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Psychotherapie für Psychiater wieder attraktiv

Bericht vom DGPPN Kongress 2008


Mit dem Besucherrekord von über 7.000 TeilnehmerInnen und mehr als 500 Veranstaltungen fand der Jahreskongress 2008 der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) Ende November im Berliner Internationalen Kongresszentrum statt. Für Psychotherapeuten war die Veranstaltung eine Bestätigung ihres Tuns: Im Eröffnungsvortrag referierte Professor Schnyder aus Zürich über die Zukunft der Psychotherapie. Und diese sei aus seiner Sicht rosig. Natürlich wurde auch lebhaft diskutiert, wer in Zukunft Psychotherapie durchführen sollte. Auf einem Psychiaterkongress liegt die Antwort auf der Hand. So zeigte sich in der Diskussion zum Forschungsgutachten zur Psychotherapieausbildung, wie bemüht die Psychiater sind, ihre Position auf dem Feld der Psychotherapie zu stärken.

Die Pharmaindustrie präsentierte sich auch im Zeichen der Wirtschaftskrise mit einer bunten und weitläufigen „Pharmameile“. Anders als in den vergangenen Jahren wurde der Umgang mit dieser Branche jedoch öffentlich diskutiert. Möglicherweise war dies eine Reaktion auf das laufende Verfahren gegen den international renommierten Psychiater Nemeroff aus Atlanta, USA. Dieser muss sich aufgrund nicht offen gelegter Pharmagelder gegenüber einem Ausschuss des amerikanischen Senats verantworten und zog daher seine Kongressteilnahme zurück.

Ansonsten war das Kongressprogramm gewohnt überreichhaltig gefüllt mit diversen Symposien, Plenarvorträgen, Workshops, Pro-Contra-Debatten, Trialogischen Foren und einem Schülerkongress.

Der Kongress stand unter dem Leitthema „Die Psychiatrie als therapeutische Disziplin“. Dass dies vor allem auch Psychotherapie impliziert, zeigte sich bereits in der Auswahl des Eröffnungsvortrages. Prof. Schnyder von der Universität Zürich und Präsident der „International Federation of Psychotherapy“ referierte über „Die Zukunft der Psychotherapie“. Diese ist seiner Ansicht nach positiv. Er verwies auf die vorhandenen, mittlerweile zahlreichen Wirksamkeitsstudien und betonte, Psychotherapie brauche nicht den Vergleich mit medizinischen Therapieansätzen zu scheuen. Im Gegenteil, insbesondere im Langzeitverlauf sei die Psychotherapie bei den meisten psychischen Störungen der Pharmakotherapie sogar überlegen. Für die Zukunft forderte er neben der „evidence-based psychotherapy“ auch die Weiterentwicklung neuer, kreativer Ansätze, deren empirische Fundierung zunächst noch nicht gegeben sei. Nur so entwickle sich die Psychotherapie weiter. Auch betonte er, dass die zahlreichen gut evaluierten Verfahren in der Fläche der Versorgung nicht ausreichend angewandt würden. Insofern scheint das Leitthema der nächsten DGVT-Workshoptagung „Standards in der VT“ gut gewählt. Hinsichtlich der Weiterentwicklung auf dem Gesundheitsmarkt sieht er eine Reduzierung der Vielzahl an Leistungserbringern (u.a. Facharzt für Psychiatrie, Facharzt für psychotherapeutische Medizin, Psychosomatik, Psychologische Psychotherapeuten) für geboten.

Insgesamt entstand der Eindruck, dass die Psychiater nach jahrelanger biologischer Perspektive und Hoffnung auf erfolgreiche biologische Behandlung jetzt die Psychotherapie wieder für sich entdecken. Damit verbunden ist natürlich die Rückgewinnung bzw. Erweiterung des Territoriums. Dies wurde unter anderem in Diskussionsforen deutlich, die sich um die weitere Ausbildung von PsychotherapeutInnen kümmerten. Aus Sicht der DGPPN sollte das Psychiatriejahr fortbestehen, eine Verordnung von Medikamenten und Entscheidungen über Zwangseinweisungen sollte den Medizinern vorbehalten bleiben. Das „Titelwirrwarr“ sollte reduziert werden.

Eine Fülle weiterer Symposien und Veranstaltungen befassten sich mit psychotherapeutischen Inhalten. Immer mehr zeigte sich dabei, dass Psychotherapeuten und biologisch orientierte Psychiater auf dem Gebiet der Wirksamkeitsforschung von Psychotherapie sehr gut zusammenarbeiten. Symposien zur Wirkungsweise von Expositionsbehandlungen oder auch Veranstaltungen zu den Fragen, inwieweit die Neurobiologie einen Beitrag zum Verständnis der Wirkung von Psychotherapieeffekten leistet, charakterisieren diesen Trend.

Unter den zahlreichen Preisen, die auf dem Kongress vergeben wurden, war auch ein Psychotherapiepreis: diesen, von der Stiftung Seelische Gesundheit vergebenen Preis, erhielt Professor Hautzinger aus Tübingen für seine hervorragenden Leistungen in grundlagenbezogener und klinischer Psychotherapieforschung.

“Wie korrupt ist die Psychiatrie?“ – so der Titel eines eingereichten Symposiumsvorschlags für den diesjährigen DGPPN-Kongress. Der Wissenschaftliche Beirat erachtete diesen Beitrag für so relevant, dass anstelle des Symposiums eine Podiumsdiskussion initiiert wurde. Bei diesen Planungen wussten die Organisatoren noch nicht, dass ein hochkarätiger Gast aus den USA aufgrund von Ermittlungen wegen zu enger Verbindungen mit der Pharmaindustrie dem Kongress fern blieb. Gegen Charles B. Nemeroff laufen derzeit Ermittlungen, da er in den vergangenen 7 Jahren angeblich 1,2 Millionen Dollar an Pharmageldern verdiente, die er gegenüber seiner Universität verschwiegen habe – aber hätte offen legen müssen.

Die Diskussion war interessant: Zeigte sich die enge Kooperation im Bereich der Forschung für unausweichlich und schlug der vertretene Medizinethiker Herr Fuchs aus Bonn dabei vor, die Regeln guter wissenschaftlicher Forschung als Maßstab anzulegen, so war die Notwendigkeit einer Kooperation mit der Pharmaindustrie auf dem Feld der Aus- und Weiterbildung weniger ersichtlich. Von Seiten der DGPPN ließ sich nicht erkennen, dass man anstrebt, davon abzurücken. Es zeigten sich aber auch andere Tendenzen. So fließen in der Mainzer Universitätspsychiatrie alle Pharmagelder in einen Ausbildungstopf, aus dem heraus von der Klinikleitung dann die Fortbildungen organisiert werden. Fazit der Diskussion: Die DGPPN wird sich in nächster Zeit weiter mit der Thematik auseinander setzen und eine deutliche Position beziehen müssen.

Neben diesen zentralen Themen gab es – wie immer – eine unüberschaubare Fülle von Veranstaltungen aus den verschiedensten Bereichen der Psychiatrie. Mit dem Kongress endete die Präsidentschaft von Professor Gaebel als DGPPN-Präsident, ihm folgt Professor Schneider aus Aachen.

Die DGVT war unter dem Dach des „Aktionsbündnis für Seelische Gesundheit“ mit einem eigenen Stand vertreten, der sehr rege besucht wurde.

Daniel Köhn, Köln


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