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Erfahrungsbericht Praxiskauf


Nach dem Diplom 1996, der Approbation 1999, dem Fachkundenachweis und Arztregistereintrag 2001, bemühte ich mich seit gut fünf Jahren um eine Zulassung als Psychologische Psychotherapeutin. Zunächst mit wenig Erfolg und in relativer Unkenntnis der gängigen Zulassungspraxis bei der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL). Nach einer örtlichen Veränderung bewarb ich mich drei Jahre lang auf fast jeden ausgeschriebenen Sitz bei der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH). Nachdem ich dort einige (erfolglose) Zulassungsverfahren komplett durchlaufen hatte, kannte ich nicht nur den gesetzlichen Hintergrund und die (auffallend faire!!!) Zulassungspraxis der KVSH ziemlich gut. Vor allem hatte ich begriffen, dass obwohl für alle KVen die gleichen gesetzlichen Grundlagen für die Zulassungsvergabe bestehen, diese bei jeder KV unterschiedlich gehandhabt werden! Daher ist es wichtig, wenn man sich bei einer KV um eine Zulassung bewirbt, zuvor möglichst gute Informationen von erfahrenen BewerberInnen bei dieser KV zu haben, um nicht zu früh aufzugeben und um zu verstehen, was hinter einzelnen Schritten im Bewerbungsverfahren steht.

So schrecken die KVWL[1]  (wie ich es auch schon von anderen KVen gehört habe) und die jeweiligen Praxisabgeber Bewerber mit dem Hinweis ab, der Abgebende habe sich mit einem Bewerber geeinigt, daher sei eine weitere Bewerbung zwecklos (sinngemäß wiedergegeben). Auch ich bin darauf zunächst dreimal reingefallen. Das ist unzutreffend, denn die Vergabe der Zulassung ist nicht Sache des Abgebenden, sondern des Zulassungsausschusses, und dieser hat die Zulassung nach der Qualifikation (anhand von im Wesentlichen vier gesetzlich vorgegebenen aber bei den KVen unterschiedlich gewichteten Kriterien) zu vergeben. Der Praxisabgebende kann sich zwar mit einem oder mehreren BewerberInnen einigen, vorläufige Kaufverträge machen und auch einen Wunschkandidaten nennen. Allerdings ist der Zulassungsausschuss bei seiner Entscheidung an feste Kriterien gebunden (deshalb scheint es ja auch Sinn zu machen, potentielle Bewerber von vornherein abzuschrecken, um Wunschkandidaten durch das Verfahren zu bekommen.). Das heißt, um beim Zulassungsverfahren überhaupt berücksichtigt zu werden, ist eine Einigung mit dem Abgebenden zunächst nicht notwendig. Es genügt neben einem vollständigen Zulassungsantrag bei der zuständigen KV eine formlose Erklärung, dass der Bewerber bereit ist, den Verkehrswert der Praxis zu bezahlen (sog. „Verkehrswerterklärung“).

Noch ärgerlicher ist meines Erachtens aber die Frage des Kaufpreises, für den mensch in den meisten Fällen heutzutage ja nicht viel mehr als einen sog. ideellen Gegenwert erhält. Zu diesem Thema gibt es hier und an anderer Stelle ja immer wieder Appelle an Abgebende und Bewerber, fair miteinander umzugehen. Doch scheint dies im Falle des Verkaufs häufig hinter dem Interesse, einen möglichst hohen Kaufpreis zu erzielen zurück zu stehen. Ich will hier nicht die ganze Debatte wiederholen, sondern von meinen Erfahrungen bei der KVSH berichten:

Das Ergebnis vorweg: ich habe eine Zulassung für Flensburg bekommen! Der Weg dahin war steinig. Zunächst möchte ich auf einige Besonderheiten der KVSH eingehen:

  • Die KVSH schreibt alle KollegInnen, die auf der Warteliste stehen, an, wenn ein Niedergelassener seine Praxis aufgibt. Zugleich werden alle Interessenten (Warteliste) unabhängig vom Grundberuf und Therapieverfahren des Abgebenden angeschrieben. D.h. jeder PP und KJP kann sich auf einen ärztlichen Psychotherapeutensitz und umgekehrt bewerben. Im Zulassungsverfahren gibt der Zulassungsausschuss in bestimmten Fällen ärztlichen Therapeuten bzw. KJP den Vorrang, wenn sich aber kein solcher bewirbt, bekommen auch „nichtärztliche“ und „Erwachsenentherapeuten“ die Zulassung. Und z.B. kann eine TP-Praxis auch von einem VTler übernommen werden usw.
  • Die MitarbeiterInnen der Zulassungsabteilung der KVSH sind mir zudem durch ihre sehr umfangreiche, kompetente und faire Beratung auch für BewerberInnen aufgefallen. So wurde ich zum Beispiel von Seiten der KV darauf hingewiesen, dass für einen gültigen Zulassungsantrag kein Kaufvertrag vorliegen muss, sondern eine „Verkehrswerterklärung“ des Bewerbers ausreicht. Dazu aber gleich noch mehr.

Ich bewarb mich also auf die Praxis eines ärztlichen Psychotherapeuten mit TP-Zulassung (als „VTlerin“). Im ersten Telefonat mit dem abgebenden Arzt erfuhr ich, dass keine materiellen Werte und auch keine Praxisräume übergeben werden sollten, er als Kaufpreis jedoch 45.000 Euro haben wollte. Dies ist für die Verhältnisse in Schleswig-Holstein ein völlig unüblicher Preis (Kaufpreise lagen dort in den letzten drei Jahren im Schnitt zwischen 15.000 und 25.000 Euro). Zudem teilte er auf Nachfrage mit, dass er eine reine Psychotherapiepraxis geführt und somit keine weiteren ärztlichen Leistungen (psychosomatische Grundversorgung) abgerechnet habe. Diese Information ist wichtig, da bei ärztlichen Praxen, die auch psychosomatische Grundversorgung geleistet haben, Psychologische Psychotherapeuten (zumindest bei der KVSH) nur dann eine Chance auf Zulassung haben, wenn sich kein ärztlicher Kollege beworben hat.

Da ich mit dem Kaufpreis absolut nicht einverstanden war, stellte ich bei der KVSH einen Zulassungsantrag und erklärte zugleich schriftlich, dass ich im Falle meiner Zulassung bereit wäre, den „Verkehrswert“ der Praxis zu bezahlen. Zwei Wochen vor der Verhandlung erhielt ich mit der Ladung eine anonymisierte Übersicht aller Bewerber mit Vergleichstabelle der Zulassungskriterien (Diplom, Approbation, Dauer der therapeutischen Tätigkeit in Monaten, Wartelisteneintrag). Telefonisch erfuhr ich von der KV, dass von den insgesamt vier Bewerbern nur einer bereits einen Kaufvertrag unterschrieben hatte. Ich stand jedoch bei allen vier Kriterien auf dem ersten Platz.

Nachdem ich mich zwischenzeitlich mit dem gesetzlichen Hintergrund etwas vertraut gemacht hatte und mich durch Beiträge z.B. in der Rosa Beilage und im Internet zu Verkehrswertermittlungen ermutigt fühlte, wollte ich es darauf ankommen lassen, wie der Zulassungsausschuss sich zum Verkehrswert dieser Praxis äußern würde und welchen Betrag eine Verkehrswertermittlung ggf. ergäbe. Von der KVSH wusste ich, dass der Zulassungsausschuss immer auf eine gütliche Einigung zwischen Abgebendem und Käufer gedrängt hatte und es dort bislang noch in keinem Fall zu einer gutachterlichen Verkehrswertermittlung gekommen war.

Zehn Tage vor der Verhandlung erhielt ich jedoch ein Einschreiben des Praxisabgebenden, der behauptete, ich müsse zur Zulassungsverhandlung einen Kaufvertrag vorlegen und mir sogleich einen vorgefertigten Kaufvertrag über inzwischen 30.000 Euro beilegte. Sollte ich mit dem Kaufpreis nicht einverstanden sein, könne ich eben keinen Kaufvertrag vorlegen, er jedoch sei seiner Mitwirkungspflicht nachgekommen. Trotz meines Ärgers über dieses Druckmachen, trat ich mit dem Verkäufer in Dialog und versuchte, noch vor der Verhandlung zu einer Einigung zu kommen. Ich wies darauf hin, dass ebenfalls entgegen seiner Auffassung, der Zulassungsausschuss habe sich an den wirtschaftlichen Interessen des Verkäufers zu orientieren, vielmehr die „wirtschaftlichen Interessen des ausscheidenden Vertragsarztes oder seiner Erben“ gemäß § 103 Abs. 4 SGB V „nur insoweit zu berücksichtigen seien, als der Kaufpreis die Höhe des Verkehrswertes der Praxis nicht übersteige“.

Die 1,5-wöchigen Verhandlungen vor dem Termin beim Zulassungsausschuss waren sehr mühsam und letztlich erfolglos, weil der Verkäufer einerseits wenig Ahnung vom regelrechten Ablauf eines Zulassungsverfahrens hatte, nur mit "Marktwertvorstellungen" (er habe doch unterschriebene Vorverträge mit Interessenten über 30.000 und 40.000 Euro vorliegen) argumentierte, sich auf konkrete Berechnungen und Modelle nicht einließ, sich vor allem völlig im Recht fühlte ("Ich bin Arzt!") und sich überhaupt nicht bewegte. Auch mein letztes Angebot von 25.000 Euro lehnte er ab. Soviel hatte ich für vergleichbare Praxen in Schleswig-Holstein bereits geboten. So stärkte ich meine Position noch einmal durch Rücksprachen mit der Rechtsberatung der DGVT, Frau Burgdorf, den Psychotherapeutenkammern Hamburg und Schleswig-Holstein sowie der Betriebswirtschaftlerin der KVSH und fuhr nur mit der Verkehrswerterklärung in der Tasche zur Zulassungsverhandlung.

Dort zeigte sich beim Warten vor der Verhandlung, dass der Abgeber sich offensichtlich mit dem Zweitplazierten auf 30.000 Euro gut geeinigt hatte und diesen als Nachfolger wünschte. Nachdem der Zulassungsausschuss zunächst den Verkäufer alleine im Gespräch hatte, wurde auch ich einzeln hereingebeten. Deutlich war, dass der Zulassungsausschuss mit der fehlenden Einigung zwischen Verkäufer und mir höchst unglücklich war und mich (wie vermutlich zuvor auch den Abgebenden) eindringlich vor den Konsequenzen (Praxiswertgutachten) warnte und geradezu bedrängte, doch noch zu einer Einigung zu kommen. Dennoch blieb ich bei meiner Haltung, nachdem z.B. auch die PTK Hamburg (der Geschäftsführer dort war übrigens überaus freundlich, hilfreich, kompetent und bestärkend) und andere Fachleute eher von geringeren Gutachtenergebnissen bis zu 20.000 Euro ausgingen.

In der Verhandlung mit dem Mitbewerber und dem Praxiseigner setzte sich dieses Mahnen noch einmal fort. Danach erkannte der Ausschuss jedoch mir auf Grund der Kriterien für die Qualifikation die Zulassung zu und wies auch Einwände des Zweitplatzierten, der vorschlug, wegen des fehlenden Kaufvertrages die Kriterien zu erweitern, sehr deutlich zurück. Dem Abgebenden und mir wurde schließlich eine Frist von vier Wochen gesetzt, uns zu einigen. Erst nach Verstreichen dieser Frist und unserer Mitteilung eines Misserfolgs werde der Zulassungsausschuss ein Verkehrswertgutachten in Auftrag geben. Die Betriebswirtschaftlerin der KVSH vermutete übrigens, die Kosten für das Gutachten trage die KV, wusste es allerdings nicht genau, da dies in Schleswig-Holstein noch nicht vorgekommen sei.

Wir versuchten zwar an demselben Abend noch mit dem Verkäufer persönlich zu einer Einigung zu kommen, konnten uns aber nicht entschließen, seinen Vorschlag (den er wegen eines Rechenfehlers falsch bezifferte) anzunehmen. Wieder zuhause stieß ich auf den Rechenfehler des Verkäufers bei seinem Angebot. Nach Korrektur dieses Fehlers haben wir uns schließlich bei einem Kaufpreis von 23.500 Euro geeinigt.

Mein Fazit aus fünf Jahren Bewerbungsbemühungen bei zwei verschiedenen KVen: Die Unterschiede in der Handhabung der Gesetzesvorlagen zur Zulassungsvergabe und zum Praxisverkauf sind zwischen den verschiedenen KVen immens groß. Ein Bewerber sollte im Vorfeld gute Kenntnisse der jeweiligen Vergabepraxis haben. Jemand, der schon einige Verfahren bei einer KV mitgemacht hat, hätte für neue Bewerber (aber auch für die Praxisabgebenden, die wenn überhaupt mal ein Seminar zum Praxisverkauf mitmachen, aber sich zumeist auch nicht halb so gut auskennen, wie erfahrene Bewerber) mit Sicherheit viele wichtige und hilfreiche Informationen und Tipps zu bieten. Leider gibt es solche Informationsseiten (noch besser wäre ein Forum mit Untergruppen für jeden KV-Bereich oder ähnliches) nicht im Netz und auch das von unserer Kollegin Frau Pielsticker bei der DGVT bzw. dem Fortbildungsträger angebotene Seminar (das ich vor 1,5 Jahren besuchte) bietet zwar eine Fülle recht allgemein gehaltener guter Informationen zu Bewerbung, Zulassung und der Niederlassung, aber eben nicht die Erfahrung mit verschiedenen KVen. Schade, denn ich wünschte mir wirklich, es würde bei den Praxisübergaben (solange es noch KVen, Einzelpraxen und solche Praxisübergaben gibt) von Verkäufer- und Käuferseite kollegialer und fairer miteinander umgegangen und die gegenseitige Verantwortung respektiert, anstatt nur mit fadenscheinigsten Argumenten zu versuchen, Kapital aus den Zulassungsbeschränkungen zu schlagen!

Für alle KollegInnen, die sich niederlassen wollen, ist es meines Erachtens wichtig, sich auch von anderer Seite gut zu informieren und Unterstützung zu suchen. Sehr schnell fühlt man sich bei den üblichen hohen Bewerberzahlen (die nach meiner Einschätzung durch die Erhöhung der Antragsgebühr bei allen KVen von 25.- auf 100.- etwas weniger werden) in der schwächsten Position. Dass dem nicht so ist, macht alleine schon die Überlegung klar, dass ein Praxisabgebender seine Praxis nur einmal verkaufen kann, wir uns aber immer wieder auf Praxissitze bewerben können und die Zahl der Ausschreibungen tatsächlich zunimmt (Demografie). Zudem muss ein aus Altersgründen abgebender Kollege seinen Sitz innerhalb von sechs Monaten übergeben, sonst verfällt der Sitz! Da die Zulassungsausschüsse alle gültigen Bewerbungen (auch ohne Kaufvertrag und nur mit Verkehrswerterklärung) berücksichtigen und die Entscheidung anhand der Qualifikation treffen müssen, sollte auch ohne eine Einigung mit dem Abgebenden im Vorfeld der Verhandlung, Chancengleichheit bestehen.

Unterstützung, Ermutigung, juristischen Rat und Rückendeckung gibt es nach meiner Erfahrung z.B. bei der DGVT-Geschäftsstelle (Frau Burgdorf), den örtlich zuständigen aber auch fremden Psychotherapeutenkammern[2]  sowie zum Teil bei den Zulassungsabteilungen der KVen. Sehr gute Erfahrungen habe ich hier bei der Zulassungsabteilung der KVSH gemacht, die auch eine Betriebswirtschaftlerin hat, die Praxisabgebenden aber auch Käufern bei der Ermittlung eines realistischen Verkehrswertes Rat gibt. Zudem war es bei der KVSH ohne zusätzliche Hürden möglich, kurz vor Ablauf der Bewerbungsfrist bei der Zulassungsabteilung vor der rechtskräftigen und damit kostenpflichtigen Bewerbung Auskünfte über die Zahl der vorliegenden Bewerbungen und deren (selbstverständlich anonym) Berufserfahrung und Diplomalter zu bekommen, um die Chancen der eigenen Bewerbung abschätzen zu können und so aussichtslose und unnötig teure (immerhin 100 Euro pro Zulassungsantrag) Bewerbungen zu sparen[3].

Für weitere Fragen von interessierten KollegInnen - insbesondere im Bereich der KVSH - stehe ich gerne per E-Mail unter info(at)angela.kartschall(dot)net zur Verfügung.

Angela Kartschall


[1] Genau genommen ist hier nicht die KV die entscheidende Stelle, sondern die Geschäftsstelle des jeweiligen regionalen Zulassungsausschusses (gebildet aus den Vertretern der Ärzte/Psychotherapeuten [in der KV] und den Vertretern der regionalen Krankenkassen. Der Zulassungsausschuss hat allerdings zumeist seine Geschäftsstelle innerhalb der jeweiligen KV (und es gibt häufig auch Personenidentität mit Mitarbeitern der KV).
[2] So setzt sich beispielsweise die PTK Hamburg sehr engagiert für ein faires und durchschaubares Modell zur Berechnung des Verkehrswertes ein, wie diverse Publikationen im Netz zeigen. Der dortige Geschäftsführer hat auch mir drei Tage vor der Verhandlung sehr viel Mut gemacht und mich in meiner Verhandlungsposition bestärkt.
[3] Ein Akteneinsichtsrecht ergibt sich aus § 25 SGB X.


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