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Das monetäre Arztgeheimnis [1] - Oder die Sache mit dem Döner


"Wollen Sie für eine Curry und einen Döner behandelt werden?", fragte der MEDI-Verbund im Berliner U-Bahn-Fernsehen. Die Antwort wird gleich mitgeliefert: "Viele Ärzte in Berlin müssen das."

In Baden-Württemberg geht es den Ärzten nach eigener Einschätzung wirtschaftlich auch nicht viel besser. Hier wird der hilfesuchende Patient im Wartezimmer mit einem Faxaufruf konfrontiert, den er zur Unterstützung seines Arztes doch bitte an Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt und die Sozialministerin des Landes Baden-Württemberg, Monika Stolz, richten möge. Zum Kreis der Adressaten dieser Demarche gehören auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Professor Karl Lauterbach sowie die Fernsehjournalisten Anne Will und Frank Plasberg.

Der Patient soll in diesem Faxaufruf seine Sorge um die Zukunft der Hausarzt- und Facharztpraxen und um seine wohnortnahe ärztliche Versorgung bekunden. Als kleine Handreichung wird auch schon gleich eine Formulierung mitgeliefert, mit der der Patient den Adressaten die finanzielle Not seines Arztes erklären soll:

"Die niedergelassenen Ärzte machen seit Jahren darauf aufmerksam, dass sie ihre Praxen mit den Einnahmen, die sie von den gesetzlichen Krankenkassen für die Behandlung eines Patienten erhalten, nicht mehr finanzieren können. Ich gebe zu, dass ich es kaum glauben kann, dass meine Ärzte, je nach Fachgruppe, im Vierteljahr gerade einmal 12 bis 14 Euro für ihre Arbeit bekommen, egal, wie oft ich im Quartal da war. Wenn man sich vorstellt, dass mein Arzt davon sein Praxisteam, die Miete für die Räume und Geräte auch noch bezahlen muss, macht man sich so seine Gedanken und sagt sich, dass es so nicht gehen kann."

Der Faxaufruf endet mit der Versicherung des Patienten, er unterstütze seine Ärzte und solidarisiere sich ausdrücklich mit ihren Forderungen, dass ihre Arbeit leistungsgerecht vergütet werden muss.

Es ist noch nicht abzusehen, welche Gedanken sich die Patienten bei dem Studium dieser Formulierung machen. Möglicherweise beschleicht sie der Gedanke, dass die Wiederherstellung ihrer Gesundheit das entscheidende Motiv für die Inanspruchnahme ärztlicher Hilfe gewesen ist und sie eigentlich nicht mit der Kassenlage der Ärzte im allgemeinen und ihres Hausarztes im besonderen konfrontiert werden wollen. Der eine oder andere Patient wird aber wohl auch zur Sicherung des Vertrauensverhältnisses mit seinem Arzt das Fax wunschgemäß verschicken.

Von einem anderen Kaliber sind Einzelaktionen von Ärzten, die eindeutig zu Lasten der Patienten gehen und sich fernab vom Berufs- und Vertragsrecht der Ärzte bewegen. So schreibt ein Gynäkologe an seine Patientinnen, seit dem 1. Januar müsse er bei der Behandlung mit einer Summe von 15,96 Euro auskommen, für alle Leistungen außerhalb von Vorsorgeuntersuchungen. Der Arzt und sein Praxisteam bitten um Verständnis:

  • Ultraschalluntersuchungen können während eines Besuchs nur in Akutfällen durchgeführt werden.
  • Erforderliche Kontrollen von Veränderungen an der Gebärmutter, Eierstöcken oder Brust können in einer Sitzung nur als Selbstzahlerleistungen oder nur im darauffolgenden Quartal durchgeführt werden.
  •  Ultraschalluntersuchungen bei Kinderwunschbehandlung, Elektrostimulation des Beckenbodens und kleine operative Leistungen können in Zukunft nur als Selbstzahlerleistungen erbracht werden.

Die Aktionen in Berlin und Baden-Württemberg, aber auch die für die SPD einigermaßen unangenehme Kampagne in den Wartezimmern "Aktion 15 Prozent" haben einen Krieg der Zahlen ausgelöst, der womöglich dazu führt, das "monetäre Arztgeheimnis" weiter zu lüften.

Das BMG hat ein umfangreiches Argumentationspapier entwickelt, mit dem die tatsächliche finanzielle Situation der Ärzte beleuchtet werden soll. Ist die finanzielle Lage der Ärzte womöglich besser als ihre Situation und die gegen­über den Patienten kommunizierten Zahlen? Mit der "Döner-Währung" in der Berliner U-Bahn und den in der Öffentlichkeit genannten Zahlen zur GKV-Vergütung sind die hier ausgewiesenen Zahlen zu den Umsätzen der einzelnen Fachgruppen aus der GKV-Abrechnung respektive aus der ärztlichen Tätigkeit inklusive Privatbehandlungen nur sehr schwer in Einklang zu bringen.

Durchschnittlicher Überschuss je Arzt aus der Leistungsabrechnung

Arztgruppe

GKV-Über­schuss
je Arzt

im Bund in Euro

GeschätzterÜberschuss inkl. Privateinnahmen

alte Bundesländer in Euro

Geschätzter Überschuss inkl.
Privateinnahmen

neue Bundesländer in Euro

Ost im Verhältnis zu West in Prozent

Fachärztliche Internisten

174.860

225.450

205.530

91,2

Radiologen

113.019

142.347

131.437

92,3

Augenärzte

99.823

141.498

96.890

68,5

Orthopäden

93.065

128.301

88.500

69,0

Kinderärzte

89.654

112.874

84.029

74,4

Urologen

84.533

112.646

96.957

86,1

Frauenärzte

84.444

110.298

88.705

80,4

Allgemeinärzte

84.332

100.901

88.990

88,2

Hausärztliche Internisten

83.715

108.292

96.766

89,4

HNO-Ärzte

77.971

110.620

74.145

67,0

Chirurgen

72.678

109.992

97.880

89,0

Hautärzte

66.880

93.355

70.078

75,1

Hausärzte

85.609

102.361

90.684

88,6

Fachärzte

94.564

117.194

107.459

91,7

(ohne nicht-ärztliche Psychotherapeuten)

 Quelle: Bundesministerium für Gesundheit

Erläuterung des BMG: Die genannten GKV-Überschüsse wurden berechnet vom durchschnittlichen Umsatz mit der GKV unter Abzug der durchschnittlichen Betriebsausgaben des Arztes, d.h. ohne Einnahmen aus privatärztlicher Tätigkeit. Die Ermittlung der Betriebsausgaben erfolgte jeweils mit den Anteilen der Betriebsausgaben am Gesamtumsatz lt. Bericht des Bewertungsausschusses 2007 bzw. Berechnungen der KBV vom Dezember 2008.

[1] Quelle: Gesundheitspolitischer Informationsdienst (gid) 14. Jg. Ausgabe 12; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


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