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Konsequenzen aus dem Forschungsgutachten zur Ausbildung für den Beruf des Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten

Zwei Berufe, aber zukünftig zu wenige PsychotherapeutInnen?


Das umfangreiche Forschungsgutachten, das vom Bundesgesundheitsministerium in Auftrag gegeben wurde, um das geltende Psychotherapeutengesetz von allen Seiten zu beleuchten und aufgrund der Bologna-Reform (Umwandlung der Diplomstudiengänge in Bachelor- und Masterstudiengänge) notwendige Überarbeitungen auf eine solide Grundlage zu stellen, wurde Anfang Mai der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.[1]

Das Team (Bernhard Strauß aus Jena als Projektleiter, außerdem Sven Barnow, Elmar Brähler, Jörg Fegert, Steffen Fliegel, Harald Freyberger, Lutz Goldbeck, Marianne Leutzinger-Bohleber und Ulrike Willutzki) hat nun umfangreiches empirisches Material vorgelegt und ausgewertet sowie daraus seine Schlussfolgerungen gezogen.

An dieser Stelle soll allerdings nicht das gesamte, äußerst differenzierte Gutachten gewürdigt und besprochen werden, vielmehr werden nur einige Teilergebnisse dargestellt und bewertet, die aus der Perspektive verhaltenstherapeutischer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten relevant sind.

Zunächst einmal empfehlen die Gutachter, dass die Verfahrensorientierung in der Ausbildung bestehen bleiben soll. Dies mag auf den ersten Blick angesichts der vielversprechenden Ansätze für eine schulenüberwindende Psychotherapie (Grawe) anachronistisch klingen, tatsächlich wird dies aber von der großen Mehrheit der Befragten befürwortet und scheint auch angesichts der aktuellen Erkenntnislage noch unbedingt sinnvoll zu sein. Noch gibt es kein schulenüberwindendes Konzept, das so ausgefeilt wäre, dass wirklich schon auf eine verfahrensorientierte Ausbildung verzichtet werden könnte – schon gar nicht im Bereich der Kinderpsychotherapie.

Im Vorfeld wurde in vielen Verbänden und Gremien, auf Kongressen und Workshoptagungen intensiv die Frage diskutiert, ob es auch zukünftig zwei Psychotherapeutenberufe geben soll, oder ob nur noch ein einheitlicher Psychotherapeut, der sowohl Kinder als auch Jugendliche und Erwachsene behandeln darf, ausgebildet werden soll. Diese die Identität von Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutInnen unmittelbar berührende Frage haben die GutachterInnen recht elegant gelöst: PsychotherapeutInnen sollen nach ihrem bevorzugten Modell zukünftig entweder als Psychotherapeuten für Erwachsene oder als Psychotherapeuten für Kinder und Jugendliche ausgebildet und approbiert werden. Zusätzlich soll die Möglichkeit zur Erlangung der Zweitapprobation im jeweiligen anderen Fachgebiet durch eine akzeptabel verkürzte Zweitausbildung möglich werden. Eine solche Kompetenzerweiterung soll demnach also sowohl für Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutInnen (KJP), die auch noch Erwachsene behandeln wollen, als auch umgekehrt für ErwachsenenpsychotherapeutInnen möglich werden. Damit wäre das irrationale Ungleichgewicht beseitigt, nachdem bislang Psychologische PsychotherapeutInnen (PP) PatientInnen aller Altersstufen behandeln durften und diese Behandlungen nach einer Zusatzqualifikation auch mit Krankenkassen abrechnen konnten, während (KJP) ausschließlich junge Menschen bis höchstens zum Alter von 21 Jahren behandeln durften. Diese Regelung ist bis heute fachlich-inhaltlich kaum begründbar, insbesondere da KJP ohnehin intensiv mit schwer belasteten und psychisch kranken Elternteilen in der begleitenden Bezugspersonenarbeit arbeiten müssen. Nach der bisherigen Regelung ist auch ausgeschlossen, dass ein/e Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutIn mit nicht-psychologischem Grundberuf sich mit noch so intensiver Fort- und Weiterbildung für die Therapie mit Erwachsenen qualifizieren könnte.

Hier haben die GutachterInnen also einen Schritt in die richtige Richtung gemacht – und sie gehen sogar noch einen Schritt weiter: Es war eine der Befürchtungen, die mit dem einheitlichen Psychotherapeutenberuf verbunden waren, dass dann womöglich in der Zukunft nur noch PsychologInnen die Ausbildung zum Psychotherapeuten beginnen können. Diesbezüglich ist die Forderung der GutachterInnen jedoch genau andersherum und viel weitgehender, als viele Beobachter vermutet hätten: Im Gutachten wird ausdrücklich vorgeschlagen, dass nicht nur Master der Psychologie, sondern auch Master-AbsolventInnen anderer relevanter sozialwissenschaftlicher Studiengänge (Pädagogik, Soziale Arbeit u. a.) für die Ausbildung zugelassen werden sollen und dass es keine vom Grundberuf abhängige Einschränkung mehr gibt, wer sich auf die Behandlung von Erwachsenen oder auf die Behandlung von Kindern spezialisieren kann. Demnach könnten sich zukünftig auch Master-AbsolventInnen in Sozialer Arbeit, Pädagogik oder Heilpädagogik schwerpunktmäßig für die Psychotherapie mit Erwachsenen ausbilden lassen.

Während das Gutachten soweit eindeutig und klar ist und die Forderungen der GutachterInnen durchweg zu begrüßen sind, kommt es in den weiteren Ausführungen allerdings zu ein paar Details, die die bisher dargestellte Absicht der GutachterInnen eindeutig konterkarieren. Da die Studiengänge infolge der Bologna-Reform erheblich heterogener geworden sind, wird vorgeschlagen, dass nicht der verliehene Titel automatisch zu einer Zulassung zur Psychotherapie-Ausbildung führt, sondern dass auf Modulebene nachgewiesen werden muss, dass im grundständigen Studium genügend relevante Inhalte kennengelernt wurden. Auch dies ist soweit nachvollziehbar und eine gute Idee. Wenn man sich dann allerdings im Detail anschaut, welche Inhalte von den GutachterInnen im Studium erwartet werden, damit eine Psychotherapieausbildung aufgenommen werden kann, so fällt auf, dass hier eine so große Menge allgemeinpsychologischer Inhalte gefordert werden, dass sie vermutlich von keinem Studiengang anderer Fachbereiche außer dem der Psychologie in einen Studiengang integriert werden. Erstaunlich ist hier tatsächlich der enorme Umfang, den allgemeinpsychologische Studieninhalte haben sollen. Zusätzlich zu 30 CP (Creditpoints; ein Creditpoint entspricht etwa 30 Arbeitsstunden für Studierende) Klinischer Psychologie und 35 CP aus psychologisch orientierten Praktika und Abschlussarbeiten werden insgesamt 85 (!!) CP aus den Bereichen Allgemeine Psychologie (Denken, Wahrnehmung, Motivation etc.), Biologie und Neuropsychologie, Entwicklungspsychologie, Persönlichkeitspsychologie, Sozialpsychologie, pädagogische Psychologie, statistische Methodenlehre sowie angewandte Diagnostik gefordert. Wenn man bedenkt, dass ein Bachelor-Studiengang in der Regel 180 CP umfasst und ein Master-Studiengang weitere 120 CP, dann wird deutlich, dass hier die Hälfte eines Studiums in Sozialarbeit oder Pädagogik ausschließlich psychologischen Inhalten gewidmet sein müsste. Diese Vorstellung ist aber (vor allem hinsichtlich der allgemeinpsychologischen Inhalte) völlig absurd. Kein Studium außer dem der Psychologie wird diese Inhalte in einem solchen Ausmaß beinhalten. Somit wird die erfreuliche Öffnung des Psychotherapeutenberufs (auch bezüglich der Behandlung Erwachsener), die von den Gutachtern ausdrücklich gewünscht ist, quasi wieder zurückgenommen und es droht sogar im Vergleich zur augenblicklichen Regelung eine Verschärfung: Werden die Vorschläge aus dem Gutachten so umgesetzt, ist zu befürchten, dass es zukünftig überhaupt keine nicht-psychologischen PsychotherapeutInnen mehr geben wird, auch nicht in der Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen. Eine solche Entwicklung hätte wiederum fatale Folgen für die Versorgungssituation: Derzeit befinden sich in der Ausbildung zum/zur Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutIn laut Gutachten etwa 25 % AbsolventInnen psychologischer Studiengänge. Der drohende Ausschluss anderer Studienrichtungen würde somit zu einem eklatanten Rückgang an AusbildungsteilnehmerInnen führen. Das ist ein Umstand, der angesichts der bestehenden Altersverteilung von PsychotherapeutInnen in Deutschland und dem daraus resultierenden Nachwuchsbedarf mittelfristig die ausreichende psychotherapeutische Versorgung gefährdet.

Der Konkretisierungsvorschlag im Gutachten zu notwendigen Inhalten zugangsfähiger Studiengänge muss also überarbeitet werden. Von der Bundespsychotherapeutenkammer zusammengestellte Expertenkommissionen hatten vor der Fertigstellung des Forschungsgutachtens bereits Vorschläge für die Überprüfung der Studieninhalte erstellt, die angemessener waren.

Der begrüßenswerte Vorschlag der GutachterInnen, dass bis zu 35 CP der Inhalte noch nach dem Studium und vor der Aufnahme der Psychotherapieausbildung in einem Brückenkurs nachgeholt werden können, kann hier nicht ausgleichend wirken, denn die Vorschläge der Gutachter sind zu weit von sinnvollen Studiengängen in Sozialer Arbeit oder Pädagogik entfernt, als dass die Lücke mit 35 CP geschlossen werden könnte.

Darüber hinaus wird hier auch deutlich, dass nicht-psychologische Studieninhalte hinsichtlich der Bedeutung für eine spätere Ausbildung als PsychotherapeutIn offensichtlich außerordentlich gering geschätzt werden. Pädagogisch orientierte Inhalte, netzwerkorientierte Inhalte, systembezogene Inhalte[2] werden leider überhaupt nicht gefordert.

Insgesamt liegt mit dem Forschungsgutachten ein beachtliches Werk mit vielen zukunftsweisenden Ideen vor (dazu nochmals der Hinweis auf die Download-Möglichkeit des Gutachtens und die Zusammenfassung des Gutachtens auf der DGVT-Homepage). Lediglich die Beschreibung der Inhalte zur Ausbildung qualifizierender grundständiger Studiengänge kann so nicht akzeptiert werden.

 

Michael Borg-Laufs, Mönchengladbach

Günter Ruggaber, Tübingen



[1] Link zum Download und zu einer Zusammenfassung unter: http://www.dgvt.de/aktuell.html.

[2] Zum eigenständigen Wert entsprechender Studieninhalte siehe den Beitrag von Gahleitner, Borg-Laufs & Zurhorst in der letzten Ausgabe dieser Zeitschrift.


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