< vorheriger Artikel

Tagungsbericht: Tagung „Interkulturelle Aspekte in Therapie und Beratung“

vom 11. – 13. Juli 2008 in Leipzig


Vom 11. – 13. Juli 2008 fand in Leipzig die gemeinsame Tagung von DGVT (Regionalinstitut Sachsen), Psychologischem Institut II der Universität Leipzig, dem Institut für Psychotherapie (IPT) e. V. Leipzig und dem Referat Ausländerbeauftragter der Stadt Leipzig statt.
Mit den interkulturellen Aspekten in Therapie und Beratung haben sich 120 Experten aus sieben Nationen sowie zahlreiche Studierende der Leipziger Universität und anderer Sächsischer Hochschulen beschäftigt. Im Mittelpunkt dieser Workshoptagung  standen der Erwerb interkultureller Kompetenz und Sensibilität, die Beachtung kultureller Faktoren und die Nutzung kulturspezifischer Ansätze in Therapie und Beratung, wie auch die Möglichkeiten der Integration von Ausländern auch im Gesundheitsbereich.
Dr. Christine Volke, Leiterin des regionalen Ausbildungszentrums Dresden der DGVT, eröffnete die Tagung. Sie betonte die hohe Aktualität der Thematik für die Gesellschaft. Wegen der großen Mobilität der Menschen bezeichneten einige Wissenschaftler und Politiker diese als eine Migrationsgesellschaft. Die Migrationsproblematik berühre beide Teile der Bevölkerung – zum einen diejenigen, die in der neuen Kultur leben, wie auch jene, die sie aufnehmen. Eine dritte Gruppe seien die Kinder der Migranten, die zwischen der im familiären Rahmen gelebten Kultur und der ihres erweiterten sozialen Umfelds aufwachsen. Drei Herausforderungen, die es in auch in der Psychotherapie zu beachten gelte. Hieraus erwachse die Notwendigkeit, den Psychotherapeuten bereits in der Ausbildung, wie auch den bereits tätigen Therapeuten das Rüstzeug zu vermitteln, um auf diesem Gebiet adäquat wirksam werden zu können.
Prof. Dr. Konrad Reschke begrüßte die Gäste im Namen der Universität Leipzig und des IPTs. Er machte deutlich, dass dieses Thema schon seit Jahrzehnten in der Praxis psychotherapeutischer Fachkräfte eine bedeutende Rolle spielt. So habe sich etwa Prof. N. Peseschkian in seiner Arbeit bereits seit 1968 den interkulturellen Perspektiven der Psychotherapie gewidmet. Bereits  auf dem DGVT-Kongress 1990 seien kulturelle Aspekte der Psychotherapie in einem Symposium differenziert dargestellt worden. Zentren zur Behandlung von Folteropfern, wie das Behandlungszentrum für Folteropfer (bzfo) Berlin, seien schon seit vielen Jahren auf dem Gebiet der Diagnostik, Beratung und Psychotherapie bei Betroffenen aus verschiedenen Ländern und Kulturen tätig. Dennoch sei das Thema gerade heute moderner und aktueller als je zuvor.
„Wir brauchen Chancengleichheit für Migranten, auch bei der existentiell so bedeutsamen gesundheitlichen Versorgung“, erklärte der Ausländerbeauftragte der Stadt Leipzig Stojan Gugutschkow in seiner Begrüßung und hob hervor, dass gerade Leipzig als Ort für eine solche Veranstaltung in besonderem Maße prädestiniert sei. Denn Leipzig ist mit seinem  Ausländeranteil Spitzenreiter in den neuen Bundesländern, wenngleich noch unter dem Bundesdurchschnitt von 20 Prozent liegend. 50 000 Menschen aus 156 Ländern lebten in dieser Stadt, und deshalb sieht Gugutschkow dringenden Nachholungsbedarf: „Städte müssen sich der Integration von Migranten widmen, um international bestehen zu können. Dazu gehört auch eine interkulturell orientierte Psychotherapie“.
Man müsse andere Kulturen kennen und verstehen, wenn man Menschen anderer Herkunft bei seelischen Problemen helfen wolle. Prof. Dr. med. Nossrat Peseschkian akzentuierte: „Tiefenschärfe entwickelt man erst, wenn man mit beiden Augen sieht“. Er illustrierte die Unterschiede zwischen Orient und Okzident  am Beispiel des Umgangs mit Krankheit und Tod. In unserer westlichen Welt leide man still vor sich hin, Besuche würden eher als kontrollierend empfunden. Ganz anders im Orient. Hier leide man nicht an der Krankheit an sich, sondern dann, wenn der Besuch ausbleibt. Aus dieser Kenntnis heraus erschiene es nicht weiter verwunderlich, wenn auch in hiesigen Krankenhäusern beispielsweise bei einem türkischen Kranken ständig die gesamte Familie mit ihrem Besuch aufwartet.
Dramatischer beschrieb Dr. med. F. Haehnel seine Arbeit im Behandlungszentrum für Folteropfer in Berlin. Hierher kämen schwerst traumatisierte Menschen, unter deren Erlebnissen häufig die gesamte Familie zu leiden hätte. So würden gefolterte Männer nicht selten gewalttätig gegen ihre Frauen und Kinder, wenn sie durch Albträume, spezifische Geräusche oder einfach den Anblick von Uniformierten immer wieder von ihren Erinnerungen eingeholt werden. Die Psychologen in der Ambulanz seien häufig gefordert, neben der Traumaarbeit auch noch als Sozialarbeiter zu agieren, seien sie doch meist der einzige Ansprechpartner, dem die durch ihre Erlebnisse geprägten Asylbewerber Vertrauen entgegen brächtenn.
Der erste Tag klang aus mit einem inhaltlich vielseitigen Symposium. Frau Dipl.-Psych. Kumbier, eine Schülerin von Schultz von Thun (Hamburg), stellte den Beitrag der Kommunikationspsychologie zu einer interkulturellen Perspektive vor. Sie machte Missverständnisse in der interkulturellen Kommunikation am Beispiel der Gespräche zwischen Europäern und Asiaten deutlich und führte diese auf die unterschiedlichen Selbstkonzepte (Individualismus versus Kollektivismus) zurück. Beides seien an sich positive Werte, deren Extreme jedoch ins Negative abgleiten könnten (Egozentrismus vs. totalitäre Selbstlosigkeit).
Frau Dipl.-Soz. Wittig stellte die Migration als Chance und Risiko gleichermaßen dar. Nach Treibel (1995) sei „Migration … ein auf Dauer angelegter bzw. dauerhaft werdender freiwilliger Wechsel in eine andere Gesellschaft“, der von unterschiedlichen Gruppen aus diversen Motiven vorgenommen werde. Frau Prof. Witruk berichtete zum Abschluss über ein Ausbildungsprogramms in Notfallpsychologie, das sie kurz nach der Tsunami-Katastrophe zusammen mit Prof. Reschke und  Dr. Stück im Jahr 2005 in Sri Lanka durchgeführt hatte. Jeder der drei Lehrenden der Leipziger Universität unterrichtete in seinem Fach zahlreiche wissbegierige und oft selbst traumatisierte Sri Lankaer und Indonesier, die dieses Wissen als Mediatoren an Betroffene weitergeben sollten. So habe beispielsweise Frau Professr Witruk in die Maltherapie eingeführt, Konrad Reschke in die Traumatherapie, und Dr. Stück mit den Teilnehmern Yoga und Biodanza geübt, um zu lernen, das Erlebte über den Körper auszudrücken. Die Ergebnisse der Leipziger Tsunami Hilfe wurden im Rahmen eines Workshops durch den Mitorganisator der Tagung,  Prof. Konrad Reschke von der Universität Leipzig, vorgestellt.
Biodanza wurde außerdem am darauf folgenden Samstag und Sonntag von Dr. A. Villegas vielen interessierten Teilnehmerinnen in einem Selbsterfahrungsworkshop vermittelt.
Neben den interessanten und aktuellen Themen im Plenum fanden weiterhin acht, zum Teil mehrtägige Workshops statt: Interkulturelle Kommunikation aus kommunikations-psychologischer Perspektive (Kumbier), Psychotherapeutisches Handeln und Denken in anderen Kulturen (Zacharias), Interkulturelle Kompetenz (Mahlherbe, Becker, Berndt), Einstellungen und Wissen zur Psychotherapie und Beratung von Menschen mit muslimischem Glaubenshintergrund (Al Shahari, Tanjour, Barakat, Hammoud), Tsunami – Betrachtungen und Analysen aus Sicht der Internationalen Disaster Psychologie (Reschke), Mitarbeit in psychosozialen Projekten in Brasilien – Erfahrungsberichte und Perspektiven (Prates Knocke, Schepper, Seidel), Selbsterfahrung - Umgang mit dem Fremden (Gollek, Weise), Selbsterfahrung – Biodanza (Villegas).
Die Ergebnisse der Tagung sollen in Kürze in einem Tagungsband und im Internet (www.dgvt.de) veröffentlicht werden.
Ein wesentliches praktisches Ergebnis der Tagung war die Gründung einer Fachgruppe „Migranten und Flüchtlinge“ der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie, die sich schwerpunktmäßig mit der Verbesserung psychologischer Hilfe für Menschen mit Migrationshintergrund beschäftigen wird (siehe Kasten).
Im September 2009 startet am Dresdner Institut ein 2 1/2jähriges Curriculum zum Thema „Interkulturelle Kompetenz in Therapie und Beratung“. Interessenten können detailliertere Informationen hierzu über Email (regionalinstitut@aol.com) oder Tel. 0351/2679999 anfordern.

Christine Volke, Konrad Reschke, Katja Kühlmeyer

Fachgruppe Migranten und Flüchtlinge der DGVT
Neben der überregionalen Vernetzung von Kolleginnen und Kollegen stehen folgende Themen im Vordergrund:

  • Informationsvermittlung über die Auswirkungen von Migration und Heimatverlust auf die menschliche Psyche
  • Fachliche Weiterentwicklung interkultureller Beratung und Psychotherapie
  • Erhöhung der Wahrnehmung interkultureller Aspekte in der Gesellschaft
  • Förderung einer angemessenen gesundheitlichen Versorgung von MigrantInnen (insbesondere Flüchtlingen) durch unterschiedliche Institutionen (Beratungsstellen, Kliniken, psychotherapeutischen Praxen)
  • Erfahrungsaustausch, Fallbesprechung, Planung und Durchführung eigener Veranstaltungen.
    Die Fachgruppe steht allen interessierten DGVT-Mitgliedern offen, unabhängig davon, ob sie ihre berufliche Tätigkeit auf den Bereich ausrichten oder sich in der Thematik weiterbilden möchten, ob sie selbständig oder angestellt tätig sind, ob sie Psychotherapie mit oder ohne Approbation ausüben.
    Wenn Sie Interesse an einer Mitwirkung haben, schreiben Sie an dgvt(at)dgvt(dot)de.

Zurück