< vorheriger Artikel

Der heimliche Schwerpunkt: Förderung der Kindergesundheit und des Kindeswohls


Ein Blick in das Kongressprogramm des 25. Kongresses für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Beratung zeigt, dieser Kongress hatte neben seinem Rahmenthema „Vernetzt(e) Psychotherapie!“ noch ein zweites „heimliches“ Schwerpunktthema: An jedem Tag gab es mindestens ein Symposium, in dem die Fragen des Kindeswohls und der Kindergesundheit vertiefend dargestellt und diskutiert wurden.
So beschäftigten sich am Samstagvormittag gleich zwei Symposien mit diesem „heimlichen“ Schwerpunkt. Heidi Rosenow, Psychologin aus Bielefeld und Mitglied der Fachgruppe Kinder- und Jugendliche in der DGVT, hatte das Symposium Erstes, zweites, drittes Leben – Jugendliche unterwegs im Internet organisiert. Dabei beschäftigten sich die ReferentInnen auch mit der Frage, wie kreativ Jugendliche und junge Erwachsene zwischenzeitlich das Internet für ihre eigenen Bedürfnisse organisieren, eigene auf das Web 2.0 bezogene Identitäten schaffen ohne immer den Bezug zur realen Welt zu verlieren. Die Verschränkung von virtueller und realer Welt scheint den meisten Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu gelingen auch wenn, wie Oliver Bilke in seinem Vortrag darstellte, es pathologische Mediennutzung gibt. Besonders beeindruckend war der Vortrag von Ingrid Franziska Reichmayr, Berufsschullehrerin aus Wien, die den Zuhörenden die Web-Welt der Jugendlichen nahe bringen konnte. Parallel zu diesem Symposium tagte im benachbarten Hörsaal unter Leitung von Irmgard Teske, Fachhochschule Weingarten, und Andreas Lange, Deutsches Jugendinstitut München, ein Symposium mit dem Thema Nichts bleibt so wie es ist – zur widersprüchlichen Wiederentdeckung familialer Unterstützungswerke. Walter Bien räumte mit seinem Vortrag Soziale Netzwerke von Familien – Eine soziologische Bestandsaufnahme mit einigen Medien-Mythen über die Familie auf. Immerhin leben rund 80 % der Kinder in „ganzen“ Familien, in denen sich die Eltern noch nicht getrennt haben. Von 15 Millionen Kindern leben rund 850 000 Kinder bei getrennt lebenden Eltern. Die anderen Kinder leben in anderen Familien- und Lebensformen. Überraschend war auch, dass rund 80 % aller Kinder einen direkten Kontakt zu ihren Großeltern haben; das Thema „Life Opa“ scheint deshalb kein Thema der Kinder sondern eines der älteren Menschen zu sein, die alt geworden keine Kinder und damit auch keine Enkelkinder haben.

Elisabeth Helming berichtete im gleichen Symposium über ihre Forschungsergebnisse mit Müttern, deren Kinder in Obhut genommen wurden. Ihre Forschungen belegen, dass die Mütterperspektiven in Kinderschutzprozessen oftmals keine Rolle mehr spielen, die Mütter kommen dabei nur als Personen vor, die ihre Kinder vernachlässigen oder sogar misshandeln; ihre Lebenssituation wird in der Regel nicht untersucht. Kinderschutz, so Helming, verleitet dazu, individuelle Ansätze zu priorisieren. Sie plädierte für frühe Hilfen, mit denen auch die elterliche Kompetenz, Kinder zu erziehen und eine Familie zu organisieren, gestärkt wird. Am Samstagnachmittag diskutierten Nicola Gragert und Mike Seckinger, beide vom Deutschen Jugendinstitut in München, die verschiedenen Formen des Umgangs mit Eltern von Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten. Parallel dazu hatten Hans Peter Michels und Burkhard Bierhoff, beide Fachhochschule Cottbus, das Symposium Prekäre Lebensverhältnisse mit dem Schwerpunkt Kinderarmut organisiert. Mario Candeias, Soziologe aus Berlin, gab einen guten Überblick über die bestehenden prekären Arbeits- und Lebensverhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland. Antje Richter, stellvertretende Geschäftsführerin der Landesvereinigung für Gesundheit e.V. in Niedersachsen, beschrieb dann im Detail das Kindergesicht der Armut und benannte die Faktoren, die auch Kinder in Armutsverhältnissen widerstandsfähiger machen, damit diese Kinder die Folgen der Kinderarmut bewältigen können. Ein entscheidendes Merkmal der Kinderarmut in der westeuropäischen Gesellschaft ist der Mangel an sozialen Stützsystemen. Die Armut der Familien führt dazu, dass Kinder die vorhandenen sozialen Netzwerke für sich nicht nutzen können. Sie werden beispielsweise von Musik- oder Sportvereinen ausgegrenzt und können somit nicht das notwendige soziale Netzwerk knüpfen, um die vorhandenen Bildungsangebote zu nutzen.

Am Sonntagvormittag standen wieder zwei Symposien zur Wahl: Gaby Kohl, Pädagogin aus Potsdam und Martin Lemme, niedergelassener Psychotherapeut aus Bramsche hatten ein Symposium organisiert, das die Elternarbeit und das Elterncoaching im Blick hatte. Das Symposium Elterliche und professionelle Präsenz und gewaltloser Widerstand in der Praxis wirkungsvolle Interventionen im Umgang mit aggressiven Kindern und Jugendlichen : Respekt statt Effizienz griff die oftmals ohnmächtigen Situationen von Eltern, Lehrerinnen und Lehrern sowie anderen Professionellen auf, die mit dem machtvollen bis aggressiven Verhalten von Kindern und Jugendlichen nicht zurecht kommen.

Das zweite Symposium Stress und Coping bei Kindern wurde moderiert und organisiert von Albert Lenz, Fachhochschule Paderborn und Johannes Jungbauer, Katholische Fachhochschule Aachen, fokussierte auf die Situation der Kinder. Wie gehen Kinder von chronisch kranken Eltern mit ihren psychischen Belastungen um, wie können sie diese bewältigen und wie gelingt es, gesund aus dieser schwierigen Situation herauszukommen. Diese Fragen wurden von Georg Romer, Juliane Kuhn und Ines Lägel aus unterschiedlichen Perspektiven beantwortet.

Am Sonntagnachmittag stand dann die Prävention, Diagnostik und Intervention bei Kindeswohlgefährdung im Mittelpunkt der Diskussion des Symposiums, das von Wolfgang Schreck, Jugendamt Gelsenkirchen, und Michael Borg-Laufs, Fachhochschule Mönchengladbach, organisiert wurde. Meinrad Armbruster, Fachhochschule Magdeburg, beschrieb ein bewusst selektives Bildungsprogramm für Eltern, das sich an sogenannte bildungsferne Eltern richtet. Im Sinne einer „positiven Diskriminierung“ werden Eltern für dieses Programm ausgewählt, die mindestens zwei der folgenden Bedingungen erfüllen müssen: Keinen Hauptschulabschluss, keine Ausbildung, Hartz IV-Empfänger, chronische Erkrankung wie Suchterkrankungen. Ausgangspunkt dieses Bildungsprogramms ist eine intensive Feldforschung, indem die Lebensumwelt der Menschen auch auf Ressourcen analysiert wird, die dann in dem Programm „ELTERN-AGlernen, Belastungsfaktoren zu bewältigen und riskante Chancen auch für das Wohl ihrer Kinder zu nutzen. Michael Borg-Laufs stellte dann ein Instrumentarium zur Diagnostik von Kindeswohlgefährdungen vor. Wolfgang Schreck gab mit seinem Referat einen tiefer gehenden Einblick in die Frage der Gefährdung des Kindeswohls. Dies umfasste sowohl die rechtlichen Grundlagen wie die unterschiedlichen Instrumentarien, um der Kindeswohlgefährdung angemessen zu begegnen.

Am Montagvormittag standen die Symposien Prävention im Vorschulalter organisiert von Klaus Fröhlich-Gildhoff, Hochschullehrer an der evangelischen Fachhochschule Freiburg, und das Symposium Chancen und Perspektiven von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit ADHS organisiert und moderiert von Claudia Ruff aus Bottrop, zur Auswahl. Begonnen hatte der Montagvormittag mit einem Hauptreferat zum Kongressthema von Ute Ziegenhain, die Koordinierung und Vernetzung im Kinderschutz als interdisziplinäre Herausforderung beschrieb. In ihrem Referat wurde deutlich, dass die einfache Aufforderung: „Vernetzt euch doch!“ im beruflichen Alltag nicht ganz so einfach ist. Die unterschiedlichen professionell ausgebildeten Akteurinnen und Akteure im Feld des Kinderschutzes nehmen die anderen Institutionen und Einrichtungen jeweils aus ihrer Perspektive wahr. Die vom jeweils anderen zugeschriebenen Kompetenzen stimmen nicht immer mit den Kompetenzen überein, die die Institutionen für sich selbst definiert haben. Der Auf- und Ausbau von Netzwerken zum Schutz des Kindeswohls ist eine eigene professionelle Herausforderung.

Am Montagnachmittag lieferte die Jubiläumsveranstaltung mit der anschließenden Verleihung des DGVT-Förderpreises und der Mitgliederversammlung eine kleine Verschnaufpause.

Der letzte Vortrag zum Kongressthema Vernetztes Denken - Denken in Netzwerken: Was die Psychotherapie aus der Hirnforschung lernen kann nutzte Anna Katharina Braun, Professorin für Biologie an der Universität Magdeburg, auch zu einem klaren Statement zur aktuellen Diskussion um die Förderung von Kleinkindern in Tageseinrichtungen. Sie machte deutlich, dass für die Entwicklung des Gehirns von Kleinkindern Bewegung und Anregung notwendig ist; dies bieten gute Kindertagesstätten.

In dem Symposium Gelingende Kooperationen bei verschiedenen Fachsprachen und institutionellen Rahmenbedingungen geplant und organisiert von Monika Bormann und Werner Meyer-Deters, beide arbeiten in Bochumer Beratungsstellen, war das Kindeswohl. In den verschiedenen Beiträgen wurden Vernetzungs- und Kooperationsmodelle für den Schutz und die Behandlung von Kindern, die vernachlässigt oder (sexuell) missbraucht wurden, dargestellt. Auch wenn der Schwerpunkt auf den notwendigen Voraussetzungen für eine gelingende Kooperation lag, gaben die Referate doch konkrete Einblicke in die Schwierigkeiten aber auch Notwendigkeiten Kooperationsbeziehungen zum Schutz des Kindeswohls zu etablieren.

In dem von Bernd Röhrle, Universität Marburg organisierten und moderierten Symposium Neue Entwicklungen zur Prävention psychischer Störungen und Förderung psychischer Gesundheit wurden verschiedene präventive Gruppenprogramme für Kinder zur Förderunge der Kindergesundheit vorgestellt. Wer dann wollte, konnte sich am Dienstagnachmittag bei dem Treffen des German Network for Mental Health mit anderen Personen, die an der Förderung der seelischen Gesundheit (von Kindern) arbeiten, vernetzen.

Fazit: Dieser Kongress war eine gelungene Fortbildung für Menschen, die für Förderung und den Schutz des Kindeswohls eintreten.


Zurück