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Online-Therapie der PTSD - Dankesrede von Dr. Christine Knaeveslrud

Vortrag anlässlich der Verleihung des Förderpreises der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie


Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Jury, sehr geehrte liebe Frau Prof. Auckenthaler,
sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,
ich möchte mich zunächst bei Ihnen allen für die große Ehre anlässlich der Verleihung des Förderpreises der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie bedanken. Neben der persönlichen Ehre freue ich mich insbesondere, dass die DGVT den diesjährigen Preis der Integration neuer Medien in die Psychotherapie gewidmet hat.

Die neuen Medien und speziell die Computertechnologie werden bereits vielfältig in der psychotherapeutischen Versorgung genutzt: in der Diagnostik, in Form von Selbsthilfeprogrammen, als Onlineberatung wie es zum Beispiel die Caritas oder die Telefonseelsorge schon seit einigen Jahren anbieten und als internetgestützte Psychotherapie.

Das Projekt für das ich heute ausgezeichnet werde, wurde von Prof. Dr. Alfred Lange und Kollegen von der Universität Amsterdam Mitte der 90er Jahre entwickelt. Interapy ist eine internetbasierte Schreibtherapie zur Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen. Interapy beruht auf einem kognitiv-verhaltenstherapeutischen Ansatz, dessen zentraler Bestandteil eine Schreibtherapie zur Verarbeitung des traumatischen Erlebnisses ist. Dabei findet der gesamte therapeutische Kontakt ausschließlich über das Internet statt. Die Patienten werden über das Internet dazu angeleitet sich schriftlich mit dem traumatischen Ereignis zu beschäftigen und dies in entlastender Weise neu zu bewerten. Anhand eines manualisierten Behandlungsplanes schreiben Patienten insgesamt zehn Texte und erhalten darauf Rückmeldung von ihrem individuellen Therapeuten. Neben der Traumaexposition ist die kognitive Umstrukturierung zentraler Bestandteil der Therapie. Im Laufe der letzten Jahre wurden zusätzliche Behandlungsangebote für Depressionen, Essstörungen, Panikstörungen und arbeitsbedingtem Stress (Burnout) entwickelt. In den Niederlanden ist Interapy bereits in die reguläre psychotherapeutische Versorgung integriert. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten.
Um die Wirksamkeit von Interapy für posttraumatische Belastungsstörungen auch im deutschsprachigen Raum zu überprüfen, führte ich im Rahmen meiner Dissertation bei Prof. Dr. Dr. Andreas Maercker an der Universität Zürich eine randomisierte Kontrollstudie mit circa 100 Patienten durch. Die Wirksamkeit dieses Ansatzes konnte eindeutig nachgewiesen werden. 80% derjenigen Patienten, die vor Beginn der Behandlung den Diagnosekriterien einer posttraumatischen Belastungsstörung entsprachen, erfüllten diese nach Abschluss der Behandlung nicht mehr. Signifikante Symptomreduktionen konnten auch hinsichtlich der Ängstlichkeit und Depressivität festgestellt werden. Die Effekte blieben über einen 6 bzw. 18 – monatigen Folgezeitraum stabil.
Neben der Wirksamkeit war die Qualität und Entwicklung der therapeutischen Beziehung im Internet ein weiterer Fokus der Studie. Die therapeutische Beziehung hat sich mit einem Dropout von 17% nicht nur als stabil erwiesen, sondern wurde von den Patienten bereits nach der vierten Sitzung als positiv beschrieben. Anhand des Working Alliance Inventory, einem Standardinstrument zur Erfassung der therapeutischen Beziehung, bewerteten Patienten die Beziehung durchschnittlich mit einem Wert von 5.8 (auf einer Skala von 1-7). Diese Bewertung verbesserte sich im Laufe der Therapie nochmals signifikant. Auf die Frage, wie Patienten den internetbasierten Kontakt erfahren haben, gaben 65% an ihn als angenehm erfahren zu haben, über 70% beschrieben den Kontakt als persönlich und nur zwei Prozent beschrieben den Kontakt als unpersönlich. Das ist insofern bemerkenswert, als dass sich Therapeut und Patient zu keinem Zeitpunkt der Behandlung real begegnen sondern ausschließlich über das Internet miteinander kommunizieren.
Die Vorteile eines solchen Ansatzes liegen auf der Hand. Die hohe Zugänglichkeit für Patienten kann Versorgungslücken schließen. Patienten, die den Gang zum Therapeuten aufgrund von Angst vor Stigmatisierungen und Schamgefühlen vermeiden, profitieren von der niedrigen Hemmschwelle, die mit einem therapeutischen Kontakt über das Internet verbunden ist. Computer fördern einen so genannten Enthemmungseffekt. Wiederholt konnte in einer Reihe von Studien nachgewiesen werden, dass es Patienten über den Computer leichter fällt über sensible Themen wie Alkoholkonsum, sexuelle Störungen oder Selbstmordgedanken zu berichten. Das spiegelt sich auch in der hohen Zahl an Onlineforen wider, in denen sich Betroffene anonym über ihre Beschwerden und Erlebnisse austauschen.
Patientengruppen, die aufgrund von Einschränkungen in der Mobilität und körperlichen Beeinträchtigungen keine Psychotherapie in Anspruch nehmen konnten, können nun erreicht werden. Die zeitliche Flexibilität der asynchronen Kommunikation und geographische Unabhängigkeit, erlaubt Patienten und Therapeuten unabhängig ihren Terminplan zu erstellen.
Ein Beispiel für die Fortentwicklung der internetbasierten Psychotherapie ist ein Projekt, dass vom Behandlungszentrum für Folteropfer gemeinsam mit der Universität Zürich initiiert wurde. Bereits 2005 hat das bzfo in Kirkuk, im Norden des Iraks ein Behandlungszentrum für Folteropfer aufgebaut. In diesem Behandlungszentrum werden sowohl Opfer des totalitären Regimes Saddam Husseins behandelt als auch traumatisierte Überlebende der aktuellen kriegerischen Auseinandersetzungen. Nach wie vor ist dieses Zentrum eines der wenigen, die in diesem Land professionelle Hilfe anbieten. Ein Großteil der qualifizierten Fachkräfte hat das Land verlassen. In Kirkuk erhalten jährlich ungefähr 400 Menschen medizinische, psychotherapeutische und psychosoziale Unterstützung. Aufgrund der instabilen Sicherheitslage besteht derzeit eine dramatische Diskrepanz zwischen Behandlungsbedarf und -angebot. Das Internet bietet erstmals die Möglichkeit vor Ort psychologische Unerstützung zu gewährleisten, ohne dass Therapeut und Patient sich zwangsläufig an einem gemeinsamen Ort befinden müssen. So entstand die Idee Patienten vor Ort über das Internet von psychologisch ausgebildeten Fachkräften in sicheren Drittstaaten behandeln zu lassen. Gemeinsam mit der Dr. Birgit Wagner von der Universität Zürich wurde das Behandlungsmanual übersetzt und kulturell adaptiert. Patienten können sich unter www.ilajnafsy.org und www.virtual-traumacenter.org anmelden und werden dann von arabischsprachige Psychologen und Psychiater u a. aus dem Irak, Dubai, Palästina, Syrien und Ägypten über das Internet behandelt.
Die anfängliche Skepsis, die mich wie wohl viele andere Kollegen bei der Vorstellung einer Internet-Psychotherapie beschlichen hat, habe ich mir trotz dieser überzeugenden Ergebnisse bewahrt. Die Grenzen und potentiellen Risiken sind offensichtlich: nonverbale Informationen sind nicht zugänglich. Missverständnisse können schneller auftreten. Kriseninterventionen sind kaum möglich. Umso wichtiger ist es, dass wir als Fachkräfte Standards der internetbasierten Versorgung entwickeln und definieren. Eine weitere Erforschung internetspezifischer therapeutischer Wirkmechanismen könnte helfen, klarer zu definieren für welche Patientengruppen ein solcher Ansatz hilfreich wäre und wie intensiv sich die therapeutische Unterstützung gestalten sollte. Die bisherigen Angebote spiegeln größtenteils eine möglichst analoge Umsetzung konventioneller kognitiv-behavioraler Ansätze im Internet wider. Unklar ist, ob die computervermittelte Kommunikation und Beziehung möglicherweise auch als eigenständiges therapeutisches Agens fungiert. Vor allem eine Entwicklung als Ergänzung und nicht als Konkurrenz konventioneller Psychotherapie ist notwendig und wünschenswert und könnte helfen vorhandene Versorgungsengpässe zu reduzieren.


Korrespondenz:
Dr. Christine Knaevelsrud
Behandlungszentrum für Folteropfer, Berlin
Turmstr. 21
10559 Berlin
Tel. 0049 (-30) 303 906 23
Fax: 0049 (-30) 306 143 71
Email:c.knaevelsrud@bzfo.de


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