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„Das ist wie beim Diabetiker …“ [1]


Den dummen Spruch „Das ist wie beim Diabetiker!“ habe ich mir in zwanzig Jahren Psychoseerfahrung allzu oft anhören müssen. Manchmal hatte ich das Thema Medikamente gar nicht angerührt, da fühlten sich Mitarbeitende bemüßigt, mir zu sagen: „Das ist bei Ihnen wie bei Diabetikern. Die müssen auch dauerhaft ihr Insulin oder ihre Tabletten nehmen, um ein normales Leben zu führen.“ Ohne genauere Kenntnis von Diabetes mellitus dachte ich mir immer schon, dass das wahrscheinlich ein sehr krummer Vergleich sei. So ist die Zuckerkrankheit meines Wissens keine sozial stigmatisierte und tabuisierte Erkrankung. Auch über die Einnahme von Insulin oder Diabetes-Medikamenten habe ich noch nichts Abfälliges gehört, wohl aber über Psychopharmaka-Einnahme. Und wie es wohl mit den Nebenwirkungen stand?

Nun, inzwischen bin ich schlauer, denn seit einiger Zeit bin ich selbst Diabetes-Patientin. Erst lief alles so schludrig, wie es auch in der Psychiatrie hätte laufen können. Ich ließ ein Blutbild machen, mein Hausarzt war entsetzt über meine Werte, drückte mir zwei Pillenschachteln in die Hand: „Nehmen Sie davon mal eine je morgens und abends, und kommen Sie in ein paar Wochen wieder.“ Als die Werte nicht besser wurden, zog er die Stirne kraus, schüttelte besorgt den Kopf und drückte mir noch mehr Pillen in die Hand. Keine offizielle Diagnose, keine Erklärung über das Wesen der Erkrankung, über Ernährung, nichts dergleichen. Dann aber schaltete sich eines Tages meine Krankenkasse ein. Sie hätte da so ein schönes Programm für Diabetiker - so erfuhr ich dann erstmals die Diagnose. Man schickte mir auch gleich dazu eine bunte, dicke Broschüre mit Ratschlägen. Als ich zuerst nicht reagierte, kamen weitere Schreiben der Kasse sowie auch Anrufe: Wenn ich an diesem Programm teilnähme, bekäme ich die beste, schönste, modernste überhaupt denkbare Versorgung, außerdem Geld noch dazu - ich war ganz perplex. Bei meinen Psychosen hat sich die Kasse nie groß um mich gekümmert, hat zähneknirschend gezahlt, weiter kein Interesse an mir gezeigt. Wegen der Psychosen kann ich auch ihre Zusatzversicherung nicht in Anspruch nehmen … Nun, im Falle des Diabetes, ließ ich mich herumkriegen, auch mein Hausarzt war plötzlich engagiert und begeistert (vermutlich erhält er für meine Programmteilnahme einen Bonus), und jetzt werde ich wirklich von oben bis unten und von vorne bis hinten als Diabetes-Patientin betreut. Unter anderem bin ich bei einem Facharzt gelandet, der sich eine Dreiviertelstunde Zeit nahm, mir die Wirkungsweise der Medikamente zu erklären. In der Psychiatrie hat sich nie jemand auch nur ansatzweise diese Mühe gemacht, und die Sache mit der Dopaminthese hat uns mal ein Mitglied der Selbsthilfegruppe erklärt.

Übrigens: Als ich in dieser Facharztpraxis ankam, stellte man mir sofort - sollte es gelingen, meine Werte zu normalisieren – eine Medikamentenreduktion in Aussicht. Natürlich ist auch überall ganz offen von denjenigen Diabetikern die Rede, die weder Tabletten noch Insulin benötigen. Die Patientenschulung heißt auch „Schulung“ und nicht „Edukation“, obwohl die Dame, die sie durchführt, durchaus massiv erzieherische Absichten hat. Aus der Facharztpraxis bekam ich eine weitere Broschüre, in der alles erklärt wird: Was Diabetes ist, was man tun kann, welche Medikamente es gibt und wie sie wirken - ja, auch die Risiken der Medikamente, es ist sogar von vorgekommenen Todesfällen die Rede. Nicht gerade prickelnd, aber wenigstens ehrlich. Habe ich von einem der vielen Psychiaterinnen und Psychiater, die ich inzwischen verschlissen habe, mal eine Broschüre oder eine Literaturempfehlung bekommen? Fehlanzeige! Auch werde ich auf Kosten der Kasse zu einer Diabetes-Messe eingeladen …

Übrigens habe ich inzwischen auch Diabetiker kennen gelernt, die die Tabletten nicht vertrugen. Und solche, die sich an alle Regeln nicht gehalten haben. Jedenfalls, nachdem ich dieses wohl erschlossene und hoch entwickelte Gebiet der Medizin betreten habe, kommt mir die Psychiatrie plötzlich ziemlich steinzeitlich vor. Na ja, werden Sie sagen, Diabetes ist ja auch ganz was  anderes als eine schizophrene Psychose. Bei Ersterem kann man ganz viele Werte messen, Blutzucker, Langzeitzucker, Harnzucker, Gewicht, es verfärben sich Teststreifen, Messgeräte zeigen etwas an, und den Erfolg der Behandlung bzw. der eigenen Bemühungen kann man dann wieder an diesen Zahlen ablesen. Das geht bei Psychosen nicht so. Ich habe auch starke Zweifel, ob solch ein enges und durchmodularisiertes Behandlungskorsett für Menschen mit Psychosen überhaupt das Richtige wäre. Sie haben recht mit Ihren Einwänden. Diabetes ist eine Stoffwechselstörung. Eine Psychose ist sehr viel mehr als das. Deshalb kann man die beiden ja auch nicht miteinander vergleichen.

Mariane Salz


[1] Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Autorin und der Zeitschrift "soziale psychiatrie", Ausgabe 4, Oktober 2008.


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