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DGVT-Förderpreis für Dr. Christine Knaevelsrud

Laudatio anlässlich der Verleihung des DGVT-Förderpreises an Frau Dr. Christine Knaevelsrud


Liebe Frau Knaevelsrud,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich freue mich sehr, die Laudatio anlässlich der Verleihung des DGVT-Förderpreises an Frau Dr. Christine Knaevelsrud halten zu dürfen. Ich freue mich darüber, Ihnen, Frau Knaevelsrud, öffentlich zu diesem Preis gratulieren zu dürfen. Und ich freue mich darüber, Ihnen, dem Publikum, eine Preisträgerin präsentieren zu dürfen, die mit ihren Leistungen eindrucksvoll belegt, dass wissenschaftliche Qualität und Versorgungsrelevanz von Forschung einander nicht ausschließen müssen.

Wir haben gerade gehört, dass der DGVT-Förderpreis „für herausragende Nachwuchsleistungen auf dem Gebiet der Entwicklung der Verhaltenstherapie“ vergeben wird und dass damit junge WissenschaftlerInnen und PraktikerInnen ausgezeichnet werden sollen, die dazu beitragen,  „eine Verhaltenstherapie in gesellschaftlicher und gesundheitspolitischer Verantwortung weiterzuentwickeln“.

Die heutige Preisträgerin bekommt den Förderpreis für ihre Dissertation. Frau Dr. Knaevelsrud hat bei Herrn Prof. Maercker in Zürich promoviert und ihre Dissertation im Mai 2005 „summa cum laude“ abgeschlossen. Das Ziel ihrer Dissertation war ein doppeltes:

  1. sollte ein in den Niederlanden entwickeltes Programm zur internetbasierten Behandlung von Patienten mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung im deutschen Sprachraum erprobt und evaluiert werden, und
  2. sollten die besonderen Merkmale der therapeutischen Beziehung im Setting der Online-Therapie herausgearbeitet werden.

Sie haben mir erzählt, dass Sie ursprünglich gegenüber einer Online-Therapie sehr skeptisch gewesen sind. Sowohl Ihre theoretische als auch Ihre praktische Abschlussarbeit im Rahmen Ihres Psychologiestudiums an der Universität Amsterdam hatten die therapeutische Beziehung zum Thema, und das macht Ihre Skepsis sehr nachvollziehbar. Ich glaube übrigens, Sie haben den Förderpreis der DGVT u. a. deshalb bekommen, weil Sie einerseits trotz dieser Skepsis offen geblieben sind für positive Überraschungen, und weil Sie andererseits diese Skepsis bis heute nicht ganz über Bord geworfen haben. Sie konnten die Wirksamkeit der von Ihnen untersuchten internetbasierten Intervention für posttraumatische Belastungsstörungen nachweisen, und Sie sehen inzwischen die Vorzüge von Online-Therapien: dass sie nämlich auch Bevölkerungsgruppen erreichen, die eine konventionelle Psychotherapie nicht wahrnehmen wollen oder können - z. B. aufgrund von Schamgefühlen, der Angst vor Stigmatisierung oder aufgrund ihrer Lebens- und Wohnsituation. Und Sie konnten herausarbeiten, dass sich selbst im anonymen Kontext des Internets eine stabile und tragfähige therapeutische Beziehung entwickeln kann. Trotzdem weisen Sie auch auf die Grenzen der Online-Therapie hin: auf ihre begrenzten Einsatzmöglichkeiten und  die unzureichende Individualisierung. Das heißt: Sie wahren jene kritisch-reflexive Distanz zur eigenen Forschung, die gute WissenschaftlerInnen m. M. nach auszeichnet.

Sie werden heute für Ihre ausgezeichnete Dissertation geehrt, und das liegt auch an der Praxis- und Versorgungsrelevanz Ihrer Forschung. Seit 2004 sind Sie wissenschaftliche Mitarbeiterin, seit 2007 wissenschaftliche Leiterin im Behandlungszentrum für Folteropfer hier in Berlin. In den Forschungsprojekten, die Sie dort betreuen, geht es u. a. um die Entwicklung und Optimierung der Behandlung und Diagnostik von Kriegs- und Folteropfern. Und Sie forschen nicht nur. Parallel zu Ihren wissenschaftlichen Tätigkeiten machen Sie Ihre Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin und arbeiten in der Ambulanz des Behandlungszentrums für Folteropfer mit. Das, so denke ich, ist mit ein Grund dafür, dass sich Ihre Forschung so angenehm von Untersuchungen unterscheidet, die fernab der Versorgungsrealität und fernab der Lebenswelt der KlientInnen durchgeführt werden.

Durch zahlreiche Veröffentlichungen und Vorträge und durch ihre Tätigkeit als Dozentin in mehreren Ausbildungsinstituten erfüllen Sie noch ein weiteres Kriterium, das der Vergabe des Förderpreises der DGVT zugrunde gelegt wird: die „öffentlichkeitswirksame Verbreitung verhaltenstherapeutischer Theorie und Praxis“. Kein Wunder also, dass ich diese Laudatio gern gehalten habe: weil Sie, liebe Frau Knaevelsrud, mir diese Laudatio so leicht gemacht haben. Ich bin bekannt dafür, dass ich mich nicht verstellen kann und dass es mir schwer fällt zu loben. In Ihrem Fall musste ich nicht loben, nur aufzählen. Und ich musste mich nicht verstellen, denn ich bin beeindruckt von Ihren Leistungen. Ich freue mich sehr darüber, dass die Wahl der DGVT auf Sie gefallen ist, gratuliere Ihnen von ganzem Herzen und wünsche Ihnen alles Gute für Ihre Zukunft.

Der DGVT möchte ich dafür danken, dass sie bei der Preisvergabe neben den auch sonst üblichen Auswahlkriterien (wie z.B. der wissenschaftlichen Qualität der ausgezeichneten Leistung) auch den Aspekt der gesellschaftlichen und gesundheitspolitischen Verantwortung berücksichtigt. Ich hoffe sehr, dass es ihr gelingt,  an diesem Selbstverständnis und dieser Förderpolitik  auch in Zukunft festzuhalten.


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