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Einführungsrede im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung

Einführungsrede von Bernhard Scholten, Mitglied der inhaltlichen Kongressplanungsgruppe, bei der Eröffnungsveranstaltung


Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

schon wieder sind zwei Jahre vergangen und ich darf Sie heute Abend im Namen der inhaltlichen Planungsgruppe zum 26. Kongress für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Beratung hier in der Freien Universität Berlin recht herzlich begrüßen. Ich gestehe, ich wüsste nur allzu gern, was Sie – jede und jeden Einzelnen von Ihnen – bewogen hat, sich vielleicht zum ersten oder auch zum wiederholten Mal zu diesem Kongress anzumelden.

Als Mitglied der inhaltlichen Planungsgruppe freue ich mich natürlich darüber, dass Sie sich für diesen Kongress mit seinen vielfältigen Angeboten entschieden haben, denn das Angebot an großen und kleineren Tagungen und Kongressen steigt nach meiner Wahrnehmung Jahr für Jahr.

Seit 30 Jahren bin ich in unterschiedlicher Funktion und mit unterschiedlichen Aufgaben und Verantwortungsbereichen Mitglied in der inhaltlichen Planungsgruppe für diesen Kongress für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Beratung. Nach jedem Kongress trifft sich die Planungsgruppe, um den alten Kongress auszuwerten und sich erste Gedanken zu machen, unter welchem Schwerpunkt denn der neue Kongress stehen soll. Wir fragen uns: „Waren die Struktur, der Aufbau und natürlich die Inhalte gut gewählt? Was waren die Stärken, die Schwächen des letzten Kongresses? Wo gilt es nachzusteuern? Welche Themen blieben offen? Was wird die Welt in zwei Jahren bewegen? Gibt es Trends in der Klinischen Psychologie, die wir stärker darstellen sollten? Welche Entwicklungen gibt es in der psychotherapeutischen Forschung? Wie kann es gelingen, die Hochschulen – die dort Forschenden und die dort Lehrenden – zum Kongress zu bekommen? Welche gesundheitspolitischen Entwicklungen sind vorstellbar? Welche gesellschaftspolitischen Entwicklungen beeinflussen das gesellschaftliche Klima und die Lebenssituation der Menschen? Macht es Sinn, den Schwerpunkt auf die Behandlung – früher haben wir noch vom Reparaturbetrieb für die kapitalistisch beherrschte Gesellschaft gesprochen – also: macht es Sinn, den Schwerpunkt auf die Behandlung von psychischen Störungen, Krankheiten oder Auffälligkeiten zu legen – oder müssen wir nicht trotz aller Wünsche unserer Kundinnen und Kunden – und dass sind Sie als Teilnehmende an diesem Kongress – nach neuen Behandlungsformen, auch die präventive und gesundheitsförderliche, sowie die gemeinwesenorientierte Arbeit in den Blick nehmen?“

Diese Fragen und noch viele mehr stellt sich die inhaltliche Planungsgruppe nach einem Kongress, wenn sie sich daran macht, den neuen Kongress vorzubereiten. So war es im Frühjahr 2008 und so wird es sicherlich auch in diesem Frühjahr 2010 sein, wenn dieser Kongress Vergangenheit geworden sein wird.

Im Jahr 2008 konnten wir auf einen sehr gut besuchten Kongress zurückschauen. „Vernetzt(e) Psychotherapie!“ – einmal als Imperativ und Aufforderung und einmal als Feststellung – war das Kongressthema – und es ist, das war unsere Meinung als Planungsgruppe – auch gelungen, durch die einführenden Veranstaltungen am Morgen eines jeden Kongresstages eine Vernetzung zwischen den Themen auf dem Kongress herzustellen. Doch es gab auch Klagen über die zu knappe Zeit in den Symposien; die zentrale Vorlesung am Vormittag nahm die Zeit für die inhaltlichen Debatten in den einzelnen Symposien – und die Mittagspause war als Gelegenheit für einen Gedankenaustausch für viele Kongressteilnehmerinnen und –teilnehmer zu kurz. So zumindest die Rückmeldungen, die wir von Ihnen bzw. den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des letzten Kongresses bekommen haben.

So haben wir für diesen Kongress eine neue Gestalt entwickelt; wir wollten statt der zentralen Vorlesungen am  Vormittag in den Abend ausweichen – und wir wollten mit unseren Themen die Universität verlassen und in die städtische Öffentlichkeit gehen. Die Idee der City Night Lecture (CNL) war geboren. In einem anderen Raum und damit in einem anderen Rahmen wollten wir das Rahmenthema „BeziehungsWeise Psychotherapie“ aufgreifen und – da die Veranstaltung in der Stadt stattfinden sollte – wollten wir auch Menschen ansprechen, die Interesse an den Fragen der Klinischen Psychologie, Psychotherapie und Beratung haben.

Dieser Kongress wird eine erste City Night Lecture am Sonntagabend in der Piazza Rossa haben. Ich freue mich – und bin auch als Mitglied der inhaltlichen Planungsgruppe ein wenig stolz darauf – dass es uns gelungen ist, Niels Birbaumer als Referent für dieses Experiment gewinnen zu können. Auf Ihre Reaktionen bin ich natürlich auch gespannt, denn im Frühsommer, wenn wir uns als Planungsgruppe wieder treffen, werden wir die Frage beantworten müssen, ob sich dieser – nicht zuletzt auch logistische und damit finanzielle Aufwand gelohnt hat. Bitte sparen Sie nicht mit Ihren kritisch konstruktiven Rückmeldungen.

Eine zweite wichtige Frage, die von der Planungsgruppe stets beim ersten,  spätestens aber beim zweiten Treffen beantwortet werden muss, ist die Frage nach dem Rahmenthema des Kongresses. Einige von Ihnen – vermutlich die langjährigen DGVT-Mitglieder, die für sich den Kongress als Treffpunkt und Informationsbörse nutzen – werden sich fragen, was das Rahmenthema des Kongresses für eine Rolle spielt. Ich weiß, dass dieser Kongress einen aktuellen Überblick über die Diskurse und Debatten in der Klinischen Psychologie, Psychotherapie und Beratung bietet. Es ist – für uns als Planungsgruppe und für die DGVT – gut, dass es diese treuen Kongressteilnehmerinnen und –teilnehmer gibt. Doch sie sind, dies ist unsere Wahrnehmung – eher die Minderheit von Ihnen.

Das Kongressthema spielt für viele von Ihnen eine wichtige Rolle, wenn Sie sich im Herbst oder Winter entscheiden, ob sie diesen Kongress besuchen. Kongresse, die den Begriff „Psychotherapie“ positiv im Titel tragen, sind besser besucht als Kongresse, die ein eher gemeindepsychologisches Thema tragen – oder die die Psychotherapie scheinbar in Frage stellen – wie dies beispielsweise der Kongresstitel „Gentherapie statt Psychotherapie? – Ein Abschied vom Sozialen?“ getan hat. Dieser Kongress, den ich persönlich sehr spannend fand, denn für mich war die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Humangenetikern sehr wichtig. Überrascht war ich damals, dass sie ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse deutlich kritischer formulierten als ich dies bis dahin in der öffentlichen Debatte gehört hatte. Dennoch – dieser Kongress war deutlich schlechter besucht als die nachfolgenden Kongresse, die den Begriff „Psychotherapie“ mit einer positiven Konnotation im Titel trugen. Den letzten Kongress besuchten rund 1000 Personen und auch für diesen Kongress haben sich gut 1000 Menschen angemeldet.
Wir haben in der inhaltlichen Planungsgruppe die hier kurz skizzierten Beobachtungen und Überlegungen intensiv diskutiert. Was steckt hinter diesem Verhalten der Kongressteilnehmerinnen und –teilnehmer?

Aus der Anmeldestatistik wissen wir, dass die überwiegende Mehrheit von Ihnen klinisch-psychologisch und/oder psychotherapeutisch tätig ist. Die Tätigkeitsfelder, in denen Sie arbeiten, können wir mehr erahnen; denn diese werden bei der Anmeldung nicht angegeben; doch die deutliche Nachfrage nach Kinder- und Jugendthemen stützt die Vermutung, dass ein großer Teil – vielleicht ein Drittel – von Ihnen im großen Feld der Kinder- und Jugendhilfe sowie der Kinder- und Jugendpsychiatrie arbeiten. Auch Symposien mit psychiatrischen Themen sind immer wieder gut besucht. Eine große Minderheit – vielleicht 15 – 20 Prozent – befinden sich  in psychotherapeutischer Ausbildung und Ihre Wünsche nach konkreter
Handlungsanleitung und –erfahrung sollen die Workshops erfüllen. Dabei werden diese natürlich auch von Praktikerinnen und Praktikern besucht.

Somit ist es ein legitimes Begehren, dass die Psychotherapie im Rahmentitel auftaucht, denn die Psychotherapie prägt den beruflichen Alltag der meisten von Ihnen. Und diese Erkenntnis führt uns direkt zum diesjährigen Rahmenthema: „… BeziehungsWeise Psychotherapie“ greift dieses Anliegen vieler von Ihnen auf und bringt es nach meinem Verständnis auf den Punkt: „… BeziehungsWeise Psychotherapie“ macht deutlich, dass Psychotherapie eine Option und eine Alternative in der Alltagsarbeit sein kann. Noch immer ist Psychotherapie kein selbstverständliches Angebot im psychiatrischen Alltag. Trotz des psychiatrischen Jahres in der dreijährigen Ausbildung gibt es nach meiner Wahrnehmung noch immer psychiatrische Kliniken und – vereinzelt auch – psychiatrische Hauptfachabteilungen, in denen die Psychotherapie keine gleichberechtigte Rolle spielt.
„ … BeziehungsWeise Psychotherapie“ kann bei einer Fallbesprechung die Antwort auf die Frage sein, wie denn dem psychischen Leiden eines konkreten Menschen begegnet werden kann.

Mit dem Titel „… BeziehungsWeise Psychotherapie“ greift der Kongress diese und viele weitere Aspekte auf, wie Psychotherapie in Beziehung gesetzt werden kann. Ich will diese nicht im Einzelnen erläutern, denn diese Beziehungen zu den Nachbardisziplinen und zu anderen Interventionsformen wurden im Detail als Einführung im Kongressführer dargestellt. „… BeziehungsWeise Psychotherapie“ sieht in der Psychotherapie nicht die alleinseligmachende Intervention sondern sie wird in Beziehung zu anderen Möglichkeiten gesetzt. Sein eigenes Handeln, sein eigenes Angebot immer wieder auch kritisch zu hinterfragen und zu prüfen, ob die gewählte Maßnahme jetzt die geeignete Intervention ist, ist im Alltag sicherlich anstrengend, doch ich denke, dieses selbstkritische und selbstreflexive Handeln zeichnet eine gute psychotherapeutische Praxis aus.

„… Beziehungsweise Psychotherapie“ lässt auch Raum für Alternativen; nicht immer ist Psychotherapie das Mittel der Wahl. Es ist eine Möglichkeit, die andere Handlungsoptionen nicht ausgrenzt sondern einschließt. Psychotherapie kann vieles, aber natürlich nicht alles. Sie kann kuratives Handeln begründen, sie kann auch Basis für präventives Arbeiten sein. Und die psychotherapeutischen Konzepte können auch helfen, sozial- und gemeindepsychologische Perspektiven zu fördern. Gerade in der augenblicklichen Debatte um die Würde der Menschen, die in Armut leben und auf sogenannte Transferleistungen angewiesen sind, um ein menschenwürdiges Leben leben zu können, wird auch diese psychologische Perspektive gebraucht. Wenn Menschen sich zurückziehen, sich einigeln und vorhandene Angebote in Bildung und Ausbildung nicht für sich nutzen, um ihre Zukunft besser zu gestalten, dann muss ich mir doch die Frage stellen, woran es liegt, dass sich diese Menschen aufgegeben haben und sich in ihrem Hartz IV – Leben einrichten. Was hindert diese Menschen daran, diese Chancen, die die Gesellschaft ihnen angeblich oder tatsächlich bietet, für sich zu nutzen. Sie verwirklichen ihre Chancen nicht, vielleicht weil sie erfahren/gelernt haben, dass ihre Handlungen keine Wirkung zeigen. Es ist auch eine Aufgabe klinisch-psychologischer Forschung, die Gründe für dieses resignative Verhalten zu ergründen. Es gibt mittlerweile einige gute hirnphysiologische und neuropsychologische Modelle, die die Entstehung dieses resignativen Verhaltens nachzeichnen und begreifbar machen können. Es wird unsere Aufgabe sein, aus diesen Überlegungen praktische Konsequenzen zu ziehen, wie Menschen befähigt werden können, ihr Leben zu gestalten. Ich persönlich wünschte mir, dass die DGVT in diesen oftmals polemischen Debatten stärker und eindeutiger Position beziehen und die Forschungsergebnisse zur Thematik in diese Debatte einbringen würde. Die DGVT hat die Ergebnisse der Forschungen zu den psychischen Auswirkungen von Arbeitslosigkeit, Armut und Stigmatisierung in den 90iger Jahren des letzten Jahrhunderts klar formuliert. In den letzten Jahren sind hier – nach meiner Wahrnehmung – die Stellungnahmen zu diesen auch klinisch-psychologischen Themen – eher seltener geworden; doch diese Fragen betreffen auch Menschen, wie zum Beispiel eine Psychologische Psychotherapeutin, die in einer Einzelpraxis täglich um ihr Einkommen ringt. Die Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin oder zum Psychologischen Psychotherapeuten erinnert mich doch sehr stark an die negativen – auch psychologischen Auswirkungen des Phänomens, das mit dem Begriff „Generation Praktikum“ anschaulich beschrieben wird. Prekäre Lebensverhältnisse prägen den Alltag von Studierenden, Auszubildenden und von Menschen, die – aus welchen Gründen auch immer – nicht Vollzeit berufstätig sein können. Ich persönlich glaube, dass hier auch ein wichtiger Grund für die leidenschaftlich geführten berufspolitischen Diskussionen liegt, die ich eher aus der Ferne mit Interesse beobachte.

Wenn der Kongress mithilft, dass die Perspektiven wieder stärker in den Blick geraten, dann hat er sicherlich ein wichtiges Ziel erreicht.

Eine dritte Frage, die die inhaltliche Planungsgruppe stets aufs neue und sehr intensiv beschäftigt, ist die Frage nach der Gestaltung der Einführung in den Kongress. In den 80iger Jahren hatte die Frauen-AG den Beschluss in der Mitgliederversammlung der DGVT eingebracht, dass in den nächsten Jahren die Eröffnungsveranstaltung von Frauen als Sprecherinnen geprägt werden solle. Diese Forderung nach einer Eröffnungsrednerin prägt auch immer wieder die Diskussion der inhaltlichen Planungsgruppe, wenn Namen für diese Veranstaltung genannt werden. Die Eröffnungsveranstaltung des letzten Kongresses stand unter dem Thema „Verbundenheit – Identität im Kontext vernetzter Technologien“. Christina Schachtner, Professorin an der Universität Klagenfurt, beschrieb – wie sich die eine oder der andere möglicherweise erinnert – wie die Identitätsbildung und –entwicklung insbesondere von jungen Menschen durch die virtuelle Welt geprägt wird. Mit Christina Schachtner hatte die inhaltliche Planungsgruppe  auch eine Referentin für den einführenden Vortrag gewinnen können.
Das war für das diesjährige Thema nicht ganz so einfach: Es gab einige Menschen, von denen wir glaubten, dass sie diesen Kongress eröffnen könnten – und nach einer langen Diskussion entschieden wir uns im Sommer letzten Jahres, Jeffrey Young,  Entwickler der Schematherapie, für diese Aufgabe anzufragen.
Was bewog uns zu dieser Entscheidung? Nun, Jeffrey Young hat die Kognitive Verhaltenstherapie theoretisch und praktisch erweitert um Erkenntnisse und Techniken der psychodynamischen, bindungstheoretischen und gestalttherapeutischen Konzepte. Damit ist sie zu einem psychotherapeutischen Verfahren geworden, das bewältigungs- und klärungsorientierte Elemente miteinander verbindet und gleichzeitig die therapeutische Beziehung als zentralen Baustein des therapeutischen Prozesses auffasst. Diesen Aspekt fanden wir als inhaltliche Planungsgruppe  besonders wichtig, denn damit greift sie das Thema des Kongresses „…Beziehungsweise Psychotherapie“ in besonderer Weise auf; die Beziehung ist ein zentrales Element der Schematherapie – und natürlich wäre es eine Ehre für uns, wenn Jeffrey Young diese Grundgedanken seiner Arbeit zur Eröffnung des „Beziehungskongresses“ darstellen und formulieren würde.
Ich freue mich sehr, dass Jeffrey Young auf die Anfrage hin, ob er nach Berlin kommen könne , spontan „ja“ gesagt hat – und uns dann auch noch zwei Workshops zur Vertiefung anbot, die jetzt morgen und am Sonntag während des Kongresses stattfinden werden. Wer Interesse hat: Im Workshop für die Borderline-Störungen sind noch einige Plätze frei. Sie können sich morgen Vormittag gerne noch dazu anmelden.

Doch jetzt Schluss mit Reden, jetzt ist Zeit für Jeffrey Young, er ist – wie Sie vermutlich längst alle wissen – ein Schüler von Aaron T. Beck, mit dessen Namen die sogenannte „kognitive Wende“ der Verhaltenstherapie verbunden ist. Jeffrey Young hat diese Überlegungen weiterentwickelt, wie – das wird er Ihnen jetzt selbst darstellen. Er ist Gründer und Leiter des „Cognitive Therapy Center“ in New York und Connecticut und des „Schema Therapy Institute“ in New York City.


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