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Gesundheitsförderung als Stärkung von Widerstandsressourcen: Für mehr soziale Gerechtigkeit

Tagungsbericht zur Jahrestagung der Gesellschaft für Gemeindepsychologische Forschung und Praxis e.V. (GGFP), 19. & 20. Juni 2009 in München


Am 19. und 20.06.2009 fand unter dem Titel „Gesundheitsförderung als Stärkung von Widerstandsressourcen: Für mehr soziale Gerechtigkeit“ die Jahrestagung der Gesellschaft für Gemeindepsychologische Forschung und Praxis e.V. (GGFP) in den Räumen des Deutschen Jugendinstituts (DJI) in München statt. Thema der Tagung waren die Situation der Feldes Gesundheitsförderung und die Chancen für mehr Gesundheit angesichts gegenwärtiger Lebensbedingungen, die vielfach durch gesellschaftliche und soziale Exklusion, Unsicherheit, Armut und prekarisierte Verhältnisse sowie durch Einschränkung psychosozialen Wohlbefindens der Menschen gekennzeichnet sind.

Welche Auswirkungen hat dies auf Gesundheit, und wie ist dem zu begegnen? Welche Alternativen bestehen jenseits der Erklärungsmodelle und Therapieangebote, die eine pathogenetisch und krankheitspräventiv ausgerichtete Medizin vertritt? Die Tagung suchte nach Antworten auf diese Frage.

Ebenso wie frühere Tagungen der GGFP zeichnete sich auch diese dadurch aus, dass Praktikerinnen bzw. Praktiker und Wissenschaftler­innen bzw. Wissenschaftler gleichberechtigt und respektvoll miteinander diskutieren, woraus sich häufig eine gelungene Verschränkung der Perspektiven ergibt. Auch diesmal fanden sich ca. 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Praxis und Wissenschaft in München ein.

Das inhaltliche Programm der Tagung begann am Freitag mit dem Vortrag „Gesundheitsförderung – ein Weg zu mehr Gerechtigkeit?“ von Toni Faltermeier (Universität Flensburg), der einleitend noch einmal die Diskussionen um Gesundheitsförderung der letzten zwei Jahrzehnte und die daraus sich ergebenden Perspektiven von Gesundheitsförderung thematisierte. Ausgangspunkt ist dabei die Ottawa-Charta der Weltgesundheitsorganisation WHO mit Ihrer Kritik am medizinischen Krankheits- und Störungsmodell und den zugehörigen Therapie- und Präventionskonzepten. Die Charta stellt dem bekanntlich ein salutogenetisches Modell von Gesundheit/ Krankheit gegenüber, das alltagsweltliche und gesellschaftlich-politische Bedingungen einbezieht und die Beendigung bzw. Verringerung von Armut und sozialer Ungleichheit (Exklusion) als Voraussetzungen erachtet. Empowerment, Partizipation, Selbstbestimmung und Wohlbefinden sind Handlungsziele und –strategien auf Ebene sozialer Netzwerke und Systeme wie auf individueller Ebene. In diesem Sinne verstandene Gesundheitsförderung ist ihr vorrangiger Ansatzpunkt auf dem Weg zu mehr Gesundheit.

Grundlegende Zusammenhänge zwischen Gesundheit und sozialer Ungleichheit – vor allem hinsichtlich Bildungs-, Einkommens- und sozialem Status – sind seit langem bekannt und angesichts ökonomischer Krisen, Arbeitslosigkeit und neuer Armut virulent. Das erweiterte Modell der Salutogenese (Faltermeier) sieht Gesundheits­förderung vor diesem Hintergrund als multiprofessionelles Feld und als Querschnittsaufgabe. Es setzt an Verhältnissen und subjektiven Bedingungen an und verortet gesundheitsförderndes Handeln in spezifischen Settings. Ziel ist die Stärkung von Widerstandsressourcen gegen die sogenannten Risikofaktoren, und zwar indem – über Stärkung personaler Ressourcen hinaus – auf mehr soziale Gerechtigkeit hingearbeitet wird.

Gesundheit ist, wie Faltermeier noch einmal herausstellte, zugleich Voraussetzung wie Resultat sozialer und gesellschaftlicher Teilhabe. Angesichts dessen ist „Gerechtigkeit“ ein umfassendes politisches, soziales, psychologisches und ethisches Thema. Sie bedeutet den Chancenausgleich unter anderem hinsichtlich Risiken und Gefährdung, gesundheitlichen Ressourcen, Wissen und Handlungskompetenzen sowie Zugangschancen zu professionellen Gesundheitsangeboten.

Unter Hinweisauf das weiter ungelöste „Präventionsdilemma“ (Menschen aus höheren Statusgruppen nehmen Präventionsangebote mehr wahr und profitieren mehr davon), stand abschließend die These zur Diskussion, dass die Praxis der Gesundheitsförderung gesellschaftliche Ungleichheit nicht kompensieren kann bzw. dieser Anforderung nicht entsprechen kann.

Nach Auffassung des Plenums der Tagungsteilnehmerinnen und Tagungsteilnehmer dürfte dazu vielmehr eine multiple politische Handlungsweise erforderlich sein, in der politische Stellungnahmen von Verbänden und einzelnen engagierten Professionellen und politische Selbstorganisation von unten bzw. von „Betroffenen“ zusammen Einfluss auf kommunale und überregionale politische Entscheidungstragende aufbauen. Weitere Punkte der Debatte waren, ob gezielte Förderung benachteiligter Gruppen eine Lösung sein und wie sie aussehen kann? Gesundheitsfördernde „Angebote“ – z.B. als relativ eingegrenzte/begrenzte Programme – und Strukturförderung stehen sich oft als Alternativen gegenüber, obwohl das nicht zwingend ist. Dass in struktureller Förderung die Menschen als Subjekte nicht ausreichend wahrgenommen werden ist eine Gefahr, der aber durch Prozesse partizipativer Entwicklung struktureller Maßnahmen begegnet werden kann. Auch die Frage nach Erschöpfung bei vielfältiger sozio-ökonomischer Benachteiligung wurde erörtert. Mit Maßnahmen entsprechend dem Aktivierungsdiskurs kommt man bei „den Erschöpften“ schwerlich weiter; stattdessen kann zunächst allgemeine Erholung ein wichtiger Schritt sein, um neue Perspektiven zu schöpfen.

Vier anschließende Arbeitsgruppen vertieften am Freitag den Themenkomplex entlang der Dimensionen bzw. Felder Gesundheitsförderung & soziale Ungleichheit (moderiert von Manfred Cramer), Gesundheitsförderung & Migration (Angela Kühner, Hubertus Schröer), Gesundheitsförderung & Gender (Simone Kreher, Christine Daiminger) und Gesundheitsförderung durch Gesundheitsbildung? (Toni Faltermeier).

Den Abschluss des Tages bildete am Abend eine Talkrunde mit Asita Behzadi, Ulrike Kluge, Irene Kühnlein und David Vossebrecher. Dies erwies sich als gelungene und „niedrigschwellige“ Möglichkeit, den bisherigen Tagungsverlauf entlang der Eindrücke der ‚Talkenden‘, die jeweils an einer der Arbeitsgruppen teilgenommen hatten, zu reflektieren. Das Plenum griff diese Möglichkeit dankbar auf, so dass sich ein reger, offener Austausch entwickelte.

Zudem zeigte sich die Tagung schon zum Ende des ersten Tages als Treffen, bei dem politische und soziale Implikationen professioneller Arbeit in den Feldern der Gesundheitsförderung und Prävention, gemeindeorientierter klinische Psychologie, der Psychotherapie, psychosozialer Beratung, Sozialer Arbeit, interkultureller Arbeit etc. offensiver und weitaus intensiver diskutiert werden als anderswo. Die entsprechende kritische Reflexion richtete sich an diesem Abend v.a. auf die Komplexität des Feldes Gesundheitsförderung und seine politischen Widersprüchlichkeiten. Auch die eigene professionelle Rolle als Gemeindepsychologinnen und –psychologen birgt die Gefahr, zum Beispiel über Empowerment- und Partizipationsstrategien neue normative Zwänge zu erzeugen.

Der Samstag begann mit einem Blick auf gemeindepsychologische Perspektiven im 13. Kinder- und Jugendbericht durch Heiner Keupp, der als Vorsitzender der Kommission für den 13. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung federführend in der Erstellung des Berichts war. Er stellte dar, wie – in groben Zügen – die multidisziplinäre Kommission inhaltlich zusammenarbeitete und welche gemeindepsychologischen Kernkonzepte bzw. Perspektiven in den Bericht eingegangen sind. Das originär gemeindepsychologische Konzept Empowerment – und mit ihm eng verbunden: Partizipation – erhält im 13. Kinder- und Jugendbericht (BMFSFJ 2009)  eine sehr bedeutende Rolle hinsichtlich Gesundheitsförderung. Darüber hinaus ist die gesamte Argumentationsrichtung des Berichts in grundlegender Übereinstimmung mit gemeindepsychologischen Theorien, was seinen Grund auch darin hat, dass schon die Ottawa-Charta der WHO auf gemeindepsychologische und andere sozialökologische Prinzipien verdeckt Bezug nahm (Jeschke, Vossebrecher & Zaumseil 2007). Stichworte hinsichtlich der Übereinstimmung sind unter anderem: Stärken- bzw. Kompetenzorientierung, Setting- und Netzwerkperspektive, Salutogenese, Selbstbestimmung, Inklusion, Lebenswelt- und Alltagsorientierung. Der große Einfluss solchen Denkens auf die Ist-Analyse sowie die Vorschläge im 13. Kinder- und Jugendbericht ist ein großer Erfolg für das sozial-ökologische Paradigma insgesamt.

Darüber hinaus räumt der Bericht angesichts der skandalösen, engen Verbindung von sozialer Ungleichheit und Gesundheit/Krankheit dem Thema Gerechtigkeit einen prominenten Platz ein. In dieser Diskussion geht es um die – weiterhin entlang Dimensionen wie sozio-ökonomischem Status (Armut), Geschlechtszugehörigkeit, Migrationshintergrund und Behinderung ungleich verteilten – Chancen von Heranwachsenden, Zugang zu Ressourcen zu erhalten und daraus gesellschaftliche Teilhabe zu verwirklichen. „Befähigungsgerechtigkeit“ steht für die gleichen Chancen zum Erwerb der Entwicklungsressourcen, die zu einer selbstbestimmten Lebenspraxis erforderlich sind. Eine bedeutende Rolle spielen dabei unter anderem formelle und informelle Zugänge zu Bildung (Bildungsgerechtigkeit) (vgl. Keupp 2009).

Für die gemeindepsychologische Diskussion spannend, aber dort bisher nicht allzu weit verbreitet ist das Capability-Konzept (Amartya Sen, Martha Nussbaum), dessen Überlegungen zu „Verwirkungschancen“ sich auf die gleiche Problemstellung wie Empowerment beziehen, aber die soziale/politische Dimension erfreulicher Weise stärker in den Fokus nehmen.

Im weiteren Verlauf des Tages tagten in neuer Zusammensetzung wieder AGs zu der Frage, was Gesundheitsförderung in verschiedenen Phasen der Lebensspanne, d.h. in früher Kindheit, im Jugendalter, bei Erwachsenen und im Alter, heißt. Sie wurden jeweils moderiert von Elisabeth Helming & Elfi Seus-Seberich, Dieter Kleiber & Hanna Permien, von Helga Dill sowie von Patrick Künstler & Wolfgang Gmür.

Danach erfolgte als Schlusspunkt einer intensiven Tagung am Samstagnachmittag die Abschlussdiskussion zu Anforderungen an ein Präventionsgesetz. Bernd Röhrle führte in die Debatten ein, die in den letzten Jahren in Politik und Fachverbänden um ein solches Gesetz geführt wurden und umriss damit den Hintergrund für die Diskussion aus gemeindepsychologischer Sicht. Die dann folgende Diskussion war besonders an den zur Tagung vorliegenden Entwurf für eine Münchener Erklärung zur Gesundheitsförderung:Prüfsteine für ein neues Gesundheitsförderungsgesetz geknüpft. Nach kurz gehaltenen Statements von Bernhard Scholten, Manfred Zaumseil, Ute Sonntag öffnete Heiner Keupp (Moderation) die Diskussion für den Austausch aller Tagungsteilnehmerinnen und Tagungsteilnehmer. Hier ging es um konkret-politische Problemstellungen wie die Finanzierungsverantwortung zwischen Krankenversicherung und kommunalen und öffentlichen politischen Akteuren, (kommunale) politische Handlungsmöglichkeiten sowie die Instrumentalisierungsgefahr mancher Argumente im Erklärungsentwurf für neoliberale Politik.

Die Tagung knüpfte in anregender Weise an die Themen der vergangenen Jahrestagungen – Armut und Exklusion (München 2007) und Vom schönen Leben: Sinnstiftung und Anerkennung (Berlin 2008) – und trieb diese weiter. Dabei lässt sich die zunehmend konkret expliziter werdende Politisierung der Diskussionen feststellen – ein ebenso wichtiger wie folgerichtiger Schritt für engagierte Professionelle angesichts nicht mehr nur beunruhigender, sondern bereits skandalöser gesellschaftlicher Entwicklungen. Den Organisatoren der Tagung gebührt dafür der Dank des Autors. Im Hinblick auf eine weitere Schärfung gemeindepsychologischer Perspektiven auf diese gesellschaftliche Dynamik war diese Tagung ein erfolgreicher Schritt, zumal die Prüfsteine für ein neues Gesundheitsförderungsgesetz nach breiter Diskussion mit weiteren Anregungen verabschiedet wurden.

Einzelne Vorträge und Inputs der Tagung werden auf der Internetseite der Gesellschaft für gemeindepsychologische Forschung und Praxis (GGFP) dokumentiert; dort ist auch das vollständige Programm der Jahrestagung noch verfügbar (siehe www.ggfp.de und www.ggfp.de/data/ggfp-tagung-2009-flyer.pdf).

Die endgültige Version der Münchener Erklärung zur Gesundheitsförderung:Prüfsteine für ein neues Gesundheitsförderungsgesetz wird im Anschluss an den Tagungsbericht abgedruckt.

Literatur

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2009) (Hg.). 13. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland ("Mehr Chancen für gesundes Aufwachsen - Gesundheitsbezogene Prävention und Gesundheitsförderung in der Kinder- und Jugendhilfe"). Köln: Bundesanzeiger Verlagsgesellschaft. [http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/16/ 128/1612860.pdf]

Jeschke, Karin; Vossebrecher, David; Zaumseil, Manfred (2007). Empowerment im Rahmen gemeindepsychologischer Ansätze. Zum Verhältnis von Gemeindepsychologie, Gesundheitspsychologie und Public Health. In: Lengerke, Thomas von (Hrsg.), Public Health Psychologie. Individuum und Bevölkerung zwischen Verhältnissen und Verhalten. Freiburg: Juventa.

Keupp, Heiner (2009). Die Basisphilosophie des 13. Kinder- und Jugendberichts. In: Verhaltenstherapie und Psychosoziale Praxis, 3/2009. Text online verfügbar unter: www.dgvt.de/aktuell.html

Informationen zum Autor

David Vossebrecher, Diplom-Psychologe, Jahrg. 1974
wissenschaftlicher Mitarbeiter im Labor für Organisationsentwicklung, Institut für Psychologie, Fachbereich Bildungswissenschaften, Universität Duisburg-Essen
e-Mail: david.vossebrecher@uni-due.de


Münchner Erklärung zur Gesundheitsförderung Prüfsteine für ein neues Gesundheitsförderungsgesetz download

 


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