< vorheriger Artikel

Pressemeldung der DGVT vom 4.3.2008: Psychotherapie in Netzwerken

Pressemeldung zum Kongress für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Beratung 2008 in Berlin


Berlin, den 4. März 2008 – Psychotherapie im Internet auch von schweren psychischen Störungen ist möglich. Dies belegt Christine Knaevelsrud mit einer Untersuchung von mehr als 100 Menschen, die sie alle über das Internet behandelt hat. Für diese Arbeit, erhielt die junge Psychologin den DGVT-Förderpreis auf dem 25. Kongress für klinische Psychologie, Psychotherapie und Beratung, der vom 29. Februar bis zum 4. März an der Freien Universität Berlin tagte. Das Rahmenthema „Vernetzt(e) Psychotherapie“ wurde unter verschiedenen Perspektiven erörtert. Mit den beiden D.G.V.T. – Preisen, dem DGVT-Förderpreis mit 1.500 Euro und der D.G.V.T. – Hauptpreis mit 2.500 Euro dotiert, wurden zwei Forschungsansätze zur Netzwerkarbeit ausgezeichnet.

Anna Auckenthaler, Professorin für klinische Psychologie an der FU Berlin, verwies in ihrer Laudatio  auf die präzise wissenschaftliche Forschung, denn Christine Knaevelsrud, die zuvor einige Arbeiten zur psychotherapeutischen Beziehung veröffentlicht hatte, war zu Beginn ihrer Studie selbst skeptisch, ob eine Internet basierte Psychotherapie gelingen kann. Umso eindeutiger sind die Erfolge: mit 17 Prozent liegt die Abbruchquote deutlich unter der anderer Psychotherapiestudien. Nur ein Prozent aller Teilnehmenden bedauerte es, keine direkte Beziehung zur Psychotherapeutin zu haben. Die Mehrheit der Teilnehmenden erklärte am Ende der Psychotherapie, dass ihnen zu Beginn die scheinbare Anonymität geholfen habe, erst die Psychotherapie zu wagen.

Christine Knaevelsrud, die am Behandlungszentrum für Folteropfer in Berlin arbeitet, berichtete in ihrer Dankesrede von einem bereits begonnenen Projekt, mit der Internet-basierten Psychotherapie traumatisierte Menschen in gefährdeten Ländern, zum Beispiel im Irak, Iran aber auch in Kambodscha aus sicheren Drittstaaten zu behandeln – und die ersten Ergebnisse sind, so Knaevelsrud, sehr ermutigend.

Den D.G.V.T. – Hauptpreis erhielt stellvertretend für das Darmstädter Borderline-Netzwerk e.V. Hans Gunia, niedergelassener psychologischer Psychotherapeut in Darmstadt. Ausgezeichnet wird eine verbindliche Zusammenarbeit von insgesamt 14 niedergelassenen psychologischen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, die sich an den Interessen und Behandlungsnotwendigkeiten ihrer Patientinnen und Patienten orientiert, erklärte Frank Nestmann, Professor am Institut für Erziehungswissenschaften der Technischen Universität Berlin im Namen des Preiskuratoriums. Das Netzwerk, so Hans Gunia, verfolge vier Ziele: durch die Zusammenarbeit der Praxen gelinge es, Menschen mit einer Borderline-Störung, die sich häufig auf vielfältige Weise selbst verletzen, fast ausschließlich ambulant zu behandeln, obwohl die Selbstverletzung in der Regel zu einer Einweisung in die Psychiatrie führe. Die ambulante Behandlung gelingt durch eine gute psychotherapeutische Anbindung, die aus einer psychotherapeutischen Einzelbehandlung und zwei Gruppensitzungen pro Woche bestehe. Durch die Netzwerkarbeit sei es möglich, gemeinsam die gruppentherapeutischen Angebote anzubieten. Ergänzt wird das Angebot durch eine telefonische Krisenintervention im Einzelfall, auch dieses Angebot werde gemeinsam von den Praxen für alle Patientinnen und Patienten vorgehalten. Dieses umfassende Angebot, mit dem Menschen mit einer Borderline-Störung gut ambulant behandelt werden können, verringert die stationären Behandlungszeiten erheblich und spart den Krankenkassen bares Geld. So seien auch einige Krankenkassen bereit, den zusätzlichen Aufwand der Netzwerkpraxen auch finanziell zu vergüten. Martin Bohus, Professor am Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim, erklärte in seiner Laudatio, dass dieses Netzwerk beispielhaft für die Umsetzung der Forderung „ambulant vor stationär“ sei. Mit ihrem Engagement, so Bohus, zeigten die Praxen in diesem Netzwerk wie gute Arbeit im Interesse der betroffenen Menschen gelingen kann.


Dateien:
Zurück