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Effektivität von Kognitiver Verhaltenstherapie bei Schizophrenie. Ein Kommentar zur Meta-Analyse von Lynch, Laws et al. (2009).


Kognitive Therapie bei Schizophrenie? Für viele noch bis in die Neunziger Jahre hinein eine unmögliche Vorstellung, wurde doch Schizophrenie in klinischen Lehrbüchern explizit als Kontraindikation für die meisten psychotherapeutischen Ansätze aufgeführt. Entgegen dieser Skepsis haben überwiegend britische Forscher seit Beginn der 1990er Jahre kognitiv-behaviorale Interventionen (Cognitive Behavioral Therapy, CBT) für Positivsymptome der Schizophrenie vorangetrieben (Fowler, Garety, & Kuipers, 1995; Chadwick, Birchwood, & Trower, 1996). Eine Reihe aktueller Meta-Analysen (MA) (Zimmermann, Favrod, Trieu, & Pomini, 2005; Lincoln, Suttner, & Nestoriuc, 2008; Wykes, Steel, Everitt, & Tarrier, 2008) zeigen einen signifikanten Effekt von CBT zur Reduktion von Positivsymptomatik und allgemeiner Psychopathologie, der nach Cohens (1992) Klassifikation von Effektstärken im kleinen bis mittleren Beriech einzuordnen ist. In England ist CBT Bestandteil der Leitlinien des National Institutes for Clinical Excellence zur Behandlung von Schizophrenie. In Deutschland stoßen die Ansätze auf wachsendes Interesse und werden inzwischen auch in den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde empfohlen.

Lynch, Laws und McKenna (in press) werteten nun im Rahmen einer MA nochmals randomisierte kontrollierte Studien zur Evaluation von CBT bei Schizophrenie, Depression und bipolaren Störungen aus und kommen zu einem anderen Resultat als die oben erwähnten Metaanalysen: Sie finden für Schizophrenie keinen Effekt von CBT, weder für die Symptomreduktion zum Ende der Therapie, noch für die Reduktion von Rückfällen. Während dieses zunächst nachdenklich stimmende Ergebnis von Skeptikern vielleicht als Bestätigung ihrer Bedenken gewertet und in Internetforen oder Newslettern in Umlauf gebracht wird (z.B. in www.schizophrenia.com oder in DNP - Der Neurologe & Psychiater, 08.07.2009) sind vor allem Praktiker verunsichert. Ist CBT bei Schizophrenie nun indiziert oder nicht?

Voraussetzung für die Bewertung der MA von Lynch et al. ist zunächst eine grobe Kenntnis der Designs der Originalstudien, die allen MA in diesem Bereich zu Grunde liegen. In diesen Studien wurde entweder CBT in Kombination mit Treatment-As-Usual (TAU = Medikation und ggf. kurze Arztkontakte) mit TAU alleine verglichen („passives“ Kontrollgruppendesign) oder es wurde CBT + TAU mit einer unspezifischen oder alternativen Therapiemethode + TAU verglichen („aktives“ Kontrollgruppendesign). Des Weiteren haben alle Studien gemeinsam, dass das wesentliche Outcomemaß eine fremd-beurteilte Symptomrating-Skala ist, wie z.B. die Brief Psychiatric Rating Scale (Overall & Gorham, 1962) oder die Positive and Negative Syndrome Scale (Kay, Fiszbein, & Opler, 1987). Dies soll die Vergleichbarkeit zu Pharmastudien gewährleisten. In vielen weiteren Aspekten sind die Originalstudien äußerst heterogen. Dies betrifft z.B. die Definition von CBT, die Länge der Behandlung, die Zeitpunkte der Follow-up-Untersuchungen, die Ausbildung der Behandler, das Format der Therapie, die Kriterien für Rückfälle, die Art der Kontrollintervention, die Enge der Einschlusskriterien im Hinblick auf Intervention und Stichprobe und diverse Aspekte der Studienqualität (z.B. die Verblindung der Rater, die Art der Randomisierung, die Reliabilität der Messinstrumente etc.). 

Rational und Vorgehen von Lynch et al.

Lynch et al. (2009) bemängeln, dass einerseits manche methodisch gut durchgeführten kontrolliert randomisierten Studien keinen Effekt zu Gunsten von CBT finden, andererseits die Aussagen zur Wirksamkeit sich überwiegend auf MA stützen, die wiederum insgesamt die Wirksamkeit von CBT für Schizophrenie bestätigen. Die Rechtfertigung für den ansonsten etwas widersinnig erscheinenden Versuch zur Lösung dieses Problems erneut eine MA durchzuführen, begründen sie damit, dass bisherige MA versäumt hätten, qualitativen Studienmerkmalen, insbesondere dem Vorliegen eines blinden Symptomratings und einer aktiven Kontrollgruppenbehandlung, hinreichendes Gewicht zu geben.

In ihrer Analyse bewerteten die Autoren die Effektivität von CBT für Schizophrenie im Hinblick auf den Zeitpunkt zum Ende der Therapie (Post) und im Hinblick auf Rückfälle. Für ersteres beziehen sie nur Studien ein, die CBT im Vergleich zu einer Kontrollintervention untersucht haben. Verblindung der Symptomratings wurde zwar nicht als Einschlusskriterium festgelegt, aber als Moderatorvariable mit untersucht. Für die Auswertung der Rückfall-Effekte wurden auch Studien ohne aktive Kontrollgruppe zugelassen. Allerdings musste eine Symptom-bezogene Definition von Rückfall vorliegen. Rehospitalisierungsraten allein genügten nicht. Diese Kriterien führten zum Einschluss von neun Studien für die Berechnung der Post-Effektstärken und acht Studien für die Berechnung der Rückfall-Effektstärken. Weder für die Gesamtpsychopathologie zum Therapieende noch für Rückfälle zeigte sich ein Überlegenheitseffekt von CBT gegenüber der Kontrollintervention. Lediglich für die Verbesserung von Positivsymptomatik ergab sich ein kleiner signifikanter Effekt zu Gunsten von CBT, allerdings legte die Moderatoranalyse nahe, dass dieser Effekt maßgeblich auf die zwei unverblindeten Studien zurückführbar ist. Die Autoren schlussfolgern, dass CBT für Schizophrenie nicht besser sei als unspezifische Kontrollbehandlungen und nicht zur Reduktion von Rückfällen beitrage. Dieser Schluss kann jedoch meines Erachtens auf Grund von Schwächen in dem methodischen Vorgehen sowie vor dem Hintergrund bisheriger meta-analytischer Befunde nicht ohne Weiteres gezogen werden.

Zur Methode: Mangelhafte Transparenz, willkürliche Einschlusskriterien

Um systematische Verzerrungen durch meta-analytische Auswertung zu reduzieren und widersprüchliche Ergebnisse verschiedener Meta-Analysen bewerten zu können, hat die QUORUM-Gruppe bereits 1999 detaillierte Richtlinien zur Berichterstattung von Meta-Analysen herausgegeben (Moher et al., 1999), die in einem jüngst erschienenen Update weiter spezifiziert werden (Moher, Tetzlaff, Altman, & The-PRISMA-Group, 2009). In ihre Methoden- und Ergebnisdarstellung befolgen Lynch et al. allerdings nur etwa ein Viertel der Anforderungen dieser Richtlinien, was die Nachvollziehbarkeit ihrer MA extrem erschwert. Beispielsweise sind die Suchbegriffe nicht angegeben, die Kriterien und Methode für das Validitätsrating und andere Studiencharakteristika nicht expliziert, die Methode der Befundintegration wird rudimentär skizziert ohne Angabe von Formeln oder Literaturquellen, die Prozesse der Datenextraktion sind nicht dargestellt, die Charakteristiken der einbezogenen Originalstudien im Hinblick auf Design, Population, Intervention etc. sind nicht dargestellt, es wird nicht dargestellt, welche Studien ein- und ausgeschlossen wurden, aus welchen Gründen und zu welchem Zeitpunkt im Selektionsprozess, und es werden keine Angaben zu Übereinstimmungen von Ratern im Hinblick auf die Bewertung der Studienmerkmale gemacht. Es bleibt sogar unerwähnt, ob überhaupt unabhängige Rater die Studienmerkmale bewerteten. 

Über das im Studienrational begründete Kriterium, dass eine aktive Kontrollgrupe vorliegen muss, hinaus, stellen die Autoren weitere Ein- und Ausschlusskriterien auf, die nicht näher begründet werden. Beispielsweise ist nicht nachvollziehbar, warum als „Pilotstudy“ charakterisierte Studien nicht einbezogen werden können, sofern sie alle anderen Kriterien erfüllen. Hierdurch entfallen zwei relevante Studien. Auch erscheint es nicht sinnvoll, lediglich spezifisch definierte Symptomverschlechterung als langfristig relevantes Rückfallkriterium anzuerkennen, nicht aber Symptomausprägungen als solche oder Rehospitalisierungsraten, für die im Übrigen in anderen Meta-Analysen Wirksamkeitsnachweise vorliegen (Lincoln et al., 2008). Schließlich basieren die Symptomverschlechterungen ebenfalls auf Symptomratings und sind deshalb nicht - wie von den Autoren behauptet – weniger von „Observer-Bias“ geprägt. Ein solches „härteres“ Kriterium wäre demgegenüber Rehospitalisierung, was die Autoren jedoch nicht als abhängige Variable zulassen. Allein durch den Ausschluss von Rehospitalisierung als Rückfallkriterium entfallen fünf weitere Studien. Problematisch ist auch, dass Kriterien, die am Anfang nicht dargelegt wurden, dann, willkürlich erscheinend, in den Ausschlussbegründungen für die einzelnen Studien auftauchen. Zum Beispiel ist dem Online zur Verfügung gestellten Material zu entnehmen, dass Studien ausgeschlossen wurden, die neuro-kognitive Trainings als Kontrollintervention einsetzten oder Patienten mit komorbidem Substanzmissbrauch zuließen. Darüber hinaus wurden für die Berechnung der Post-treatment-Effekte zwei neuere Studien mit positiven Befunden für CBT ausgeschlossen (Jackson et al., 2008; Lecomte et al., 2008) mit der Begründung, dass die Stichproben mehr als 20% „affektive Psychosen“ beinhalteten. Für die Rückfall-Effektberechnung wurden wiederum zwei weitere Studien ausgeschlossen, die positive Effekte für CBT aufzeigten, mit der Begründung, dass diese längere Follow Up-Zeiträume untersuchten (Drury, Birchwood, & Cochrane, 2000; Turkington et al., 2008).

Da die inhaltlichen Kriterien für CBT lediglich kurz skizziert werden, bestehen zudem wenig Anhaltspunkte, um nachzuvollziehen, warum bestimmte weitere Studien ein- oder ausgeschlossen wurden. Einige Studien, die ein aktives Kontrollgruppendesign aufweisen und in andere MA einbezogen wurden (Levine, Barak, & Granek, 1998; Wykes et al., 2005) erscheinen noch nicht mal auf der Liste ausgeschlossener Studien, während andererseits die Studie von Hogarty et al. (1997) eingeschlossen wurde, deren Intervention weder von Hogarty selbst noch von den Autoren anderer Meta-Analysen als CBT definiert wurde. Inkonsistent ist zudem, dass einerseits Studien mit der Begründung ausgeschlossen wurden, dass die Intervention zusätzliche Elemente wie „motivational interviewing“ oder „psychoedukativen Familieneinbezug“ enthielt, gleichzeitig aber andere Studien eingeschlossen wurden, deren Interventionen ebenfalls „motivational interviewing“ beinhaltete (Haddock et al., 2009) oder die Familienmitglieder einbezog (Drury, Birchwood, Cochrane, & Macmillan, 1996).

Zur Interpretation: Was kann aus diesen Ergebnissen gefolgert werden?

Bereits durch die Einschränkung auf aktive Kontrollgruppendesigns erfolgte eine extreme, aber immerhin begründete Selektion der vorhandenen Studien. Die vielen zusätzlichen Selektionskriterien führten schließlich dazu, dass von inzwischen ca. 40 durchgeführten randomisiert kontrollierten Studien, lediglich 13 in diese MA einbezogen wurden. Der gemeinsame Nenner ist aufgrund der intransparenten und teils nicht begründeten Selektionskriterien selbst bei diesen 13 Studien nicht auszumachen, sodass der Befund eines fehlenden Effektes nicht haltbar ist. Zwar könnte auch die Studie von Garety et al. (2008), die erst nach der letzten international publizierten MA von Wykes et al. (2008) erschienen ist, und keinen signifikanten Effekt von CBT im Bezug auf Rückfälle gefunden hat, dazu beigetragen haben, die Ergebnisse im Hinblick auf Rückfälle nach unten zu ziehen. Andererseits erscheint es unwahrscheinlich, dass eine einzige Studie die Ergebnisse so maßgeblich beeinflusst hat.

Selbst wenn Lynch et al. sich tatsächlich stringent auf Studien beschränkt hätten, die ein aktives Kontrollgruppendesign aufwiesen, wäre die Diskussion und Interpretation der Ergebnisse durch die Autoren verkürzt. So setzen sie zwar für die Kontrollgruppeninterventionen voraus, dass diese nicht effektiv und unspezifisch sein sollen, beziehen aber Kontrollgruppeninterventionen ein, die durchaus Schizophrenie-spezifische Elemente enthalten oder inhaltlich nicht deutlich von einem kognitiv-orientierten Vorgehen abgegrenzt sind. So wurde in der Studie von Durham (2003) in der Kontrollgruppe ein psychodynamisch orientierter Ansatz verwendet, der speziell entwickelt wurde, um mit Patienten psychotische Erlebnisse aufzuarbeiten und sie darin zu unterstützen, die Erkrankung im Kontext ihrer Lebensgeschichte und der nicht bewältigten Affekte zu verstehen. Die Studie von Bechdolf (2004) und z.T. auch die Studie Valmaggia et al. (2005), die ebenfalls keinen Wirksamkeitsnachweis für CBT aufzeigen konnten, setzten Psychoedukation als Kontrollintervention ein, die in vielen deutschsprachigen Kliniken als die spezifische Behandlungsmethode der Wahl eingesetzt wird (Rummel-Kluge, Pitschel-Walz, Bäuml, & Kissling, 2006) und die – zumindest unter Einbezug der Familie - durchaus eine wirksame Intervention darstellt (Lincoln, Wilhelm, & Nestoriuc, 2007). Schon allein der Ausschluss dieser Studien mit spezifischen Interventionselementen aus der MA von Lynch et al. hätte einen Anstieg der durchschnittlichen Effektstärken für die Symptomverbesserung zu Therapieende um über 50% zur Folge gehabt. Zwar sollten den Autoren einer MA die Schwächen der Studiendesigns in den Primärstudien nicht angelastet werden, allerdings sind sie sehr wohl dafür verantwortlich, die Effekte aus verschiedenen Studiendesigns sinnvoll zu integrieren und zu interpretieren. Dass Lynch et al. in einem Pool von Studien mit spezifischeren und unspezifischeren Kontrollgruppen keinen Effekt zu Gunsten von CBT finden, lässt m.E. nicht den Schluss zu, dass der Effekt von CBT über unspezifische Effekte nicht hinausgeht. Möglicherweise könnte eine Analyse der gemeinsamen Merkmale von erfolgreichen CBT und erfolgreichen Kontrollinterventionen aber bei der Identifizierung effektiver Bestandteile behilflich sein.

Bei dem Vergleich der Effektstärken von CBT für Schizophrenie mit denen von CBT bei anderen psychischen Störungen, sollte schließlich bedacht werden, dass die Versuchsdesigns zur Evaluation der psychotherapeutischen Interventionen bei Schizophrenie sich von denen, die üblicherweise im Bereich anderer psychischer Störungen eingesetzt werden (siehe auch die Mehrzahl der Depressionsstudien in der MA von Lynch et al.) unterscheiden. Während dort in der Regel der Vergleich einer Intervention mit einer unspezifischen Kontrollintervention oder Wartegruppe gezogen wird, wird in diesem Bereich untersucht, ob eine psychologische Intervention in Kombination mit einer wirksamen medikamentösen Therapie einer reinen medikamentösen Therapie überlegen ist. Solche differentiellen Therapieeffekte entsprechen in der Regel bereits bei kleinen Effektstärken klinisch bedeutsamen Veränderungen. Durch diese Versuchsdesigns muss bereits der Nachweis der Überlegenheit von CBT über die wirksame medikamentöse Behandlung hinaus erbracht werden. Deshalb ist der  Versuch die Überlegenheit von CBT über Medikation in Kombination mit einer spezifischen oder unspezifischen anderen Intervention möglicherweise ohnehin als überoptimistisch  einzustufen. Für die klinische Praxis spielt ein solcher Vergleich ohnehin eine untergeordnete Rolle, solange es nicht darum geht, ob eine bereits etablierte andere Form der Psychotherapie durch CBT abzulösen ist.

Des Weiteren ist für die Interpretation der Ergebnisse bedeutsam, dass die CBT-Interventionen überwiegend für die Behandlung von Positivsymptomen wie Wahn und Halluzinationen entwickelt wurden und hierfür den deutlichsten Effektivitätsnachweis zeigen (Zimmermann et al., 2005; Wykes et al., 2008). Durch die Integration von differenzierteren Symptomskalen wird die in vielen Studien erfolgte Differenzierung von Symptombereichen in der MA von Lynch et al. zu Gunsten eines Global Maßes aufgehoben. Bei solchen Maßen führt aber eine Änderung in einem für einen Patienten relevanten Symptom (z.B. Halluzinationen) nur zu einer vergleichsweise geringen Änderung auf der Gesamtskala, was sich wiederum negativ auf die Effektstärke auswirkt. Symptomspezifischere und homogenere Skalen, wie sie in Effektivitätsstudien im Bereich Angst und Depression üblicher sind, würden die Effekte besser abbilden und auch eine bessere Vergleichbarkeit zu den Evaluationsstudien bei anderen psychischen Störungen gewährleisten. Darüber hinaus erschwert die einseitige Ausrichtung auf Fremdbeurteilungsskalen die Vergleichbarkeit zu Ergebnissen aus Evaluationsstudien bei anderen psychischen Störungen. Trotz der Vorteile von Fremdbeurteilungsskalen, sind diese letztlich auch in gut kontrollierten Studien anfällig für Beobachterbias, auch in der Pharmaforschung (Margraf et al., 1991). Da sich gezeigt hat, dass Patienten sehr wohl in der Lage sind, im Hinblick auf Positivsymptome zuverlässig Auskunft zu geben (Lincoln, Ziegler, Lüllmann, Müller, & Rief, in press), könnten Selbstratingskalen in der Therapieforschung bei Schizophrenie eine sinnvolle Ergänzung zur Fremdbeurteilung darstellen.

Schließlich müssen Rational, Ergebnisse und Interpretation der MA von Lynch et al. auch vor dem Hintergrund bisheriger MA beleuchtet werden. Lynch et al. begründen die Notwendigkeit einer neuen MA zwar damit, dass bisherige MA die methodische Qualität der Studien nicht hinreichend berücksichtigt hätten, aber diese Kritik ist lediglich im Hinblick auf die frühen MA in diesem Beriech gerechtfertigt (Gould, 2001; Rector & Beck, 2001; Pilling et al., 2002). Alle neueren MA (Tarrier & Wykes, 2004; Zimmermann et al., 2005; Lincoln et al., 2008; Wykes et al., 2008) haben den Effekt von Studienqualität auf die Effektstärken untersucht und sich dabei sowohl auf das blinde Rating konzentriert als auch auf weitere relevante Aspekte der Studienqualität. Insbesondere die MA von Wykes et al. (2008), die 34 randomisiert kontrollierte Studien auswertete, hat sich dem Problem der Studienqualität im Detail gewidmet und dabei sowohl die moderierende Wirkung einzelner methodischer Aspekte als auch die Kombination von Validitätsmerkmalen auf die Effektstärken untersucht. Auch in dieser MA gab es Hinweise darauf, dass die Effekte kleiner ausfallen, wenn die Ratings verblindet vorgenommen werden. Dennoch gab es auch innerhalb der Studien mit verblindeten Ratings noch einen signifikanten Effekt zu Gunsten von CBT. Zudem wurde auch in bisherigen MA nach aktiven und passiven Kontrollgruppen unterschieden (Jones, Cormac, Silveira da Mota Neto, & Campbell, 2004; Zimmermann et al., 2005; Lincoln et al., 2008). Auch diese MA zeigen, dass die Wirksamkeit von CBT in aktiven Kontrollgruppendesigns geringer ausfällt als wenn CBT lediglich mit TAU verglichen wird. Beispielsweise zeigte sich die Überlegenheit für CBT im Vergleich zu den aktiven Kontrollgruppen in unserer MA nur im Follow-up, nicht aber zum Post-Zeitpunkt (Lincoln et al., 2008). Die grundsätzliche Erkenntnis, dass die Effekte bei Studien mit verblindeten Ratings oder bei Vergleichen zu aktiven Kontrollgruppen kleiner ausfallen ist also nicht neu.

Abschließende Bewertung

Lynch et al. haben gezielt den Finger auf bereits bekannte Schwachstellen in der Evaluationsforschung gelegt und dabei nochmal gezeigt, dass die Effekte geringer ausfallen, wenn einerseits auf ein blindes Rating geachtet wird und andererseits eine starke Kontrollintervention eingesetzt wird. Dass sie in ihrer MA in der über die Eingangskriterien hinaus extrem selegierten Stichprobe im Gegensatz zu anderen MA nunmehr keinen signifikanten Nachweis mehr zu Gunsten von CBT finden, ist aufgrund der intransparenten Selektion der Studien und der mangelnden Transparenz des methodischen Vorgehens nicht bewertbar und sollte als einzig abweichendes Ergebnis gegenüber den Ergebnissen aus einer Reihe von weiteren MA mit gegenteiligen Befunden (Pilling et al., 2002; Jones et al., 2004; Zimmermann et al., 2005; Lincoln et al., 2008; Wykes et al., 2008) nicht überinterpretiert werden. Zwar haben sie einige methodische Schwächen der ersten MA in diesem Feld zu kontrollieren versucht, dabei aber andere methodische Fehler gemacht, die ihre MA mindestens genauso angreifbar machen. In der Konsequenz unterstreicht die Debatte dennoch, dass die Frage der Effektivität von CBT bei Schizophrenie vielleicht noch weiterer Klärung bedarf, und zusätzliche, gut angelegte klinische Studien nötig sind. Darüber hinaus könnte eine gezielte Analyse von Merkmalen erfolgreicher und nicht erfolgreicher methodisch gut durchgeführter Trials sowie eine kritische Reflexion über sinnvolle Kontrollinterventionen und primäre Outcomemaße die Evaluationsforschung in diesem Bereich sinnvoll vorantreiben. 

Literaturverzeichnis

 

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PD Dr. Tania Lincoln

Korrespondenzadresse:

AG Klinische Psychologie und Psychotherapie
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Zur Autorin:  PD Dr. Tania Lincoln ist Psychologische Psychotherapeutin und akademische Rätin in der Arbeitsgruppe für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Philipps-Universität Marburg. Ihre Forschungsschwerpunkte liegt in der Grundlagen- und Therapieforschung für Schizophrenie und Angststörungen. Sie ist Initiatorin und Leiterin eines Projektes, bei dem ein Versorgungsangebot für Personen mit Schizophrenie geschaffen wurde, das auf neuesten Erkenntnissen aus der randomisiert-kontrollierten Evaluation von KVT bei Schizophrenie aufbaut und diese in enger Kooperation mit bereits bestehenden Versorgungsstrukturen in die klinische Praxis überträgt.


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