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Keine Lobby für Forensik und Rechtspsychologie

In Berlin soll die einzige Professur für Rechtspsychologie abgeschafft werden. Dies hätte verheerende Folgen für die Strafjustiz angesichts des stetigen Wachsens der Bedeutung forensischer Glaubhaftigkeitsgutachten, die Rechtspsychologen erstellen.


Die Wochenzeitung „Die Zeit“ berichtet in ihrer Ausgabe vom 4.12.2008 über Entwicklungen, die Anlass zur Sorge geben. In Berlin soll die einzige Professur für Rechtspsychologie abgeschafft werden. Dies hätte verheerende Folgen für die Strafjustiz angesichts des stetigen Wachsens der Bedeutung forensischer Glaubhaftigkeitsgutachten, die Rechtspsychologen erstellen.

Laut Zeit-Bericht steht nun die Professur von Prof. Max Steller (Wissenschaftler am Institut für Forensik der Berliner Charité und einziger deutscher Professor für Rechtspsychologie) auf der Einsparungsliste. Steller gelte bei den Gerichten in Fragen der Aussage- und Glaubhaftigkeitspsychologie als kompetentester Fachmann im Land. 1999 beriet er als Sachverständiger den Bundesgerichtshof bei der Entwicklung von Standards für Glaubhaftigkeitsgutachten, die den Instanzgerichten helfen sollen, gute von schlechten Gutachten zu unterscheiden. Mit seiner Pensionierung soll die Stelle Ende März 2009 ersatzlos gestrichen werden. Das Berliner Uniklinikum Charité stellte keine Gelder mehr für die Professur zur Verfügung. Auch die Freie Universität Berlin habe sich bislang nicht bereit erklärt, die Verantwortung für diese Wissenschaft zu übernehmen.

Die Bedeutung der Rechtspsychologie für die Rechtssicherheit im Land ist zweifellos groß, geht diese Disziplin der Frage nach, ob Aussagen vor Gericht (sowohl von Tätern als auch von Opfern) glaubhaft sind oder nicht. Sie hat damit wesentlichen Anteil bei der Klärung der Schuldfrage im Strafprozess und stellt eine im Rechtsstaat unverzichtbare wissenschaftliche Instanz dar. „In ihren Expertisen für die Strafjustiz decken die Sachverständigen immer wieder Falschaussagen auf und verhindern so, dass Unschuldige verurteilt werden, ebenso verhelfen sie tatsächlich Geschädigten zu ihrem Recht. Auf die Unterstützung von Aussagepsychologen sind vor allem jene Verbrechensopfer angewiesen, die selber hilflos sind: Kinder, die missbraucht wurden; minderbegabte Frauen, die vergewaltigt wurden; psychisch Kranke, die einem Verbrechen zum Opfer fielen, deren Berichte aber zunächst als Fantasiegespinste abgetan wurden,“ erläutert der o. g. Zeit-Artikel.

Ähnlich besorgniserregende Hinweise liegen uns auch aus Baden-Württemberg vor. Hier sollen (analog auf ärztlicher Seite) die beiden Lehrstühle für Forensische Psychiatrie von Prof. Foerster, Tübingen, in 2009 und in wenigen Jahren der Lehrstuhl von Prof. Pfäfflin (Ulm), nicht wieder besetzt werden.

Kerstin Burgdorf


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