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Nicht zukunftsfähig [1] - Illustre Experten fordern einen grundsätzlichen Paradigmenwechsel


 

An Konzepten und Vorschlägen für eine Fortsetzung der Gesundheitsreform - wahlweise auch als Korrektur oder Rücknahme oder Weiterentwicklung der letzten Reform bezeichnet - gibt es im Vorfeld der Bundestagswahl gewiss keinen Mangel. So manche Expertise erhält besondere Aufmerksamkeit durch den Kreis der Gesundheitsexperten, die an ihrer Erstellung teilgenommen haben. Bei der Stellungnahme "Innovation im Gesundheitswesen", die unter der Leitung des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung in einem dreijährigen Diskussionsprozess entwickelt wurde, ist einige öffentliche Aufmerksamkeit garantiert. An der Arbeit in einem Meta-Forum hatte sich unter der Leitung des früheren sächsischen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf ein sehr attraktiver Teilnehmerkreis zusammengefunden. Die Teilnehmerliste nennt mehrere Staatssekretäre aus den Bundesländern, den Staatssekretär im BMG, Klaus-Theo Schröder, ebenso wie die frühere Gesundheitsministerin Andrea Fischer und die Professoren Klaus-Dirk Henke und Friedrich-Wilhelm Schwartz.

Das Ergebnis dieser Arbeit ausgewiesener Experten ist eine Stellungnahme, die einen grundlegenden Paradigmenwechsel fordert, "um grundsätzlich neue Potentiale zur Verbesserung des Gesundheitswesens erkennen und realisieren zu können". Das Credo lautet: "Mehr Gesundheit und Versorgungssicherheit kann nur erreicht werden, indem gesellschaftliche Gruppen auch außerhalb des expliziten Gesundheitsversorgungssystems Verantwortung übernehmen und indem die volkwirtschaftliche Bedeutung von Gesundheitsleistungen und Gesundheitsvorsorge neu bewertet wird."

Das Diskussionspapier beschränkt sich nicht auf Vorschläge zur Gestaltung der kurz- und mittelfristigen Gesundheitspolitik. Gefordert wird vielmehr im Rahmen einer eher langfristigen Perspektive eine umfassende Neugestaltung des deutschen Gesundheitswesens, um auf folgende "Megatrends" reagieren zu können:

  • Globalisierung und Europäisierung
  • demographischer Umbau und Wandel
  • rapide Zunahme chronischer und psychischer Erkrankungen
  • kontinuierliche Zunahme der Gesundheits- und Krankheitsausgaben und wachsende Bedeutung der Konsumenten im Gesundheitsmarkt
  • technologischer Wandel
  • Individualisierung der Lebensweisen und ein neues aktives und ganzheitliches Gesundheitsverständnis vieler Versicherter und Patienten.

Die Autoren gehen davon aus, dass das deutsche Gesundheitswesen in seiner derzeitigen Organisations- und Finanzierungsform nicht ausreichend auf die Megatrends vorbereitet und damit nicht zukunftsfähig ist. Nur durch eine grundlegende Umorientierung und langfristige Investitionen könnten fundamentale Prinzipien des deutschen Sozial- und Gesundheitswesens - Solidarität und gleiche Chancen auf Gesundheit - auch in Zukunft gewährleistet werden.

In einem umfangreichen und bei genauerer Betrachtung durchaus anspruchsvollen Katalog werden "exemplarische Innovationsimpulse" für das Gesundheitswesen als "besonders wirkungsvoll" identifiziert. Darin heißt es etwa:

 

  • Einleitung einer gesellschaftlichen Grundsatzdiskussion und -entschei­dung über das Verhältnis von Beitrag und Leistung im Gesundheitswesen
  • Definition messbarer und vergleichbarer Gesundheitsziele auf nationaler und regionaler Ebene
  • Entkoppelung der Beiträge für die GKV von den Arbeitkosten und Entwicklung alternativer Finanzierungsmodelle
  • Etablierung eines Systems von Gemeindeschwestern, die Verschreibungsverantwortung für Arzneimittel und Medizinprodukte erhalten sollen.
  • Delegation von Aufgaben an nichtärztliches Personal
  • Definition eines Basisleistungskataloges und regelmäßige Überprüfung der Aufnahme und Entfernung von Leistungen
  • Entwicklung integrierter regionaler Versorgungskonzepte (Behandlungspfade) mit Kostenerstattung über sektorenübergreifende Komplexpauschalen
  • Stärkung der Patientenrechte (Recht der Patienten auf ihre persönlichen Gesundheitsdaten)
  • Durchführung von Pilotvorhaben zur Einführung ergebnisorientierter Vergütungen
  • Zusammenführung der Kranken- und der Pflegeversicherung
  •  Aufnahme der Gesundheitsbildung in die Lehrpläne ab dem Kindergarten bis zur beruflichen Weiterbildung.



[1] Quelle: Gesundheitspolitischer Informationsdienst (gid) Ausgabe 21 vom 14.07.2009; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

 


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