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3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung

Das Bundeskabinett hat am 25. Juni 2008 den 3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung beschlossen.


Während z. B. der Kinder- und Jugendbericht oder die verschiedenen Sachverständigengutachten durch unabhängige Expertengruppen erarbeitet werden, wird der 3. Armuts- und Reichtumsbericht durch die Bundesregierung selbst vorgelegt. Das erklärt auch die in der Öffentlichkeit angezweifelten Daten mit Berufung auf die UNICEF-Vergleichsstudie und -Analyse für Deutschland (siehe unter www.unicef.de). Die Schere zwischen arm und reich in Deutschland geht weiter auseinander. Nach einer im Juni 2008 veröffentlichten Umfrage der Bertelsmann-Stiftung empfinden 73 % der Bevölkerung die Einkommens- und Vermögensverteilung in Deutschland als ungerecht. Noch vor einem Jahr empfanden dagegen 56 % der Bevölkerung die Einkommens- und Vermögensverhältnisse als ungerecht. Nach der EU-Definition ist von Armut bedroht, wer als Alleinstehender weniger als 60 % des mittleren Einkommens in seinem Land verdient. In Deutschland entspricht dies einem Nettomonatseinkommen von 781 EUR. Nach dieser Definition ist ¼ der deutschen Gesamtbevölkerung von Einkommensarmut bedroht.„ und war damit im europäischen Vergleich unterdurchschnittlich.“ Bei Kindern reduzierte sich das Risiko durch die staatliche Unterstützung von 34 auf 12 %. Damit gehöre Deutschland neben den skandinavischen Staaten zu den Ländern mit einer großen Wirkung der Sozialtransfers auf die Armutsrisikoquote, heißt es in dem Bericht.

Welche Bevölkerungsgruppen sind besonders von Armut bedroht?
Im Bericht wird die Tendenz einer real negativen Einkommensentwicklung sowie die Zunahme der Niedriglohnarbeitsverhältnisse deutlich. Die durchschnittlichen Bruttolöhne sind unter Berücksichtigung der Preisentwicklung zwischen 2002 und 2005 von durchschnittlich 24 873 EUR auf 23 684 EUR zurückgegangen. Das entspricht einem Rückgang von 4,8 %. Auch der Anteil der Niedriglohnbezieher hat zwischen 2002 und 2005 zugenommen. So verdienten 2005 36,4 % der Beschäftigten weniger als 2/3 des Medians der Bruttoerwerbseinkommen der Gesamtbevölkerung, während es im Jahr 2002 nur 35,5 % gewesen seien. Diese Entwicklung wird im Bericht nicht analysiert. Der Bericht zeigt, dass der Einkommensanteil der sog. Mittelschicht im Berichtszeitraum abgenommen hat, während die Einkommensspreizung zwischen hohen und geringen Einkommen gleichzeitig zugenommen hat. Auch auf diese Entwicklung wird in dem Bericht nicht eingegangen, obwohl in der Öffentlichkeit heftig in Bezug auf das Steuer- und Abgabesystem gestritten wird.

Die im Sozio-ökonomischen Panel (SOEP) des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ermittelten Armutsquoten für verschiedene Altersgruppen, Haushaltstypen etc. finden sich im Anhang des Armutsbericht. In den Abb. 1 – 4 liegen die Daten des Berichts – sowie in der folgenden Tabelle 1 zusammengefasst – grafisch aufbereitet vor. Danach hat die Armutsrisikoquote zwischen 1998 und 2005 von 12 % auf 18 % zugenommen. Überproportional betroffen sind Kinder und Jugendliche bis 15 bzw. 18 Jahren. Deren Armutsrisikoquote beträgt nach dem SOEP 26 % (nach der europäischen Statistik wären Kinder stattdessen lediglich unterproportional von Armut betroffen).

Darüber hinaus fällt im Haushaltskontext die außerordentlich hohe Armutsquote alleinerziehender Haushalte im Vergleich mit Paarhaushalten auf (Abb. 4): Die Paarhaushalte mit Kinder folgen etwa dem Deutschlandtrend, allerdings steigt ab 2003 die Armutsquote der Paarhaushalte mit Kindern stärker an als der Deutschlanddurchschnitt; dagegen verharren die alleinerziehenden Haushalte beständig auf einem sehr hohen Armutsniveau von über 35 %.

Dieser Trend erschließt sich bei einem Vergleich der Einkommensverhältnisse von Alleinerziehenden und Paarhaushalten mit einem Kind. Die Einkommensmuster können nicht unterschiedlicher sein: Das Einkommensmaximum von Alleinerziehenden liegt im Bereich unter 400 EUR und fällt dann zu höheren Einkommen hin kontinuierlich ab, Paarhaushalte haben zwar auch ein Einkommensmaximum unter 400 EUR, aber daneben auch weitere Maxima zwischen 3 000 und 5 000 EUR. Die unterschiedliche Armutsverteilung zwischen alleinerziehenden Haushalten und Paarhaushalten wird so verständlicher.

Das Armutsrisiko bei Älteren ist nach diesem Bericht entgegen dem allgemeinen Trend nicht gestiegen. Allerdings fällt auf, dass der Personenkreis, der Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung bezieht, von 2003 bis 2006 um 50 % angestiegen ist. Dies wird jedoch mit Nachholeffekten erklärt, erst 2006 sei „Normalisierung“ eingetreten. Der Bericht selbst betitelt die Aussagen zur zukünftigen Entwicklung lediglich „als Trendaussagen“, die „entsprechend vorsichtig zu interpretieren“ sind.

Waltraud Deubert

Hier stehen "Der 3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung" und der entsprechende Kurzbericht  als Download zur Verfügung.


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