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Zum Stand des Aktionsbündnisses für seelische Gesundheit


Zumindest die Nähe zu politischen Entscheidungsträgern hat das Aktionsbündnis für seelische Gesundheit bereits erreicht: Während im Nachbarsaal Guido Westerwelle gemeinsam mit seinen FDP-Parteifreunden den bayrischen Wahlerfolg feierte, traf sich das Aktionsbündnis für seelische Gesundheit zu ihrer Mitgliederversammlung in Berlin. Die Stimmung vieler Teilnehmer, darunter auch Vertreter der DGVT, war im Vergleich zur FDP hingegen deutlich weniger euphorisch. Auch wenn das Bündnis im vergangenen Jahr weitere Mitglieder begrüßen konnte, sind der Einbezug und die Mitwirkung der Bündnispartner in die Ausrichtung und Weiterentwicklung des Bündnisses gering. Eine Geschäftsordnung ist bis zum heutigen Tag nicht verabschiedet worden.

Das Aktionsbündnis hatte sich vor gut zwei Jahren unter der Leitung von Professor Gaebel – Präsident der Deutschen  Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde – gegründet. Die Schirmherrschaft liegt bei der Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt. Die Zielsetzung des Bündnisses ist es, in den kommenden Jahren ein öffentlichkeitswirksames, bundesweites Antistigma- und Aufklärungsprogramm umzusetzen. Dabei will es mit seiner Öffentlichkeitsarbeit über den Wert, aber auch über die Möglichkeiten der sozialen und beruflichen Integration von psychisch erkrankten Menschen informieren, die Chancen der Früherkennung und Prävention aufzeigen und Menschen ermuntern, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Eine gemeinsame Erklärung der Mitglieder über die Ziele ist auf der Homepage des Aktionsbündnisses (www.seelischegesundheit.net) einzusehen. Im vergangenen Jahr haben sich weitere Mitglieder dem Bündnis angeschlossen. Mittlerweile ist die Mitgliederzahl auf nahezu 50 Organisationen und Initiativen angewachsen.

Die vom Aktionsbündnis mitgetragene Berliner Aktionswoche zur seelischen Gesundheit stand auch dieses Jahr unter der Schirmherrschaft des regierenden Bürgermeisters von Berlin, Klaus Wowereit. Mehr als hundert Veranstaltungen verschiedenster Gruppierungen finden sich in dem umfangreichen Programmheft. Damit kann die Woche mit anderen Angeboten in der Hauptstadt sicherlich konkurrieren und verschafft dem Thema seelische Gesundheit entsprechende Aufmerksamkeit. Das Modell der Aktionswoche möchte das Bündnis in den nächsten Jahren auf andere Regionen in der Bundesrepublik ausweiten. Allerdings stehen für Nachahmer keine finanziellen Ressourcen zur Verfügung. Das Bündnis versucht jedoch, bei der Planung Unterstützung anzubieten. Dazu wird ein Leitfaden zur Verfügung gestellt und Layoutvorlagen entwickelt. Eine zentrale Internetplattform zur Aktionswoche erlaubt es, Veranstaltungen auch im Internet ohne großen Aufwand zu bewerben. Interessenten können sich mit der Koordinatorin des Aktionsbündnisses, Frau Ahrens, in Verbindung setzen (koordination@seelischegesundheit.net).

Die DGVT präsentiert sich auch dieses Jahr beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde im ICC in Berlin Ende November unter dem Dach des Aktionsbündnisses.

Im nächsten Frühjahr plant das Aktionsbündnis einen internationalen Kongress in Kooperation mit der WHO zum Thema „Arbeit und Mental Health“. Auch wenn die Mitglieder des Bündnisses bislang nicht an der Planung partizipieren konnten, ist es doch angeblich gewünscht, weitere Referentenvorschläge einzureichen. In der Fachzeitschrift „Der Nervenarzt“ wird demnächst ein Sonderheft zum Aktionsbündnis erscheinen. Die inhaltlichen Themenvorgaben sind bereits im Vorfeld der Mitgliederversammlung getroffen worden.  

Ein auf drei Jahre angelegtes Forschungsprojekt, in dem zunächst alle Antistigma und Öffentlichkeitsprogramme aus dem Bereich der Psychiatrie gesichtet und hinsichtlich ihrer Wirksamkeit bewertet werden sollen, wird durch das Bundesministerium für Gesundheit finanziert. Einen Einbezug der Bündnismitglieder in die Planungsphase war nicht vorgesehen. Die relevanten Perspektiven von Prävention und Gesundheitsförderung werden in diesem Projekt nicht berücksichtigt.

Des Weiteren wurde auf den langen Atem der Lobbyarbeit hingewiesen, so bemüht sich das Bündnis um einen Themenscherpunkt „Seelische Gesundheit“ in den öffentlich rechtlichen  Rundfunk und Fernsehanstalten.

Das Aktionsbündnis hat durch seine Bündelung von Initiativen aus dem psychologisch-psychiatrischen Bereich und durch die Unterstützung des BMG sicherlich viel Potential. Diese positive Perspektive ist allerdings abhängig davon, inwieweit es gelingen wird, dieses Potential auch wirklich zu nutzen und die Bündnispartner an der Entwicklung des Bündnisses partizipieren zu lassen. Bei der Mitgliederversammlung wurde erneut deutlich, dass die Bündnisplanungen und -aktivitäten lediglich von einem kleinen Kreise um Professor Gaebel aus gesteuert werden. Eine Geschäftsordnung liegt bis zum heutigen Zeitpunkt nicht vor. Auf Nachfrage wird angegeben, dass diese derzeit erneut im „kleinen Kreise“ gemeinsam mit dem BMG entworfen wird. Die Spielregeln des Bündnisses müssen transparent gemacht werden. Es ist nicht ausreichend immer wieder nur zu betonen, dass die Mitglieder aktiv zu seien haben.

Die DGVT wird auch in Zukunft die Entwicklung des Bündnisses kritisch beobachten und prüfen, inwieweit eine aktive Beteiligung möglich ist.

www.seelischegesundheit.de

Daniel Köhn, Köln


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