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Bericht vom 13. Deutschen Psychotherapeutentag in Leipzig

Am 15.11.2008 fand in Leipzig die 13. Delegiertenversammlung der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) statt.


Im Bericht des Vorstands stellte Professor Rainer Richter, der Präsident der BPtK, zunächst die 20%-Quote für KJP-Sitze, die nunmehr im GKV-OrgWG (Gesetz zur Weiterentwicklung der Organisationsstrukturen in der gesetzlichen Krankenversicherung) festgeschrieben wurde, als Erfolg beständiger Überzeugungsarbeit gegenüber der Politik heraus, nicht ohne den Wermutstropfen einer bis 2013 reichenden 25%-Quote für ärztliche PsychotherapeutInnen zu vergessen. Diese werde in den ohnehin schlechter versorgten östlichen Bundesländern weiterhin viele Sitze leer stehen lassen. Der hauptsächlich dem Nachwuchsproblem der Ärzteschaft geschuldete Wegfall der Altersgrenze Niedergelassener könne nur durch rege Nutzung der ebenfalls neu geschaffenen Möglichkeit, Sitze zu halbieren, durch unseren PPT-Nachwuchs kompensiert werden. Sonst drohe diesem ein Debakel. Hier sei nun Überzeugungsarbeit auch der Länderkammern gegenüber den älteren KollegInnen nötig, z. B. mittels 'Jung trifft Alt'-Börsen.

Beim Morbiditäts-Risikostrukturausgleich („Morbi-RSA“), der ebenfalls zum 1.1.2009 in Kraft tritt, hob Richter die Früchte zäher Gremienarbeit hervor, ein breites Spektrum psychotherapie-relevanter Krankheiten habe Berücksichtigung gefunden: Neben den Depressionen und der Schizophrenie, Abhängigkeiten, Persönlichkeitsstörungen, Essstörungen, Demenzen und nicht zuletzt das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS). Wichtig sei, dass nun auch ambulante Diagnosestellungen als 'Aufgreifkriterium' wirken, hingegen Pharmaka-Verschreibung nunmehr nur bei Schizophrenie, Demenz und bipolaren Depressionen. Krankenkassen erhielten übrigens ab 2009 im auf die Diagnosestellung folgenden Jahr neben einem Sockelbetrag von zum Beispiel (weiblich, 54 Jahre) 1027 € bei einer Schizophrenie einen Zuschlag von 6194 €, bei Essstörungen von 3435 €, bei Persönlichkeitsstörungen von 1964 € und bei ADS von 1458 €. Das wirke auf die Kassen als großer Anreiz.

Von den vielen berichteten Vorstands-Aktivitäten seien hier als Beispiel die auf der europäischen Ebene genannt: zum Grünbuch Gesundheitsberufe in Europa (die deutschen Bedingungen für Psychotherapie seien in Europa "einzigartig") und zur EU-Richtlinie zur Ausübung der Patientenrechte. Vom Innerdeutschen sollen hier die Gespräche mit dem Gemeinsamen Bundesausschuss GBA erwähnt werden. Man will eine sinnvolle Regelung zur Fortbildungspflicht der KrankenhauspsychotherapeutInnen nach § 137 SGB V befördern. Interessant vielleicht auch die PatientInneninformationen des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) zu psychischen Störungen (http://www.Gesundheitsinformation.de/index.de.html), wesentliche Punkte der BPTK-Stellungnahme dazu seien übernommen worden.

Ein weiterer Schwerpunkt im Vorstandsbericht des Präsidenten war die 'Zukunft der Ausbildung'. In einer Petition an die Kultusministerkonferenz forderte die BPTK ihre Beteiligung an der Feststellung der Voraussetzungen für die Akkreditierung von Masterstudiengängen für die PT-Ausbildung. Dafür soll noch ein Lernzielkatalog erstellt werden. Durch den Bologna-Prozess mit seinen Bachelor- und Master-Studienabschlüssen werde ca. 2010 eine Änderung des Psychotherapeutengesetzes vorgenommen, Reformmöglichkeiten tun sich auf. Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) gab ein Forschungsgutachten zur PP- und KJP-Ausbildung in Auftrag, welches im April vorliegen soll. Eminent wichtig ist also die Positionierung der Profession zu diesen Fragen. Allein 2008 initiierte die BPTK hierzu vier Workshops, und am 28.1.2009 diskutiert das Gutachtergremium mit der Profession unter der Schirmherrschaft der BPtK. Auf dem nächsten DPT am 9.5.2009 soll die politische Positionierung beraten werden. Am Vortag soll anlässlich '10 Jahre Psychotherapeutengesetz' ein gleichnamiges BPtK-Special vorgestellt werden, sowie im Rahmen einer Veranstaltung zum ersten Mal der Ehrenpreis der Psychotherapeutenschaft verliehen werden.

Im zweiten Teil referierte Andrea Mrazek von den Weichenstellungen für die stationäre Versorgung psychisch kranker Menschen im Krankenhausfinanzierungsreformgesetz (KHRG). Grundsätzlich begrüße die Bundespsychotherapeutenkammer den Gesetzentwurf, welcher die Budgetkalkulation anhand berufsspezifischer Tages-Minutenwerte statt durch Fallpauschalen vorgebe. So gebe es ein Personaltableau z. B. für jeden der 18 Bereiche der Erwachsenenpsychiatrie/-psychosomatik. In der Regelbehandlung würden dort 29 Wochenminuten diplompsychologischer Arbeit tarifvertragsgetreu „eingepreist“ (=kalkulatorisch berücksichtigt). Selbstverständlich fordere die BPtK den Einbezug des Berufsbildes 'Psychologischer Psychotherapeut' bzw. ’Kinder-/Jugendlichenpsychotherapeut’ und damit die Anerkennung einer mittlerweile 10 Jahre alten Realität. Das Gesetz beauftrage die Selbstverwaltung (in diesem Fall: Gesetzliche Krankenversicherung und Deutsche Krankenhausgesellschaft), bis 2009 die Struktur, bis 2012 die Entgelte und 2013 die Budgetumsetzung für dieses Tagesentgeltsystem zu regeln. Auch eine bessere Umsetzung der Psychiatrie-Personalverordnung könne künftig mit den Kassen verhandelt werden. Unverständlich sei –so Mrazek-, wieso nur eine 90-prozentige und nicht die hundertprozentige finanzielle Umsetzung erfolgen soll. Unsere berufsständische Interessensvertretung müsse hier noch lange weiter am Ball bleiben, denn der Teufel liege wie immer im Detail. Als 'strategieanfällig' gilt z. B. die Behandlungsklassifikation der jeweiligen PatientInnengruppe (Die Tagespauschalen ergeben sich als Multiplikation der Betreuungsrelation mit den Basistageswerten.). Geregelt werde im Gesetz auch die Leistungsdokumentation. Hier sei der Operationen- und Prozedurenschlüssel (OPS) bezüglich der Berücksichtigung der PsychotherapeutInnen noch grundlegend zu überarbeiten. Wer multiprofessionelle Strukturqualität in der Psychiatrie abbilden wolle, komme heutzutage nicht ohne approbierte PsychotherapeutInnen aus. Auch die Vorgabe ärztlicher Leitung könne heutzutage nicht mehr vorbehaltlos erfolgen, sie sei begründungspflichtig wie alles andere auch.

Die große Bedeutung dieses Entgeltsystems liege letztlich darin, dass es über seine Tätigkeitsprofile den Psychotherapie-Anteil in der Psychiatrie determiniere. Seine Bewertungsrelationen würden mittelbar entscheidend für die künftige stationär-psychiatrische Versorgungsqualität. Die Tendenz des Gesetzgebers gehe hin zu mehr abgestufter, gemeindepsychiatrischer sowie tagesklinischer und gleichzeitig weniger pharmakologischer Versorgung. Auch die Verknüpfung mit dem ambulanten Sektor solle verbessert werden. Last but not least, eine essenzielle Forderung der BPTK: die Vergütung des 'Psychiatriejahres' praktischer Tätigkeit in der Psychotherapieausbildung müsse für Krankenhäuser refinanzierbar werden, in den § 17a des Krankenhausgesetzes müsse deren Pflegesatzfähigkeit hinein. Derzeit bekämen 57 % der PiAs keinerlei Gehalt während dieser häufig unzutreffend als Praktikum bezeichneten praktischen Tätigkeit!

Im dritten inhaltlichen Abschnitt des Vorstandsberichts referierte PD Dr. Frank Jacobi von der TU Dresden über "Psychotherapeutische Versorgung und Versorgungsforschung". Zuerst präsentierte er einige epidemiologische Befunde (Bei Krankschreibungs-Datenanalysen erhöhe das Vorliegen einer F-Diagnose laut Technikerkrankenkasse die Zahl der AU-Tage im Schnitt um den Faktor 3). Die oft beeindruckend wirkende Zunahme psychischer Erkrankungen und ihres Einflusses relativierte Jacobi allerdings mit Verweis auf die 'Awareness'-Hypothese, demzufolge lediglich die Erkenntnis aufhole und sich der empirischen Wirklichkeit psychischer Störungen und ihrer Auswirkungen nähere. Harte Daten (Richter, 2008) könnten belegen, dass diese Epidemiologien schon lange unverändert bestehen.

Zur bundesdeutschen Versorgungslandschaft berichtete er von deren hoher Fragmentiertheit, bei gleichzeitigem Vorliegen vieler schwerer und komplexer Syndrome (39% der Pat. haben 2 oder mehr Störungsdiagnosen). Insgesamt betrage die totale Behandlungsrate bei Vorliegen psychischer Störungen in der BRD lediglich 40%. Ärzte trügen weniger als 10% der psychotherapeutischen Versorgung. Das Stadt/Land-Gefälle sei mit Faktor 9 extrem, hinzu käme das Süd/Nord-Gefälle.
Versorgungsforschung sei fachübergreifend sowie anwendungsorientiert und entspreche oft den so genannten Phase 3- und Phase 4-Studien. Sie beschäftige sich sowohl mit Interventionen wie mit deren Resultaten und berücksichtige die Strukturen, innerhalb derer interagiert werde. Ein deutscher 'Think Tank' habe sich erst unlängst mit den hiesigen Fragen und Mängeln beschäftigt (s. Psychiatrische Praxis, 7/2008). Top-Fragen für Deutschland zielten auf: Versorgungswege, Prävention, Ressourcenallokation, Barrieren der Versorgungsoptimierung, Komorbiditäten, Dissemination (stepped care, Selbstmanagement). Forschungsförderung gebe es derzeit bevorzugt im psychiatrischen Bereich, für die Psychotherapieversorgung bestünde ein erheblicher Nachholbedarf. Zu erwähnen sei jedoch die Initiative der ostdeutschen Psychotherapeutenkammer, die auf Angebots- wie Bedarfsseite ostdeutsche Spezifitäten aufzeigen will. Die politisch-ökonomischen Verhältnisse dürften in nächster Zeit insbesondere Interesse an Kosteneffektivitätsstudien wecken. Im ambulanten Bereich könnten unsere Kammern Plattformen bilden, Praktiker-Netzwerke formieren, Versorgungsforschung im engeren Sinn zu betreiben, würde sie jedoch überfordern.

Einige angenommene Beschlussvorlagen:

  • Der Auftrag der Kommission 'Zukunft der Krankenhausversorgung' wurde hinsichtlich Beratung des o. e. Tagesentgeltsystems verlängert und erweitert.
  • Die BPTK soll zu Arbeitgebern Kontakt herstellen, um über die Existenz der Berufsfelder der PP und der KJP und deren sachgerechte Einordnung in den TVöD zu informieren.
  • Der Vorstand will auf mehr Transparenz des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie hinwirken.
  • Der Vorstand übernahm den Auftrag, dem nächsten DPT über Diskriminierungen durch Privatversicherungen zu berichten und Strategien gegen diese Stigmatisierung psychisch kranker Menschen vorzuschlagen.

Ein Antrag aus dem Ausschuss Psychotherapie in Institutionen, der den Vorstand verpflichten sollte, sich für eine Fortsetzung der angefangenen Studie zur gesundheitsökonomischen Bedeutung psychotherapeutischer Arbeit in der Erziehungsberatung einzusetzen (gerade in Verbindung mit dem neu geschaffenen Referat für Versorgungsforschung) wurde intensiv diskutiert, aber letztlich vertagt.

Zum Haushalt erfolgte mit Zustimmung aller Landeskammern die Entlastung für das Geschäftsjahr 2007. Den einfachen Delegierten lagen die konkreten Zahlen in der Sitzung zwar nicht vor. Die Überführung der Überschüsse 2007 (24 000 €) in die Rücklage wurde dennoch ebenfalls von allen Länderkammern einstimmig beschlossen. Zum Haushaltsentwurf 2009 monierten einige Delegierte, dass sie ihn ohne schriftliches Zahlenmaterial zum laufenden Geschäftsjahr nicht ernsthaft diskutieren könnten. Von Vorstandsseite wurde hier für die Zukunft Besserung gelobt (Es sollen differenzierte Zahlen vorgelegt werden). Das ist gut so, denn die Einflussmöglichkeiten der Delegierten auf ihre den BPtK-Haushalt abstimmenden Landeskammervorstände sind zwar indirekt und zeitverzögert (sie erfolgt nach dem sog. Stimmführerprinzip), bleibt aber dennoch ein ernstzunehmendes demokratisches Element. Der Haushaltsentwurf 2009 enthielt als Option einer neue Personalstelle 'Referat Versorgungsforschung', diese sei für drei Jahre ohne Beitragserhöhung unter Verzicht auf eine halbe Sekretariatsstelle einplanbar geworden. Lediglich eine geringe Rücklagenschmälerung war dem Entwurf zu dieser Option zu entnehmen. Sie wurde von 16 Ländern mit einer Enthaltung angenommen und ist auf drei Jahre angelegt. Größere Veränderungen im Haushaltsplan 2009 sind eine 28-prozentige Steigerung bei Öffentlichkeitsarbeit sowie die 20-prozentige Minderung des Ausgabepostens für Ausschüsse.

Was lange währt, wird endlich gut, so könnte das Motto zur fünften Satzungsänderung lauten, die trotz aller Änderungsanträge dank der umsichtigen Versammlungsleitung von Wolfgang Schreck genauso zügig über die Bühne ging wie die anschließende Änderung der Geschäftsordnung. Sechs Änderungsanträge von Karl-Heinz Schrömgens aus Bremen sowie des Versammlungsleitungsteams, die allesamt der Wahrung breiter Delegiertenrechte dienen sollten, wurden von der Delegiertenversammlung angenommen; anschließend fand das auf größere Praktikabilität zielende GO-Änderungspaket des Vorstands breite Zustimmung.

Nun wurden die Resolutionsentwürfe besprochen und abgestimmt. Die Telematik-Resolution warnt vor datenschutzrechtlichen Gefahren der elektronischen Gesundheitskarte. Die Behandlungsbeziehung sowie die Selbstbestimmungsrechte der PatientInnen seien durch diese Technisierung gefährdet. Datensicherheit sei nicht mit Vertrauen zu verwechseln.

Auch die von einigen in der DGVT organisierten Delegierten vorbereitete Resolution zur Legalisierung der Diamorphin-Behandlung fand breite Zustimmung. Das gesetzliche Legalisierungsvorhaben war an der Mehrheit in der CDU/CSU-Fraktion in Bundestag/ Bundesrat vor knapp zwei Jahren gescheitert, wohl nicht nur, weil Diamorphin dreimal so teuer sei wie Methadon. Und das, obwohl die bundesfinanzierte 'Heroinstudie' empirisch belegt hatte, dass unter psychosozialer Betreuung mit diesem synthetischen Heroinderivat schwerstabhängige Opiatsüchtige wirkungsvoll und mit hoher Haltequote behandelt werden können. Die BPtK soll nun versuchen, den Gesetzgebungsprozess wieder voranzubringen.

Die Resolution zum BKA-Gesetz betont, dass psychisch kranke Menschen absoluten Vertrauensschutz brauchen. Ärzte und PsychotherapeutInnen als Berufsgeheimnisträger zweiter Klasse zu behandeln und ihnen keine Geheimhaltungsmöglichkeiten zu geben, sei ein nicht hinnehmbarer Angriff auf das für die therapeutische Beziehung nötige Vertrauen.

Die Resolution zur Entwicklung der Ausbildung fordert die Kammern auf, auf Planung und Anerkennung von Studiengängen einzuwirken, damit jene zukünftigen Studiengänge, die zur psychotherapeutischen Berufsausbildung führen sollen, nicht zu Dequalifizierung der Heilberufe führen. So berechtigen in einigen Bundesländern bereits neue Bachelor-Abschlüsse zur KJP-Ausbildung.

Keine so große Einmütigkeit fand sich in der Delegiertenversammlung bei der Diskussion des Vorstands-Vorschlags zu weiteren Regelungsbereichen in der Musterweiterbildungs­ordnung. Professor Richter konstatierte, dass bereits 8 von 12 Kammern eine Weiterbildungsordnung haben, die die klinische Neuropsychologie regele. Auf die Frage, ob sie weitere Weiterbildungsbereiche regeln wollten, habe er allerdings kein klares Votum erhalten. Von den um Vorschläge gebetenen Verbänden sei jeweils viermal Psychologische Onkologie sowie Diabetologie genannt worden. Der Vorstand habe nun bereits eigenständig entschieden, eine Spezialkommission zur Eignungsprüfung von Qualitätsmanagement, Psychoonkologie sowie Psychotraumatologie als mögliche Weiterbildung-Regelungsbereiche einzurichten. Diese Kommission solle bereits beim 14. DPT am 9. Mai 2009 in Berlin Ergebnisse berichten. Ansonsten würde der Vorstand selbstverständlich die Vorlage des Gutachtens zur Ausbildung abwarten, so wie es der letzte DPT beschlossen habe. In der nachfolgenden intensiven Diskussion wurde an den „F-Diagnosen-Konsens“ erinnert (Keine Weiterbildungsbezeichnung für die Behandlung einer Störung im F-Bereich, in dem PP/KJP bereits kompetent sind); Qualitätsmanagement wurde der Status eines psychotherapeutischen Tätigkeitsfeldes abgesprochen, und es wurde daran erinnert, dass die Einbeziehung von Onkologie und Traumatologie gegen die Präambel der Musterweiterbildungsordnung verstoßen würde. Auch wurde gefragt, wieso man sich nicht vor weiteren Neuerungen erst einmal über die Erfahrungen mit der Weiterbildung in klinischer Neuropsychologie berichten lassen wolle, wenn doch erklärtermaßen wegen des Gutachtens kein Zeitdruck bestehe? Herr Richter wandte hierauf u. a. ein, man müsse einfach die Realität akzeptieren und nicht verschlafen, Fortbildungsangebote zu Traumata und ähnlichem boomten seit Jahren.
Da es seit längerem zu diesem Themenkomplex zwei gegensätzliche Meinungsströme in den Kammern gibt, verfehlte auch dieses Mal Rainer Richters sanfter Überzeugungsdruck seine Wirkung nicht. Den von ihm mit der Spezialkommission geschaffenen Tatsachen stellte die Delegiertenversammlung ebenfalls Tatsachen gegenüber: Sie stimmte der Einrichtung einer nennen wir sie „neuerlichen Grundsatzkommission“ zu. Diese soll wiederum die kontroversen Positionen zur Weiterbildung reflektieren. Die Bewahrer des Generalismus und die Wegbereiter der Spezialisierung blieben also weiter unvereint. Den meisten DiskutantInnen dürfte gemein gewesen sein, dass sie ihre Approbation nach den Übergangsregeln des Psychotherapeutengesetzes erwarben und weder die aktuelle vollumfängliche Ausbildung genossen, noch die Breite der staatlichen Wissensprüfung am eignen Leib erleben durften. Es scheint, als fürchteten die einen den schleichenden Verlust der Kernkompetenz und des Markenzeichens, die anderen eine Abkoppelung der Weiterentwicklungen des Faches und seines Marktes.

Wir möchten mit dem Wunsch schließen, dass eine Synthese entstünde, die beide scheinbar gegensätzlichen Interessen inhaltlich vereinen könnte. Im Grunde spürt doch jede/jeder von uns hierzu zwei Seelen in seiner Brust: Das Erreichte wird mit einer vorsichtigen Öffnung noch am ehesten zu bewahren sein. Vielleicht fällt unserem sympathischen Präsidenten ja ein weiterer Entwicklungsweg ein, der den von uns in der Psychotherapie tagtäglich angebotenen Problemlösungswegen ähneln dürfte.

Jürgen Friedrich, Rostock


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