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Den Einkommenstatsachen auf der Spur

Von: Wolfgang Palm

Dank hartnäckig klagender KollegInnen (und der sie unterstützenden Verbände) gibt es nun Urteile des Bundessozialgerichts, die die Kassenärztlichen Vereinigungen zu Honorarnachzahlungen zwingen. Für die Jahre 1993 bis 1998 ist bereits nachgezahlt worden, für die Jahre 2000 bis 2004 sind die Nachzahlungen in Gang gekommen.


Der Klageweg ist erfolgreich beschritten worden, leider sind im Kelch der Freudenbotschaft auch einige kräftig bittere Tropfen. Keineswegs ist es so, wie gelegentlich in Unkenntnis unterstellt wird, dass die Psychotherapeuten hinfort mit 36 Wochenstunden Psychotherapie zu Lasten der gesetzlichen Kassen und mit 43 Wochen Gesamtarbeitszeit soviel verdienen können, wie eine ärztliche Vergleichsgruppe mit 51 Wochenstunden Arbeitszeit. Abgesehen davon, dass das Bundessozialgericht 36 Wochenstunden nur als eine Vergleichsmarke genannt hat, aus der flugs von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung eine Normgröße geprägt worden ist, handelt es sich um eine Maximalregelung zu unseren Ungunsten: "... Den Psychotherapeuten muß es jedenfalls im typischen Fall möglich sein, bei größtmöglichem persönlichen Einsatz des Praxisinhabers und optimaler Praxisauslastung zumindest den Durchschnittsüberschuss vergleichbarer Arztgruppen zu erreichen...."[1], schreibt das Gericht, was zur Zeit des Urteils darauf hinauskommt, dass es einer Psychotherapeutin bei maximaler Anstrengung möglich sein muss, rund 112 Tsd. Euro im Jahr von ihrer KV zu erhalten.

36 Wochenstunden Psychotherapie im Jahresdurchschnitt abzurechnen, ist eine gewaltige Leistung; die Messlatte ist ziemlich hoch gelegt worden, worüber sich das Gericht im Klaren gewesen ist [2]. In eine Einkommensverteilung übersetzt, heisst die Anforderung: Irgendwo weit rechts in der Einkommensverteilungskurve der Psychotherapeuten muss jene Größe liegen, die dem Mittelwert in der Verteilungskurve des Einkommens der Vergleichsarztgruppe entspricht. Maximale Anstrengung auf Seiten der Psychotherapeuten führt (in Zukunft) zum Durchschnitt dessen, was eine Vergleichsgruppe von Ärzten länger schon erwirtschaftet. Und die Deckung dieser beiden Linien ist bei 36 Wochenstunden Psychotherapie fixiert worden. Solches hat das Gericht für Recht befunden. Daraus folgt, dass der Durchschnittswert an tatsächlich abgerechneten Wochensitzungen Psychotherapie weit links von der Marke 36 liegen kann.

De facto erreicht nur eine Handvoll Psychotherapiepraxen die Zahl 36. In der KV Pfalz haben 2001 nur 3,4% der Kollegen 36 und mehr Stunden gearbeitet, in Mecklenburg-Vorpommern kein einziger. Das sind nur zwei Beispiele [3]. Selbst das Gericht weist auf die geringe Zahl hin. In der Urteilsbegründung wird eine Stichprobe aufgeführt, von der lediglich 5,9% der Psychotherapeuten mehr als 30 Wochenstunden Psychotherapie mit ihrer KV abgerechnet haben [4].

Die veröffentlichte Datendecke zum Thema Wochensitzungszahlen ist erstaunlich dünn, die Daten schlummern in den Datenbänken der KVen. Bekannt ist zum Beispiel, dass in Nordrhein im Quartal 2/2003 von mehr als 1800 Psychotherapeuten im Durchschnitt ca. 19 Wochensitzungen abgerechnet wurden [3]. Die Stichprobe im Gerichtsurteil hingegen besteht aus 388 Leistungserbringern. Im Durchschnitt wurden von ihnen ca. 24 Sitzungen pro Woche abgerechnet, was eine wackelige, vermutlich zu hohe Schätzung ist, da ein Teil der Leistungserbringer nicht spezifiziert ist [4]. Selbst mit dieser höheren Zahl liegt die Durchschnittsleistung der Stichprobe bei höchstens 2/3 der Normgröße! Es folgt, dass die Psychotherapeuten ihre abgerechneten Leistungen um mindestens 50% erhöhen müssten, um das Vergleichseinkommen zu erwirtschaften. Wohlgemerkt - nach erfolgten Nachzahlungen. Eine weitere Stichprobe ist in der Kostenstrukturanalyse des Zentralinstituts für Kassenärztliche Versorgung von 1999 zu finden. Sie enthält 481 Psychotherapeuten, für die sich eine eine durchschnittliche Wochensitzungszahl von ca. 23 Sitzungen berechnen lässt [5]. Beide Stichproben scheinen auf weichen Befragungsdaten zu beruhen und nicht auf harten Abrechnungsfakten.

Da die beiden letztgenannten Stichproben schon einige Jahre alt, die Angaben auf Selbsteinschätzungen und nicht auf faktischen Abrechnungen beruhen, und vermutlich nicht repräsentativ sind, kann man fragen, wie nahe in den letzten Jahren jeder Einzelne von uns an die Norm von 36 Wochenstunden herankommt und wie nahe wir ihr als Gruppe sind. Die Antworten ergeben sich, wenn wir die faktisch abgerechneten Sitzungszahlen kennen. Diese Fakten liegen jedoch nicht offensichtlich auf dem Tisch. Eine für jede(n) nachzurechnende Spur zu den Einkommenstatsachen zu ziehen, darum geht es in diesem Papier. Nachfolgend wird gezeigt, wie sich die individuellen und die mittleren Sitzungszahlen aus leicht zugänglichen Quellen berechnen lassen.

1. Die Berechnung der individuellen Zahl abgerechneter Wochenstunden

Eine Psychotherapiesitzung dauert laut EBM-Legenden mindestens 50 Minuten. Da eine Psychotherapieziffer praktisch gleich einer Arbeitsstunde ist, kann man recht einfach herauszufinden, wieviel Stunden Psychotherapie jede TherapeutIn tatsächlich mit ihrer KV abgerechnet hat. Nehmen wir die Verhaltenstherapie: In ziemlich guter Näherung ergibt sich die Zahl der Therapiestunden aus der Zahl der abgerechneten Sitzungen, wenn man die entsprechenden Abrechnungsziffern veranschlagt. Im alten EBM sind es die Ziffern 870, 881, 882, 883, 884 und 860. Die Leistungen für die Berichterstellungen an die Gutachter bleiben unberücksichtigt. Einmal sind sie keine Psychotherapieleistung, und zu anderen ist der tatsächliche Zeitverbauch zur Berichterstellung um ein Beträchtliches höher als der, der entsprechend der Punktzahl vergütet wird [6]. Für die analytischen und tiefenpsychologischen Behandlungen muss man die Ziffern 870, 871, 872, 873, 874, 877 und 860 heranziehen.

Wie geht man vor? Ganz einfach, man nimmt die vier Abrechnungsbescheide der eigenen Honorararbrechnung eines Jahres und summiert die darin aufgeführten Anzahlen der genannten EBM Ziffern zu einer Gesamtsumme eines Jahres auf. Dann dividiert man diese Gesamtsumme durch 43, das ist die rechnerisch von den KVen verwendete Arbeitswochenzahl eines Jahres. Daraus ergibt sich die Zahl der durchschnittlich pro Woche abgerechneten Therapiesitzungen. Man sieht sofort, wie nahe dran oder wie weit weg man von der Zahl 36 ist. Errechnet man beispielsweise 20 Sitzungen, so ergibt sich, dass man, grob geschätzt, 20*100/36 = 55,6 Prozent erreicht hat und sich folglich noch mächtig ins Zeug legen darf, um die 100 Prozent des Vergleichseinkommens zu erzielen [7]. Die Rechnung gilt bei bereits geleisteter Nachzahlung, somit gilt sie eigentlich erst in Zukunft. Wer also dem ärztlichen Gemurre über die Höhe des gerichtsnotorischen Punktwerts etwas entgegenhalten möchte, kann beispielsweise sagen: "Ich verstehe Sie Herr Kollege, aber damit ereiche ich endlich knapp 56% jenes durchschnittlichen Vergleichshonorars, das die Ärzte von der KV beziehen!"

2. Die Berechnung der durchschnittlichen Zahl fachgruppenspezifisch abgerechneter Wochenstunden

Die Quartalsabrechnungen der KV enthalten darüber hinaus noch weitere auswertbare Informationen, die Aufschluss über die abgerechneten Leistungen von Fachgruppen geben. Um auf die durchschnittlichen Sitzungszahlen pro Woche zu kommen, muss allerdings etwas mehr gerechnet werden und es geht nicht ohne Formeln, damit jedefrau / jedermann die Dinge auch nachrechnen kann.

Als Datengrundlage dient eine kleine Tabelle, die unter der Überschrift "Anzahl-Statistik Praxis" in Nordbaden in den KV-Abrechnungsbescheid gedruckt wird. Vier Spalten aus dieser Tabelle sind für die Berechnung einer durchschnittlichen, gruppenspezifischen Wochensitzungszahl nützlich [8]:

AP100F
Anzahl der abgerechneten Leistungen pro 100 Behandlungsfälle (%) der Praxen innerhalb der Fachgruppe (FG), die diese Leistung abgerechnet haben. (Diese Größe beinhaltet bereits eine Durchschnittsberechnung)

AnzP 
Anzahl der Praxen innerhalb der FG, von denen die betreffende Leistung abgerechnet worden ist. (Diese Anzahl ist meist kleiner als die Zahl der pro FG abrechnenden Praxen.)

BHFZ 
(Durchschnittliche) Behandlungsfallzahl in der Fachgruppe [9]

GO-Nr. 
EG-O/ EBM-Ziffern

2.1 Die Formeln

Man kann die Gesamtzahl der zu Lasten der gesetzlichen Kassen abgehaltenen Therapiesitzungen (wieder) mit hinreichender Genauigkeit als Summe der abgerechneten EBM-Ziffern für die Therapiesitzungen ansetzen.

Formel 1:
AzS(i) = AP100F(i) * BHFZ / 100
i = 1 bis n; Abrechnungsziffern.

AzS(i) ist der Durchschnitt einzelner Sitzungsziffern. Die Formel ist die Umkehrung des Rechenwegs für die pro Hundert Fallzahlziffern einzelner Praxen; die Ergebnise dürften eine ungefähre Schätzung sein.

Formel 2:
AzQ = Summe der AzS(i)
i = 1 bis n sind die einzelnen Abrechnungsziffern.

Formeln 1 und 2 zusammengefasst ergeben

Formel 2a:
AzQ = (BHFZ / 100) *∑AP100F(i)

AzQ ist der fachgruppenspezifische Durchschnitt der pro Quartal abgerechneten Sitzungsziffern. Die Formeln 2 bzw. 2a führen zur Berechnung der von fiktiven Durchschnittstherapeuten pro Quartal abgerechneten Sitzungsziffern. Sie erzeugen brauchbare Ergebnisse, solange die Zahlen der abrechnenden Praxen für jede Ziffer ungefähr gleich groß sind. Will man die geringfügig abgerechneten Ziffern hinzunehmen, wie die Ziffer 860 oder die Gruppenziffern 883 und 884, so sollte man besser mit der folgenden, korrigierten Formel rechnen:

Formel 3: Korrigierter fachgruppenspezifischer Durchschnitt der abgerechneten Sitzungsziffern.
AzQ = (∑AzS(i)*AnzP(i))2 / ∑AzS(i)*AnzP(i)2
i = 1 bis n sind die einzelnen Abrechnungsziffern; ∑ ist das Summenzeichen. Die Korrektur geschieht in Richtung höheres Gewicht für die größeren Glieder in der Formel [10]. Man benötigt Formel 1, wenn als Datengrundlage lediglich der individuelle KV-Honorarbescheid zur Verfügung steht. Hat man allerdings die quartalsspezifische Fachgruppenstatistik zu Verfügung, so werden die Berechnungen genauer.

2.2 Eine einfache Abschätzung

Die Zahlen im ersten Rechenbeispiel sind den Quartalsabrechnungen der KV Nordbaden entnommen. Es handelt sich um Verhaltenstherapie als Einzelbehandlung von Erwachsenen in der Fachgruppe 69. In Spalte vier stehen die mit Formel 1 erzielten, gerundeten Rechenergebnisse. Es werden nur die Ziffern 870, 881, 882 berücksichtigt.

Tabelle 1: Quartal 1/2002: BHFZ = 47, Praxenzahl = 231, FG 69, KV Nordbaden

GO-NrAP100FAnzPAzS
87007422935
88121020999
88215821574

Daraus errechnet sich (nach Formel 2) AzQ(1) = 208. Einfacher und schneller gehts, wenn man die Werte in der Spalte AP100F summiert, mit 47 (BHFZ) multipliziert und durch 100 dividiert (Formel 2a). Nimmt man die Zahl an Arbeitswochen mit 11 an, so ergeben sich rund 18,9 Sitzungen pro Woche. Zwei weitere Ergebnisse seien noch genannt:
Quartal 3/2001: Arbeitswochen = 10, AzQ(3) = 194, AzS(3) = 19,4
Quartal 4/2001: Arbeitswochen = 11, AzQ(4) = 201, AzS(4) = 18,3

Falls man die Daten für ein Jahr vollständig vorliegen hat, wird man die vier Quartale eines Jahres zusammenzählen und dann durch 43 dividieren. Die Schätzung wird dadurch insgesamt etwas genauer. So ergibt sich anhand vorliegender Zahlen beispielsweise:
Quartal 3/2003: AzQ(3) ≈ 193         Quartal 4/2003: AzQ(4) = 211,2
Quartal 1/2004: AzQ(1) = 229,5     Quartal 2/2004: AzQ(2) = 215,5
Wenn man vom Jahreswechsel einmal absieht, aufsummiert und durch 43 teilt, ergeben sich 19,7 Sitzungen pro Woche. Der kleine Fehler, der durch das Weglassen der Gruppenziffern und der Ziffer 860 entstanden ist, wird durch die Berechnungen in 2.3 korrigiert.

Analoge Berechnungen lassen sich selbstverständlich auch für die tiefenpsychologischen und die psychoanalytischen Behandlungen durchführen. Dazu benötigt man die Ziffern 870, 871,872 und 877.

2.3 Genauere Berechnungen

Das zweite Rechenbeispiel beruht auf Daten aus der Fachgruppenstatistik der KV Nordbaden für das Jahr 2001. Die Tabelle enthält alle Ziffern, denen Arbeitszeiten zugeordnet werden können. Sodann ist die Häufigkeit der abgerechneten Ziffern angegeben, dadurch entfällt die Schätzung nach Formel 1.

Tabelle 2: Quartal 1/2001: Praxenzahl = 227, FG 69, KV Nordbaden

GO-Nr

Anzahl
abgerechne-ter Ziffern

AnzPAzS
870

9804

216 45,3
881

18375

20490
882

16564

20381,6
881B

189

228,6
882B

173

189,6
883

61

230,5
884

384

576,8
860

1820

1929,5
    
  AzQ(1)234

 

Für die anderen Quartale von 2001 erhält man auf gleiche Weise:
Q 2/2001: AzQ(2) = 218,9   Q 3/2001: AzQ(3) = 215   Q 4/2001: AzQ(4) = 226,6

Die Zahlenwerte für die AzQ(j) wurden direkt mit der Endformel in Fußnote 10 berechnet, die der Herleitung der Formel 3 dient. Würde man die Werte in der Spalte ganz rechts summieren, wäre der Fehler infolge der Hereinnahme der geringfügig abgerechneten Ziffern (881B, 882B, 883, 884 und auch 860) nicht zu vernachlässigen, AzQ(1) würde um 10 Sitzungen zu hoch veranschlagt. Teilt man die Gesamtsumme durch 43, so kommt man auf rund 21 Sitzungen pro Woche im Jahr 2001. Im Klartext: Der fiktive Durchschnittsverhaltenstherapeut in Nordbaden rechnete im Jahr 2001 rund 21 Sitzungen pro Arbeitswoche mit der KV ab. Man sieht im Vergleich mit Rechenbeispiel 1, dass Formel 1 etwas zu niedrige Schätzungen ergibt. Man kann aber durchaus so verfahren wie im Rechenbeispiel 1 gezeigt, und die Ergebnisse etwas nach oben korrigieren. Nebenbei kann man aus den Tabellen noch entnehmen, dass kümmerlich wenige Sitzungen Gruppentherapie abgerechnet wurden.

Rechenbeispiel drei beinhaltet die Berechnungen für die Fachgruppe 50 der KV Nordbaden, ärztliche Psychotherapeuten, für das Jahr 2001.

Tabelle 3: Quartal 1/2001: Praxenzahl = 232, FG 50, KV Nordbaden

 

GO-Nr

Anzahl
abgerechneter Ziffern

AnzP AzS
870 670822429,9
871961617156,2
8721026518256,4
871B2546,3
872B114 2,8 
87361 415,3 
874 77 325,7
87715028112134,2
860 20152059,8 
    
  AzQ(1)269,8


Für die anderen Quartale von 2001 erhält man auf gleiche Weise:
Q 2/2001: AzQ(2) = 251,8   Q 3/2001: AzQ(3) = 239,6   Q 4/2001: AzQ(4) = 271,5

Daraus errechnen sich durchschnittlich 24 Sitzungen pro Arbeitswoche. Auch hier fällt auf, dass die Gruppentherapie ein Stiefkind ist.

3. Folgerung

Es sei nun etwas forsch unterstellt, dass weitere Durchschnittsberechnungen für andere KV-Bezirke vergleichbare Werte ergeben, wie sie hier berechnet worden sind. Selbst mit der zu hoch gegriffenen Zahl 24 aus der Gerichtsstichprobe wird augenfällig, dass wegen 24*100/36 = 66,6% alle mit den KVen abrechnenden Psychotherapeuten ihre bisherigen Sitzungszahlen insgesamt um mindestens 50% erhöhen müssten, damit das ihnen vorgerechnete Vergleichseinkommen im Durchschnitt auch erzielt werden kann. Wohlgemerkt: Das Vergleichseinkommen wird im Durchschnitt von der ärztlichen Vergleichsgruppe seit Jahren erzielt, wobei die einzelnen Praxen freilich mehr oder weniger verdienen. Die Psychotherapeuten erreichen davon noch nicht einmal 2/3 und das dann vielleicht knapp, nachdem alle Nachzahlungen ausgezahlt sind. Angesichts der chronisch-unheilbaren Deckelung des Gesamthonorartopfes, kann ich mir nicht vorstellen, dass die Ärzteschaft und deren Vertreter erfreut sein würden, falls die Psychotherapeuten ihr Leistungsvolumen dann noch um die Hälfte und mehr ausdehnten.

 


[0] Herzlichen Dank an Marianne Funk und an Werner Lemisz für die Diskussion dieses Themas.

[1] BSG-Urteil vom 28.01.04, B 6 KA 52/03 R, Absatz 48 http://juris.bundessozialgericht.de/cgi-bin/rechtsprechung/document.py?Gericht=bsg&Art=tm&Datum=2004&Sort=3&nr=8397&linked=urt  (Link am 28.03.05 überprüft)

Über die Benachteiligung der Psychotherapeuten als Fachgruppe schreibt D. Best: "... Die Vergleichsgruppe umfasst also sämtliche Ärzte einer KV, auch solche, die nur geringe Umsätze erzielt haben. Diese so errechneten durchschnittlichen Umsätze werden dann um die Kosten der jeweiligen Arztgruppe bereinigt. Das Ergebnis - der Ertrag - ist eine der beiden Größen (neben den Kosten), die zur Berechnung des Psychotherapiepunktwertes herangezogen werden. Durch die Division mit einer Punktzahl von 561.150 Punkten pro Quartal, was der Vollauslastung eines Psychotherapeuten mit 36 Psychotherapie-sitzungen pro Woche entspricht, wird der Ertrag dieses Psychotherapeuten auf den Durchschnittsertrag der Vergleichsarztgruppen bezogen. Mit anderen Worten: Mit dem so errechneten Punktwert erreicht nur der voll arbeitende Psychotherapeut ein Einkommen, das dem Durchschnittseinkommen eines Arztes der Vergleichsarztgruppe entspricht. Wer weniger arbeitet, erreicht proportional weniger.

Insofern wird an diesem Punkt (der grundsätzlichen Benachteiligung der Psychotherapeuten) der BSG-Rechsprechung genüge getan. Wäre der Bewertungsausschuss dem Grundsatz des BSG nicht gefolgt, hätte z. B. der maximal ausgelastete Psychotherapeut mit dem ebenfalls maximal ausgelasteten Arzt verglichen werden müssen oder es hätte bei der Ertragsbestimmung der Ärzte diejenigen außer Betracht bleiben müssen, die nur in geringem Umfang abgerechnet haben..."

Dieter Best. Beschluss des Bewertungsausschusses vom 29.10.2004 zur angemessenen Vergütung psychotherapeutischer Leistungen.Eine Bewertung. Vereinigung der Kassenpsychotherapeuten - Beilage zum Mitgliederbrief 6 -2004.

[2] Im BSG-Urteil vom 28.01.04 liest man dazu:

Absatz 41:
"... Der Senat ist davon ausgegangen, eine vollausgelastete psychotherapeutische Praxis könne 35 bzw 36 Stunden zeitgebundener und genehmigungsbedürftiger Therapien erbringen und bei einer Bewertung der Therapiestunde mit 1.450 Punkten, einem Punktwert von 10 Pf und einer Arbeitszeit von 43 Stunden pro Woche auf diese Weise einen Umsatz von 224.460 DM erzielen ...."

Absatz 45:
"... So dürfte es etwa kaum realistisch sein, dass ein Psychotherapeut in 43 Wochen im Jahr kontinuierlich 35 bzw 36 genehmigungsbedürftige Einzeltherapiestunden abhält, also weder durch plötzliche Terminabsagen von Patienten und Therapieabbrüche betroffen wird noch seinerseits eine Therapiestunde wegen persönlicher Verhinderung verschieben muss. Zwar sind grundsätzlich zahlreiche Arztgruppen von schwankendem Patientenzustrom betroffen, doch können Psychotherapeuten wegen der strikten Zeitbindung des Gros ihrer Leistungen Phasen einer geringeren Inanspruchnahme der Praxis schlechter kompensieren als etwa Hausärzte..."

Absatz 49:
"... Die Psychotherapeuten können hingegen nicht beanspruchen, einen fiktiven Durchschnittsüberschuss aller Arztgruppen erreichen zu können. Die Umsätze und Überschüsse aus vertragsärztlicher Tätigkeit variieren seit Jahrzehnten, wenngleich mit abnehmender Tendenz. Solange der Gesetzgeber der gemeinsamen Selbstverwaltung von Ärzten und Krankenkassen die Beseitigung dieser Unterschiede nicht vorgibt, bildet ein fiktiver vertragsärztlicher Durchschnittsbetrag keine angemessene Vergleichsgröße..."

Absatz 53:
... Der Senat hat bereits dargelegt, dass mit 35 bzw 36 Therapiestunden zu je 50 Minuten nicht die gesamte Arbeitsleistung eines Psychotherapeuten beschrieben wird .... Nur wenn und soweit es einem Psychotherapeuten möglich ist, neben diesen Leistungen und den damit unmittelbar verbundenen Begleitleistungen wie dem Schreiben von Berichten und dem Erstellen von Gutachten noch weitere Leistungen gegenüber Versicherten der gesetzlichen Krankenversicherung zu erbringen und Privatpatienten zu behandeln, kann er sein Ertragsniveau über den Durchschnitt der Arztgruppe der Allgemeinmediziner erhöhen. Eine derartige Leistungsausweitung ist nach den vorliegenden Unterlagen nur einer geringen Zahl von Psychotherapeuten möglich ..."

[3] Aus Recherchen von D. Best lassen sich folgende Zahlen entnehmen bzw. berechnen:

  • Im Bereich der KV Pfalz rechneten im Jahr 2001 lediglich 6 (d.h. 3,4%) Psychotherapeuten von insgesamt 175 (Psychologische Psychotherapeuten, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten) 36 und mehr Psychotherapiesitzungen und probat. Sitzungen pro Woche ab, 30 und mehr Sitzungen erbrachten lediglich 18, d.h. 10,3 %. 23 und mehr Sitzungen rechneten nur 25% der Psychotherapeuten ab!
  • Im Bereich der KV Trier haben im Quartal 3/2001 8 Psychologische Psychotherapeuten von insgesamt 61 mehr als 561.150 Punkte im Quartal abgerechnet (entsprechend 13,1 %).
  • Im Bereich der KV Mecklenburg-Vorpommern rechnete im Quartal 4/2002 von den insgesamt 175 Psychotherapeuten kein Psychotherapeut mehr als 36 Sitzungen zu je 50 Min. je Woche ab.
  • Im Bereich der KV Nordrhein rechneten im Quartal 2/2003 von allen 1.826 Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten 1.691 (entsprechend 92,6%) weniger als 561.150 Punkte im Quartal ab. Im Durchschnitt wurden indes nur 325.523 Punkte abgerechnet. Zieht man davon 10% sonstige Leistungen ab, dividiert dann durch 1450 und nochmals durch 11, so erhält man 18,4 durchschnittliche Wochensitzungen, ohne Abzug sind es 20,4!

Hinweis zum besseren Verständnis: Die Punktzahl 561.150, die den maximalen Leistungsumfang kennzeichnet, ist nicht gleichzusetzen mit 36 Wochenstunden, denn diese Punktzahl wird nicht nur für Behandlungsstunden verbraucht. Deshalb kann es z.B. vorkommen, dass 7,4% die maximale Punktzahl abrechnen, aber nur 3,4% die 36 Wochensitzungen erreichen.

Dieter Best. Ergebnis einer Auswertung von Frequenzstatistiken psychotherapeutischer Praxen. 18.12.2003.

[4] In Absatz 53 der Urteilsbegründung steht u.a.:

" ... Aus den Ergebnissen einer von der beigeladenen KBV vorgelegten Stichprobe aus dem Jahre 1999, also nach Inkrafttreten des PsychThG, ist abzuleiten, dass von 338 erfassten Leistungserbringern lediglich 20 mehr als 30 Wochenstunden an Behandlungsleistungen aufzuweisen hatten, während 112 Psychothera-peuten zwischen 20 und 25 und 147 Psychotherapeuten zwischen 25 und 30 Behandlungsstunden angegeben haben. Sogar wenn in diese - nicht repräsentative - Stichprobe Leistungserbringer einbezogen worden sind, die aus freier Entscheidung ihre Arbeitszeit nicht bis zu der vom BSG angenommenen Vollauslastungsgrenze haben ausweiten wollen, zeigt sich doch, dass der Kreis der Psychotherapeuten, die tatsächlich in der Lage sind, in mehr als 43 Wochen im Jahr mehr als jeweils 35 bzw 36 Einzeltherapiestunden neben den erforderlichen Begleitleistungen zu absolvieren, relativ klein ist. ... "

Darauf kann man folgende Schätzungen aufbauen: 20 Personen leisten je 33 Sitzungen, 112 Personen je 22,5 und 147 je 27,5. Macht in Summe 279 Personen. Was ist mit den anderen 59 PsychotherapeutInnen? Logisch gesehen müssten sie weniger abgerechnet haben, wieviel ist unbekannt.

[5] In der Kostenstrukturanalyse wird anhand von Umsatzeinteilungen zwischen kleinen, mittleren und großen Praxen unterschieden, für die entsprechende Jahresarbeitsstunden je Arzt bzw. Psychotherapeut angeführt werden; klein: 1372, mittel: 1750, groß: 2194. Die patientenbezogene Arbeit mit Patienten wird mit jeweils 55%, 64% und 68% angegeben, das ergibt 754,6 bzw. 1120 bzw. 1492 Stunden. Dividiert man diese Zahlen durch 43, so ergeben sich 17,5 bzw. 26 bzw. 34,7 Therapiestunden pro Woche. Davon muss man noch den Nicht-GKV Anteil abziehen, der sich für die Altbundesländer zu folgenden Prozentsätzen extrapolieren lässt: 28%, 23% und 19%. Danach verbleiben an wöchentlichen Sitzungzahlen, die mit den KVen abgerechnet werden 12,6 bzw. 20 bzw. 28,1. In der Gruppe "klein" befinden sich 16%, in der Gruppe "mittel" 34,1% und in der Gruppe "groß" 49,9% der an der Befragung teilnehmenden Psychotherapeuten. Damit errechnet man eine Wochensitzungszahl von rund 23.

Brenner, G. & Bogumil, W. Bericht zur Sonderauswertung für Psychotherapeuten zur Kostenstrukturanalyse von 1999. Zentralinstitut für kassenärztliche Versorgung, Mai 2002.

[6] Köhlke H.-U. Das Gutachterverfahren in der Vertragspsychotherapie. Eine Praxisstudie zu Zweckmäßigkeit und Verhältnismäßigkeit. Tübingen 2000 (DGVT), S. 131ff.

[7] Die Probesitzungen Ziffer 870 sind bei der Festsetzung der Normgröße in die 36 Sitzungen hineingenommen worden. Unabhängig davon sind sie sind aber leider eine Hauptquelle in den Schwankung der faktischen Einkommensgrößen, weil sie von fast jeder KV zu einem deutlich niedrigeren Punktwert abgerechnet werden als die genehmigten Sitzungen.

[8] Die Bezeichnungen weichen etwas von denen im KV-Bescheid Nordbaden ab.

[9] Für den Fall, dass im Abrechnungsbescheid keine BHFZ für eine FG zu finden ist, kann man sie nach einem Vorschlag von W. Lemisz wie folgt schätzen: Man sehe nach, ob die Praxisgebührziffern aufgeführt sind, wie z.B. in Nordrhein. Dort stehen in der Spalte "Häufigkeit der Vergleichsgruppe" absolute Zahlenwerte, die sich summieren lassen. Diese Summe dividiert man durch die höchste Zahl, die in der Spalte "Leistungserbringer" zu finden ist. Abstrakter formuliert heisst das, man muss eine absolute Zahl an abgerechneten Ziffern herausfinden, für die die Fallzahl pro Ziffer zweifelsfrei ist, dann kann man die BHFZ einer Fachgruppe herausrechnen.

[10] Herleitung der Formel:

Die Zahl der durchschnittlich im Quartal abgerechneten Wochenstunden ist gleich der Zahl der insgesamt abgerechneten Wochenstunden dividiert durch die Zahl der Praxen, die abgerechnet haben. Aber die Zahl der Praxen ist insofern unbekannt, als aus dem Pool aller abrechnenden Praxen eine jeweils unterschiedliche Zahl von Praxen die betreffenden Ziffern abrechnen. Diese Ausgangslage ist vergleichbar der, in der man aus einem Behälter mit Kugeln einige herausnimmt, abzählt, wieder zurücklegt und erneut zieht. Man berechnet daher eine mittlere Zahl an Kugeln (bzw. Praxen) P bei einer bestimmten Zahl von Zügen (bzw. Abrechnungsziffern) wie folgt:

Gegeben sind zwei Größen q (hier Anzahl der abgerechneten Ziffern bzw. Sitzungen) und p (hier Anzahl der abrechnenden Praxen), deren Multiplikation p*q = q*p = ∑q(i)*p(i) eine Punktemenge ergibt, in der ein Mittelwert P (= Zahl der im Mittel abrechnenden Praxen) gefunden werden soll, und zwar so, dass

∑q(i)*(P - p(i))2 ein Minimum wird. Dazu wird die erste Ableitung nach P gleich Null gesetzt:
2*∑ q(i)*(P - p(i)) = 0, womit folgt:
P = ∑q(i)*p(i) / ∑q(i)

Unter Verwendung von P berechnet man die im Quartal durchschnittlich abgerechneten Sitzungen (AzQ) als Gesamtzahl der abgerechneten Sitzungen (bzw. Ziffern) dividiert durch P:
AzQ = ∑q(i) / ∑q(i)*p(i) / ∑q(i) = (∑q(i))2 / ∑q(i)*p(i)

Die p(i) sind gleich der AnzP(i). Die q(i) stehen in der Fachgruppenstatistik, die die Abrechnungsabteilung der KV führt, sie sind auf dem Quartalsabrechnungsbogen aber nicht zu finden. Daher werden sie geschätzt durch q(i) = AzS(i)*AnzP(i). Setzt man diese Terme in AzQ ein, ergibt sich Formel 3.  


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