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Bericht über die 21. Jahrestagung des Forums Friedenspsychologie in Marburg

Jost Stellmacher


Die 21. Tagung des Forums Friedenspsychologie fand vom 6. bis 8. Juni 2008 im Fachbereich Psychologie der Philipps-Universität Marburg statt. Der Schwerpunkt der Tagung war „Gruppenbasierte Aggression und Gewalt“. Das Charakteristikum gruppenbasierter Aggression und Gewalt besteht darin, dass die Mitgliedschaft in bestimmten sozialen Gruppen als eine wichtige Ursache für die Entstehung und die Dynamik solcher Gewaltprozesse angesehen wird. Das Ziel der Tagung war, aus verschiedenen Perspektiven eine Bestandsaufnahme aktueller Forschung zur Dynamik gruppenbasierter Aggression und Gewalt zu ermöglichen, wie sie z.B. bei ethnisch oder religiös bedingten Gewaltprozessen oder Jugendgewalt auftreten. Organisiert wurde die Tagung von der Arbeitsgruppe Sozialpsychologie der Philipps-Universität Marburg. Verantwortlich für die Organisation waren Dr. Jost Stellmacher und Prof. Dr. Ulrich Wagner.

Die Konferenz wurde am Freitag mit einem Vortrag von Prof. Dr. Daniel Rothbart eröffnet. Daniel Rothbart ist Professor für Philosophie und Konflikt-Analyse am "Institute of Conflict Analysis and Resolution“ der George Mason Universität in Arlington, Virginia, USA. Sein Vortrag behandelte das Thema “Threats, Identities, and Group Violence”. Er stellte dar, wie in länger andauernden Konflikten durch Erzählungen über die (angebliche) Bedrohlichkeit eines Feindes gewaltsame Konflikte verlängert oder auch verschärft werden können. Den zweiten Vortrag am Freitagabend hielt Prof. Dr. Gert Sommer. Gert Sommer ist Ehrenvorsitzender des Forums Friedenspsychologie und war bis 2006 Professor für Klinische und Gemeindepsychologie an der Philipps-Universität Marburg. Der Titel seines Vortrags war “Human Rights Violations During Third Gulf-War and Occupation”. Er stellte detailliert dar, welche massiven Menschenrechtsverletzungen an der irakischen Bevölkerung im dritten Irak-Krieg begangen worden sind. Diese beiden eingeladenen Hauptvorträge waren öffentlich. Der Freitagabend wurde mit einem Social Event im Innenhof des Fachbereichs Psychologie beschlossen.

Am Samstag gab es 15 Vorträge in verschiedenen Arbeitsgruppen, zumeist in englischer Sprache. Die Vorträge am Vormittag behandelten die Themen ethnische Vorurteile, Intergruppengewalt in Äthiopien und Kolumbien, Folgen der Anschläge vom 11. September 2001, Collective Actions und Jugendgewalt. Darüber hinaus gab es am Nachmittag weitere friedenspsychologisch orientierte Beiträge zum Thema Militarismus, Wahrnehmung von Menschenrechtsverletzungen, Islamischer Friedenserziehung sowie Thérapie Sociale. Einer der Höhepunkte der Tagung war die Verleihung des Gert-Sommer-Preises für Friedenspsychologie 2008 an Dr. Martina Diedrich. Der Vorstandsvorsitzende des Forums Friedenspsychologie, Prof. Dr. Klaus Boehnke, überreichte Frau Diedrich die Auszeichnung für ihre Dissertation zum Thema "Demokratische Schulkultur: Erfassung und Bedeutung eines Schulqualitätsmerkmals". Anschließend stellte Frau Diedrich ihre Arbeit in einem Vortrag vor.

Darüber hinaus fand am Samstag eine Podiumsdiskussion zu Beschäftigungsperspektiven in der Friedenspsychologie statt. In diesem Rahmen stellte Dr. Christopher Cohrs die Ergebnisse einer Berufsbefragung zu Berufsfeldern in der Friedenspsychologie dar, an der zwischen August 2007 und Mai 2008 30 Personen teilgenommen hatten. Dabei ging es um die Beschreibung von Tätigkeitsfeldern, notwendige Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie mögliche Zugangswege zu friedenspsychologischen Berufsfeldern. Die Befragungsergebnisse wurden von Julia Jäger durch Schilderungen ihres Berufsweges konkretisiert. Julia Jäger ist Projektleiterin der Klaus Jensen Stiftung im Rahmen einer Studie zum Thema Gewaltprävention sowie freiberufliche Trainerin, Beraterin und Gutachterin v. a. im Bereich von Gewaltprävention und Friedensarbeit. Die anschließende Diskussion wurde von Dr. Jost Stellmacher moderiert und erörterte mögliche Wege in friedenspsychologisch relevante Arbeitsfelder. Die Berufsbefragung zu friedenspsychologischen Arbeitsfeldern soll weitergeführt werden und kann auf der Homepage des Forums Friedenspsychologie http://www.friedenspsychologie.de/ eingesehen werden.

Insgesamt kann die 21. Tagung des Forums Friedenspsychologie als sehr erfolgreich bewertet werden. Es hatten 56 WissenschaftlerInnen und PraktikerInnen die Tagung besucht. Dabei ist erfreulich, dass auf der diesjährigen Tagung auch KollegInnen aus Israel, der Türkei und den USA begrüßt werden konnten. Dies zeigt, dass die Tagung, wie bereits in den letzten Jahren, verstärkt auch im Ausland wahrgenommen wird. Die Atmosphäre auf der Tagung war offen, die Diskussionen anregend und konstruktiv.

Ohne Unterstützung wäre die Tagung nicht durchführbar gewesen. Daher möchten wir uns ganz herzlich bei der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT), der Fachgruppe Sozialpsychologie der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs) und dem Ursula-Kuhlmann-Fonds des Marburger Universitätsbundes e.V. für die finanzielle Unterstützung der Tagung bedanken.

Die nächste Tagung des Forums Friedenspsychologie wird Mitte 2009 an der Jacobs University in Bremen stattfinden. Sie wird federführend von Prof. Dr. Klaus Boehnke ausgerichtet.

Korrespondenzadresse:
Dr. Jost Stellmacher
Fachbereich Psychologie
Philipps-Universität Marburg
Gutenbergstraße 18
35032 Marburg
E-Mail: stellmac(at)staff.uni-marburg(dot)de


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