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Programm zur Verbesserung der psychotherapeutischen Versorgung in Großbritannien


Menschen mit psychischen Erkrankungen haben in Großbritannien zukünftig bessere Chancen, einen Psychotherapeuten oder eine Psychotherapeutin zu finden, welche(r) den Auftrag hat, sie im Rahmen einer Art (Ultra-)Kurzzeitpsychotherapie zu behandeln. Um die effektive Behandlung zu gewährleisten, soll ein Vorgehen streng nach Leitlinien eines Nationalen Qualitätsinstitutes implementiert werden.

„Improving Access to Psychological Therapies, IAPT“ so der Name des Programms, das seit 2006 besteht und in der Phase 2008 – 2011 mit 173 Millionen Englischen Pfund (umgerechnet ca. 248 Millionen Euro) gefördert wird. Das Programm verfolgt das Ziel, Menschen mit psychischen Störungen, vorwiegend Angsterkrankungen und Depressionen, den Zugang zu Psychotherapie zu erleichtern. In Großbritannien ist die Gesundheitsversorgung die Aufgabe des NHS (National Health Service), der dem Gesundheitsministerium (British Departement of Health) untersteht. Leistungserbringer (Psychologen, Psychiater, auch geschulte Krankenschwerstern, Pfleger) sind beim NHS angestellt und praktizieren ambulante Psychotherapie in Kliniken des NHS, nach vorheriger Überweisung des Hausarztes (General Practitioner, GP). Längere Wartezeiten auf einen Therapieplatz und längere Arbeitsausfallzeiten sind die Folge. Die britische Gesundheitspolitik hat erkannt, dass die Kosten für die Gesellschaft höher sind, als die Investitionen in eine psychotherapeutische Behandlung, die sie nun seit 2006 bereitstellt.

Psychotherapie im Rahmen des IAPT-Programms erfolgt nach Leitlinien des „National Institute for Health and Clinical Excellence“ (NICE). Je nach Diagnose erhält der Patient eine mehr oder weniger „intensive“ Behandlung, was die Auswahl des Behandlers und die Festlegung der Therapielaufzeit zur Folge hat. Durch das Programm wird nun von den Fachverbänden, u.a. der (British Association for Behavioural and Cognitive Psychotherapy, BABCP) mehr Personal ausgebildet und nach vergleichsweise kurzer Trainingszeit eingestellt. Für „leichte Störungen“ (low intensity service) werden u.a. „geführte Selbsthilfe“ und Psychoedukation empfohlen. Die kognitive Verhaltenstherapie (cognitive behavioural therapy, CBT) wird bei nahezu allen Störungen bis hin zu schweren Depressionen indiziert. Um schwere Störungen behandeln zu können, wird neben der psychotherapeutischen Ausbildung einschlägige Berufserfahrung verlangt.

In der Zeitschrift Verhaltenstherapie weist Prof. Winfried Rief, Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Marburg[1], auf das Programm hin und bewertet die Übertragbarkeit der gesundheitspolitischen Maßnahmen auf Deutschland positiv. Laut Rief habe das Ministerium insgesamt 450 Millionen Euro in Psychotherapie investiert. Die Wartezeiten in Großbritannien seien zwar länger als in Deutschland, aber eine Unterversorgung mit effizienten, wissenschaftlichen Verfahren sei bei uns dennoch gegeben. Aus gesundheitsökonomischer Sicht seien Therapieverfahren im Umfang von 5-15 Stunden zu nennen, die in wissenschaftlichen Untersuchungen oft besonders gut abschneiden.

Großbritannien: Standardisiertes Vorgehen in der Psychotherapie stößt auf Kritik

Laut der Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie (GwG) bewerten humanistische und psychoanalytisch ausgerichtete KollegInnen eine zunehmende Standardisierung durch Leitlinien in Großbritannien negativ. Am 30.01.2009 ruft die GwG auf ihrer Homepage deshalb zur Unterstützung der PsychotherapeutInnen in Großbritannien auf. Im Zusammenhang mit den Bestrebungen des britischen Gesetzgebers, die Ausübung von Psychotherapie an nationale Standards anzupassen, die von dem Health Professions Council (HPC) bzw. dessen Partner Skills for Health (SfH) entwickelt werden sollen, erleben Psychotherapeuten einen zu starken Eingriff in ihre Berufsausübung. Ein standardisiertes Vorgehen würde den Menschen mit ihrer individuellen Lebensgeschichte und ihrem subjektiven Erleben nicht gerecht werden. An die Stelle einer am Individuum ausgerichteten Behandlung würde ein standardisiertes Verfahren treten, das das Vorgehen des Psychotherapeuten vorschreiben würde, so die veröffentlichte Resolution zur Unterstützung des Presseaufrufs britischer PsychoanalytikerInnen und PsychotherapeutInnen zur Situation von Psychotherapie und Psychoanalyse in Großbritannien der Freud-Lacan-Gruppe Köln.

Katja Kühlmeyer

 

Weitere Informationen:

National Institute for Health and Clinical Excellence (NICE): www.iapt.nhs.uk/services

Improving Access to Psychological Therapies (IAPT): www.iapt.nhs.uk

Resolution und Stellungnahme des GWG: www.gwg-ev.org/cms/cms.php

Health Professional Council (HPC): www.hpc-uk.org

Skills for Health (SfH): www.skillsforhealth.org.uk

 


[1]  Rief, W. (2008) 450 Millionen Euro Sondermittel für Verhaltenstherapie – Ist die britische Initiative für psychisch Kranke ein Modell für Deutschland? Verhaltenstherapie,18, 212-213.


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