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Besonderheiten psychotherapeutischer Kompetenz im institutionellen Rahmen

Bericht über den 4. Landespsychotherapeutentag vom 8.2.08 in Berlin


Nach der Begrüßung durch Frau Angermann-Küster, die im Vorstand für das Ressort „Psychotherapie in Institutionen“ zuständig ist, hielt der Kammerpräsident Michael Krenz einen Vortrag zu den „Institutionellen Aspekten psychotherapeutischen Handelns außerhalb der Kassenzulassung“. Unter diesem Titel stellte Herr Krenz dar, wie schwierig und vielschichtig sich die Landschaft der nicht-niedergelassenen Psychotherapeuten darstellt. Die Kammer habe es sich zur Aufgabe gemacht, auch die in ganz unterschiedlichen Arbeitsfeldern und unter ganz verschiedenen Bedingungen arbeitenden Kollegen anzusprechen. Der Versuch, über institutionelle Gemeinsamkeiten und Arbeitsbedingungen eine eigene Identität zu finden, sei dabei zum Scheitern verurteilt, wie er ausführte. Zu unterschiedlich sind die Arbeitsfelder. Auch die –häufig schlechten- Arbeitsbedingungen können nur zum Teil Thema der Kammer und ihres Einsatzes sein. Hier sind häufiger Gewerkschaften und Arbeitnehmervertretungen die richtigen Ansprechpartner. Allerdings bietet die Kammer hier verschiedene Plattformen des Austausches und der Unterstützung. Eine gemeinsame Identität lässt sich nur über die ausgeübte Psychotherapie stiften. Dieser Begriff greift dabei weit über die ausgeübte Methodik hinaus und beschreibt vielmehr eine gemeinsame, in Institutionen unverzichtbare Kompetenz mit Problemen umzugehen.

 

Ein konkretes Beispiel für diese besondere Kompetenz wurde im folgenden Vortrag von Werner Wilk deutlich, der nachmittags noch von einem gut besuchten entsprechenden Workshop ergänzt wurde. Herr Wilk sprach zur „akut- und notfallpsychotherapeutischen Versorgung als Aufgabenstellung für Psychotherapeut/-innen in Institutionen“. Dieses bisher trotz bestehender Rechtsgrundlagen (die Definition des Arbeitsunfalls schließt psychische Traumatisierungen ein, das Arbeitsschutzgesetz fordert entsprechende präventive Maßnahmen und Notfallpläne) wenig entwickelte Gebiet macht deutlich, wie wichtig Psychotherapeuten in einer Institution sind. Dabei geht es nicht nur um sogenannte Großschadensereignisse, bei denen eine Vielzahl von Menschen traumatisiert werden können. Hier können schon jetzt Psychotherapeuten zur aktiven Hilfe verpflichtet werden. Im Alltag gibt es auch täglich kleinere und größere Unfälle und Verletzungen. Im Rahmen der Notfallpsychotherapie ist einzuschätzen, wie und welche Form der Hilfe angemessen und schnell geleistet werden kann.

 

Der Vormittag schloss mit dem Vortrag von Rechtsanwalt Jörn W. Gleiniger, der über „Psychotherapie im Spannungsfeld zwischen Berufsordnung und Dienstrecht“ referierte. Dabei stellte er die Funktion und die Grenzen der Berufsordnung und ihre Auswirkung auf Rechtsverhältnisse zu Dritten (z.B. im Rahmen von Teamarbeit mit anderen Berufsgruppen, zu Vorgesetzten etc.) dar. Deutlich wurde, dass der sogenannte Vorrang der Berufsordnung sich ausschließlich auf die Gesetzgebungskompetenz zwischen Bund und Länder bezieht, aber keineswegs auf die Gestaltung des Arbeitsverhältnisses zwischen Psychotherapeut und Arbeitgeber. Letztlich bindet die Berufsordnung ausschließlich den Psychotherapeuten. Sie fasst im Wesentlichen bestehende Gesetze (z.B. die Schweigepflicht) zusammen oder konkretisiert andere Vorschriften (z.B. das Abstinenzgebot, die Dokumentationspflicht) für die Berufsgruppe der Psychotherapeuten. Die Vereinbarungen eines Arbeitsvertrages werden dadurch nicht berührt, selbst wenn sie der Berufsordnung widersprechen könnten. Als Berufsrecht ist sie auch nicht vor einem Arbeitsgericht einklagbar. Lediglich für den Fall, dass der Arbeitnehmer ausdrücklich als „Psychotherapeut“ angestellt ist, ist seine Tätigkeit als „höhere Tätigkeit“ in ihrem „Kernbereich“ (also z.B. dem konkreten Inhalt von Therapiegesprächen) geschützt. Organisatorische Belange –also z.B. wie viel Zeit der Psychotherapeut für eine Sitzung hat oder wie lange er einen Patienten und in welchem Rahmen behandeln kann- werden davon schon nicht erfasst. Aus dem Vortrag ergab sich eine angeregte Diskussion, die deutlich machte, wie viele Spannungsfelder sich aus dem „psychotherapeutischen Anspruch“ und den Bedingungen des Arbeitens in einer Institution, z.B. im Strafvollzug, ergeben.

 

Nachmittags wurden einzelne Themen des Vormittags und wichtige Arbeitsfelder von Psychotherapeuten im institutionellen Rahmen in verschiedenen Workshops vertieft. Prof. Dr. Silke Gahleitner im Workshop „Psychotherapie mit Jugendlichen in therapeutischen Wohngemeinschaften im Spannungsfeld zwischen pädagogischer Arbeit und therapeutischen Verstehens“ machte an der Arbeit, die Psychotherapeuten in therapeutischen Wohngemeinschaften leisten, deutlich, welche Besonderheiten psychotherapeutischer Kompetenz von Psychotherapeuten in Institutionen gefordert sind. Neben der Fähigkeit, ein therapeutisches Milieu unter Vernetzung verschiedener Berufsgruppen zu schaffen, umfasst dies vor allem, verschiedene Methoden sinnvoll miteinander zu koordinieren und zu organisieren vor dem Hintergrund einer angemessenen therapeutischen Haltung.

 

Prof. Dr. Christiane Ludwig-Körner vertiefte das Gebiet der „Eltern-, Säuglings- und Kleinkindberatung und –psychotherapie“. Schon im Titel der Veranstaltung wird die Notwendigkeit deutlich, als Psychotherapeut in Institutionen immer mehrere Personen – hier zumindest Eltern und Kind – mit ihren Bedürfnissen und Problemen wahrzunehmen und Hilfen zu koordinieren, interdisziplinär zu arbeiten und solche Arbeit überhaupt erst zu veranlassen.

 

Dr. Johannes Lindenmeyer bezog sich in seinem Workshop „Angestellt = Abgestellt? Zur Situation der Psychologischen Psychotherapeut/-innen in der Rehabilitation“ direkt auf die Chancen, die sich aus der spezifischen psychotherapeutischen Sicht in der Rehabilitation ergeben. Langfristig sieht er hier einen deutlichen Bedarf an Psychologischen Psychotherapeuten. Das psychologische Krankheitsmodell ist im Bereich der chronischen Erkrankungen, die in der Regel längst unabhängig von früheren Ursachen existieren, für die Planung einer Behandlung wesentlich besser geeignet. Am Beispiel der Salus-Klinik erläutert er, wie eine entsprechende Behandlung als institutionelle Psychotherapie organisiert werden kann.

 

Gerd Dielmann, u.a. zuständig bei der Gewerkschaft ver.di für die „Bundesfachkommission für Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten“, referierte über „die aktuelle arbeits- und tarifrechtliche Situation der angestellten Psychotherapeut/-innen (PP/KJP) und Psychotherapeut/-innen in Ausbildung (PiA) im gesundheitspolitischen Kontext“. Am Anfang stand die Feststellung, dass anstelle angeblicher Qualitätsverbesserung durch die zunehmende Marktorientierung im Gesundheitswesen eine Preiskonkurrenzsituation entstanden ist, die fatale Auswirkungen auch auf die Beschäftigten hat. Privatisierung und Outsorcing würden tendenziell direkt in die Lohnsenkung führen. Dahinter stehe – eine Teilnehmerin brachte es auf den Punkt – der Druck, Gewinne (um fast jeden Preis) machen zu müssen. Von ehemals 1043 öffentlichen Krankenhäusern (im Jahr 1990) waren 2006 noch 617 übrig. Die Anzahl von Krankenhäusern in privater Trägerschaft nahm dagegen von 321 auf 504 zu. Dies ging stets einher mit drastischem Personalabbau (außer bei Ärzten) in allen Dienstleistungsbereichen. Des Weiteren erläuterte er die Eckpunkte der neuen Tarifstruktur des oft kritisierten TVöD, wobei ver.di den Eingruppierungsgrundsatz nach Funktionsmerkmalen vertritt bzw. Vergütung gemäß Qualifikation und ausgeübter Tätigkeit. Es gäbe noch viel Klärungsbedarf, auch, weil die Arbeitgeber bei den Verhandlungen ihre Favoriten „mehr Flexibilität“ und „Kostenneutralität“ untergebracht wissen wollen. Für die teilweise katastrophale Situation der Psychotherapeuten in Ausbildung (PiAs) strebt ver.di die Ausarbeitung eines Musterausbildungsvertrages an. Hier gibt es bereits einen gemeinsamen Termin mit der Berliner Psychotherapeutenkammer und eine Kammerkommission, die diese Diskussion zu einem für die PiAs angemessenen Abschluss bringen sollte. Die lebhafte Workshopdiskussion zeugte von dem Interesse der Teilnehmer als betroffene abhängig Beschäftigte.

 

Insgesamt ist der Landespsychotherapeutentag eine gelungene Standortbestimmung für die Psychotherapie im institutionellen Kontext gewesen, die nicht nur die Risiken und die aktuelle, häufig sehr unbefriedigende Situation für die in Institutionen tätigen Psychotherapeuten beleuchtete, sondern auch Chancen aufzeigte, wie die Psychotherapie in Institutionen zu stärken ist. Damit wurde auch ein Beitrag zur Bildung einer gemeinsamen psychotherapeutischen Identität der institutionell tätigen Therapeuten geleistet.

 

Christian Remmert und Klaus Bickel

Delegierte der Berliner Psychotherapeutenkammer
und Mitglieder im Kammerausschuss „Psychotherapie in Institutionen“


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