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Psychotherapie-Verband fordert mehr öffentliche Verantwortung für das Aufwachsen von Kindern

Pressemeldung zum Kongress für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Beratung 2008 in Berlin


Berlin, den 4. März 2008 – Mehr öffentliche Verantwortung für das gesunde Aufwachsen von Kindern ist ein wesentliches Ergebnis des 25. Kongresses für klinische Psychologie, Psychotherapie und Beratung, der heute zu Ende geht. Rund 1100 Teil­nehmende diskutierten in rund vierzig Symposien über die „Vernetzte Psychotherapie“ als Rahmenthema des Kongresses.

„Kleinkinder brauchen eine anregende und fördernde Umgebung, die sie darin unterstützt, sich aktiv mit ihrer Lebensumfeld zu beschäftigen“ erklärte Anna Katharina Braun, Biologin und Professorin für Entwicklungsneurobiologie am Leibniz-Institut der Universität Magdeburg in ihrem Vortrag zum „Vernetzten Denken – Denken in Netzwerken: Was die Psychotherapie von der Hirnforschung lernen kann.“ Anna Katharina Braun arbeitet in einem Forschungsverbund, in der auch die Psychiatrie und die Pädiatrie mitarbeiten. Damit das frühkindliche Gehirn sich ausgestalten und entwickeln kann, braucht es vielfältige Anregungen aus seiner Umwelt. Kinder, die in prekären Lebensverhältnissen aufwachsen, kaum bewegt werden oder sich kaum bewegen können und schon, wie die 1. Studie „Kinder in Deutschland 2007“, veröffentlicht von World-Vision Ende letzten Jahres“ zeigt, sehr früh vor dem Fernseher aufwachsen, können von einer qualifizierten Kinderkrippe nur profitieren.

Die Ergebnisse der Hirnforschung, so Braun, belegen eindeutig, dass das menschliche Gehirn Anregung von außen braucht, um sich zu entwickeln. Sind Eltern aus welchen Gründen dazu nicht in der Lage, schaffen qualifizierte Kinderkrippen und Kindertagesstätten wichtige Anregungen, zum gelingenden Aufwachsen gerade dieser Kinder. Die Bahnungen, die in den ersten Lebensjahren geschaffen werden, beeinflussen das weitere Leben dieser Kinder; dabei gilt: das auch die durch Reizarmut und seelischer Deprivation geschaffenen Verschaltungen des Gehirns, nur durch mühsame „Umlernprozesse“, zu denen auch die Psychotherapie gehört, verändert werden können.

„Lokale Netzwerke zum Schutz des Kindeswohls und zur Förderung der Kindergesundheit“, wie sie von Rheinland-Pfalz als erstes Land in dem neuen Kinderschutzgesetz eingeführt werden, sind, so Dr. Ute Ziegenhain, Privatdozentin für klinische Psychologie an der Universitätsklinik Ulm, eine wesentliche Voraussetzung, um verbindliche und zuverlässige Strukturen zu schaffen, die dann auch im Ernstfall wirksam sind. Mit den lokalen Netzwerken, so Ute Ziegenhain, werden die Hilfen des Gesundheitswesen mit denen der Jugendhilfe zuverlässig geknüpft; denn Untersuchungen zeigen, dass die Kommunikation und Zuarbeit zwischen Gesundheits- und Jugendhilfe nicht zuverlässig funktioniert.

Auf den von Anna Katharina Braun dargestellten Zuhang von Kinderarmut und Vernachlässigung nahm Dr. Antje Richter, Diplom-Psychologin und stellvertretende Leiterin der Landesvereinigung für Gesundheitsförderung Niedersachsen e.V., in ihrem Beitrag „Risiko und Resilienz – was arme Kinder stärkt“ Bezug. Gerade arme Kinder werden in ihrer Entwicklung durch Reizarmut, seelischem Stress und Deprivation massiv geprägt; dennoch gelingt es Kindern trotz diesen schwierigen Ausgangsbedingungen Bewältigungsstrategien zu entwickeln, um aus dem „Teufelskreis von Armut und sozialer Ausgrenzung“ auszubrechen. Dies kann nur mit nicht gegen die Eltern gelingen, denn die Resilienzforschung zeigt, dass Kinder insbesondere durch das Erziehungsverhalten ihrer Eltern gestärkt werden. Doch diese Eltern, so Meinrad Armbruster, Professor für Sozialpädagogik an der Hochschule Magdeburg Stendal, wissen oftmals nicht, wie sie ihre Kinder fördern und unterstützen können. Die Stärkung elterlicher Erziehungskompetenz ist deshalb das Ziel einer Eltern-AG. Dieses Projekt wendet sich bewusst an Eltern, die keinen Hauptschulabschluss haben, Bezieher von Arbeitslosengeld II (Hartz IV – Empfänger) sind oder/und an einer chronischen Erkrankung wie an einer Suchterkrankung leiden. Auch diese Eltern wollen und können lernen, sich zu verändern und ihre Eltern zu stärken. Gelingen kann dies, so Armbruster, wenn die Gesellschaft ihre Verantwortung für alle Kinder ernst nimmt und Eltern in prekären Lebenslagen nicht als potentielle Risiken für das gelingende Aufwachsen ihrer Kinder abschreibt, sondern begreift, dass diese Menschen, ob der riskanten Lebensweisen, in und mit denen sie leben, Unterstützung und Begleitung brauchen. Sie nehmen diese auch an, darin sind sich die Fachleute wie Ute Ziegenhain, Antje Richter und Meinrad Armbruster einig, wenn diese Hilfen sie nicht stigmatisieren sondern sie spüren, dass auch sie gemeint und gebraucht werden. Dies belegen auch Studien von Elisabeth Helming, Deutsches Jugendinstitut (DJI) München, mit jungen Müttern, deren Kinder wegen einer möglichen Kindeswohlgefährdung in Obhut genommen wurden.


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