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Änderungsbeschlüsse des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) zu den Psychotherapie-Richtlinien

Mit Schreiben vom 3. März 2008 hat das BMG den Beschluss des G-BA vom 20. Dezember 2007, bei der Zulassung von Psychotherapieverfahren deren Versorgungsrelevanz zu berücksichtigen, nicht beanstandet. Damit ist der Beschluss zum 21. März in Kraft getreten.


Hintergrund:

Nachdem ein im Juni 2006 gefasster Beschluss des G-BA zu den Psychotherapie-Richtlinien vom BMG im August 2006  beanstandet worden war (siehe Bericht Rosa Beilage 4/2006), hat der G-BA die nun getroffene Regelung im Konsens mit dem für das Berufsrecht zuständigen Wissenschaftlichen Beirat sowie der Bundesärztekammer und der Bundespsychotherapeutenkammer erarbeitet. Die Psychotherapie-Richtlinien wurden in wichtigen Teilen völlig überarbeitet. Auch die Spitzenverbände der Krankenkasse tragen diese Änderungen einstimmig mit.
Die Einführung des neuen Kriteriums der Versorgungsrelevanz war erforderlich, um eine allein indikationsbezogene Zulassung zu vermeiden. Neue Verfahren, die ein so genanntes Schwellenkriterium erfüllen, können jetzt weiterhin für das gesamte Spektrum der Psychotherapie zugelassen werden. Der Bundespsychotherapeutenkammer ist die Befürwortung des Schwellenkriteriums nicht leicht gefallen, zumal einige Fach- und Berufsverbände das Schwellenkriterium als eine zu hohe und dem verfolgten Zweck nicht angemessene Hürde für neue Psychotherapieverfahren ansehen. Allerdings war klar, dass es in der GKV keine Zulassung ohne Prüfung auf Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit geben wird.
Die Überarbeitung der Psychotherapie-Richtlinien ist die umfangreichste Änderung seit der Anpassung der Psychotherapie-Richtlinien an die Vorgaben des Psychotherapeutengesetzes. Notwendig sind diese Änderungen deswegen geworden, weil durch gesetzliche Änderungen im Zuge der zurückliegenden Gesundheitsreformen, insbesondere im SGB V, eine Weiterentwicklung der Psychotherapie nach den alten Richtlinien nicht mehr möglich gewesen wäre.
Nachdem die Beschlüsse durch das BMG mit Schreiben vom 3. März 2008 nicht beanstandet wurden, sind diese nach Veröffentlichung im Bundesanzeiger in Kraft getreten.
Für die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen werden sich durch die Änderungen zunächst keine Auswirkungen auf die berufliche Praxis ergeben. Dies wird erst dann der Fall sein, wenn aufgrund der Änderungen weitere, wissenschaftlich anerkannte Verfahren oder Methoden der Psychotherapie Eingang in die psychotherapeutische Versorgung finden werden.

Folgende Änderungen wurden am 20. Dezember 2007 beschlossen:

  • Beschluss über eine Änderung der Psychotherapie-Richtlinien: Definition Verfahren, Methode, Technik
  • Beschluss über eine Änderung der Psychotherapie-Richtlinien: Einführung eines Schwellenkriteriums
  • Beschluss über eine Änderung der Psychotherapie-Richtlinien: Aktualisierung des Begriffs „medizinische Rehabilitation“
  • Beschluss über eine Änderung der Psychotherapie-Richtlinien: Präzisierung zur Kurzzeittherapie
  • Beschluss über eine Änderung der Psychotherapie-Richtlinien: Redaktionelle Änderung in Abschnitt F

Der G-BA hat die Beschlüsse und die tragenden Gründe im Internet veröffentlicht unter  www.g-ba.de/informationen/beschluesse/zur-richtlinie/20/
Die nachfolgend zu den Beschlüssen abgedruckten Erläuterungen sind aus den „tragenden Gründen“ des G-BA übernommen.

Definition „Psychotherapieverfahren“

Die Psychotherapie-Richtlinien enthielten bisher keine explizite Definition des Begriffes „Psychotherapieverfahren“. Implizit umreißt Abschnitt A aber bereits die Grundelemente eines Psychotherapieverfahrens im Sinne der Richtlinien:

  • Psychotherapie setzt voraus, dass das Krankheitsgeschehen als ein ursächlich bestimmter Prozess verstanden wird.
  • Psychotherapie-Verfahren sind zur Krankenbehandlung geeignete Verfahren, denen ein umfassendes Theoriesystem der Krankheitsentstehung (übergeordnetes Störungsmodell) zugrunde liegt und deren spezifische Behandlungsmethoden in ihrer Wirksamkeit belegt sind.

Diese Grundelemente wurden aufgegriffen und in Verbindung mit dem aktuellen wissenschaftlichen Diskurs gebracht. Im Ergebnis ist daraus eine Definition entstanden, in der sich nach wie vor die Richtlinienverfahren, das sind die psychoanalytisch begründeten Verfahren gemäß B I. 1.1. PT-RL (Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie gem. B I. 1.1.1 PT-RL und Analytische Psychotherapie gem. B I. 1.1.2 PT-RL) und Verhaltenstherapie gem. B I. 1.2 PT-TL, wiederfinden. Gleichzeitig sind mit der Definition klare Kriterien aufgezählt, die bei der Beratung neuer psychotherapeutischer Interventionen die Zuordnung, ob es sich um ein neues Verfahren oder eine neue Methode handelt, erleichtern sollen.
Mit dem Erfordernis eines „umfassenden Theoriesystem der Krankheitsentstehung (übergeordneten Störungsmodells)“ in Nummer 5.1 (neu) wird unterstrichen, dass die übergreifende Theorie konstituierendes Merkmal eines Verfahrens ist. D.h., mit dieser Definition des Verfahrens soll keinesfalls die Möglichkeit eröffnet werden, eine Ansammlung von verschiedenen Methoden bzw. von Elementen verschiedener Verfahren ohne verbindende theoriegebundene Konzeption (durch bloße Addition) in den Rang eines Verfahrens zu erheben.

Definition „Psychotherapiemethode“

Für den Fall, dass im sozialrechtlichen Zusammenhang ein Antrag auf Prüfung einer vom wissenschaftlichen Beirat anerkannten Psychotherapiemethode, wie z.B. Interpersonelle Therapie (IPT), gestellt wird, werden nun in den Richtlinien die definitorischen Voraussetzungen dafür geschaffen, einen solchen Antrag zu prüfen. Die vorgesehene Richtlinienänderung ermöglicht, ein Bewertungsverfahren durchzuführen. Bei Erfüllung aller in den Richtlinien formulierten Bedingungen kann eine neue Methode Eingang in die Richtlinien und damit auch in die Patientenversorgung im Rahmen der GKV finden. Gleichzeitig wird sichergestellt, dass eine indikationsbezogene Psychotherapiemethode immer auf der Grundlage einer umfassenden Grundqualifikation des Therapeuten erbracht wird. Zusätzlich wird die Möglichkeit eröffnet, weitere Bedingungen für die Erbringung einer Psychotherapiemethode zu Lasten der GKV sowie Qualifikationsvoraussetzungen in Anlage 1 der Psychotherapie-Richtlinien zu regeln.

Definition „Psychotherapeutische Technik“

Der Begriff „Technik“ war bisher in den Richtlinien der psychosomatischen Grundversorgung vorbehalten und beschrieb die übenden und suggestiven Techniken. In der wissenschaftlichen Literatur in den Gebieten Psychologie und Psychotherapieforschung wird „Psychotherapeutische Technik“ als eine konkrete Vorgehensweise verstanden, mit deren Hilfe die angestrebten Ziele im Rahmen der Anwendung von Verfahren und Methoden erreicht werden sollen.
Diese Technikdefinition wird in die Richtlinien übernommen, als Folgeänderung ergibt sich daraus, dass die „übenden und suggestiven Techniken“ in der psychosomatischen Grundversorgung in Zukunft als „übende und suggestive Interventionen“ bezeichnet werden. Inhaltlich ändert sich dadurch an den Regelungen zu übenden und suggestiven Techniken in der psychosomatischen Grundversorgung nichts.

Folgeänderungen

Alle weiteren Änderungen neben der Einfügung der Definitionen in Abschnitt A sind redaktioneller Natur. Mit diesen Änderungen wird sichergestellt, dass die nun präzise umrissenen Begriffe Verfahren, Methoden und Techniken konsistent in den Richtlinien verwandt werden.

Schwellenkriterium

Entscheidend für die sozialrechtliche Anerkennung eines Psychotherapieverfahrens ist zukünftig, dass es nachweislich nützlich, medizinisch notwendig und wirtschaftlich für die Behandlung versorgungsrelevanter psychischer Störungen ist. Mit diesem Beschluss ist der G-BA bei seiner Linie geblieben, die Anerkennung als Richtlinienverfahren vom Nachweis des Nutzens, der medizinischen Notwendigkeit und Wirtschaftlichkeit in den häufigsten Anwendungsbereichen der Psychotherapie abhängig zu machen. Gegenüber seinem Beschluss vom 20.6.2006 werden aber nun grundsätzlich alle Anwendungsbereiche berücksichtigt und nicht mehr exklusiv drei bestimmte. Vom Grundsatz her geht es darum, dass ein zur Krankenbehandlung zugelassenes Verfahren eine so große Bandbreite an Indikationen abdecken soll, dass eine umfassende Versorgung der Versicherten gewährleistet ist.

Auswirkungen auf die Überprüfung der Richtlinienverfahren

Das neue Schwellenkriterium wird auch bei der Überprüfung der bereits anerkannten Richtlinienverfahren, die der G-BA bereits vorbereitet, zugrunde gelegt werden.

Waltraud Deubert


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