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RWI-Studie sieht Einsparreserven im Gesundheitswesen


Die gesetzlichen Krankenkassen könnten 5,6 – 9,8 Mrd. EUR einsparen, so das Ergebnis einer Studie, die die arbeitgebernahe Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) am 8. Januar 2009 vorgelegt hat und die in der Presse oft zitiert wurde. Durchgeführt wurde die Studie vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung und dem Lehrstuhl für Gesundheitsökonomie der Universität Duisburg-Essen. Die Studie basiert auf öffentlich zugängliche Daten des Statistischen Bundesamtes, des Bundesministerium für Gesundheit, des AOK-Bundesverbandes, des GKV-Arzneimittel-Schnellinformationssystems und der Kassen-ärztlichen Vereinigungen für die Jahre 2005 – 2007. Die Studie vergleicht Ausgaben für medizinische Leistungen in allen Bundesländern und stellt dabei erhebliche Unterschiede fest. So wird die Leistung von ÄrztInnen in Hamburg um 42 % höher vergütet als in Niedersachsen. Durch eine Reduktion des Punktwertes in der Ärztevergütung könnte das Bundesland Hamburg dementsprechend die Ausgaben pro GKV-Versicherten von heute 362 EUR um mindestens 56 EUR senken. Große Unterschiede wurden auch hinsichtlich der Anzahl der Arztbesuche und der verschriebenen Leistungen festgestellt. Bayern könnte diesbezüglich 14 % einsparen, wenn es den Umfang vertragsärztlicher Leistungen auf den Bundesdurchschnitt reduzieren würde, heißt es in der Auswertung.


Der Schwerpunkt der Studie liegt im Krankenhausbereich. Auch dort gibt es erhebliche Unterschiede, z. B. werden von den Krankenkassen bei der Behandlung einer akuten Blinddarm-Entzündung in einem Krankenhaus in Rheinland-Pfalz 10 % mehr erstattet als in Schleswig-Holstein. Auch hinsichtlich der Krankenhausaufenthalte unterschieden sich die Bundesländer – beispielsweise verzeichnet das Saarland 13 % häufiger Krankenhausaufenthalte, als der Bundesdurchschnitt. Krankheitsrisiken wie Alter und Geschlecht, die in den Bundesländern unterschiedlich verteilt sind, seien für diese Unterschiede nicht verantwortlich. Sie seien bei dem Vergleich der Effizienzreserven berücksichtigt worden. Im Bereich der Arzneimittel gab es 2007 Ausgaben pro Kopf in Höhe von 346 EUR in Bayern und 462 in Mecklenburg-Vorpommern. Auch unter Berücksichtigung der Altersbereinigung erscheint es den Autoren unwahrscheinlich, dass diese Unterschiede alleine durch Morbiditätsunterschiede erklärt werden können. Die brachliegenden Effizienzreserven seien Folge des mangelnden Wettbewerbs im Verhältnis der Krankenkassen zu den Leistungserbringern. Dies führe u. a. zu überhöhten Preisen und zu hohen Fallzahlen bei Leistungen der Krankenhäuser und Arztpraxen, zu Überkapazitäten bei den Krankenhäusern und zu überzogenen Mengen bei Arzneimitteln. Die drei untersuchten Sektoren machten zusammen 72 % der Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung aus.


Die Verfasser der Studie fordern u. a.:

-           die duale durch eine monistische Krankenhausfinanzierung zu ersetzen

-           die Möglichkeiten der Krankenkassen zu erweitern, unabhängig von
            KVen Verträge mit ambulant tätigen ÄrztInnen zu schließen

-           ein integriertes Vergütungssystem für den ambulanten und stationären
            Sektor zu entwickeln

-           die fixen bzw. vorgeschriebenen Großhandels- und Apothekenzuschläge
            durch wettbewerbliche Vereinbarungen mit den Krankenkassen zu
            ersetzen.


Die Kritik an der Studie ließ nicht lange auf sich warten. Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund (MB) bezeichnete die Studie als höchst fragwürdig und als Gesundheitspolitik auf Stammtischniveau, ohne die Konsequenzen zu bedenken. Die schlechtesten Vergütungen und die dünnste Versorgung werden hier zum Standard erhoben. Regionale Unterschiede würden unmittelbar als Effizienzreserve gewertet. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft ließ verlauten, dass bei 60 % Personalkosten jede Milliarde weniger für die Kliniken den Entzug von Mitteln zur Finanzierung von ca. 15 000 Arbeitsplätzen bedeuten würde. Bei der Streichung von 4 Mrd. EUR für die Krankenhäuser würden damit ca. 60 000 Arbeitsplätze verloren gehen und dies in Zeiten, in denen sich alle darauf konzentrieren sollten Arbeitsplätze zu sichern.

Waltraud Deubert


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