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Bericht der Landesgruppe Schleswig-Holstein (Rosa Beilage zur VPP 2/2008)


Weiterbildungsordnungen? Aus unserer Sicht gibt es keine überzeugenden Gründe dafür, aber viele dagegen!
Zu dieser Thematik entwickelte sich auf der letzten Kammerversammlung am 14.3.2008 eine engagierte und sehr kontroverse Diskussion.

Zum Hintergrund:
Zuerst ist zu unterscheiden zwischen „Fortbildung“ und „Weiterbildung“.
Zur Fortbildung sind Approbierte (u. a. nach dem Heilberufegesetz und der Berufsordnung) kontinuierlich verpflichtet, um so für die Berufsausübung erforderliche Fachkenntnisse aufrecht zu erhalten und fortzuentwickeln. Für KollegInnen mit Zulassung zur vertragspsychotherapeutischen Versorgung ist sogar der Umfang der von ihnen gegenüber der KV nachzuweisenden Fortbildungen genau festgelegt (mind. 250 Std. innerhalb von 5 Jahren).

Weiterbildung geht darüber hinaus, kann von den Kammern in Weiterbildungsordnungen (WBO) geregelt werden (Berufsrecht). Im ärztlichen System regelt die WBO, und dieser Systematik müssten sich die PsychotherapeutInnen anpassen, wer berechtigt ist zum Führen von „Gebiets-„, „Teilgebiets-„ oder „Zusatzbezeichnungen“.

Die Bundespsychotherapeutenkammer hat bereits 2006 eine Musterweiterbildungsordnung (MWBO) quasi als Vorlage für die Landeskammern verabschiedet. Darin wird in Teil B für die „klinische Neuropsychologie“ bezüglich des Umfanges u .a. festgelegt:

  • Weiterbildungszeit: mindestens 2 Jahre in Vollzeittätigkeit,
  • Theorie: mindestens 400 Stunden und
  • fallbezogene Supervision: mindestens 100 Stunden.

In vielen Landeskammern wurden inzwischen Weiterbildungsordnungen zumindest für die klinische Neuropsychologie, in Rheinland-Pfalz auch noch für mehrere andere Gebiete (Psychodiabetologie, Spezielle Schmerzpsychotherapie, Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, Psychoanalyse, Verhaltenstherapie, Gesprächspsychotherapie) verabschiedet.
Auf die Landeskammern, die noch keine WBO verabschiedet haben, wird nun zunehmend ein gewisser Druck ausgeübt, nachzuziehen.

Das Heilberufegesetz des Landes Schleswig-Holstein erlaubt grundsätzlich die Verabschiedung einer WBO, es regelt dazu u. a. in § 53a, dass die Kammer Teilgebietsbezeichnungen in den Gebieten

  1. Psychologische Psychotherapie und
  2. Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie

bestimmen kann und in §53 b, dass die Weiterbildung 2 Jahre nicht unterschreiten darf.

Auf der Kammerversammlung votierten einige KollegInnen, insbesondere ein engagierter Vertreter der Gesellschaft für Neuropsychologie (GNP), dringend für die Verabschiedung einer WBO-Neurospychotherapie auch in Schleswig-Holstein. Als zentrale Argumente wurden angeführt,

  • dass nur über eine entsprechende WBO eine Abrechnung Neuropsychologischer Leistungen zu Lasten der GKV und damit eine angemessene Versorgung der entsprechenden PatientInnengruppen zu erreichen sei, und
  • dass sonst für die PatientInnen in Schleswig-Holstein Versorgungsnachteile und für die KollegInnen der PKSH Wettbewerbsnachteile zu befürchten seien.


Diese Argumente überzeugen uns nicht, denn:

  • Neue Abrechnungsmöglichkeiten zu Lasten der GKV können nur auf der Grundlage einer entsprechenden Bundesregelung (zwischen Krankenkassen/GKV und KBV) geschaffen werden, und die setzt den Nachweis eines entsprechenden Versorgungsbedarfes zwingend voraus. Berufsrechtliche Regelungen (WBO), selbst wenn diese in allen Ländern einheitlich verabschiedet würden, könnten solche sozialrechtlichen Regelungen nicht erzwingen, was im Übrigen auch sinnvoll erscheint, weil ansonsten die Selbstverwaltung der Heilberufe letztlich selbst definieren könnte, was von der GKV zu bezahlen ist.
  • Eine WBO zu (Gebiets-/)Teilgebietsbezeichnungen würde, wenn sie auf sozialrechtlicher Ebene tatsächlich korrespondierend umgesetzt würde, zwangsläufig immer zur Beschränkung der zulässigen Berufsausübung der entsprechend weitergebildeten KollegInnen auf das (Gebiet/)Teilgebiet führen. Umgekehrt könnten KollegInnen ohne die Weiterbildung in diesen (Gebieten/)Teilgebieten nicht mehr (zu Lasten der GKV) tätig sein. Dies kann nun wirklich keiner für den psychotherapeutischen Bereich ernstlich anstreben!
  • Nur bei der Regelung von „Zusatzbezeichnungen“ in einer WBO wäre derjenige, der die Zusatzbezeichnung führt, in seiner Berufsausübung nicht auf das entsprechende Tätigkeitsfeld beschränkt, Ausnahme: im Rahmen einer Sonderbedarfszulassung bestünden natürlich nur Abrechnungsmöglichkeiten für den Tätigkeitsbereich, auf den sich die Zusatzbezeichnung bezieht (und würden natürlich auch zu Lasten desselben Facharzttopfes gehen). Umgekehrt wäre sozialrechtlich aber unbedingt davon auszugehen, dass diejenigen, die die Zusatzbezeichnung nicht führen dürfen, von der Behandlung/Abrechnung der entsprechenden Diagnosen ausgeschlossen würden. Insofern hätten auch „Zusatzbezeichnungen“ eine verdrängende Wirkung.
  • Insgesamt ist daher durch eine WBO eine Abwertung der Approbation zu befürchten, denn bislang ermöglicht die Approbation uneingeschränkt in allen Psychotherapeutischen Bereichen tätig zu werden! Und warum sollte diese Abwertung mit einer MWBO Klinische Neuropsychologie enden? Das Beispiel Rheinland-Pfalz zeigt, dass schnell weitere Teilgebiete/Zusatzbezeichnungen folgen könnten. Auf dem nächsten Deutschen Psychotherapeutentag soll bereits über eine MBO „Klinische Somatopsychologie“ diskutiert und ggf. entschieden werden.
  • Die vorliegende MWBO zur Neuropsychologie definiert zudem nach unserer Auffassung Qualifizierungsanforderungen, die mindestens vergleichbar sind mit den Anforderungen für Gebiets- oder Teilgebietsbezeichnungen im ärztlichen Bereich. Zur Erlangung einer „Zusatzbezeichnung“ erscheinen diese Anforderungen absolut überzogen und unverhältnismäßig. Hier drängt sich uns die Frage auf, wer wesentlich an der Definition dieser überhöhten Anforderungen mitgewirkt hat und ob hier nicht klare wirtschaftliche Interessen eingeflossen sind, sprich erfolgreiche Lobbyarbeit.
  • Selbst wenn Regelungen der Weiterbildungsordnungen in sozialrechtlichen Regelungen nachvollzogen werden sollten, müssten diese immer einem der 3 anerkannten Richtlinienverfahren, in denen eine sozialrechtlich Zulassung erfolgen kann, zugeordnet werden. Das könnte bei einer entsprechenden Zuordnung z.B. bedeuten, dass ausschließlich als VT-ler zugelassene KollegInnen über eine Weiterbildung Klinische Neuropsychologie entsprechende Abrechnungsmöglichkeiten erhalten könnten. Auch dies erschiene nicht wirklich nachvollziehbar.
  • Wenn eine Approbation, d.h. eine höchst kosten- und zeitintensive, in der Regel 5-jährige Ausbildung im Anschluss an einen abgeschlossenen Diplom-Studiengang durch eine Weiterbildungsordnung Klinische Neuropsychologie zur Voraussetzung für eine dann folgende mindestens 2-jährige, ganztägige und hauptberufliche Weiterbildung würde, wie es die MWBO vorsieht, wäre nach unserer Auffassung dringend zu befürchten, dass aufgrund der hohen Hürden kaum noch jemand die definierten Qualifikationen erwerben würde, außer bereits langjährig tätige KollegInnen, die die formale Qualifikation nach noch zu bestimmenden, aber sicherlich wesentlich einfacheren Übergangsbedingungen erhalten würden (wie wahrscheinlich auch schon ihre Approbation). Dadurch würde nach unserer Auffassung die Versorgung der PatientInnen letztlich sogar nachhaltig negativ beeinflusst. Eine entsprechende Weiterbildungsordnung käme berufspolitisch praktisch einer Abschottung des Tätigkeitsfeldes gegenüber dem Nachwuchs gleich.

Aus diesen und weiteren Gründen sind wir froh, dass es auf der letzten Kammerversammlung  knapp keine Mehrheit für einen Auftrag an den Fort- und Weiterbildungsausschuss gab, zur nächsten Kammerversammlung einen beschlussfähigen Entwurf einer Weiterbildungsordnung Klinische Neuropsychologie zu erarbeiten.

Wir werden uns in unseren verschiedenen Funktionen auch weiter entschieden gegen Weiterbildungsordnungen einsetzen.

Was gab es noch?

Thema Nordkammer
Auf einem Treffen von Delegierten der vier Nordkammern machten die Vertreter aus Hamburg und Bremen zu unserem großen Bedauern deutlich, dass sie nicht bereit sind, an einer kammerübergreifenden Arbeitsgruppe, die sich ergebnisoffen mit Vor-/Nachteilen, möglichen Varianten, Problemen und sonstigen Fragen eines prinzipiell möglichen mittelfristigen Zusammenschlusses zu einer gemeinsamen Nordkammer mitzuwirken, weil sie diese Idee grundsätzlich ablehnen. Mit den Vertretern Niedersachsens, die ja bereits vor längerer Zeit auf einer Kammerversammlung eine Initiative für die Gründung einer solchen Arbeitsgruppe beschlossen hatten, wurden weitere Gespräche mit dem Ziel einer engeren Zusammenarbeit vereinbart.

  • Haushaltsabschluss der PKSH 2007 und Entlastung der Vorstände

Auf der letzten Kammerversammlung wurde der Haushaltsabschluss 2007, der einen Überschuss von ca. 21 000 € auswies, vorgestellt. Die Rechnungsprüfung hatte keine Beanstandungen ergeben. Entsprechend wurden der alte und der in 2007 neu gewählte Vorstand getrennt für ihre Verantwortungsbereiche von der Kammerversammlung entlastet.

Und nun zu einem Thema, das einmal nichts mit der Kammer zu tun hat:

Gemeinsame Servicestellen – was ist das denn?
Mit dem neunten Sozialgesetzbuch (Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen) wurde die bundesweite Einrichtung gemeinsamer örtlicher Servicestellen der Rehabilitationsträger gesetzlich vorgeschrieben. In der Arbeit als Leiterin der Ambulanz und Beratungsstelle Hilfe für das autistische Kind im Landesverband Schleswig Holstein e.V., nahm ich vor etwa 4 Jahren erstmals an einer Sitzung der Vertreter der gemeinsamen Servicestellen in Schleswig-Holstein bei der Deutschen Rentenversicherung Nord in Lübeck teil. Anfangs gab es noch massive Unsicherheiten und zahlreiche Fragen über Sinn und Unsinn dieser Veränderung.

Unter dem § 22 im SBG IX werden die Aufgaben dieser Servicestellen beschrieben. Im Wesentlichen geht es dabei um Beratung und Unterstützung für behinderte Menschen, Menschen, die von einer Behinderung bedroht sind, ihren Vertrauenspersonen und Personensorgeberechtigten. Beteiligte Rehabilitationsträger sind z.B. die gesetzlichen Krankenkassen, die Bundesanstalt für Arbeit, die gesetzliche Unfallversicherung, die gesetzliche Rentenversicherung, die Kriegsopferversorgung, die Jugendhilfe und die Sozialhilfe. Aber auch mit anderen Trägern, welche sich mit Rehabilitation befassen, sollen die Servicestellen eng zusammenarbeiten. Hierbei handelt es sich insbesondere um die Verbände der freien Wohlfahrtspflege, die Selbsthilfegruppen, Integrationsämter und gesetzliche Pflegeversicherung.

Die Beratung und Unterstützung in den Servicestellen ist für jede Bürgerin, jeden Bürger kostenfrei. Die dezentralen Einrichtungen sollen für die Ratsuchenden auf kurzen Wegen erreichbar sein und trägerübergreifende, umfassende Hilfen bieten. Damit sollen der Zugang zur Rehabilitation optimiert, die Rechte behinderter Menschen gestärkt und die Durchsetzung der Ansprüche beschleunigt werden.

Von der Prüfung der Leistungsvoraussetzungen, über die Klärung des Rehabilitationsbedarfes und des dazugehörigen Rehabilitationsträgers bis zur Umsetzung des Rehabilitationsauftrages sollen Ratsuchende durch die Servicestellen individuell begleitet und beraten werden. Das „Träger-Hopping“ der vergangenen Jahre, bei dem Hilfebedürftige von einer Antragsstellung zur nächsten und damit von einem Träger zum nächsten laufen mussten, soll damit verhindert werden. Im Zusammenhang mit diesen Neuerungen wurde auch das persönliche Budget auf den Weg gebracht.

Der Dienst am Kunden soll dadurch mehr in den Vordergrund gerückt werden. Impulsgeber für diese Entwicklung sollen zum Beispiel die Bewegungen aus den USA „Independent Living“ (Selbstbestimmt-Leben) gewesen sein, deren politisches Verständnis der Menschenrechtsperspektive entspricht. Schlüsselbegriffe wie „Selbstbestimmung“, „Teilhabe“, „Gleichstellung“ und nicht zuletzt die „Inklusion“ bestimmen hierbei die Marschrichtung.

Politisch war es ein langer Weg. Den Anfang bildete die Weiterentwicklung des Artikel 3 des Grundgesetzes „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“ im Jahr 1994, gefolgt von der Einführung des SGB IX im Jahr 2001, welches die Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen regelt. Dann kam 2002 das Bundesbehindertengleichstellungsgesetz und schließlich im August 2006 das allgemeine Gleichbehandlungsgesetz. Karl Matzeder bemerkte im Heft Behindertenrecht (3/2003, S. 69-75) zum Thema „Konzeption Servicestelle“, dass den Gemeinsamen Servicestellen bei der Umsetzung dieser gesetzlichen Regelungen eine Schlüsselrolle zukomme. Etwas später ergänzt Matzeder (2003): „Eine gute Vorbereitung und Absicherung von Entscheidungen sichert den Erfolg von Rehabilitation.“
Besonders ist an der Konzeption der Gemeinsamen Servicestellen auch die Vorgabe, dass die Beratung, anders als bisher, Inhaltlich und von der Zielsetzung her nicht maßgeblich vom beratenden Träger bestimmt wird, sondern die Leistungen mit dem Hilfesuchenden gemeinsam – auf Augenhöhe – entwickelt werden sollen. Für die Leistungsträger bedeutet dies vor allem, dass sie Antragsteller als Experten für ihre Bedürfnisse akzeptieren und die Umsetzung von Teilhabe, Selbstbestimmung und Gleichstellung an ihren Wünschen ausrichten sollen. Eine Form der Umsetzung dieser Ansprüche stellt das persönliche Budget dar – aber das ist ein neues Thema.

Die Erfahrungen, die unsere Ratsuchenden, Angehörige von Menschen mit einer autistischen Beeinträchtigung, mit den Servicestellen in Schleswig-Holstein machen sind sehr unterschiedlich.

Von MitarbeiterInnen, die gar nicht gewusst haben, dass sie bei ihrem Arbeitgeber eine Stelle in einer gemeinsamen Servicestelle innehaben, bis hin zu inhaltlich sehr kompetenten und individuell flexibel beratenden und unterstützenden Fachkräften ist alles denkbar.

Sicherlich hat sich der Paradigmenwechsel in diesem Bereich noch nicht überall und umfassend durchsetzen können, doch ist ein Stück des Weges vom souveränen Reha-Träger, der alle Phasen des Verfahrens und des Geldes bestimmt und organisiert, zu einer Grundhaltung, in der die Partizipation vorherrscht und die Menschen mit Behinderungen in allen Punkten der Antragsstellung als Mitgestalter maßgeblich entscheiden, an manchen Stellen erfreulicherweise bereits beschritten.
"Und wie finde ich nun die Servicestelle, die für mich zuständig ist? Unter http://www.reha-servicestellen.de/ gibt es einen bundesweiten Servicestellen-Reader, bei dem man sortiert nach Bundesländern, Orten, Trägern oder den Postleitzahlen Anschrift, Telefonnummer und Lageplan der nächsten gemeinsamen Servicestelle finden kann."

Diana Will, Detlef Deutschmann, Bernd Schäfer
Kontakt: s-h(at)dgvt(dot)de


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