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Psychiatrie und Pharmaindustrie - Wer bestimmt die Musik?[I] ein Beitrag des Critical Psychiatry Network

Von J. Moncrieff, S. Hopker und P. Thomas


Die Beziehung zwischen Medizin und pharmazeutischer Industrie gibt Anlass zu wachsender Beunruhigung. Im Juli 2005 widmete das „British Medical Journal“ diesem Thema eine Ausgabe. Auch andere führende medizinische Zeitschriften veröffentlichten erst kürzlich dazu kritische Beiträge. Gewinne wie Einfluss der Pharmaindustrie sind in den letzten zwanzig Jahren gewachsen. In der US-Wirtschaft nimmt die Pharmaindustrie inzwischen nach der Rüstung den zweiten Rang ein (Public Citizen 2002).
Mit der Kontrolle über die Forschung hat auch ihr Einfluss zugenommen, und sie bedient sich dabei ausgeklügelter und umfangreicher Marketingstrategien. Das Ausmaß dieses Einflusses ist besorgniserregend, da die für die Entwicklung von Medikamenten notwendigen privaten Investitionen immer größere Anstrengungen erfordern, um die Präsenz am Markt zu gewährleisten und auszudehnen. Mit anderen Worten: Kommerzielle statt klinische oder wissenschaftliche Erfordernisse werden zur treibenden Kraft für „Innovationen“. Dies führt zur bevorzugten Entwicklung von „Me too“-Präparaten [1] und zur Bewerbung neuer Krankheitsbilder und -konzepte, um durch Umbenennung bzw. geringfügige Veränderung alter Medikamente die Marktausweitung ohne große Entwicklungskosten zu ermöglichen.

Der Einfluss der Pharmaindustrie

Wir meinen, dass gerade die Psychiatrie für denEinfluss der Pharmaindustrie besonders anfällig ist, und das aus mehreren Gründen:
(a) Es gibt keinen objektiven Test für eine externe Validierung psychischer Störungen. Das bedeutet, dass die Grenzen zwischen „Normalität“ und psychischer Störung leicht manipuliert werdenkönnen, um die Märkte für Arzneimittel zu erweitern. So machte sich zum Beispiel die +Defeat Depression Campaign [2], die zu einem Teil (bis zu 30 Prozent) von der Pharmaindustrie finanziert wurde, für eine vermehrte Diagnostik und Behandlung der Depression in der hausärztlichen Praxis stark. Zeitgleich damit war ein steiler Anstieg der Verordnung von Antidepressiva zu verzeichnen. Der Nutzen einer breiten medikamentösen Behandlung der „Traurigkeit“ (unhappiness) in der Allgemeinpraxis wird inzwischen infrage gestellt (NICE2003). In den USA wurden von Arzneimittelfirmen Kampagnen durchgeführt, um zu propagieren, dass es sich bei Zuständen wie soziale Angststörung, posttraumatische Belastungsstörung und prämenstruelle Dysphorie um häufige psychische Störungen handelt, die medikamentöser Behandlung bedürften. Diese Praxis wurde als Medikalisierung sozialer und persönlicher Probleme kritisiert (Moynihan et al. 2002).
(b) Psychiatrische Forschung ist besonders anfällig für den Einfluss von Interessengruppen wie (jedoch nicht allein) der pharmazeutischen Industrie. Dies ist der subjektiven Natur von Diagnosenstellung und der Beurteilung des Therapieerfolgs, dem variablen Verlauf der meisten psychischen Störungen und der Bedeutung des Placeboeffektes geschuldet. Letzterer wird allein schon durch den Umstand, an einem Forschungsprojekt teilzunehmen, beeinflusst. Die empirische Forschung hat nachgewiesen, wie Design, Durchführung und Auswertung industriegesponserter psychiatrischer Forschung „gestaltet“ werden kann, um das Produkt des Sponsors in einem günstigen Licht darzustellen (Safer 2002; Melander et al. 2000).
(c) Psychiater neigen dazu, biologische Erklärungsmodelle psychischer Störungen und körperliche Behandlung zu bevorzugen, um ihre Glaubwürdigkeit und ihren Kompetenzanspruch in der Handhabung psychischer Erkrankungen zu untermauern (Moncrieff/Crawford 2001).

Die Folgen

Der von der Arzneimittelindustrie ausgeübte Einfluss betrifft Patienten, Versorger, die Gesellschaft und die Psychiater. Patienten erhalten eine Versorgung, die unangemessen die Behandlung mit Medikamenten betont. Die Nebenwirkungen von Medikamenten werden verharmlost und alternative Betrachtungsweisen von Leid und Leiden vernachlässigt. Patienten und Leistungserbringer sollen glauben, dass es einfache, sich auf Medikation stützende Lösungen für ihre Probleme gibt. Dies führt zu Desillusionierung und Enttäuschung, wenn sich herausstellt, dass dem nicht so ist. Die Medikalisierung sozialer und persönlicher Probleme lenkt das Augenmerk ab (und leitet Ressourcen um) von einem sozialen, politischen und spirituellen Verständnis des Leidens und steht für die Deutungsmacht der Psychiatrie, die sie über ihre Begrifflichkeit ausübt (Thomas/Bracken 2004).
Psychiater riskieren den Verlust ihrer Unabhängigkeitreal wie im Ansehen. Torreys Beschreibung der aufwändigen Werbeinstallationen auf dem Weltkongress für Biologische Psychiatrie 2001, u.a. einen zwölf Meter hohen sich drehenden Turm der Firma Novartis und einen künstlichen Garten von Janssen, unterstreicht den Stellenwert der Psychiatrie für das Marketingder Pharmaindustrie (Torrey 2002). Die Forschung belegt, dass Marketingpraktiken das Verschreibungsverhalten negativ beeinflussen (Wazana 2000).
Vielleicht noch grundsätzlicher prägen Industrieinteressen Wesen und Theoriebildung der Psychiatrie. Die Informationen der Arzneimittelfirmen vermitteln und verstärken schlichte Botschaften wie etwa, dass psychische Störungen durch chemische Ungleichgewichte verursacht würden (siehe zum Beispiel die Website www.prozac.com). Diese überall verbreitete Botschaft drängtdie Psychiatrie in eine biologische Zwangsjacke. Die starke Zunahme der Verbindungen zwischen einzelnen Personen wie auch Institutionen und der Pharmaindustrie ist gut dokumentiert (Boyd/Boyd 2000). Auf der individuellen Ebene beinhaltet dies Beraterverträge, Forschungsgelder, Finanzierung von Fortbildungen und vielfältige Einladungen und „Geschenke“. Berufsverbände – selbst das +Royal College of Psychiatrists [3] – werden indirekt subventioniert: durch Werbeeinnahmen, indem sie aufFachkongressen den Arzneifirmen Werbeflächen gegen Bezahlung überlassen, durch Sponsoring vonFortbildungsveranstaltungen und durch Werbung für Pharmaprodukte in den Verbandsorganen. Die Industrie sponsert auch zunehmend die Bereitstellung bestimmter Dienste des +National Health Service (der staatliche Gesundheitsdienst Großbritanniens). Das Ausmaß der Verstrickung macht es zunehmend schwerer, alternative Vorstellungen über psychiatrische Versorgung zu äußern.

Wie lässt sich der Pharmaeinfluss zurückdrängen?

Psychiater müssen Schritte ergreifen, um sich von der Pharmaindustrie zu distanzieren und um ihre Unabhängigkeit wiederzugewinnen. Es ist deshalb zu begrüßen, dass das +Royal College of Psychiatrists dasThema angeht, auch wenn die in diesem Zusammenhang kürzlich veröffentlichten „Richtlinien“ (Katana/Cameron 2003) nicht weit genug gehen.
Unser Berufsstand muss eine breite Diskussion über die Ethik von „Einladungen“ und Geschenken der Pharmaindustrie führen. Die Finanzierung derkontinuierlichen ärztlichen Fortbildung seitens der Pharmaunternehmen, auf regionaler wie nationaler Ebene, muss überprüft werden. Ziel sollte sein, die Inanspruchnahme dieser Unterstützung drastisch zu reduzieren oder ganz auf sie zu verzichten, zumindest gilt dies für die Fortbildungen vor Ort, die es den Sponsoren ermöglichen, bei nur geringem Kostenaufwand ein Höchstmaß an Einfluss auf die Fortbildungsteilnehmer zu nehmen. Wenn Sponsoring als unverzichtbar erscheint, sollte die Schaffung bzw. Nutzung eines „blinden“ Treuhandfonds [4] als Alternative zur Direktförderung geprüft werden.
Die Offenlegung von Interessenkonflikten ist unbedingt durchzusetzen.[5] Das +College sollte ein +Register der Interessenkonflikte aller seiner Mitglieder einrichten, das diese verpflichtet, den Wert der Geschenke und Zuwendungen von Arzneimittelfirmen jährlich offenzulegen. Dieses Register muss öffentlich zugänglich sein analog dem für Parlamentsabgeordnete.6
Mit Blick auf Verbraucher und Öffentlichkeit sollte sich unser Berufsstand an Initiativen beteiligen, die qualitativ gute und interessenunabhängige Informationen zu dem Für und Wider medikamentöser Behandlung für Patienten und Professionelle erarbeiten und zur Verfügungstellen. Obwohl die Leitlinien des +NationalInstitute for Clinical Excellence (NICE) [7] umfassende und unparteiische Behandlungbewertungen (reviews) bereitstellen sollen, sah sich NICE der Kritik ausgesetzt, der Pharmaindustrie einen zu großen Einfluss bei der Entwicklung derselben eingeräumt zu haben, mit dem Ergebnis, dass einige Leitlinien offensichtlich Marketinginteressen widerspiegeln (Healy 2003).

Schlussfolgerungen

In einer Zeit, in der die öffentliche Forschungsförderung zurückgeht, finanziert und betreibt die Pharmaindustrie einen wachsenden Anteil der Medikamentenforschung selbst. Außerdem ist sie zunehmend eingebunden in die Finanzierung einzelner Gesundheitsdienstleistungen als Teil des allgemeinen  Eindringens des privaten Sektors in staatliche Aufgabenbereiche, das mit der Globalisierung einhergeht (Price et al. 1999). Das bedeutet, dass die Industrie eine mächtige und wachsende Rolle bei der Festlegung spielt, wie Psychiatrie als Wissenschaft und Praxis konzipiert wird und worin psychiatrische Behandlung besteht. Dass sich stark verdichtende Beziehungsgeflecht zwischen Psychiatrie und Pharmaunternehmen macht es jedem schwer, diesen Zustand infrage zu stellen. Psychiater müssen aktiv werden, um ihre Unabhängigkeit sicherzustellen: um ihrer Patienten, des Allgemeinwohls und ihres Ansehens willen.

Interessenkonflikte: keine angegeben.

Joanna Moncrieff, Professorin, University College of London; Steve Hopker, Psychiater, Bradford Community Health Trust, Lynfield Mount Hospital, Bradford; Philip Thomas, Senior Research Fellow, Centre for Citizenship and Community Mental Health, School of Health Studies, University of Bradford.
Der Originalbeitrag erschien unter dem Titel „Psychiatry and the pharmaceutical industry: who pays the piper?” im vom britischen +Royal College of Psychiatrists^ herausgegebenen „Psychiatric Bulletin“, 29, 2005, S. 84‑85. Wir danken den Herausgebern für die freundliche Abdruckgenehmigung. Die Übersetzung ins Deutsche besorgte Dieter Lehmkuhl.

Anmerkungen des Übersetzers:
[1] Dt.: „ich auch“ - weitgehende Nachahmung eines Originalprodukts ohne oder mit nur geringem Zusatznutzen, um auch am lukrativen Markt erfolgreicher Markenpräparate anderer Hersteller zu partizipieren oder um nach Auslaufen des Patentschutzes das Originalpräparat durch ein Nachfolgepräparat zu ersetzen, für das dann wieder langfristiger Patentschutz mit staatlich garantierten Monopolpreisen gilt.
[2] Informationskampagne in Großbritannien zu Symptomatik, Diagnose und Behandlung von Depression.
[3] Britischer Dachverband derPsychiater.
[4] Geldpool, in den Firmen einzahlen können, wenn sie Fortbildung bzw. Forschung unterstützen wollen, jedoch ohne dass dies mit Auflagen oder Abhängigkeiten verbunden ist, und über dessen Verwendung von dritter (unabhängiger) Seite entschieden wird.
[5] Persönliches Melderegister, in dem Zuwendungen aller Art seitens der Pharmaindustrie erfasst werden, um die daraus sich ergebenden möglichen Interessenkonflikte transparent zu machen.
[6] Die Abgeordneten des britischen Unterhauses sind verpflichtet, ihre Nebeneinkünfte anzugeben.
[7] Unabhängiges, staatliches Institut für die Bewertung und Wirtschaftlichkeitsprüfung von Arzneimitteln und die Erstellung von Behandlungsleitlinien; ähnlich dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)in Deutschland.

Literatursiehe Originalbeitrag im Internet unter http://pb.rcpsych.org/


[I] Quelle: „soziale psychiatrie“, Ausgabe 3/2008; der Nachdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und des Autors


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