaltbereitschaft kombiniert ist. Gemessen an den vergleichsweise hohen Belastungen von Jungen/Männern mit Substanzmissbrauch in Kombinationmit antisozialem und dissozialem Verhalten einschließlich von Gewalthandlungen könnten Doppel- und Mehrfachdiagnosen häufig sein. Von Ausnahmen abgesehen spiegeln das die empirischen Daten aber nicht wieder. Das liegt nicht nur daran, dass Jungen/Männer seltener den Arzt oder Psychotherapeuten aufsuchen, sondern auch daran, dass ihr dissoziales Verhalten und ihre Gewalttätigkeiten sehr oft nicht zur Sprache kommen. Es spricht sehr vieles dafür, dass Diagnosen für zusätzliche psychische Störungen, insbesondere für Persönlichkeitsstörungen, mit einem hohen Bias assoziiert sind. Frauen, die unter einer primären psychischen Störung leiden, gelten offenbar viel schneller als absonderlich als zum Beispiel substanzabhängige Männer, die mit ihrem aggressiven und gewalttätigen Verhalten oft nur als besonders männlich imponieren. Das Beispiel belegt drastisch, wie tief verwurzelt Gender-Schemata sind und wie nachhaltig sie Erwartungen an Verhalten beeinflussen. Der Umgang der psychosozialen und ärztlichen Professionen mit Diagnosen trägt einen erheblichen Teil dazu bei, die Gender-Schemata zu verfestigen.

Beispiel Depressionen

Depressionen gelten als ›typische‹ psychische Störung von Frauen. Das spiegelt die Literatur zu den Entstehungsursachen, zur Diagnostik und zur Behandlung von Depressionen aber nicht wieder. Schmerl weist darauf hin, dass die Frauengesundheitsbewegung und Frauengesundheitsforschung einen wichtigen Beitrag dazu geleistet hat, dass sich das Behandlungsangebot für depressive Patientinnen (und Patienten) in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Schrittweise wurden andere Ursachenperspektiven außer der ›endogenen‹ Depression in den Blick genommen und damit andere und erfolgreichere therapeutische Angebote entwickelt.

Kendler und Mitarbeiter haben anhand von Zwillingsstudien untersucht, wie sich psychosoziale Entwicklungsfaktoren auf Depressionen bei Frauen und Männern auswirken. Sie haben zunächst Modelle für Frauen entwickelt und dann überprüft, inwieweit diese auch für Männer gelten bzw. welche Differenzen sich mit Bezug auf das Geschlecht ergeben. Die Forschergruppe stellt fest, dass die Risikofaktoren, die zu einer Depressionen bei Frauen und Männern führen können, im Prinzip dieselben sind. Es handelt sich um drei komplexe Faktorenbündel, die hier von Bedeutung sind, (1) internalisierende Symptome (Neurotizismus und frühe Entwicklung von Ängsten), (2) externalisierende Symptome (abweichendes Verhalten und Substanzmissbrauch) und (3) psychosoziales Unglück (gestörte Familie, sexueller Missbrauch in der Kindheit, Verlust eines Elternteils, Schulprobleme, Traumatisierung mit Viktimisierungstendenzen, wenig soziale Unterstützung, Probleme in Beziehungen im Erwachsenenleben). Diese drei Faktorenbündel sind miteinander verknüpft und können sich je nach Fall gegenseitig verstärken.

Mit gutem Grund hat man die unterschiedlichen Sozialisationsbedingungen von Mädchen und Jungen sowie die unterschiedliche Stellung von Frauen und Männern in der Gesellschaft und im Erwerbsleben für die unterschiedliche Belastung mit Ängsten und Depressionen verantwortlich gemacht. In der Tat sind darauf wohl auch die Unterschiede in den Reaktionen von Mädchen/Frauen und Jungen/Männer auf Traumata und Stress zurückzuführen.

Ogrodniczuk und Mitarbeiter haben untersucht, ob Frauen und Männer mit Depressionen und Ängsten auf unterschiedliche Behandlungsverfahren unterschiedlich gut ansprechen. Sie konnten zeigen, dass Frauen auf unterstützende therapeutische Interventionen besser ansprechen als Männer, während Männer auf interpretative Interventionen besser ansprechen als Frauen. Dieser Effekt lässt sich allerdings nur während der Behandlung beobachten. Ein Langzeiteffekt findet sich nicht; unabhängig von der Interventionsform profitieren Frauen und Männer gleichermaßen von der Behandlung. Das bedeutet, dass es zwar unterschiedliche Reaktionen von Frauen und Männern auf psychotherapeutische Interventionen geben mag, dass diese aber von untergeordneter Bedeutung sind.

Untersuchungen über die Interaktionen zwischen dem Geschlecht der Klientel und dem der Behandelnden gibt es kaum. Es ist aber davon auszugehen, dass die Akzentsetzung in der Behandlung mit dem Geschlecht der Behandelnden systematisch variiert: Frauen als Behandlerinnen betonen den Beziehungsaspekt, Männer den Funktionsaspekt. Das kann erhebliche Auswirkungen auf die Behandlung haben.

So wichtig diese Ergebnisse sind, so bleibt doch eine Vielzahl von Fragen weiterhin offen, insbesondere solche, die sich auf geschlechtsspezifische Unterschiede im psychischen Erleben beziehen. Frauen, das belegen Studien, trauern anders als Männer, ein Faktum, das für die Psychotherapie von erheblicher Bedeutung ist. In Verlängerung dieses Befundes könnte man vermuten, dass Frauen auch im Alter anders trauern als Männer, insbesondere dann, wenn ihre Ehemänner oder Freunde vor ihnen sterben. Dazu liegen zurzeit allerdings keine weiterführenden Studien vor.

Der vollständige Newsletter ist über folgenden Link erhältlich: ww.gesundheit-nds.de/veroeffentlichungen/newsletterimpuse/index.htm.

Korrespondenzadresse:
Prof. Dr. Irmgard Vogt
Fachhochschule Frankfurt am Main,
Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit
Nibelungenplatz
60318 Frankfurt am Main


[1] Quelle: Newsletter- zur Gesundheitsförderung „impu!se“, Heft 57/2007, der Landesvereinigung für Gesundheit Niedersachsen e.V.

[2] Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Autorin


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