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Honorare und Gesundheitskosten

Beim Geld hört bekanntlich die Freundschaft auf und wenn es um das Einkommen geht, gilt vielleicht doch jener Satz, der Winston Churchill zugeschrieben wird: „Trau' keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast!“


Zudem erscheint die Statistik für die sozialen und wirtschaftlichen "Tatsachen" unumgänglich immer mit Verzögerung - die Statistik über die Ärz­tehonorare in dieser Republik für das Jahr 2007 weist eine Verspätung von mehr als einem Jahr auf. Derweil hat sich im Jahr 2009 die aktuelle Lage der freien Ärzteschaft- nach Mei­nung von berufspolitischen Akteuren (2) - erneut dramatisch verschlechtert.

Die hinterherhinkende Statistik (3) der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) beziffert für das Jahr 2007 das gesamte Ärztehonorar dieser Republik mit rund 25,9 Mrd. €, die zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen ausgezahlt wurden. Doch bereits hier differieren die Angaben der KBV. Die zitierte Zahl steht in einer Übersichtstabelle (4) und weicht um lo­ckere 2,8 Mrd. € von jenen 23,1 Mrd. € ab, die in einer anderen Übersicht (5) genannt werden. Unklar bleibt, woher der Unterschied rührt. Gut, seit der Bankenkrise haben wir uns daran gewöhnt, Milliardenbeträge nur noch mit einem Ohr zu hören. Macht nichts, denn auch über die Privathonorare schweigt die offizielle Statistik. Aus der ersten der beiden Zahlen ergibt sich ein Durchschnittshonorar von 190.893 €, verteilt auf 135.683 Ärzte bzw. Praxen. Der Unterschied zwischen den neuen und den alten Bundesländern beträgt rund 9.000.- € zugunsten der neuen Länder. Der KBV indes scheint eine kleinere Zahl am Herzen zu liegen - 173.385 € - sie sagt aber nicht, woraus diese errechnet wurde. Leider enthält der von mir be­rechnete Durchschnitt einen 'Schönheitsfehler', der optisch in den Grafiken der Honorarklas­senstatistiken für die Gebietsärzte zu erkennen ist. Darin tauchen nämlich die Psychothera­peuten (6) und KiJu-Psychotherapeuten (7) noch nicht für das Jahr 2004 (8) auf, sie kommen erst ab der Grafik für 2005 vor und anschließend auch in der für das Jahr 2007 (9). Die beiden Gruppen zusammen stellten 15.679 abrechnende Behandler, die bei einem Durchschnittsho­norar von 64.300 € rund 1,008 Mrd. € erhielten. Etwas mehr ergibt sich, wenn man eine an­dere Angabe der KBV nimmt – 5 % von 23,1 Mrd. € - nämlich 1,16 Mrd. €. Rechnet man die zuerst genannte Größe aus dem Honorartopf heraus, ergibt sich für 2007 ein durchschnittli­ches Arzthonorar von 207.500 € - einschließlich der ärztlichen Psychotherapeuten, die von je­her in die Durchschnittsberechnungen der KBV einbezogen wurden. In der Übersichtstabelle werden die Psychotherapeuten ab 1999 mitgeführt. Um eine stimmige Vergleichsbasis für die Entwicklung der Ärztehonorare zu erhalten, müsste man alle Angaben darin bis einschließlich derer für 1999 auf die genannte Weise korrigieren. Daran liegt der KBV möglicherweise nicht allzu viel, zeichnen ihre Zahlen doch viel deutlicher ein anderes Bild: Demnach ist der Ge­samthonorartopf zwischen 1996 und 2007 von 20,134 Mrd. auf 25,900 Mrd. gewachsen, also um 28,6 %, die Zahl der Ärzte hat indes um 26,7 % zugenommen. Daraus ergibt sich ein durchschnittlicher Honorarzuwachs pro Arzt von lediglich 2.846 €, der außerdem nur bis 2000 oder 2001 stattgefunden haben kann. Danach trat Stagnation ein, was Verdruss in der Ärzteschaft hervorrief. Denn obwohl die Zahl der behandelten Fälle in der ganzen Zeitspanne um 7,23 % gesunken ist, wurde dieser knappe Honorarzuwachs von der Inflation mehr als nur einfach überflügelt! Während die Angestelltengehälter (10) von 1999 = 100 % auf 2007 = 108,5 % gestiegen sind, sind die Ärztehonorare auf 95,6 % gefallen.

Überhaupt haben sich die Psychotherapeuten zahlenmäßig weit nach vorne gedrängt, wie ein Blick auf die fachgruppenbezogene Honorarverteilung (11) verrät. 14,9 % Psychotherapeuten, die sich an ganzen 5,0 % des Honorartopfes laben konnten, nahmen Platz 2 hinter den 40,8 % Hausärzten ein, die ganz vorne stehend, 38,8 % des Gesamthonorars erhielten, während die 4,9 % fachärztlichen Internisten 10,2 % beanspruchten. Die Radiologen, die lediglich 1,2 % ausmachten, bekamen immerhin 2,5 %, was zu einem Durchschnittshonorar von 402.200 € pro Praxis führte. Die sich heuschreckenartig ausbreitenden Psychotherapeuten wurden be­reits für das Jahr 2005 auf Platz 2 nominiert und verdrängten von dort die Internisten. Ein zu­sätzlicher Blick in die Übersichtstabelle verrät folgendes Detail: Zwischen Ende 1998 und Ende 1999 stieg die Zahl der abrechnenden Behandler um 11.537. In dieser Zeitspanne wurde mit der Aufnahme der Psychotherapeuten in den KVen begonnen. Die Gesamthonorarsumme stieg um 1,054 Mrd. €, die sicherlich nicht nur unter den Psychotherapeuten verteilt wurden. Das Honorar pro Kopf oder Praxis konnte nicht allzu üppig sein und ist inzwischen auch nicht stark angeschwollen (12). Betrachtet man die Arztgruppen im Einzelnen, so betrug nach An­gaben der KBV im Jahr 2007 das Durchschnittshonorar der Hausärzte 187.400 €; das der fachärztlichen Internisten hingegen 396.500 €. Ziemlich am Schluss der fachgruppenspezifi­schen Honorarverteilung (13) rangieren die Nervenärzte und Psychiater mit durchschnittlich 134.600 €. Doch das ganz am Ende angehängte Schlusslicht bilden die Psychotherapeuten mit 64.300 €.

Gewiss, die genannten Honorare sind nur Durchschnittswerte, von denen noch die Praxisko­sten (14) abgezogen werden müssen, deren genauere Bezifferung man jedoch vergebens in der von der KBV veröffentlichten Datenmenge sucht. Nimmt man frühere, offizielle Prozent­sätze (15) für die Praxiskosten, beispielsweise 58,8 % für alle Ärzte und 55,0 % für die Haus­ärzte, so errechnet sich das Durchschnittseinkommen (vor Steuer) aller Ärztegruppen (nach der 'Schönheitskorrektur') für das Jahr 2007 zu 86.735.- € und für die Hausärzte zu 84.330 €. Gemeint sind nur Einkommen aus KV-Honoraren - ohne sonstige Einkommensquellen! (16) Melancholisch stimmen die 2.328 €, die dem von der KBV erfundenen, fiktiven Durch­schnittsarzt nach Abzug von Steuern, Versicherungen und berufständischer Altersvorsorge für das monatliche Dasein übrig bleiben - für sich, seine Frau und seine Kinder! Nach meiner groben Schätzung müssten rund 35 % aller Ärzte mit Nettoeinkommen in dieser Größenord­nung leben; weitere 35 % hätten sogar weniger und nur 30 % hätten mehr zur Verfügung. Li­near nach unten gerechnet, sollten demnach die Psychotherapeuten zur Randgruppe derer ge­hören, die nach Abzug der Altervorsorge (so sie diesen Namen verdient) an der Armutsgrenze (17) dahinleben. Wahres Helfertum fragt halt ebenso wenig nach dem schnöden Mammon wie wahres Künstlertum! Sicher ist indes etwas anderes: Wer in diesem Gesundheitssystem ein kräftiges Einkommen erzielen will, muss vorwiegend medizinische Technik und Medika­mente verwenden, nicht aber seine Zeit im Umgang mit kranken Menschen verbringen! Die­ser Umstand spiegelt sich allerdings erst auf den zweiten Blick in der fachgruppenspezifi­schen Honorarverteilung wieder.

Indes fiel die Zahl der Arzneimittelverordnungen (18) um 38 % von 939 Mio. (1996) auf 582 Mio. (2007), jedoch stiegen die Kosten von 17,7 Mrd. auf 24,8 Mrd. d.h. um 40.1 %! Platz eins in der Liste der Umsatz erzeugenden Gruppen (19) nahmen die Hausärzte ein, gefolgt von den Internisten. Auf Platz drei kamen die Nervenärzte. Betrachtet man die Verordnungs­kosten (20) pro Arzt, dreht sich diese Reihenfolge um. Die Pillen, Spritzen und Säfte für das Volk, das mit 70,2 Mio. Versicherten auf 236 Kassen aufgeteilt war (darunter 183 Betriebs­krankenkassen!), erreichten in 2007 insgesamt den Umfang aller Ärztehonorare oder übertra­fen ihn sogar, je nach Tabelle oder Grafik. Man muss daraus folgern, dass das Volk immer kränker wird, trotz besser werdender medizinischer Erkenntnisse! (...). und äh, dass die Pharmaindustrie noch nicht am Hungertuche nagt, obwohl seit 2002 die Arzneimittelpreise jedes Jahr leicht sinken. Ganz oben in der Hitliste der verordneten Medikamente stehen die Mittel für die Schilddrüse, Blutdrucksenker und Schmerzmittel. Dabei ist es sicherlich naiv anzunehmen, dass die Pharmaindustrie nicht an der Gesundheit des Volkes interessiert sei. Denn nur, wenn das Volk halbwegs gesund ist, lebt es länger und natürlich steigt dann mit höherem Alter der Verbrauch an Arzneimitteln (21), der in Abhängigkeit von Alter klar einer Gaußverteilung folgt. So bis Mitte 30 lagen die pro Kopf Kosten unter 200 €, bis Mitte 50 um die 400 €, um bis Mitte 70 auf etwas über 800 € zu klettern – d.h. pro 20 Lebensjahre eine Kostenverdopplung! Die Form der Verteilung muss indes seit Jahren einigermaßen stabil sein, denn die durchschnittliche Steigerung der Arzneimittelausgaben für Rentner betrug in 11 Jah­ren zugunsten der Rentner jährlich nur 0,6 % mehr als für die anderen Mitglieder.

Wer nun noch einen Blick auf die Tortengrafik (22) wirft, erhält einen Überblick mit Zahlen­angaben, die wiederum von jenen abweichen, die in den genannten Tabellen stehen. Nach der Grafik betrugen im Jahr 2007 die Ausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherungen für die Ärzte (lediglich) 23,1 Mrd. € (15 % der Gesamtausgaben), für die Arzneimittel hingegen 25,1 Mrd. € (16,8 % der Gesamtausgaben), dazu kommen noch die Heil- und Hilfsmittel für 12,1 Mrd. € (8,0 % der Gesamtausgaben). Die Zahnärzte kosteten 10,7 Mrd. € (7 % der Gesamt­ausgaben) und das Krankengeld schlug mit 6 Mrd. € zu Buche (3,9 % der Gesamtausgaben). Den Löwenanteil verschlangen jedoch die Ausgaben für die Krankenhäuser, nämlich 51,1 Mrd. € (33,3 % der Gesamtausgaben). In einem Punkt erklomm dieses Land - allerdings im Jahr 2006 - die Spitzenposition bei einem internationalen Vergleich - nein nicht in den Bil­dungsausgaben, den Ausbildungsergebnissen oder der Erziehung seiner Kinder, von denen nach allen öffentlichen Reden die Zukunft abhängt - sondern in der Anzahl der Betten (23) in stationären Einrichtungen: 6,2 pro Tausend Einwohner.

Verweise:

(1) Eine verlinkte Fassung, bei der die Quellenangaben online aufzurufen sind, ist zu finden unter http://psyblog.de/__oneclick_uploads/2009/06/gesundheitskosten.htm
(2) http://www.medi-deutschland.de
(3) http://www.kbv.de/publikationen/125.html
(4) http://daris.kbv.de/daris/link.asp?ID=1003757608
(5) http://www.kbv.de/presse/7479.html
(6) http://daris.kbv.de/daris/link.asp?ID=1003755593
(7) http://daris.kbv.de/daris/link.asp?ID=1003755594
(8) http://daris.kbv.de/daris/link.asp?ID=1003750468
(9) http://daris.kbv.de/daris/link.asp?ID=1003757611
(10) http://daris.kbv.de/daris/link.asp?ID=1003755388
(11) http://daris.kbv.de/daris/link.asp?ID=1003757614
(12) http://psyblog.de/__oneclick_uploads/2009/06/schwierigezahlen.pdf
(13) http://daris.kbv.de/daris/link.asp?ID=1003757609
(14) http://www.kbv.de/publikationen/2398.html
(15) http://psyblog.de/__oneclick_uploads/2009/06/honger.pdf
(16) http://www.bmg.bund.de/cln_162/nn1168248/SharedDocs/Downloads/DE/Standardarti kel/H/Honorarreform/Antworten__und__Fragen__zur__Honorarreform,templateId=raw,pro perty=publicationFile.pdf/Antworten_und_Fragen_zur_Honorarreform.pdf
Der Stellungnahme des Referats 224 im Bundesministerium für Gesundheit "Fragen und Antworten zur Vergütungsreform", Stand 20. April 2009, sind die folgenden Angaben zu ent­nehmen: Im Jahr 2007 lag der bundesdurchschnittliche Umsatz, den die Ärzte aus der Ab­rechnung mit der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) erzielten, bei 206.247 €. Diese Größenordnung ergibt sich, wenn man aus den genannten 25,9 Mrd. € nicht nur die Psycholo­gischen Psychotherapeuten und KiJu-Psychotherapeuten herausrechnet, sondern auch die ärztlichen Psychotherapeuten. Nach Abzug der Betriebskosten blieben im Bundesdurchschnitt je Arzt 91.780 € Einkommen vor Steuer. In Berlin waren es jedoch nur 72.509, in Nord-Württemberg, einer der wohlhabendsten Regionen, waren es dagegen 106.161 €. Im Bundes­durchschnitt erzielten die Radiologen 113.019 €, die Psychiater indes nur 64.848 € Jahresein­kommen vor Steuer. Aus einer Grafik lässt sich ablesen, dass die Psychologischen Psychothe­rapeuten zwischen 36.000 und 37.000 € Jahreseinkommen mit Behandlungen von GKV-Pa­tienten verdienten. Die Privateinnahmen der Ärzte machten schätzungsweise etwa 10 Prozent (neue Länder) bzw. 20 Prozent (alte Länder) der Gesamteinnahmen aus. Damit lagen die ärzt­lichen Durchschnittseinkommen vor Steuer im Jahr 2007 schätzungsweise bei rund 109.000 Euro in den alten und rund 100.000 Euro in den neuen Ländern. Mit ihrer Einkommenshöhe befanden sich die Ärzte auf Platz 3 der Einkommensrangliste der freien Berufe (im Jahr 2004). Spitzenreiter waren die Zahnärzte (ca. 119.000 €), auf Platz 2 folgten die Lotsen (ca. 110.000 €). Die Plätze 4 bis 6 nahmen die Steuerberater, Wirtschaftsprüfer, Rechtsanwälte und Notare ein. Die Psychotherapeuten lagen im Mittelfeld, jedoch hinter der Durchschnitts­größe aller freien Berufe.
(17) http://www.boeckler-boxen.de/4477.htm
(18) http://daris.kbv.de/daris/link.asp?ID=1003756891
(19) http://daris.kbv.de/daris/link.asp?ID=1003756895 
(20) http://daris.kbv.de/daris/link.asp?ID=1003756892
(21) http://daris.kbv.de/daris/link.asp?ID=1003756896
(22) http://daris.kbv.de/daris/link.asp?ID=1003755600
(23) http://www.kbv.de/publikationen/2417.html

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Wolfgang Palm, Karlsruhe


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