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Bericht von der Tagung „Zukunft der Psychotherapieausbildung – Eckpunkte einer Reform“ am 22. und 23.09.2009 in Hannover

Am 22. und 23.9.09 fand in Hannover ein zweitägiges Symposium der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) statt, an dem über 100 Vertreter aus den Landespsychotherapeutenkammern sowie den Berufs- und Fachverbänden teilnahmen, um über die Ergebnisse des Forschungsgutachtens zur Zukunft der Psychotherapieausbildung in Deutschland zu diskutieren.


Der Vorstand der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) hatte Vertreter verschiedenster Verbände und Landespsychotherapeutenkammern zu dieser Tagung eingeladen und im Vorfeld (12.09. und 16.09.) zwei Positionspapiere versandt. Es wurde in der Einladung der Eindruck vermittelt, dass diese Tagung dazu dienen sollte, die Ergebnisse des Forschungsgutachtens noch einmal gemeinsam zu diskutieren und daraus eine gemeinsame Plattform zu schaffen, die dann von der BPtK vertreten werden könnte. Wie bereits aus meinen Anmerkungen heraus lesbar ist, hatte ich den Eindruck, dass dieses Ziel nicht wirklich erreicht wurde. Doch bevor ich zur Einschätzung der Tagung komme, ein kurzer Abriss über den Ablauf.

Die Tagung teilte sich in vier inhaltliche Blocks, in denen zunächst externe Referenten zu den jeweiligen Leitthemen Stellung nahmen, anschließend stellte eine VertreterIn des BPtK-Vorstandes die Eckpunkte Ihres Papieres zusammenfassend vor.

Block 1 beschäftigte sich mit der „Praktischen Tätigkeit“.Hier wurden zunächst von Prof. Lutz Goldbeck, Universität Ulm, zentrale Befunde des Forschungsgutachtens zum Ausbildungsbaustein „praktische Tätigkeit“ dargestellt. Anschließend folgte der Reformbedarf aus Sicht der Ausbildungsstätten (Dipl.Soz.-Päd. Christine Röpke, München, und Dr. Walter Ströhm, Münster) sowie aus der Sicht von Ausbildungsteilnehmern (Dipl.-Psych. Jürgen Tripp, Münster). Nach der Vorstellung der Eckpunkte für die Reform des PsychThG der BPtK (Dr. Dietrich Munz) stellte Johannes Schopohl, juristischer Mitarbeiter der BPtK, die Sicht der „Berufsausübungserlaubnis aus juristischer Sicht“ dar, wobei dies eine Gewichtung aus Sicht des BPtK-Vorstandes darstellte. Es fehlte ein wirklicher Alternativentwurf, der auch aus juristischer Sicht möglich wäre.

In diesem Block ging es in erster Linie um Geld, besonders um die Bezahlung der praktischen Tätigkeit. Es wurden unterschiedlichste Vorschläge gemacht, um dieses Problem zu lösen, dennoch wurden unter dem Aspekt der Bezahlung viele nicht wirklich dazugehörige Themen vorgetragen, so dass bei mir der Eindruck entstand, der sich im Folgenden auch immer wieder aufdrängte, dass das Vehikel „Bezahlung“ benutzt wurde, um unter dieser Tarnung ideologische Positionen zu transportieren.

Der 2. Block befasste sich mit dem Thema „Kompetenzerwerb an der Hochschule“. Auch dieser Block begann mit Daten aus dem Forschungsgutachten. Prof. Ulrike Willutzki, Bochum, zeigte besonders die Probleme auf, die sich durch die Bachelor/Master-Entwicklung ergeben. Eine einheitliche Definition von Abschlüssen, wie es bisher durch die Rahmenprüfungsordnungen beispielsweise beim Abschluss Diplompsychologie der Fall war, wird es in Zukunft nicht mehr geben. Es wird also ganz unterschiedliche Master-Abschlüsse geben, die nur schwer miteinander vergleichbar sein werden, so dass nur über die Gegenüberstellung der verschiedenen Module (die mit ECTs/Credit-Points bewertet werden) festlegbar ist, was die Studierenden an Inhalten erbracht haben und ob diese den (noch genau zu definierenden) Kriterien für die Zulassung zur Ausbildung entsprechen. Daran schlossen sich die Ausführungen von Dipl.-Psych. Dr. med. Bernhard Prankel, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik Rotenburg/Wümme an, der die „Künftigen Mindestanforderungen an qualifizierende Studiengänge: Empfehlungen aus einer Ausbildungsstätte für die Praktische Tätigkeit“ darstellte. Er schilderte die Erwartungen aus Sicht einer Ausbildungsklinik und machte auch Vorschläge über Möglichkeiten der Umsetzung seiner Gedanken. Wie nicht anders zu erwarten, lag der Schwerpunkt dieses Blocks bei der Definition der Zugangsvoraussetzungen für die KJP-Ausbildung und es gab die entsprechenden und bekannten Kontroversen. Auch hier wurden als Abschluss die Eckpunkte des BPtK-Vorstandes (Monika Konitzer) dargelegt.

Der 3. Block befasste sich mit dem Konzept des “Common trunk‘“ (trunk: engl. für „Lade- bzw. Gepäckraum“) wie ihn das Forschungsgutachten vorgeschlagen hat. Dabei geht es um die Frage, wie ggf. der Teil inhaltlicher Gemeinsamkeiten für beide Ausbildungsbereiche (KJP und Erwachsenenpsychotherapie im jeweiligen Vertiefungsgebiet) aussehen könnte und wie dieser dann zusammen mit den für die jeweiligen Berufsausbildungen (KJP und Erwachsenenpsychotherapie) spezifischen Inhalten in die beiden Ausbildungskonzepte integriert werden könnte.

Erika Behnsen, langjährige Juristin im Bundesgesundheitsministerium und vor über 10 Jahren maßgeblich an der Ausarbeitung des Psychotherapeutengesetzes beteiligt, nahm Stellung zu der Frage: „KJP, EP, PP oder P? Rechtliche Folgen für die Berufsangehörigen“ und zeigte, dass bei einer Veränderung des Gesetzes eigentlich ein sehr großer Spielraum vorhanden wäre.

Sie setzte sich auch mit der Frage auseinander, ob es grundrechtlich zulässig wäre, als Mindestvoraussetzung für den Zugang zur Ausbildung des KJP den höherwertigen Masterabschluss gesetzlich zu verlangen. Diese Frage sei bei der zukünftigen Rechtsetzung zu prüfen. Bei ihren juristischen Erwägungen kam sie zu dem Ergebnis, dass eine Anhebung der Zugangsvoraussetzungen für eine Ausbildung zum KJP auf der Basis der Erkenntnisse des Forschungsgutachtens grundrechtlich zulässig sei. Mit dieser juristischen Ableitung konnte sie die Sorge der Profession zerstreuen, dass es grundrechtlich nicht möglich sei, für beide Berufe einen Masterabschluss zu realisieren und dass man deshalb quasi gezwungen sei, nur einen Psychotherapeutenberuf zu fordern.

Sie machte abschließend deutlich, dass es im politischen Rahmen sinnvoll wäre, wenn die Vorschläge, die die Profession macht, Geschlossenheit zeigen würden und für die Politik möglichst einfach sind. Dadurch würden sich die Erfolgswahrscheinlichkeiten deutlich erhöhen. Im Anschluss an diesen Vortrag wurden wieder die Eckpunkte einer Reform aus Sicht des BPtK-Vorstandes präsentiert (Peter Lehndorfer).

Im 4. und letzten Block ging es um die „Versorgung 2020: Anforderungen an das Kompetenzprofil der Psychotherapeuten“. Der zweigeteilte Vortrag „Integrierte Versorgung psychisch kranker Menschen: Anforderungsprofil an Psychotherapeuten“ (Prof. Thomas Bock, Hamburg und Petra Godel-Ehrhardt) leitete diesen Block ein und er zeigte einiges an Absurditäten im bisherigen Gesetz auf sowie Möglichkeiten der Verbesserung. Dann wurde dieser Themenblock wieder mit den Eckpunkten des BPtK-Vorstandes abgerundet (Prof. Rainer Richter).

Meine ganz persönliche Beurteilung dieser Tagung: Die spezifischen Vorträge waren allesamt recht informativ und brachten verschiedene Aspekte, die auch im Forschungsgutachten beschrieben wurden, nochmals auf den Punkt und gleichzeitig ergänzten sie diese. Sehr hilfreich war, dass von der Forschergruppe die Gesamtergebnisse auf zwei Seiten zusammengefasst worden waren, so dass diese immer als Vergleichsmaßstab dienen konnten.

Doch nun zur Kritik an dieser Tagung: Sie wirkte (und das nicht nur in meinen Augen) wie eine ausgereifte Inszenierung des BPtK-Vorstandes. Dieser Eindruck wurde  auch durch die geschickte Gestaltung, die „Eckpunkte“ ans Ende des jeweiligen Blocks zu stellen, gefördert. Durch diese Dramaturgie entstand der Eindruck, als sei die Position des BPtK-Vorstandes quasi die Conclusio der vorangegangenen Vorträge. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob dies nur zufällig so aussah oder ob genau dies die intendierte Wirkung sein sollte. Auch in Gesprächen mit anderen TeilnehmerInnen wurde dieser Eindruck bestätigt und gleichzeitig Verärgerung über dieses Vorgehen deutlich.

Sicherlich ist es notwendig, dass die Psychotherapeutenschaft bei der anstehenden Frage mit möglichst einheitlicher Stimme spricht und dies sollte über die BPtK laufen, da diese ja den Berufsstand gegenüber der Politik vertreten soll. Die Art und Weise, wie dies indessen bei dieser Veranstaltung umgesetzt wurde, führt eher dazu, dass Reaktanz entsteht. Es blieb der ungute Nachgeschmack, dass hier die Vorstellungen des BPtK-Vorstandes durchgedrückt werden sollten. Diese Vorgehensweise erinnert mich sehr an einen Kollegen, mit dem ich vor einigen Jahren zusammenarbeiten durfte. Dieser sagte immer: „Wenn ihr das tut, was ich vorschlage, dann haben wir ja einen guten Kompromiss“.

Gerade die mögliche und sicherlich dringend notwendige Veränderung des PsychThG ist zu wichtig, als dass eine kleine Gruppe ihr Interesse an der Definitionsmacht umzusetzen versucht und dabei der notwendige Konsens auf der Strecke bleibt. Dieser Eindruck wurde mir von verschiedenen Teilnehmern aus unterschiedlichen Verbänden bestätigt. Damit, denke ich, ist der Sache unseres Berufstandes nicht wirklich genutzt worden. Die Aufgabe des Vorstandes der BPtK wäre es meiner Meinung nach, die Diskussion zu fördern, zu strukturieren und dann ein gemeinsames Ergebnis nach außen zu tragen. Der BPtK-Vorstand sollte sicherlich eigene
Ideen entwickeln und einbringen, aber damit nicht die Diskussion abwürgen.

Rudi Merod


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